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    Vätervertreibung - Kinder als Opfer im Elternkrieg

    Hörspiel des WDR 5 vom 17.10.1995, 15-16 Uhr und WDR 3, 19.10.1995, 21- 22 Uhr
    Musik: Leonard Cohen, The Story of Isaac
    von EDGAR LÜCK

    Veröffentlichung bei paPPa.com mit freundlicher Genehmigung des WDR - danke!


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    O-Ton Margot von Renesse: "Ich denke, daß die Väterlichkeit in unserer Gesellschaft nicht genügend berücksichtigt wird. Es ist sowas wie eine strukturelle Rücksichtslosigkeit gegen Väter und Mütter am Werk. Bei Müttern insofern, als es die Mütter praktisch an die Kinder kettet und ihnen andere Möglichkeiten als der Sinnerfahrung durch Kinder kaum ermöglicht. Bei Vätern, weil es ihnen genau auf dem reziproken Wege sozusagen, (Autor: -also dem umgekehrten Wege -) ja, ihnen die Möglichkeit nimmt, sich wirklich verantwortlich und liebevoll um Kinder zu kümmern."

    Sprecher: Sagt Margot von Renesse. Die Großmutter und ehemalige Familienrichterin engagiert sich seit Jahren als Bundestagsabgeordnete der SPD für Gleichberechtigung, für Mütter, Kinder und nicht zuletzt für Väter, die ihrer Meinung nach als Arbeitstiere mißbraucht werden.

    O-Ton von Renesse: "Väterlichkeit ist, sag' ich jetzt mal als Frau, ungefähr das Wahnsinnigste, das Tollste, was ein Mann überhaupt geben kann. Daß diese Behutsamkeit gemischt mit Kompetenz, daß das etwas ist, was eine Frau an einem Mann hinreißen kann."

    Autor: Doch hingerissen scheinen die wenigsten: Die Klagen von Frauen über flüchtige, abwesende, unpünktlich zahlende Väter sind Legion. Kümmert ein Vater sich nicht um die Kinder, so hat das allerdings oft Familientradition: Er hat es erlernt und ererbt von seinen Vätern und Großvätern, von seinen Müttern und Großmüttern. Daß Väter sich nicht um ihre Kinder kümmern, ja sogar nicht kümmern sollen, weil eigentlich die Mütter zuständig seien, ist ideologische Last der Vergangenheit.

    Die moderne Bindungsforschung geht sogar davon aus, daß nahezu dreißig Prozent aller Kinder keine sichere Bindung zu ihren Müttern haben. Gemessen an den Hindernissen, die sich bis heute gelebter Vaterschaft entgegenstellen, ist die wachsende Minderheit von Vätern umso erstaunlicher, die das ideologische-gesellschaftliche Korsett, das ihnen immer noch aufgezwungen wird, das Männer in die Fabrik und Frauen in die Familie zwingt, abstreifen. Diese Väter tragen die Liebe zu ihren Kindern nicht nur im Herzen, sondern sie kümmern sich auch tatkräftig um ihren Nachwuchs - so sie dürfen. Und das trotz beruflicher Nachteile, die ihnen daraus erwachsen können. Noch erstaunlicher aber ist es, daß paradoxerweise gerade viele dieser Väter, die, wenn man so will, die Konsequenzen aus den Forderungen der Frauenbewegung der letzten drei Jahrzehnte gezogen haben, von oft denselben Frauen, die die Emanzipation im Mund führen mit psychischer und juristischer Gewalt daran gehindert werden, sich näher und verantwortungsvoll mit ihren Kindern zu beschäftigen.

    O-Ton Thomas Martin: "Ich durfte meinen Sohn - wir haben ungefähr zweieinhalb Jahre zusammengelebt - zweieinviertel Jahre dann, nach dieser Trennung, nicht sehen. Ich bin nichtehelicher Vater."

    Sprecher: Thomas Martin ist Anfang vierzig, lebt in Köln und arbeitet in einem technischen Beruf.

    O-Ton Thomas Martin: "Ich war nicht bei Gericht. Ich war nicht beim Jugendamt. Keine dieser Institutionen weiß davon, was da so gelaufen ist. Für mich war das eigentlich ein Katalysator. Ich bin dann doch sehr von meinem üblichen Lebenslauf abgewichen. Habe versucht, einiges zu ergründen. Bin in Beratung gegangen. Am Anfang, als ich Kai, meinen Sohn, nicht mehr sehen durfte, in dieser Nacht, hatte ich mich eigentlich entschlossen, nun ja, Selbstmord zu machen. Zufällig hatte eine alte Freundin angerufen, mit der ich vier Stunden lang gesprochen habe. Und ich bin dann am nächsten Tag direkt auf die Suche gegangen nach Leuten, die mir helfen können."

    Sprecher: "Wir kommen weit her", von Heinrich Böll
    2. Sprecher:
    Wir kommen weit her, liebes Kind, und müssen weit gehen
    keine Angst - alle sind bei Dir die vor Dir waren:
    Deine Mutter, Dein Vater und alle, die vor ihnen waren -
    weit weit zurück, alle sind bei Dir - keine Angst,
    wir kommen weit her und müssen weit gehen,
    liebes Kind.

    Sprecher: Was soll ein Vater tun, wenn er von der Mutter seines Kindes ausgegrenzt wird? Denn sofern er ein Vater ohne Trauschein ist, hat er schlechte Karten. Die ausgrenzende Mutter aber hat leichtes Spiel. Sie hat Geist und Rechtsnormen des tief im 19. Jahrhundert wurzelnden Bürgerlichen Gesetzbuches auf ihrer Seite.

    O-Ton Willutzki: "Das Schlimme ist, daß unser Nichtehelichenrecht wirklich noch von altfränkischen Vorstellungen ausgeht, wie Soldat schwängert Dienstmädchen, danach besteht keine Verbindung mehr zwischen den drei Beteiligten. Daß die Lebenswirklichkeit sich völlig anders entwickelt hat, daß heute ja zunehmend Paare nichtehelich zusammenleben und auch, wenn auch in geringerem Maße, nicht mehr bereit sind zu heiraten, wenn ein Kind da ist, ist ein Faktum, mit dem wir leben müssen. Und ich denke schon, gerade wenn man aus dem einzig in diesem Bereich legitimen Ansatz die Dinge betrachtet, nämlich aus der Perspektive des Kindes, dann verstößt es natürlich gegen die Menschenwürde, die Stellung des Kindes, das nichtehelich geboren wird, anders auszugestalten als die eines ehelichen Kindes."

    Sprecher: Der das sagt, ist Amtsgerichtsdirektor Prof. Siegfried Willutzki, Vorsitzender des Deutschen Familiengerichtstages in Brühl, des vielleicht einflußreichsten interdisziplinären Reformgremiums deutscher Familienjuristen. Um nach der Trennung von der nichtehelichen Mutter den Kontakt zu seinem Kind zu halten bzw. wiederherstellen zu können, bleibt dem nichtehelichen Vater oft nichts anderes übrig, als vor Gericht zu ziehen. Doch dort ist er zumeist auf der Verliererseite - aus vielen Gründen. Allein das Verfahren selber setzt ihn ins Nachteil. Denn der nichteheliche Vater muß - schwarz auf weiß und in oft unfairen Anhörungen - vor Gericht und Jugendamt nachweisen, daß seine Vaterliebe dem Kind nicht schadet, daß er zum "Wohl des Kindes" handelt, was er alles mit dem Kind unternommen hat früher - wofür er am besten Zeugen beibringt - und schließlich: ob der Kontakt, den der Vater vor der Trennung mit dem Kind hatte, wirklich aus Liebe entsprungen ist. Der nichteheliche Vater muß beweisen, daß er Vater war, um es wieder werden zu dürfen. Was zählt, sind Fakten und nicht die wortlosen Momente stillen Glücks und vertrauter Nähe, die viele Väter mit ihren Kindern erlebt haben. Solche Gerichtsprozesse ziehen sich nicht selten über Jahre hin, in denen die Väter ihre Kinder nicht sehen dürfen. Die Entfremdung zwischen Vätern und Kindern wird dabei von ausgrenzenden Müttern bewußt ins Kalkül gezogen.

    2. Sprecher: "Ein Kind kennt immer seine Eltern, auch wenn es sie nie gesehen hat. Es IST seine Eltern, und seine Großeltern."

    Sprecher: Auszüge aus Gerichtsbeschlüssen gegen nichteheliche Väter:

    "Nach § 1711 Abs.1 BGB hat grundsätzlich die Mutter das Recht zu bestimmen, ob und in welcher Form der Vater Umgang mit den Kindern haben kann oder nicht."

    Sprecherin: Es kommt nicht darauf an, von welchem Elternteil letztlich die Spannungen in die Beziehungen hineingetragen wurden. Auf jeden Fall meint das Gericht ... , daß jedes Zusammentreffen mit dem Vater die weitere ungestörte Entwicklung der Kinder stören wird ...

    Sprecher: "Der Antrag des nichtehelichen Vaters, seiner Tochter zum Geburtstag, zu Weihnachten, zu Neujahr, zu Ostern oder herausragendem Urlaub eine Grußkarte mit drei Sätzen handschriftlichem Text zu schicken, wird zurückgewiesen."

    Sprecher: Einem 73-jährigen nichtehelichen Vater wird von Gerichts wegen beschieden, er sei zu alt für sein nichteheliches Kind.

    O-Ton Bert Hellinger: "Ja, sie sind sozusagen eine verkannte Klasse, ja, und eine verachtete Klasse."

    Sprecher: ... weiß der 70jährige Familientherapeut Bert Hellinger über Väter im allgemeinen zu berichten. Väter, so sagt er, liegen ihm besonders am Herzen. So nimmt er z.B. in seinen Kursen wahr, wie die allgemeine Stimmung sich gegen Väter richtet:

    O-Ton Hellinger: "Mir hat zum Beispiel ein Teilnehmer aus dem Kurs in Köln erzählt: Es war auffällig, immer wenn etwas gegen die Frauen gesagt wurde, gab es heftigsten Protest. Wenn etwas gegen Männer oder Väter gesagt wurde, hat sich niemand gerührt. Das zeigt, daß auch die Väter sozusagen damit sich abgefunden haben, daß sie abgewertet werden. Aber der Grund dafür ist, ja, daß Frauen sich in der Regel für die richtigen Menschen halten und meinen, die Männer seien schlimm, weil sie nicht so sind wie die Frauen. Die Monopolisieren also die Stellung der Frau.

    Also, es ist so, daß die Frauen wirklich unterdrückt waren und daß es einen großen Nachholbedarf gibt, daß den Frauen ihre Würde wiederhergestellt wird. Das ist legitim. Die Rache bringt nichts. Also, die Rache führt dazu, daß sich das Männliche in seiner häßlichen Gestalt dann aufrichtet, ja, wie zum Beispiel bei Rechtsradikalen. Und man kann sehen, daß viele Rechtsradikale aus Familien kommen, in denen die Mütter die Väter verachten. Und das ist dann die Rache der Kinder an den Müttern, die die Väter verachten."


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