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Berichterstattung und Protest von paPPa.com an den zuständigen Familienrichter
BZ am Sonntag, 26.10.1997, Seite 1
Scheidungs-Drama - Berlin
5jähriger wollte sich umbringen
Das Leid eines kleinen Jungen aus Reinickendorf -
Nach seinem Selbstmordversuch liegt er im Krankenhaus - Seine Eltern sind
verzeifelt ... und streiten sich um das Sorgerecht
Von FRANK MAWALD
Berlin - Jede zehnte Ehe in unserer Stadt scheitert. [Anmerkung paPPa.com: Hier irrt der Autor, es scheitert jede 2. Ehe.] In jeder zweiten gibt es Kinder. Sie sind die wirklichen Scheidungsopfer: 6.497 Kinder wurden allein im letzten Jahr zu "Scheidungs-Halbwaisen." Eine Situation, auf die die Kids oft mit Angst, Trauer und Hilflosigkeit reagieren. Die oft schwere psychische Schäden hinterläßt. Und manchmal gar mit einem Drama endet.
Wie im Fall des fünfjährigen Markus* aus Reinickendorf. Er wollte sterben, weil sich seine Eltern nach sechs Jahren Ehe plötzlich trennen wollten.
Der blonde, aufgeweckte Junge war in Geborgenheit aufgewachsen. Vater Automechaniker (35), Mutter Hauswartsfrau (31). Vor gut einem Jahr bekam Markus noch einen kleinen Bruder. Nichts deutete darauf hin, daß das Familienglück in der Reinickendorfer Zwei-Zimmer-Wohnung am Zerbrechen war.
Bis zum letzten Urlaub. Da eröffnete die Mutter dem Vater: Ich liebe Dich nicht mehr, will die Scheidung. Der Vater lehnte sie ab. Folge: Immer häufiger stritten sich die Eltern. Markus konnte das alles nicht verstehen.
Es geschah am Morgen des 16. Oktober. Der verzweifelte Junge steigt in seinem Kinderzimmer auf einen Stuhl, bindet sich die Kordel der Fenster-Jalousie um seinen Hals, springt.
Markus überlebt - der Strick hatte sich vom Hals gelöst. Der Vater bringt den Jungen, der Verletzungen und Schmerzen am Hals hat, zunächst in ein Krankenhaus. Von dort wird Markus auf ärztlichen Rat hin in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik gebracht.
Dort sind die Ärzte schockiert und ratlos. Einen solchen Fall hatte man zuvor noch nicht erlebt. Zur Stationsärztin sagte der Kleine im Beisein seines Vaters: "Ich wollte tot sein, weil ich nicht bei Papa schlafen durfte". Die Ärztin fragte ihn, ob er es wieder tun würde. Der Vater: "Da hat mein Sohn geantwortet "Ja, wenn ich nicht zu Papa darf". Und er fügte hinzu "Aber anders, das hat so weh getan"."
Die Mutter von Markus glaubt: "Es war kein Selbstmordversuch, sondern ein Hilfeschrei. Markus hat zu mir gesagt "Mami, ich wollte nicht sterben, sondern nur, daß ihr aufhört zu streiten."
Die langjährige Familien-Gerichtssachverständige und Psychologin Konstanze Fakih (51) zu dem Fall: "Der Junge hat eine sehr schöne Erziehung in einer intakten Familie genossen. Er setzt alles daran, das zu erhalten. Er wirft sein eigenes Leben hin, um den Zustand der Liebe zu retten."
Welche Hilfe gibt es, wenn die Ehe doch scheitert? Konstanze Fakih: "In Amerika gibt es gute Erfahrungen mit dem Sorgerecht für beide Elternteile. Das Kind lebt einige Wochen bei der Mutter, dann beim Vater und so weiter."
Ab Januar 1998 ist die amerikanische Lösung auch in Deutschland möglich. Dann tritt das neue Kindschaftsrecht in Kraft.
Vielleicht eine Lösung auch für diesen tragischen Fall. Denn die Eltern streiten weiter um das Sorgerecht.
Vorerst bleibt Markus nicht nur auf Anraten der Ärzte, sondern auch per gerichtlicher Verfügung in der Klinik. Beschluß des Amtsgerichts vom 17. Oktober: "Solange die Ursachen nicht geklärt sind und nicht eine gewisse Behandlung stattgefunden hat, ist es für das Kind am besten, wenn es vorerst in der Klinik bleibt."
*Name von der Redaktion geändert
Kölner Express, 26.10.1997
Markus (5): Ich bringe mich um
Die Psychologin: Sorgerecht teilen - Trennung der
Eltern nicht verkraftet
exp Berlin - Jede zehnte Ehe scheitert. In jeder zweiten kaputten Beziehung gibt es Kinder - sie sind die wirklichen Opfer (...)
BZ, 27.10.1997, Seite 6
Pro Jahr wollen 900 Berliner Kinder sterben
Wer trägt die Schuld?
Von Evelin Köhler und Frank Mawald
Berlin - "Mama, ich will nach Hause."
Der fünfjährige Markus (Name geändert) weinte gestern bitterlich am Telefon, als er mit seiner Mutter sprach. Er hatte sich umbringen wollen, weil seine Eltern in Trennung leben (BZ berichtete).
Der kleine Junge konnte die Streitereien einfach nicht mehr verkraften. Hatte sich die Kordel einer Jalousie um den Hals gelegt, war auf einem Stuhl in seinem Kinderzimmer gestiegen - und gesprungen. Gott sei Dank hatte der Kleine die Schnur nicht richtig um seinen Hals gelegt und überlebte.
Er kam in die geschlossene psychiatrische Kinderabteilung eines Uni-Krankenhauses.
Jetzt wird der Junge dort untersucht und behandelt. Die Ärzte wollen herausfinden, wie schwer seine Seele Schaden genommen hat. Ob er wieder vorhat, einen Selbstmordversuch zu machen.
Markus hat die Erlaubnis bekommen, Mutter oder Vater anzurufen. Sie dürfen sich bei ihm aber nicht melden. Das Kind soll zu sich kommen, aus der Konfliktsituation seiner Eltern herausgehalten werden.
Ein Fünfjähriger, der sich das Leben nehmen will. Wie ist das möglich? Kinder-Psychologe Reinhold Purmann vom Paritätischen Wohlfahrtsverband: "Ein ernsthafter Selbstmordversuch ist das eigentlich nicht. Aber ein ernsthafter Schrei nach Liebe. Denn in dem Alter können Kinder noch gar nicht, was Tod und Sterben bedeutet."
Selbstmordversuche im Vorschulalter sind fast unbekannt bei Fachleuten - gehäuft kommen sie erst in der Pubertät vor. Purmann: "Insgesamt wird die Zahl der Suizidversuche bei Kindern und Jugendlichen bis zum 16. Lebensjahr auf rund 900 pro Jahr geschätzt."
Die Hilfseinrichtung NEUhland beschäftigt sich mit Jugendsuizid. Ihre Erfahrung: Mädchen schlucken oft Tabletten, verschenken ihre Lieblingspuppen. Jungen sprinen vor die U-Bahn oder aus dem Fenster, erhängen sich.
Man schätzt, daß Dreiviertel aller Jugendlicher in der pubertäten Phase Selbstmordgedanken entwickeln. Fast allen mangelt es an Liebe, sie empfinden zu Hause Kälte statt Nestwärme, kommen mit Eltern, Lehrern und Geschistern nicht klar.
Nach Meinung der Psychologen gibt es klare Anzeichen, die auf die verzeielte Situation hindeuten. Experte Purmann: "Abschiedsbriefe, die offen liegengelassen werden. Aggressives Verhalten, plötzlicher Bruch mit Freunden. Aber auch Störungen tauchen wieder auf, wie Bettnässen und Eßprobleme. Das alles sind Alarmsignale."
Wenn Eltern in dieser Situation das Gespräch mit ihrem Kind suchen, Verständnis für die Probleme zeigen, kann meistens das Schlimmste verhindert werden.
Und wie geht es mit dem fünfjährigen Markus weiter? Seine Mutter: "Ich weiß es auch noch nicht, habe einen Termin beim Psychologen. Mein Sohn vermißt seinen kleinen Bruder und mich. Aber er liebt auch seinen Papa." Die Mutter weiter: "Mein Mann ist ausgezogen, und wir werden uns sicher nicht mehr als Ehepaar zusammenfinden. Auch wenn sich das mein Sohn so sehr wünscht."
Rohrreiniger getrunken * Vom Balkon gefallen * In ein Auto gelaufen
Keine Unfälle! Diese Kinder wollten sterben
Von Evelin Köhler
Dem kleinen Markus geht es etwas besser. Der Fünfjährige hatte versucht, sich mit einer Kordel umzubringen. Weil seine Eltern in Trennung leben (BZ berichtete).
Jetzt wird Markus (Name geändert) in der Kinderpsychiatrie behandelt. Spielt, malt, bekommt die liebevolle Zuwendung der Therapeuten. Die Psychologen sprechen nicht über seine Verzweiflungstag, auch nicht über die Sorgerechts-Streitereien seiner Eltern: Markus soll sich erst mal erholen und wieder zu sich kommen. Erst in zwei bis drei Wochen werden die Therapeuten sehr vorsichtig auf seinen Selbstmordversuch zu sprechen kommen.
Markus´ Hilfeschrei: Oft können Ärzte und Eltern nicht so leicht erkennen, daß Kinder sich das Leben nehmen wollen, denn die "Kleinen" tarnen den Suizidversuch als Unfall. Reinhold Purmann, Kinderpsychologe vom Paritätischen Wohlfahrtsverband: "Bis vor zehn Jahren haben wir das Problem gar nicht gesehen und dachten, daß Kinder unter zehn Jahren nicht suizidgefährdet seien."
Purmann schätzt: "Etwa fünf Prozent aller Unfallopfer bis zum zehnten Lebensjahr sind Selbstmordopfer. Kinder sind nicht in der Lage, mit Erwachsenen über ihre seelischen Probleme zu reden. Sie fressen die Verzeiflung in sich hinein, geben sich oft selbst die Schuld für Probleme in der Familie. Wollen sich dafür bestrafen uns inszenieren Unglücke." Der Psychologe nennt Beispiele:
Ein sechsjähriger Junge trank ätzendes Reinigungsmittel. Erst als Ärzte im Krankenhaus behutsam nachfragten, kam heraus, daß es kein Unfall, sondern ein Selbstmordversuch war. Der Junge wurde zu Hause dauernd geprügelt.
Ein achtjähriges Mädchen lief bei Rot direkt in ein Auto, überlebte den Unfall nicht. In ihrer Schultasche fanden die Eltern später einen Abschiedsbrief. Das Mädchen war auf das Baby in der Familie eifersüchtig, fühlte sich zurückgesetzt.
Ein elfjähriges Mädchen wuchs bei Pflegeeltern auf, wurde materiell verwöhnt, bekam jedoch zu wenig Zuwendung. In ihrer Einsamkeit zerkratzte das Kind mit einem Nagel die Möbel. Dann sprang es aus dem Fenster. Später lasen die Pflegeeltern ihr Gekritzel auf Schrank und Wänden. Da stand das Wort "Mama".
Chefarzt Dr. Anton Spilimbergo, der Kinder- und Jugendpsychiater der Fachklinik "Wiesengrund" in Frohnau (800 Kinder werden dort momentan behandelt): "Rund 20.000 Jungen und Mädchen in Berlin zwischen sechs und 14 Jahren sind selbstmordgefährdet. Alles Kinder, die bis zum ersten Lebensjahr nicht genügend Liebe und Zuwendung erhielten. Dieses Defizit läßt sich nur mit Hilfe von Fachleuten ausgleichen. Wenn das nicht passiert, sind diese Kinder ein Leben lang gestört."
Kommentar paPPa.com: Wir halten es für ein ungeheuer brutales Vorgehen, Markus von seinen Eltern zu trennen und sehen uns veranlaßt, dem zuständigen Richter Arnold folgende Brief zu schicken. Wir fordern unsere Leser auf, sich diesem Prostest - an Richter Arnold (Adresse siehe unten) und auch an die BZ, per eMail oder Fax 030-252 1334 - anzuschließen:
paPPa.com e.V. - eMail: webmaster@paPPa.com - htp://www.paPPa.com
Amtsgericht Pankow-Weißensee
- Familiengericht -
Herrn Richter Arnold
Kissingenstr. 5
13189 Berlin
per Telefax 030-478 04-140
Berlin, den 27.10.1997
Akenzeichen 11 F xxx/97
Vater ./. Mutter
- hier: Einweisung des gemeinsamen Sohnes Markus (5) in die Psychiatrie,
Beschluß vom 17.10.1997
Sehr geehrter Herr Arnold,
mit Bestürzung haben wir die Medienberichterstattung zum Selbstmordversuch des kleinen Markus aufgenommen. Wir wissen um die Ängste und Nöte von Kindern in Trennungsauseinandersetzungen aus vielen, zu vielen Fällen und können nicht nachvollziehen, wie - vorausgesetzt die bisher uns vorliegenden Berichte stimmen - man die Bedürfnisse des Kindes jetzt noch einmal - diesmal durch den Staat - vollkommen ignoriert. Konkret: Wie kommen Sie dazu, Markus nicht dahin gehen zu lassen, wo er hin will - nach Hause?
Markus hat bereits extrem unter den Auseinandersetzungen der Eltern gelitten und wird nun seit bereits 10 Tagen von Ihnen bestraft - er kann nicht zu seinen Eltern, obwohl er gerade jetzt die besondere Zuwendung beider Eltern mehr als nötig hätte. Markus hat überdeutlich gemacht, was er braucht. Er begeht eine Verzweiflungstat, um nicht einen Elternteil zu verlieren - und Sie nehmen ihm beide !?!
Wie können nur vermuten, welche irrigen Annahmen dahinterstehen:
Weder die Mutter noch der Vater haben das Kind vernachlässigt oder mißhandelt. Ernsthaft kann doch niemand glauben, daß bei Markus Wiederholungsgefahr besteht, wenn für ihn deutlich wird, daß man sich seiner Probleme annimmt und er nicht befürchten muß, daß er einen Elternteil oder seinen Bruder verlieren wird.
Wir fordern Sie dringend auf, Markus wieder in sein gewohntes Umfeld, in die Obhut und Fürsorge seiner Eltern zurückzuführen. Aus unserer Sicht ist bereits seit 10 Tagen der Tatbestand des § 235 StGB sowie die Verletzung von Artikel 6 Grundgesetz erfüllt, ergänzt durch "Umgangsregelungen", die Markus die meiste Zeit sogar der Kontakt (in der geschlossen Abteilung der Psychiatrie) zu seinen Eltern verwehrt.
Tun Sie das, was angemessen ist, statt - wie in vielen vielen anderen Fällen - Markus das zu nehmen, was er braucht, worauf er ein Recht hat und was er lieb hat: Seine Eltern und seinen Bruder. Und tun Sie es bitte schnell, Markus ist erst 5 Jahre alt !
Hoffentlich sehen Sie sich nicht überfordert damit, den Eltern bei den weiteren Gesprächen die notwendige Unterstützung für eine gemeinsame Lösung zu geben - wozu Sie Kraft Ihre Amtes als Familienrichter verpflichtet sind. Die gemeinsame Lösung ist nämlich für Markus und die Eltern der einzig mögliche Weg.
Wir werden diese Angelegenheit weiter verfolgen und ggf. darauf zurückkommen. Dieses Schreiben haben wir (anonymisiert) an die Presse weitergeleitet.
Mit sehr besorgtem Gruß
- Vorstand paPPa.com e.V. -