paPPa.com informiert:

STERN vom 12.12.1997: Kampf ums Kind

[Kommentar paPPa.com: Die folgenden Beiträge enthalten eine Reihe von Wertungen und Behauptungen, denen wir nicht folgen können. Gleichwohl wollen wir ihn hier unkommentiert dokumentieren. paPPa.com beschränkt sich auf die Zugabe weiterführender Links.]

GESELLSCHAFT

Kampf ums Kind

In Deutschland wird mittlerweile jede dritte Ehe geschieden. Am meisten leiden darunter die Kinder. Denn oft entbrennt ein rücksichtsloser Streit ums Sorgerecht, in dem manchen Vätern und Müttern jedes Mittel recht erscheint: Verleumdung, Erpressung, Entführung - und sogar Mord

Er hat eine Anzeige in die Zeitung gesetzt, großformatig und mit fettschwarzen Lettern. "Wer hilft mir, meine Töchter zu finden? 2000 DM Belohnung". Er klebte sie an die Seitenscheibe seines Geländewagens und fuhr damit durch die Stadt.

Seit Wochen, so klagte Karl Seip, 54, habe er "keinerlei Kontakt, kein Lebenszeichen von meinen Kindern". Sie seien in Gefahr, würden vom neuen Freund seiner Frau, einem "enttarnten Agenten" von Scientology, "an einem unbekannten Ort versteckt gehalten".

Dreißig Kilo hat der Kunstverleger und frühere Rennstallbesitzer aus Baden-Baden abgenommen, seit seine Kinder weg sind. Früher sah er, der auch mal Generalrepräsentant des englischen Auktionshauses Christie's war, wie Bud Spencer aus, heute eher wie Drafi Deutscher. Er wirkt fahrig, redet ohne Pause, wiederholt sich. Schon morgens schluckt er Tranquilizer.

Wenn er sich an seinen Schreibtisch setzt, dann kaum mehr, um zu arbeiten, sondern um seitenlange Briefe zu schreiben an seine beiden "Mäuse", Clara, heute 10, und Christine, 8. "Jeder Tag, der uns trennt, macht mich in Euren Herzen mehr und mehr vergessen." Und "ohne Euch zu sein ist wie tot sein."

Es kam keine Antwort. Er ließ, bleich und mit Ringen unter den Augen, in der ZDF-Sendung "Hallo Deutschland" nach seinen Kindern fahnden. "Weil ihm Gericht und Jugendamt nicht halfen, so die Reporterin mitfühlend, "hilft er sich jetzt selbst."

Im Januar 1997 hatte seine Frau Claudia nach 23 Jahren ihre Sachen gepackt und war mit den beiden Töchtern ausgezogen. Sie sei "Kindfrau und Seelchen" gewesen, "lieb und weich", war ins Fitneßstudio gegangen und mit den Töchtern ins Ballett, nahm Gesangsunterricht und betrieb halbtags eine Boutique in der Stadt. Doch dann lernte sie einen sieben Jahre jüngeren Mann kennen, einen Krankenpfleger in der Psychiatrie, dessen Vorgeschichte Karl Seip das Allerschlimmste für seine Töchter befürchten läßt.

Ein Sekten-Aussteiger habe ihm erklärt, daß der Freund "eine geradezu klassische Strategie von Scientology" anwende, um die Familie zu entzweien und damit an das millionenschwere Vermögen heranzukommen. Eine anonyme Anruferin habe ihm erklärt, Frau und Kinder seien in Gefahr.

Im Juli sei seine Frau mit den Kindern ganz abgetaucht, zu ihrem "Liebhaber", ohne Adresse, ohne Telefonnummer. 46 Besuchstage habe ihm seine Frau vorenthalten. "Seit sie in der Gewalt dieses Mannes ist, ist sie wie ein Zombie", sagt er. "Sie betreibt die brutale und vorsätzliche Entfremdung." Und dazu sei ihr jedes Mittel recht.

Der Mann als Opfer im Kampf um die Kinder, ganz so wie es der "Spiegel" kürzlich darstellte.

Einige Wochen später antwortete die Frau - ebenfalls über die Zeitungen. Ihr Freund sei keineswegs in einer Sekte, die Behauptungen ihres Mannes seien "Hirngespinste eines egomanischen Schauspielers, der es als Majestätsbeleidigung betrachtet, daß seine Frau ihn verlassen hat". Er habe sie psychisch unter Druck gesetzt. "Keineswegs waren oder sind wir eine glückliche Familie, wie von meinem Mann behauptet."

"Er hat mir die Luft zum Atmen abgeschnitten", so Claudia Seip zum STERN. Mit seiner Eifersucht habe er jeden freundschaftlichen Kontakt zu anderen Menschen verhindert, Zuckerpüppchen aus seinen Kindern gemacht. "Er hat nie die Menschen in uns gesehen, sondern ein Bild."

Nach der Trennung schien sich noch eine Vernunftlösung anzubahnen. Das Gericht sprach ihr bis zur Scheidung das vorläufige Sorgerecht für ihre Kinder zu. Karl war einverstanden, denn "ein Kind gehört zu seiner Mutter". Er dürfe, so entschied der Richter, seine Kinder jedes zweite Wochenende sehen, außerdem unter der Woche jeweils einen halben Tag.

Doch was folgte, war Chaos, sagt sie. Nach ihrem Auszug habe ihr Mann sie monatelang mit Telefonanrufen terrorisiert, habe mit einem Abhörgerät in den Büschen gehockt, um sie auszuspionieren. "Die Kinder saßen in der Wohnung und haben geflüstert." Als er sie am Bahnhof mit ihrem Freund in enger Umarmung sah, habe er sie an den Haaren gepackt, über den Bahnsteig geschleift und gegen eine Absperrung gedrückt, weshalb sie mit ihren Kindern vier Wochen ins Baden-Badener Frauenhaus geflüchtet sei. Er habe die Kinder im Gericht angebrüllt, "eure Mutter soll verrecken", sie als geisteskrank dargestellt, er habe die Kinder durch die Zeitungsanzeigen vor ihren Freunden öffentlich bloßgestellt. "Das war ein furchtbarer, unerträglicher Zustand." Dennoch habe er seine Kinder immer sehen können, aber an neutralem Ort. "Wir haben am Bahnhof auf ihn gewartet, doch er kam nicht."

Scheidungsland Deutschland: Mittlerweile geht jede dritte Ehe in die Brüche. 175.550 wurden 1996 geschieden - soviel wie noch nie. 148.782 minderjährige Kinder waren davon betroffen. Um sie entbrennt oft ein rücksichtsloser Kampf.

"Die Trennung ist ein Supergau im Leben zweier Menschen", sagt der Bielefelder Psychologe Professor Uwe-Jörg Jopt, 53, "beide Partner sind Opfer, verletzt, gekränkt und fühlen sich um ihre Lebensperspektive betrogen."

Zu keiner Zeit werde das Wohl der Kinder so mit den Füßen getreten wie in der Trennungsphase: "Mindestens ein Elternteil verliert jeden Bezug zur Realität und damit jedes Einfühlungsvermögen in die Lage des Kindes."

Oft werden sie in dieser angespannten Situation als Waffe mißbraucht, um den Ex-Partner vernichtend zu treffen. Sie sind der strategisch wichtigste Posten im Rosenkrieg, für dessen Eroberung jedes Mittel gerechtfertigt scheint - Verleumdung, Erpressung, Kidnapping.

Die Schüler der Klasse 2 a einer Münchner Grundschule sind noch immer ganz aufgeregt, wenn sie von der "Entführung" erzählen. "Die Anne hat laut geschrien und sich gewehrt", berichtet ein Mädchen. "Die ist abgeschleppt worden wie eine Gefangene", sagt ein Junge.

Direkt vor den Augen ihrer verschreckten Klassenkameraden wurde die achtjährige Anne M. von ihrem Vater aus dem Kinderhort, wo sie gerade ihre Hausaufgaben machte, ins Auto getragen und abtransportiert. Zwei Mitarbeiterinnen des Allgemeinen Sozialdienstes ASD der Stadt assistierten ihm dabei.

Juristisch war der Vater bei der rüden Attacke im Recht. Eine Stunde zuvor hatte er eine Eilentscheidung im langwierigen Sorgerechtsstreit um seine Tochter gewonnen: In einer einstweiligen Anordnung hatte der Familienrichter Christian Ottmann ihm das Mädchen zugesprochen. Weder das Kind noch die Mutter Doris M., bei der Anne seit der Scheidung 1992 lebte, waren vom Münchner Gericht gehört worden.

Doris M. erfuhr von dem "Drama" erst, als sie spätnachmittags von der Schule zurückkam; die gelernte Zahnarzthelferin schult sich derzeit zur Sozialpädagogin weiter. Der ASD hatte ihr die Nachrichten von der "Übergabe des Kindes an den Vater" im amtlichen Ton auf den Telefonbeantworter gesprochen.

Diese Vollstreckungs maßnahme ist das vorläufige Ende einer fünfjährigen elterlichen Auseinandersetzung, die in gegenseitige Schuldzuweisungen und einen dicken Akt von Anwaltsschriften ausartete. Doris M., 38, beschreibt ihren Ex-Mann, einen Verwaltungsbeamten in einem kleinen Ort am Bodensee, als kontaktlosen Einzelgänger, der nie Freunde hatte noch haben wollte. Josef M., 43, dagegen wirft seiner ehemaligen Frau "psychische Probleme" vor, die sie nun auf das Kind übertrage. Seine Anwältin zum STERN: "Die Mutter hat in den letzten Monaten das Kind vor dem Vater versteckt. Er war in größter Sorge um das psychische Wohlergehen der kleinen Anne. Folglich mußte er über das Gericht um seine Tochter kämpfen."

Daß Vätern das Sorgerecht zugesprochen wird, ist bislang eher die Ausnahme. In 74,6 Prozent der Fälle entschieden die Richter allein zugunsten der Mütter, in 17,1 Prozent der Fälle einigten sich die Eltern auf das gemeinsame Sorgerecht, nur bei 8,3 Prozent der Fälle wurde den Vätern das alleinige Sorgerecht zugesprochen.

Die Entscheidungen der Richter spiegeln gesellschaftliche Realität. Noch immer nehmen nur gerade 1,8 Prozent der Väter ihren Anspruch auf Erziehungsurlaub wahr, noch immer haben Beruf und Karriere bei den meisten Priorität.

Die große Masse der Väter kommt im Familienalltag schlicht nicht vor. 92 Prozent beteiligen sich nie am Haushalt, 79 Prozent haben noch nie gewaschen. Bei einer Allensbach-Umfrage geben 43 Prozent an, täglich nur bis zu einer Stunde Zeit für ihre Kinder zu haben. Es sei zu fragen, ob "die Wiederentdeckung des Vaters nicht weniger mit einem geänderten Verhalten der Männer und sehr viel mit einem deutlichen Mangel an konkret gelebter Väterlichkeit zu tun" habe, schreiben Dieter Schnack und Rainer Neutzling in ihrem Buch "Kleine Helden in Not - Jungen auf der Suche nach Männlichkeit".

Fast 60 Prozent der Väter brechen nach einer Scheidung den Kontakt zu ihren Kindern ab. Bundesweit lebt inzwischen fast eine halbe Million Kinder auf Kosten der Jugendämter, weil Väter keinen Unterhalt zahlen. Ein Berliner Bauunternehmer schuldet seinem nichtehelichen Sohn fast 100.000 Mark. Der Gerichtsvollzieher versucht seit 17 Jahren, das Geld einzutreiben. Der Geschäftsmann entzog sich immer wieder der Pfändung mit der Begründung, die jeweilige Wohnung sei nicht seine Meldeadresse.

Wenn 80 Prozent aller Scheidungen "einvernehmlich" erfolgen, liegt das auch daran, daß viele Väter vorzeitig aufgeben, weil ihnen der Rechtsanwalt signalisiert, Kampf habe keinen Zweck. Diese Ohnmacht aber wollen viele nicht mehr akzeptieren. Initiativen wie der "Väteraufbruch für Kinder" fordern mehr Rechte. In einer großen Aktion werden in dieser Woche Familienrichtern Geschenke für die Kinder übergeben, die ihren eigenen Vater zu Weihnachten nicht sehen dürfen.

Seit elf Monaten kann Manfred K., 43, aus Rosenheim seine sechsjährige Tochter nicht mehr zu sich holen. Das Kinderzimmer mit dem Stockbett und den Stofftieren, die Marina so geliebt hat, ist leer. Am 26. Januar zog seine Ex-Frau Gabriele mit dem Kind "in einer Blitzaktion" zu ihrer Familie nach Dortmund. "Ich weiß nicht einmal, wo sie mit dem Kind wohnt." Das Einwohnermeldeamt gibt ihre Adresse nicht heraus. Die Verwandten blocken ihn ab. "Wenn ich anrufe, sagt die Schwägerin einfach, die Marina will sowieso net mit mir reden", sagt der Vater und zuckt hilflos die breiten Schultern. "Alle Briefe kommen ungeöffnet zurück."

Bei der Scheidung im Oktober 1996 waren sich die Eltern noch einig, friedlich miteinander umzugehen, "schon wegen des Kindes". Die Mutter bekam das Sorgerecht, doch der Vater sollte Marina alle 14 Tage ein ganzes Wochenende sowie an jedem Mittwochnachmittag und drei Wochen in den Ferien holen dürfen. "Und am 1. Weihnachtsfeiertag kann er die Tochter in der Zeit von 9 bis 18 Uhr zu sich nehmen", steht in der Vereinbarung der beiden Parteien vor dem Familiengericht.

Doch das Verhältnis zwischen dem Versicherungsvertreter Manfred K. und seiner Ex-Frau, der Verkäuferin Gabriele K., 36, verschlechterte sich, als er eine neue Freundin fand, die sich mit Marina auch gleich gut verstand.

Seitdem befehden sich beide Elternteile über Anwälte. Das alte Umgangsrecht entspreche "nicht dem Kindswohl", behauptet der müt-terliche Vertreter. "Das Kind hat Angstzustände, daß Herr K. es nicht wieder zur Mutter zurückbringt." Außerdem sei der Herr K. gewalttätig, besitzergreifend und der Streit ums Kind für ihn ein reiner Machtkampf.

"Meine Frau hat schon immer versucht, einen Keil zwischen Marina und mich zu treiben", schimpft dagegen Manfred K. Seine Tochter habe "immer geweint, wenn ich sie abends zur ihrer Mutter zurückgefahren habe. Das wissen auch Nachbarn".

Daß das Kind mit den langen dunklen Haaren und den braunen Augen unter der Trennung leidet und "schlimme Träume hat", stellte eine Familienpsychologin schon vor einem Jahr fest. Marina befinde sich im Konflikt zwischen beiden "nunmehr getrennt lebenden Elternteilen" und wünscht sich sehnlich eine Versöhnung von Mama und Papa.

Damit ist nicht zu rechnen. Nach der jüngsten Entscheidung des Amtsgerichts Dortmund muß die Mutter dem Vater wieder eine kleine Besuchschance einräumen: "Einmal im Monat in den Räumen des Jugendamtes", um den unterbrochenen Kontakt langsam wieder aufzunehmen. "Bei diesen Besuchen kann die Kindesmutter zugegen sein."

"Eine Stunde durfte ich Marina sprechen", erzählt der Vater. "Dafür bin ich sechs Stunden hin und sechs zurück gefahren." Am 2. Weihnachtstag darf er wieder hinbrausen. Er befürchtet: "Das Ganze hat nur den Hintergrund, mir mein Kind bewußt zu entfremden; sie ist doch erst sechs und noch sehr beeinflußbar."

Während die Eltern sich nicht mehr ertragen, möglichst das letzte verbindende Band kappen wollen, haben die Kinder ein genau entgegengesetztes Interesse. Sie möchten, daß alles wieder so wird, wie es war, daß die Eltern wieder zusammenkommen. Sie wollen ihr Netz aus Liebesbeziehungen behalten.

Das neue Kind schaftsrecht, das im kommenden Sommer in Kraft tritt, ist ein Appell an die Eltern, ihren Kindern dabei zu helfen. Mutter und Vater sollen sich weiter verantwortlich fühlen, gleichgültig, in welcher Rechtsbeziehung sie als Mann und Frau zueinander stehen. Bei einer Scheidung gilt weiter das gemeinsame Sorgerecht, die alleinige Sorge muß jetzt beantragt und begründet werden. Keiner soll mehr der offensichtliche Verlierer sein. Die Richter sind nicht mehr Entscheider, sondern Vermittler. Uneinsichtige Paare können sie erst mal zur psychologischen Beratung schicken.

Kinder werden nicht mehr ungleich behandelt - eheliche und uneheliche sind gleichgestellt. Und sie erhalten erstmals Rechte. Eltern sind zum Umgang mit ihnen nicht mehr nur berechtigt, sondern auch verpflichtet. Sie haben alles zu unterlassen, was die Beziehungen zum anderen Elternteil belastet.

Alle sollen lernen: Die Ehe ist beendet, aber die Familie besteht, bis das Kind selbständig ist.

Verzweiflungstaten werden sich mit neuen Gesetzen aber kaum verhindern lassen.

Bevor der deutsche Facharzt für Radiologie Rüdeger Peter Oyntzen, 40, in dem Hotel "Royal Mediterráneo" in Sa Coma auf Mallorca seine beiden Kinder Katharina, 8, und Matthias, 6, tötete, hatte er viel zu schreiben. An die Polizei, der er die Tat gestand, an die Hoteldirektion ("...bitte ich um Entschuldigung, daß ich Ihnen nun solche Unan-nehmlichkeiten machen mußte") und in sein Tagebuch. Dort ist zu lesen: "Ich bin überzeugt von der Notwendigkeit und Trefflichkeit meines Vorhabens. ... ich habe die fürchterliche Verantwortung, daß die Kinder nicht leiden."

Das war am 2. September 1996. Einen Tag danach ließ der Radiologe aus Breisach/Baden seine Kinder ein starkes Beruhigungsmittel schlucken, angeblich ein Vitaminpräparat. "Ich schämte mich, weil ich sie diesmal wirklich belog", schrieb er später in sein Tagebuch. Als sie eingeschlafen waren, tötete er die Kinder mit einer Giftspritze, legte ihnen Rosen in die Hände, fotografierte die kleinen Leichen und lebte 24 Stunden neben ihnen im Zimmer 0431. Dann ging er, um sich das Leben zu nehmen. Zwei Tage später entdeckten ihn Beamte der Guardia Civil auf einer Felsenklippe der Halbinsel Formentor. Er hatte nicht den Mut, sich, wie geplant, in die Tiefe zu stürzen.

Die Morde, so erklärte Oyntzen bei den Ver hören, waren ge plant. Über das Motiv gibt es keine Zweifel. Der Arzt konnte es nicht ertragen, daß die beiden Kinder bei der Scheidung von seiner Frau Helga der Mutter zugesprochen worden waren. "Besser die Kinder sind tot als bei der Mutter", hat er angeblich bei den Vernehmungen in Spanien gesagt. Und: "Ich bin zufrieden und würde es immer wieder tun."

Rüdeger Oyntzen war als Rumäniendeutscher nach Freiburg gekommen und hatte dort zunächst als Laborassistent gearbeitet. Danach studierte er Medizin, machte seinen Facharzt als Radiologe und eröffnete in Breisach/Baden eine Praxis. Die Ehe mit seiner um ein Jahr jüngeren Frau Helga war scheinbar "normal". 1988 wurde Katharina geboren, zwei Jahre später kam Matthias zur Welt. Eine offenbar glückliche Familie, die ihre Ferien gerne in Sa Coma auf Mallorca verbrachte.

Der Schein trog. Die Ehe war nicht glücklich. Aus Liebe wurde Haß. Es gab immer wieder Streit, vor allem um Geld. Die Facharztpraxis ging auch nicht besonders gut und mußte geschlossen werden. 1995 trennte sich das Paar. Es begann ein erbitterter Streit um die beiden Kinder. Im Frühsommer 1996 übertrug der Familienrichter Helga Oyntzen das alleinige Sorgerecht für Katharina und Matthias. Sie hätten es bei der Mutter besser, schon wegen der unsicheren finanziellen Situation des Vaters. Der durfte im Rahmen des Besuchsrechts mit den beiden in Urlaub fahren - und beschloß, sie zu töten.

Als er die Kinder am 22. August bei der Mutter in Offenburg abholte, hatte er die Todesspritzen und das Gift schon im Gepäck. Jedes Ereignis und jeden Gedanken hielt Rüdeger Peter Oyntzen von da an im Tagebuch fest. Er ärgerte sich, wenn sie ihm widersprachen ("Es scheint symptomatisch zu sein, daß unsere Kinder so schlecht erzogen sind, daß sie nicht einmal vor mir Respekt haben."Er freute sich über ihre Zärtlichkeiten ("Sie kuschelten sich fest an mich, und so blieben wir eine Zeitlang umarmt").Und nachdem er ihnen das Beruhigungsmittel gegeben hatte, las er ihnen ein Märchen vor. "Sie schliefen sanft und froh ein. Ich bereitete die Spritzen vor, so wie ich es geplant hatte."

Eine ganz normale Geschichte
   "Ich hab' den Papa so vermißt" - Wie die elfjährige Sabrina die Trennung ihrer Eltern erlebte

Sabrina hat kapiert, was es heißt, ein Scheidungskind zu sein: daß sie nämlich aus zwei Sabrinas besteht. Die eine ist elf Jahre alt, besucht die sechste Realschulklasse in Waiblingen, mag schlabbrige Latzhosen und Brian von den Backstreet Boys. Ist also ziemlich cool.

Sabrina zwei ist so was wie eine kleine Schwester, die an Sabrina eins klebt. Lästig, wie sehr man auch versucht, sie abzuschütteln. Ängstlich, egal, wieviel man ihr zuredet. Eine Heulsuse, auch wenn alles nicht so schlimm ist. Allein, wo doch immer jemand da ist. Und so trotzig. Eben irgendwie uncool.

Die zwei müssen seit sieben Jahren miteinander auskommen. Damals war der Vater plötzlich ausgezogen, "wegen einer anderen". Der Mann, der Sabrina im Sommerurlaub noch durch die Luft gewirbelt hatte, ins Wasser geschmissen, "so viel Spaß war das": Er war einfach weg.

Die Eltern ließen sich scheiden, Sabrina blieb mit ihrem Bruder Olaf*, 14, bei der Mutter Gabriele Winter, die das alleinige Sorgerecht für beide hatte. "Ich hab' den Papa so vermißt", sagt Sabrina, aber immerhin war ja noch der Bruder da.

* Name von der Redaktion geändert

Jetzt ist alles noch schlimmer geworden. Das Amtsgericht beschloß kürzlich, daß die Eltern das gemeinsame Sorgerecht für Olaf haben und er künftig bei seinem Vater und dessen neuer Frau leben darf - auf eigenen Wunsch. "Weil er da mehr darf als bei mir", sagt Gabriele Winter. "Weil ...ich weiß auch nicht", sagt Sabrina.

Mit Olaf verliert sie ihren besten Freund und Beschützer. Seine zwölf Quadratmeter in der Vier-Zimmer-Neubauwohnung von Mutter und Tochter Winter sind jetzt aufgeräumtes Heiligtum mit fusselfreier FC-Bayern-München-Fahne, und wenn die Sehnsucht zu groß wird, schläft Sabrina in Olafs Bett, um ein bißchen beruhigenden Olaf-Duft zu atmen. Alle zwei Wochen darf Sabrina zu Olaf und ihrem Vater nach Backnang, alle zwei Wochen kommt Olaf nach Waiblingen.

Immerhin etwas, nach drei schrecklichen olaffreien Monaten. In denen Sabrina zwei die Oberhand gewann, "so viel haben wir geheult", sagt Sabrina. In denen bei der Scheidungsfamilie Winter ganze Abende verstrichen mit Anrufen, Anbrüllen, Auflegen. "Sabrina wird's schon packen", sagt ihre Mutter. Aber wie?

Ein geringes Selbstwertgefühl, Unzufriedenheit, Depressionen machte die Hamburger Soziologin Anneke Napp-Peters nach Langzeitbeobachtungen bei Scheidungskindern aus. 48 Prozent der Trennungswaisen, fand der Kölner Soziologe Ulrich Schmidt-Denter heraus, sind verhaltensauffällig. Jedes fünfte Kind, so eine Berliner Studie [Anm. paPPa.com: FU Berlin, Prof. Ballof, Hinweise u.a. im Tagesspiegel vom 10.5.1997, Hella Kaiser], reagiert sogar mit Sprachstörungen, Hautausschlägen oder anderen psychosomatischen Auffälligkeiten.

Den Fall, daß ein Kind den Weggang eines Elternteils konfliktfrei überstand, sogar als befreiend empfand, suchte eine Gruppe Wiener Psychologen - vergebens. [Anm. paPPa.com: siehe FRP vom 15.3.1997, Beitrag von Dr. Helmut Figdor]

Statt dessen fanden sie "halbierte" Kinder, die durch den Weggang des Vaters männliche Charakteranteile wie Unabhängigkeit und Stärke einbüßten. Sie fanden ängstliche und angepaßte Kinder. Kinder, deren erste große Liebe verraten wurde. Kinder voller Schuldgefühle. Je jünger, desto schlimmer. Vor allem fanden sie rücksichtslose Eltern.

Im Paragraphen 1671 des Bürgerlichen Gesetzbuchs steht: "Das Gericht trifft die Regelung, die dem Wohle des Kindes am besten entspricht."

In etwa 80 Prozent der Scheidungsfälle machen die Eltern unter sich aus, bei welcher Partei sich das Kind wohl zu fühlen hat. Bei 15 Prozent forscht der Richter durch oberflächliche Befragung nach Kinderwünschen. In ungefähr jedem 20. Scheidungsfall werden Experten zu Rate gezogen.

Sogar "eine schlechte Ehe ist für die meisten immer noch besser als eine Scheidung", behauptet die Soziologin Napp-Peters. Sabrina bestätigt das: "Oft wünsch' ich mir, daß Mama und Papa wieder zusammen sind."

B. FLEMING

© Copyright STERN 1995 - 97

paPPa.com