GESELLSCHAFT
Kampf ums Kind
In Deutschland wird mittlerweile
jede dritte Ehe geschieden. Am meisten leiden darunter die Kinder. Denn
oft entbrennt ein rücksichtsloser Streit ums Sorgerecht, in dem manchen
Vätern und Müttern jedes Mittel recht erscheint: Verleumdung,
Erpressung, Entführung - und sogar Mord
Er hat eine Anzeige in die Zeitung
gesetzt, großformatig und mit fettschwarzen Lettern. "Wer hilft
mir, meine Töchter zu finden? 2000 DM Belohnung". Er klebte sie
an die Seitenscheibe seines Geländewagens und fuhr damit durch die
Stadt.
Seit Wochen, so klagte Karl Seip,
54, habe er "keinerlei Kontakt, kein Lebenszeichen von meinen Kindern".
Sie seien in Gefahr, würden vom neuen Freund seiner Frau, einem "enttarnten
Agenten" von Scientology, "an einem unbekannten Ort versteckt
gehalten".
Dreißig Kilo hat der Kunstverleger
und frühere Rennstallbesitzer aus Baden-Baden abgenommen, seit seine
Kinder weg sind. Früher sah er, der auch mal Generalrepräsentant
des englischen Auktionshauses Christie's war, wie Bud Spencer aus, heute
eher wie Drafi Deutscher. Er wirkt fahrig, redet ohne Pause, wiederholt
sich. Schon morgens schluckt er Tranquilizer.
Wenn er sich an seinen Schreibtisch
setzt, dann kaum mehr, um zu arbeiten, sondern um seitenlange Briefe zu
schreiben an seine beiden "Mäuse", Clara, heute 10, und
Christine, 8. "Jeder Tag, der uns trennt, macht mich in Euren Herzen
mehr und mehr vergessen." Und "ohne Euch zu sein ist wie tot
sein."
Es kam keine Antwort. Er ließ,
bleich und mit Ringen unter den Augen, in der ZDF-Sendung "Hallo Deutschland"
nach seinen Kindern fahnden. "Weil ihm Gericht und Jugendamt nicht
halfen, so die Reporterin mitfühlend, "hilft er sich jetzt selbst."
Im Januar 1997 hatte seine Frau
Claudia nach 23 Jahren ihre Sachen gepackt und war mit den beiden Töchtern
ausgezogen. Sie sei "Kindfrau und Seelchen" gewesen, "lieb
und weich", war ins Fitneßstudio gegangen und mit den Töchtern
ins Ballett, nahm Gesangsunterricht und betrieb halbtags eine Boutique
in der Stadt. Doch dann lernte sie einen sieben Jahre jüngeren Mann
kennen, einen Krankenpfleger in der Psychiatrie, dessen Vorgeschichte Karl
Seip das Allerschlimmste für seine Töchter befürchten läßt.
Ein Sekten-Aussteiger habe ihm erklärt,
daß der Freund "eine geradezu klassische Strategie von Scientology"
anwende, um die Familie zu entzweien und damit an das millionenschwere
Vermögen heranzukommen. Eine anonyme Anruferin habe ihm erklärt,
Frau und Kinder seien in Gefahr.
Im Juli sei seine Frau mit den Kindern
ganz abgetaucht, zu ihrem "Liebhaber", ohne Adresse, ohne Telefonnummer.
46 Besuchstage habe ihm seine Frau vorenthalten. "Seit sie in der
Gewalt dieses Mannes ist, ist sie wie ein Zombie", sagt er. "Sie
betreibt die brutale und vorsätzliche Entfremdung." Und dazu
sei ihr jedes Mittel recht.
Der Mann als Opfer im Kampf um die
Kinder, ganz so wie es der "Spiegel"
kürzlich darstellte.
Einige Wochen später antwortete
die Frau - ebenfalls über die Zeitungen. Ihr Freund sei keineswegs
in einer Sekte, die Behauptungen ihres Mannes seien "Hirngespinste
eines egomanischen Schauspielers, der es als Majestätsbeleidigung
betrachtet, daß seine Frau ihn verlassen hat". Er habe sie psychisch
unter Druck gesetzt. "Keineswegs waren oder sind wir eine glückliche
Familie, wie von meinem Mann behauptet."
"Er hat mir die Luft zum Atmen
abgeschnitten", so Claudia Seip zum STERN. Mit seiner Eifersucht habe
er jeden freundschaftlichen Kontakt zu anderen Menschen verhindert, Zuckerpüppchen
aus seinen Kindern gemacht. "Er hat nie die Menschen in uns gesehen,
sondern ein Bild."
Nach der Trennung schien sich noch
eine Vernunftlösung anzubahnen. Das Gericht sprach ihr bis zur Scheidung
das vorläufige Sorgerecht für ihre Kinder zu. Karl war einverstanden,
denn "ein Kind gehört zu seiner Mutter". Er dürfe,
so entschied der Richter, seine Kinder jedes zweite Wochenende sehen, außerdem
unter der Woche jeweils einen halben Tag.
Doch was folgte, war Chaos, sagt
sie. Nach ihrem Auszug habe ihr Mann sie monatelang mit Telefonanrufen
terrorisiert, habe mit einem Abhörgerät in den Büschen gehockt,
um sie auszuspionieren. "Die Kinder saßen in der Wohnung und
haben geflüstert." Als er sie am Bahnhof mit ihrem Freund in
enger Umarmung sah, habe er sie an den Haaren gepackt, über den Bahnsteig
geschleift und gegen eine Absperrung gedrückt, weshalb sie mit ihren
Kindern vier Wochen ins Baden-Badener Frauenhaus geflüchtet sei. Er
habe die Kinder im Gericht angebrüllt, "eure Mutter soll verrecken",
sie als geisteskrank dargestellt, er habe die Kinder durch die Zeitungsanzeigen
vor ihren Freunden öffentlich bloßgestellt. "Das war ein
furchtbarer, unerträglicher Zustand." Dennoch habe er seine Kinder
immer sehen können, aber an neutralem Ort. "Wir haben am Bahnhof
auf ihn gewartet, doch er kam nicht."
Scheidungsland Deutschland: Mittlerweile
geht jede dritte Ehe in die Brüche. 175.550 wurden 1996 geschieden
- soviel wie noch nie. 148.782 minderjährige Kinder waren davon betroffen.
Um sie entbrennt oft ein rücksichtsloser Kampf.
"Die Trennung ist ein Supergau
im Leben zweier Menschen", sagt der Bielefelder Psychologe Professor
Uwe-Jörg Jopt, 53, "beide Partner sind Opfer, verletzt, gekränkt
und fühlen sich um ihre Lebensperspektive betrogen."
Zu keiner Zeit werde das Wohl der
Kinder so mit den Füßen getreten wie in der Trennungsphase:
"Mindestens ein Elternteil verliert jeden Bezug zur Realität
und damit jedes Einfühlungsvermögen in die Lage des Kindes."
Oft werden sie in dieser angespannten
Situation als Waffe mißbraucht, um den Ex-Partner vernichtend zu
treffen. Sie sind der strategisch wichtigste Posten im Rosenkrieg, für
dessen Eroberung jedes Mittel gerechtfertigt scheint - Verleumdung, Erpressung,
Kidnapping.
Die Schüler der Klasse 2 a
einer Münchner Grundschule sind noch immer ganz aufgeregt, wenn sie
von der "Entführung" erzählen. "Die Anne hat laut
geschrien und sich gewehrt", berichtet ein Mädchen. "Die
ist abgeschleppt worden wie eine Gefangene", sagt ein Junge.
Direkt vor den Augen ihrer verschreckten
Klassenkameraden wurde die achtjährige Anne M. von ihrem Vater aus
dem Kinderhort, wo sie gerade ihre Hausaufgaben machte, ins Auto getragen
und abtransportiert. Zwei Mitarbeiterinnen des Allgemeinen Sozialdienstes
ASD der Stadt assistierten ihm dabei.
Juristisch war der Vater bei der
rüden Attacke im Recht. Eine Stunde zuvor hatte er eine Eilentscheidung
im langwierigen Sorgerechtsstreit um seine Tochter gewonnen: In einer einstweiligen
Anordnung hatte der Familienrichter Christian Ottmann ihm das Mädchen
zugesprochen. Weder das Kind noch die Mutter Doris M., bei der Anne seit
der Scheidung 1992 lebte, waren vom Münchner Gericht gehört worden.
Doris M. erfuhr von dem "Drama"
erst, als sie spätnachmittags von der Schule zurückkam; die gelernte
Zahnarzthelferin schult sich derzeit zur Sozialpädagogin weiter. Der
ASD hatte ihr die Nachrichten von der "Übergabe des Kindes an
den Vater" im amtlichen Ton auf den Telefonbeantworter gesprochen.
Diese Vollstreckungs maßnahme
ist das vorläufige Ende einer fünfjährigen elterlichen Auseinandersetzung,
die in gegenseitige Schuldzuweisungen und einen dicken Akt von Anwaltsschriften
ausartete. Doris M., 38, beschreibt ihren Ex-Mann, einen Verwaltungsbeamten
in einem kleinen Ort am Bodensee, als kontaktlosen Einzelgänger, der
nie Freunde hatte noch haben wollte. Josef M., 43, dagegen wirft seiner
ehemaligen Frau "psychische Probleme" vor, die sie nun auf das
Kind übertrage. Seine Anwältin zum STERN: "Die Mutter hat
in den letzten Monaten das Kind vor dem Vater versteckt. Er war in größter
Sorge um das psychische Wohlergehen der kleinen Anne. Folglich mußte
er über das Gericht um seine Tochter kämpfen."
Daß Vätern das Sorgerecht
zugesprochen wird, ist bislang eher die Ausnahme. In 74,6 Prozent der Fälle
entschieden die Richter allein zugunsten der Mütter, in 17,1 Prozent
der Fälle einigten sich die Eltern auf das gemeinsame Sorgerecht,
nur bei 8,3 Prozent der Fälle wurde den Vätern das alleinige
Sorgerecht zugesprochen.
Die Entscheidungen der Richter spiegeln
gesellschaftliche Realität. Noch immer nehmen nur gerade 1,8 Prozent
der Väter ihren Anspruch auf Erziehungsurlaub wahr, noch immer haben
Beruf und Karriere bei den meisten Priorität.
Die große Masse der Väter
kommt im Familienalltag schlicht nicht vor. 92 Prozent beteiligen sich
nie am Haushalt, 79 Prozent haben noch nie gewaschen. Bei einer Allensbach-Umfrage
geben 43 Prozent an, täglich nur bis zu einer Stunde Zeit für
ihre Kinder zu haben. Es sei zu fragen, ob "die Wiederentdeckung des
Vaters nicht weniger mit einem geänderten Verhalten der Männer
und sehr viel mit einem deutlichen Mangel an konkret gelebter Väterlichkeit
zu tun" habe, schreiben Dieter Schnack und Rainer Neutzling in ihrem
Buch "Kleine Helden in Not - Jungen auf der Suche nach Männlichkeit".
Fast 60 Prozent der Väter brechen
nach einer Scheidung den Kontakt zu ihren Kindern ab. Bundesweit lebt inzwischen
fast eine halbe Million Kinder auf Kosten der Jugendämter, weil Väter
keinen Unterhalt zahlen. Ein Berliner Bauunternehmer schuldet seinem nichtehelichen
Sohn fast 100.000 Mark. Der Gerichtsvollzieher versucht seit 17 Jahren,
das Geld einzutreiben. Der Geschäftsmann entzog sich immer wieder
der Pfändung mit der Begründung, die jeweilige Wohnung sei nicht
seine Meldeadresse.
Wenn 80 Prozent aller Scheidungen
"einvernehmlich" erfolgen, liegt das auch daran, daß viele
Väter vorzeitig aufgeben, weil ihnen der Rechtsanwalt signalisiert,
Kampf habe keinen Zweck. Diese Ohnmacht aber wollen viele nicht mehr akzeptieren.
Initiativen wie der "Väteraufbruch für Kinder" fordern
mehr Rechte. In einer großen Aktion werden in dieser Woche Familienrichtern
Geschenke für die Kinder übergeben, die ihren eigenen Vater zu
Weihnachten nicht sehen dürfen.
Seit elf Monaten kann Manfred K.,
43, aus Rosenheim seine sechsjährige Tochter nicht mehr zu sich holen.
Das Kinderzimmer mit dem Stockbett und den Stofftieren, die Marina so geliebt
hat, ist leer. Am 26. Januar zog seine Ex-Frau Gabriele mit dem Kind "in
einer Blitzaktion" zu ihrer Familie nach Dortmund. "Ich weiß
nicht einmal, wo sie mit dem Kind wohnt." Das Einwohnermeldeamt gibt
ihre Adresse nicht heraus. Die Verwandten blocken ihn ab. "Wenn ich
anrufe, sagt die Schwägerin einfach, die Marina will sowieso net mit
mir reden", sagt der Vater und zuckt hilflos die breiten Schultern.
"Alle Briefe kommen ungeöffnet zurück."
Bei der Scheidung im Oktober 1996
waren sich die Eltern noch einig, friedlich miteinander umzugehen, "schon
wegen des Kindes". Die Mutter bekam das Sorgerecht, doch der Vater
sollte Marina alle 14 Tage ein ganzes Wochenende sowie an jedem Mittwochnachmittag
und drei Wochen in den Ferien holen dürfen. "Und am 1. Weihnachtsfeiertag
kann er die Tochter in der Zeit von 9 bis 18 Uhr zu sich nehmen",
steht in der Vereinbarung der beiden Parteien vor dem Familiengericht.
Doch das Verhältnis zwischen
dem Versicherungsvertreter Manfred K. und seiner Ex-Frau, der Verkäuferin
Gabriele K., 36, verschlechterte sich, als er eine neue Freundin fand,
die sich mit Marina auch gleich gut verstand.
Seitdem befehden sich beide Elternteile
über Anwälte. Das alte Umgangsrecht entspreche "nicht dem
Kindswohl", behauptet der müt-terliche Vertreter. "Das Kind
hat Angstzustände, daß Herr K. es nicht wieder zur Mutter zurückbringt."
Außerdem sei der Herr K. gewalttätig, besitzergreifend und der
Streit ums Kind für ihn ein reiner Machtkampf.
"Meine Frau hat schon immer
versucht, einen Keil zwischen Marina und mich zu treiben", schimpft
dagegen Manfred K. Seine Tochter habe "immer geweint, wenn ich sie
abends zur ihrer Mutter zurückgefahren habe. Das wissen auch Nachbarn".
Daß das Kind mit den langen
dunklen Haaren und den braunen Augen unter der Trennung leidet und "schlimme
Träume hat", stellte eine Familienpsychologin schon vor einem
Jahr fest. Marina befinde sich im Konflikt zwischen beiden "nunmehr
getrennt lebenden Elternteilen" und wünscht sich sehnlich eine
Versöhnung von Mama und Papa.
Damit ist nicht zu rechnen. Nach
der jüngsten Entscheidung des Amtsgerichts Dortmund muß die
Mutter dem Vater wieder eine kleine Besuchschance einräumen: "Einmal
im Monat in den Räumen des Jugendamtes", um den unterbrochenen
Kontakt langsam wieder aufzunehmen. "Bei diesen Besuchen kann die
Kindesmutter zugegen sein."
"Eine Stunde durfte ich Marina
sprechen", erzählt der Vater. "Dafür bin ich sechs
Stunden hin und sechs zurück gefahren." Am 2. Weihnachtstag darf
er wieder hinbrausen. Er befürchtet: "Das Ganze hat nur den Hintergrund,
mir mein Kind bewußt zu entfremden; sie ist doch erst sechs und noch
sehr beeinflußbar."
Während die Eltern sich nicht
mehr ertragen, möglichst das letzte verbindende Band kappen wollen,
haben die Kinder ein genau entgegengesetztes Interesse. Sie möchten,
daß alles wieder so wird, wie es war, daß die Eltern wieder
zusammenkommen. Sie wollen ihr Netz aus Liebesbeziehungen behalten.
Das neue Kind schaftsrecht, das
im kommenden Sommer in Kraft tritt, ist ein Appell an die Eltern, ihren
Kindern dabei zu helfen. Mutter und Vater sollen sich weiter verantwortlich
fühlen, gleichgültig, in welcher Rechtsbeziehung sie als Mann
und Frau zueinander stehen. Bei einer Scheidung gilt weiter das gemeinsame
Sorgerecht, die alleinige Sorge muß jetzt beantragt und begründet
werden. Keiner soll mehr der offensichtliche Verlierer sein. Die Richter
sind nicht mehr Entscheider, sondern Vermittler. Uneinsichtige Paare können
sie erst mal zur psychologischen Beratung schicken.
Kinder werden nicht mehr ungleich
behandelt - eheliche und uneheliche sind gleichgestellt. Und sie erhalten
erstmals Rechte. Eltern sind zum Umgang mit ihnen nicht mehr nur berechtigt,
sondern auch verpflichtet. Sie haben alles zu unterlassen, was die Beziehungen
zum anderen Elternteil belastet.
Alle sollen lernen: Die Ehe ist
beendet, aber die Familie besteht, bis das Kind selbständig ist.
Verzweiflungstaten werden sich mit
neuen Gesetzen aber kaum verhindern lassen.
Bevor der deutsche Facharzt für
Radiologie Rüdeger Peter Oyntzen, 40, in dem Hotel "Royal Mediterráneo"
in Sa Coma auf Mallorca seine beiden Kinder Katharina, 8, und Matthias,
6, tötete, hatte er viel zu schreiben. An die Polizei, der er die
Tat gestand, an die Hoteldirektion ("...bitte ich um Entschuldigung,
daß ich Ihnen nun solche Unan-nehmlichkeiten machen mußte")
und in sein Tagebuch. Dort ist zu lesen: "Ich bin überzeugt von
der Notwendigkeit und Trefflichkeit meines Vorhabens. ... ich habe die
fürchterliche Verantwortung, daß die Kinder nicht leiden."
Das war am 2. September 1996. Einen
Tag danach ließ der Radiologe aus Breisach/Baden seine Kinder ein
starkes Beruhigungsmittel schlucken, angeblich ein Vitaminpräparat.
"Ich schämte mich, weil ich sie diesmal wirklich belog",
schrieb er später in sein Tagebuch. Als sie eingeschlafen waren, tötete
er die Kinder mit einer Giftspritze, legte ihnen Rosen in die Hände,
fotografierte die kleinen Leichen und lebte 24 Stunden neben ihnen im Zimmer
0431. Dann ging er, um sich das Leben zu nehmen. Zwei Tage später
entdeckten ihn Beamte der Guardia Civil auf einer Felsenklippe der Halbinsel
Formentor. Er hatte nicht den Mut, sich, wie geplant, in die Tiefe zu stürzen.
Die Morde, so erklärte Oyntzen
bei den Ver hören, waren ge plant. Über das Motiv gibt es keine
Zweifel. Der Arzt konnte es nicht ertragen, daß die beiden Kinder
bei der Scheidung von seiner Frau Helga der Mutter zugesprochen worden
waren. "Besser die Kinder sind tot als bei der Mutter", hat er
angeblich bei den Vernehmungen in Spanien gesagt. Und: "Ich bin zufrieden
und würde es immer wieder tun."
Rüdeger Oyntzen war als Rumäniendeutscher
nach Freiburg gekommen und hatte dort zunächst als Laborassistent
gearbeitet. Danach studierte er Medizin, machte seinen Facharzt als Radiologe
und eröffnete in Breisach/Baden eine Praxis. Die Ehe mit seiner um
ein Jahr jüngeren Frau Helga war scheinbar "normal". 1988
wurde Katharina geboren, zwei Jahre später kam Matthias zur Welt.
Eine offenbar glückliche Familie, die ihre Ferien gerne in Sa Coma
auf Mallorca verbrachte.
Der Schein trog. Die Ehe war nicht
glücklich. Aus Liebe wurde Haß. Es gab immer wieder Streit,
vor allem um Geld. Die Facharztpraxis ging auch nicht besonders gut und
mußte geschlossen werden. 1995 trennte sich das Paar. Es begann ein
erbitterter Streit um die beiden Kinder. Im Frühsommer 1996 übertrug
der Familienrichter Helga Oyntzen das alleinige Sorgerecht für Katharina
und Matthias. Sie hätten es bei der Mutter besser, schon wegen der
unsicheren finanziellen Situation des Vaters. Der durfte im Rahmen des
Besuchsrechts mit den beiden in Urlaub fahren - und beschloß, sie
zu töten.
Als er die Kinder am 22. August
bei der Mutter in Offenburg abholte, hatte er die Todesspritzen und das
Gift schon im Gepäck. Jedes Ereignis und jeden Gedanken hielt Rüdeger
Peter Oyntzen von da an im Tagebuch fest. Er ärgerte sich, wenn sie
ihm widersprachen ("Es scheint symptomatisch zu sein, daß unsere
Kinder so schlecht erzogen sind, daß sie nicht einmal vor mir Respekt
haben."Er freute sich über ihre Zärtlichkeiten ("Sie
kuschelten sich fest an mich, und so blieben wir eine Zeitlang umarmt").Und
nachdem er ihnen das Beruhigungsmittel gegeben hatte, las er ihnen ein
Märchen vor. "Sie schliefen sanft und froh ein. Ich bereitete
die Spritzen vor, so wie ich es geplant hatte."
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