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Rabenvati ist doch der Beste
Süddeutsche Zeitung - Magazin - No. 23 -
10.6.1994
Von Christine Brinck
Männer sollen Kinder zeugen und dann abhauen. Was zuerst nur Feministinnen und frustrierte Mütter forderten, plappern nun immer mehr Frauen nach. Schließlich sind Väter ohnehin nie da, wollen nicht wickeln und können nicht mal stillen. Christine Brinck ist Erziehungswissenschaftlerin und freie Journalistin. Sie lebt mit zwei Kindern und dem dazugehörigen Vater in München. Sie weiß: dieser Mann ist unersetzlich.
Feministinnen und desillusionierte Mütter finden sie entbehrlich, Kinder brauchen, vergöttern und lieben sie: die Väter. wenn der Vater meiner Kinder abends an der Haustür klingelt, wird er empfangen wie ein Spätheimkehrer aus Sibirien. - ganz gleich, ob er müde abwinkt oder gleich zum Telefon rennt.
Sie kümmern sich auch nicht darum, daß er sie weder gewickelt noch gestillt, weder ihre Haare gewaschen noch ihre Blusen gebügelt hat. Rein rechnerisch widmet er ihnen nur einen Bruchteil der Zeit, die eine Mutter selbstverständlich für sie bereitstellt. Egal: Sie hängen an ihm, er ist derjenige, der alles weiß und alles kann, zur Not den Mond und die Sterne herunterholen und auch noch das Rücklicht am Fahrrad repariert.
Die Feministinnen und die Frauen, die gewollt ihr Kind allein aufziehen, schließen von der berufsbedingten Abstinenz des Vaters auf dessen Nutzlosigkeit. Doch hat Vaterschaft nichts mit der Zahl der Stunden zu tun, die der Erzeuger mit seinem Nachwuchs verbringt; der "Gebrauchswert" des Vaters ist nicht umlegbar in Anteile an Aufzucht oder Abwasch. Kinder sehnen sich ganz "irrational nach Vätern, mit der unverbrauchten Kraft ihrer Kinderherzen". Es ist ein schreckliches Mißverständnis unserer Zeit, den Vater zum entbehrlichen Gegenstand im Kinderzimmer zu erklären, nur "weil er ich nicht genügend an der Erziehung beteiligt."
Die Erziehung durch die Väter läuft meist indirekt und oft nach deren Lust und Laune (Mutter ist dagegen immer da). Das ist zwar nicht ideal, aber Kinder suchen nicht den idealen Vater, sondern überhaupt einen. Selbst ein defizitärer, fehlerbeladener Vater ist ihnen lieber als gar keiner. Mit Inbrunst und ganz gegen den erwachsenen Verstand halten Väter, die für die Umwelt ausgemachte Mistkerle sind, die - untreu und unzuverlässig - ihre Familie bisweilen zur Gastveranstaltung degradieren. Kinder, die aufgrund der einsamen Entschlüsse ihrer Mütter immer nur einen "Erzeuger" hatten, reden mit Freunden als erstes über ihre Väter, die sie häufig genug nicht einmal so anreden dürfen. Und aus den Untersuchungen mit geschändeten Kindern weiß man, daß selbst Opfer ihre Väter nicht verlieren wollen: Selbst der "böse" Vater soll nicht ins Gefängnis. Kinder brauchen Väter mit viel Zeit - am besten solche, die mit ihnen Blödsinn machen, Supermario spielen oder zur Schlafenszeit noch mit ihnen zum Chinesen gehen. Doch zur Not tut es auch nur die halbe Stunde nach dem Abendessen oder gar das Wochenende. Allein darum sind Zwei-Eltern-Familien besser; das ist zwar gegen den Zeitgeist, aber eine wissenschaftlich belegbare Tatsache. Langzeitstudien vor allem aus Amerika nagen kräftig an dem Glaubenssatz, daß die Scheidung besser sei als eine schlechte Ehe, daß die gewollte Einelternschaft keine Risiken für das Kind schaffe.
Der National Health Interview Survery of Child Health 1988 fand zum Beispiel heraus, daß "Kinder aus Ein-Eltern- und Stiefeltern-Familien ein zwei- bis dreimal höheres Risiko laufen, emotionale und Verhaltensprobleme zu entwickeln als Kinder, die mit ihren biologischen Eltern zusammenleben". Nicht bestätigt wird von der Wirklichkeit die Selbsttröstung, wonach Kinder das Allein-Dasein mit der unverheirateten Mutter nichts anhaben könne, daß sie sich von einer Scheidung so schnell und leicht erholten wie nach einer schweren Grippe.
Seit mehr als zwanzig Jahren läuft die Studie "California children of divorce" (Kalifornische Scheidungskinder), die Judith Wallerstein mit Kindern der Mittelschicht in San Francisco durchführt. Sie zeigt wider Annahme und Erwartung, daß gravierende Schwierigkeiten oft bis weit ins Erwachsenenalter anhalten. Nach fünf Jahren erlebt ein Drittel der Kinder mittlere bis schwere Depressionen.
Nach zehn Jahren, so vermerkt die Studie, litt eine signifikante Zahl der nunmehr jungen Männer und Frauen an Verstörung, Antriebsschwäche und Leistungsdefiziten. Auch nach fünfzehn Jahren zeigten sich Langzeitschäden: viele Scheidungskinder litten an der Unfähigkeit, dauerhafte Beziehungen aufzubauen oder zu erhalten.
Doch störte die Vaterlosigkeit nicht nur die Psyche, sondern auch das materielle Wohlbefinden. Die Studie "Single Mothers And Their Children" (Unverheiratete Mütter und ihre Kinder) von Sarah McLanahan aus dem Jahre 1986 belegt, daß die Einelternfamilie - sprich: die vaterlose - bei weitem schlechter dasteht als die Familie mit beiden Eltern.
Es mag sein, daß manche Frau jenseits des Finanziellen besser ohne Mann zurechtkommt. Doch für Kinder, konservativ wie sie sind, trifft das Gegenteil zu. Kinder fühlen sich ohne Väter unvollständig, amputiert. Ohne Väter ist nicht nur die wirtschaftliche Basis gefährdet, sondern auch das erzieherische und psychische Gleichgewicht in der Familie. Zwei Eltern können verschiedene, sogar einander widersprechende Rollen spielen. Der Vater kann das Kind zu Superleistungen antreiben, die Mutter die Tagträumerei fördern. Fehlt der Vater, fehlt das Widerlager. Dreht die Mutter einmal frustriert durch, kann der Vater ausgleichend eingreifen - und umgekehrt: hebt der Vater in der Wut die Hand, kann die Mutter sich dazwischenwerfen ... Kinder ohne Väter sind um den Ausgleich gebracht, erleben nicht den Schutz, den der Vater durch sein bloßes Da-Sein gewährt. Die Schutzlosigkeit des vaterlosen Kindes ist so alt wie unsere Kultur und wird von Homer in der Ilias besungen. Gerade Witwe geworden, beklagt Hektors Weib das vaterlose Kind: "Ach, der Tag der Verwaisung beraubt ein Kind der Gespielen. Darbend geht das Kind umher zu den Freunden des Vaters ... oft auch stößt es vom Schmaus ein Kind noch blühender Eltern, das mit Fäusten es schlägt, mit kränkenden Worten es anfährt ... weinend geht von dannen das Kind zur verwitweten Mutter." Darben, weinen, gekränkt sein, in Notgemeinschaft mit der Mutter lebend - Scheidungswaisen, wie die Kinder gewollt vaterloser Familien kennen die Schmach und den Schmerz. Bei der Verwaisung fallen sie häufiger als andere Kinder in Armut, müssen umziehen, wegziehen, ihren gewohnten Lebenszusammenhang aufgeben.
Hinzu kommt: jedes vierte dieser Kinder kennt seinen Vater nicht; etwa jedes zweite weiß zwar, wer der Vater ist, hat aber keinen Kontakt mehr zu ihm. Das ist nicht immer die Schuld der Väter. Oft stehen Mütter, die immer noch fast automatisch das Sorgerecht erhalten, hinter der Kontaktsperre. Der Film "Mrs. Doubtfire" spricht vermutlich mehr wegrationalisierten aus der Seele als irgendeine dürre Statistik ahnen läßt. Robin Williams spielt darin einen Vater, der chaotisch, arbeitslos und "pädagogisch inkorrekt" ist und der dennoch von seinen Kindern heiß geliebt wird. Er verkörpert einen Erzeuger, der seine Kinder braucht wie die Luft zum Atmen [Schmalz], doch mit der Sehnsucht nach seiner Brut (zunächst) an Frau und Justiz scheitert. Da "Mrs. Doubtfire" nur ein Filmmärchen ist, endet die Geschichte mit einer einsichtigen, Kindes- und Vaterwohl erkennenden Mutter. Sie will den Mann zwar nicht zurückhaben, erlaubt aber Vater und Kindern schließlich den gemeinsamen Alltag, den sie selbst ohnehin ihrer Karriere widmet. In einer einigermaßen intakten Familie, so die amerikanische Forscherin Wallerstein, tendiert das Kind erst zum einen Elternteil, dann zum anderen. In der Teilfamilie fällt es Kindern schwerer, den jeweils benötigten Elternteil in der entsprechenden Phase zu finden, besonders wenn die Väter aus dem Leben der Kinder ausscheiden. Und selbst wenn die geschiedenen Väter regelmäßig Kontakt wahren, werden sie mehr zu "Onkeln" mit dem Geschenk unter dem Arm oder der Kinokarte in der Hand. Statt mit Rat und Tat Hilfe bei Hausaufgaben und Abenteuern zu leisten, werden die Besuchsväter zu "Elternteilen ohne Auftrag".
Das vaterlose Kind ist ein benachteiligtes Kind. In der gewollten Mutter-Kind-Familie entsteht das Vater-Kind-Band nicht; in der gescheiterten Ehe wird die lebenswichtige Bindung oft irreparabel gestört. Es fehlen nicht bloß die Versorgung, sondern vor allem das Vorbild (neudeutsch: "Rollenmodell"). Die vaterlose Gesellschaft in den amerikanischen Schwarzengetthos ist nachgerade eine Garantie für spätere Bindungslosigkeit und Armut, Drogensucht und Kriminalität.
"Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad" war ein beliebter Spruch der amerikanischen Altfeministin Gloria Steinem. Natürlich brauchen Fische kein Fahrrad: Indes haben Frauen und Männer zuweilen Kinder, und das macht sie zu Vätern und Müttern. Und ein Kind ohne Vater ist eher wie ein Fisch ohne Flossen. Noch Zweifel? Fragen Sie die Kinder, ob sie lieber mit oder ohne Vater leben wollen.
Anmerkung paPPa.com: Siehe von Christine Brinck auch: "Wo ist Vati?", Focus 1/95