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NÜRNBERGER NACHRICHTEN 1.7.98
Familienberatungsstelle bietet eine neue Selbsthilfegruppe für
Neun- bis Elfjährige an
Scheidungskinder geben sich Trost
Viele Eltern können mit ihrer Trennung
nicht angemessen umgehen – Tips für Leidensgenossen
Die Expertenrunde sitzt bei Limo und Brezen und hört sich den nächsten Fall an: Laura ist traurig und wütend zugleich, weil sich ihr Papa nur selten meldet und Verabredungen mit ihr nicht einhält. Was könnte sie tun? Die Runde überlegt und ist sich schnell einig: „Ein Gespräch mit ihm bringt nichts, der regt sich bloß auf. Der will wahrscheinlich gar nicht mit dir reden. Vielleicht ist es besser, wenn du ihn gar nicht mehr triffst. Dann ärgerst du dich wenigstens nicht mehr.“
Die Fachleute, die hier in der Familienberatungsstelle in Johannis versammelt sitzen, sind zwischen neun und elf Jahre alt. Die Buben und Mädchen wissen ganz genau, wovon sie sprechen oder was sie den anderen raten, denn alle verbindet ein Schicksal: Sie sind Scheidungskinder.
An genau diese Zielgruppe wendet sich ein neues Angebot der Familienberatungsstelle der Stadt Nürnberg. Für die Erwachsenen gibt es Selbsthilfegruppen, Einzelberatungen oder Mediationsangebote. Aber trotz aller Hilfe schaffen es viele Mütter und Väter nicht, mit dem Thema Trennung angemessen umzugehen. Die Leidtragenden in diesem Dilemma sind die Kinder. „Wir haben uns überlegt, daß sich auch die Söhne und Töchter gerne einmal ihren Kummer von der Seele reden wollen, und zwar unter sich“, berichtet der Psychologe Andreas von Delius von der Beratungsstelle.
Wenn die Buben und Mädchen mit ihren Leidensgenossen sprechen und hören, daß es in anderen Familien genauso zugeht wie bei ihnen zuhause, dann gibt das Trost. Mehr Trost, als wohl ein erwachsener Zuhörer spenden könnte. Die Kinder bleiben in der Selbsthilfegruppe aber nicht auf sich gestellt. Andreas von Delius und seine Kollegin Rosemarie Dornaus begleiten die Gruppe gemeinsam als Paar und geben bei jedem der insgesamt zehn Treffen auch ein Thema vor. Die Kinder entscheiden dann, ob sie darüber reden möchten, ob sie dazu malen oder sich lieber in einem Rollenspiel ausdrücken wollen. Zum Schluß wird gemeinsam gespielt – keiner soll traurig oder bedrückt nach Hause gehen.
Schreckensliste für Kinder
Die Schreckensliste einer Scheidung für die Kinder – so ließe sich der Themenbogen umschreiben, mit dem sich die Gruppe befaßt: Die ersten Anzeichen einer Trennung, der ständige Zank, Vater oder Mutter ziehen aus, Streitereien um Geld und Sorgerecht, Probleme mit den neuen Partnern der Eltern oder auch die Schuldfrage. Nicht selten sehen sich die Kinder als Grund für die Trennung ihrer Eltern: „Die mußten immer soviel darüber streiten, wie sich mich erziehen sollen“, meint ein Junge.
Die beiden professionellen Betreuer der Gruppe sind erstaunt, wie realistisch die Buben und Mädchen andererseits die Situation oder die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Eltern sehen. „Die Kinder erkennen oft viel klarer als ihre Eltern, welche Ziele für die Familie illusionär sind oder nicht“, meint von Delius. Überhaupt Familie: Einige Kinder empfinden es als Makel, daß sie nun keine „richtige“ Familie mehr sind. Umso mehr beeindruckt sie die Definition im Lexikon: Ohne Kinder gibt es keine Familie, sie sind der ausschlaggebende Bestandteil. Auch wenn Papa oder Mama gehen – die Kinder und der verbleibende Elternteil bleiben eine Familie.
Als kleine „Scheidungsexperten“ entwickeln sie zum Ende der Treffen noch Tips, wie man sich als Kind bei einer Trennung am besten verhält: In jedem Fall raushalten. Mach' die Türe zu und halt' dir die Ohren zu, wenn sie wieder streiten. Bloß nicht Partei ergreifen. Such' dir jemand, der dich tröstet. Wein' dich mal ordentlich aus, vielleicht bei deinem Haustier.
Clever wie Kinder sind, gestehen sie sich auch die möglichen Vorteile einer Trennung ein: Jetzt fahren sie zweimal in Urlaub, erst mit Mama, dann mit Papa. Der Vater erlaubt, daß der Sohn öfter Sport im Fernsehen guckt und Mutter genehmigt endlich die ersehnte Katze als Hausgenossen.
Nach zwei „Probeläufen“ wird im September nun zum dritten Mal eine Selbsthilfegruppe für Neun- bis Elfjährige (bei Bedarf auch für ältere Kinder) in der Beratungsstelle in der Johannisstraße 58 starten. Bis zu den Weihnachtsferien soll die Gruppe an zehn Nachmittagen jeweils eineinhalb Stunden tagen. Eltern, die sich für dieses kostenlose Angebot interessieren, können sich ab sofort unter den Rufnummern 231 38 86 oder 231 38 87 an die Beratungsstelle wenden und ein Vorgespräch gemeinsam mit dem Kind vereinbaren. KARIN WINKLER
Anmerkung paPPa.com: Gruppen dieser Art gibt es inzwischen in einigen deutschen Städten. Informationen über diese Angebote sollten das Jugendamt oder lokale Kinderorganisationen kennen.
Hamburger Abendblatt 1.7.98
"Verlassene Eltern" helfen sich selbst
Sie nennen sich "Verlassene Eltern". Die Selbsthilfegruppe, die Heike Krause* (Bericht links) gegründet hat, trifft sich einmal im Monat. Verlassen fühlen sie sich nicht nur von ihren Kindern, sondern auch von den Jugendhilfe-Einrichtungen und der Jugendpolitik.
Zum Beispiel Dörte Schulze*, selbst Sozialpädagogin: "Mein 15jähriger Sohn ist körperlich, seelisch und geistig völlig verwahrlost. Er lebt auf der Straße. Vor einem Monat ist er aus der betreuten Jugendwohngemeinschaft geflogen. Er hatte da einfach zu viele Freiheiten. Er war viel zu jung für die Einrichtung. Laut Urintest hat er alles schon mal genommen. Vor allem konsumiert er Hasch und Alkohol. Das Manko ist, und das haben selbst die Erzieher gesagt: Er müßte eigentlich zu seinem eigenen Schutz in ein geschlossenes Heim, wo er nicht ausweichen und nicht weglaufen kann, wo er diese kritischen Jahre verbringt. Nur das gibt´s nicht mehr in Hamburg."
Gertrud Müller*: "Meine 18jährige Tochter Petra ist seit Januar verschwunden. Seit zwei Jahren lebt sie auf der Straße, treibt sich in der Drogenszene herum und lebt von der Prostitution. Sie hat schon viele Jugendhilfe-Einrichtungen hinter sich. Die Sozialarbeiterin vom Jugendamt hat gesagt: +Für Petra ist der Zug abgefahren.`"
Christiane Meier*: "Meine jetzt 20jährige Tochter kam mit 14 in ihre erste Jugendwohnung. Der Tenor da ist: Erst mal an der langen Leine lassen. Die Betreuer sind einfach zu weich. Sie bräuchte einen festen Rahmen."
Wer
an der Selbsthilfegruppe "Verlassene Eltern" teilnehmen möchte,
kann sich an die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen KISS wenden
(Altona: 39 57 67, Barmbek: 6 31 11 10, Wandsbek:
6 45 30 53).
(*Namen geändert) (bri)