Sprecher: Jede dritte Ehe in der Bundesrepublik wird geschieden. [Anm.: 1995 42%, nicht berücksichtigt die Kinder aus nichtehelichen Beziehungen] Jährlich sind mindestens 100.000 Kinder von der Scheidung ihrer Eltern betroffen.
Sprecherin: Nach der Scheidung der Ehe ihrer Eltern hat nach Angaben des Bundesjustizministeriums - basierend auf einer Untersuchung aus dem Jahre 1985 - mehr als die Hälfte der Kinder nach einem Jahr keinen Kontakt mehr zu ihren Vätern.
2. Sprecher: Ein Kind kennt immer seine Eltern, auch wenn es sie nie gesehen hat. Es IST seine Eltern und seine Großeltern.
Sprecher: Wie mag es in den Seelen der Kinder aussehen, die von ihren Müttern gezwungen werden, ihre Väter aufzugeben? Ohnmächtig dem Geschehen ausgeliefert, werden sie sich meist erst als Pubertierende oder als Erwachsene zu Wort melden können.
Sprecher: Die Gewalt, von Erich Fried
2. Sprecher:
"Die Gewalt fängt nicht an,
wenn einer einen erwürgt.
Sie fängt an wenn einer sagt: "Ich liebe dich: Du gehörst
mir!"
Sprecher: Viele Väter, ob nichtehelich oder eheliche, ob Trennungs-oder Scheidungsväter, zerbrechen daran, daß sie ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen. Für die Selbstmorde aus diesen Gründen gibt es keine zuverlässige Statistik.
Sprecherin: Laut einer Studie der Universität Hamburg aus dem Jahre 1987 sollen dort 80% der Selbstmorde mit seelischen Problemen nach Trennung und Scheidung im Zusammenhang gestanden haben. Auch wissen wir nicht zuverlässig, wieviele der Väter, die man des Kontakts zu ihren Kindern beraubt hat, in psychosomatischen Kliniken landen, dem Alkohol verfallen oder in Depressionen versinken.
Sprecher: Aus einzelnen Schicksalen aber weiß man: Mit den Kindern raubt man den Vätern einen Teil ihres Selbst und oft das Herzstück ihrer sozialen Bezüge. Mit dem Kind, das ihnen genommen wird, geht eine ganze Welt verloren. Die Väter fühlen sich beraubt, mißbraucht und seelisch verkrüppelt. Die Not alleinerziehender Mütter ist in den Medien und in der öffentlichen Meinung präsent, Väter ohne Kinder dagegen werden tunlichst übersehen. Man schweigt sich über sie aus.
O-Ton Willi Butollo: "Es ist so, daß ich sehr viel gearbeitet habe mit Gruppen von Vätern, die sich zusammengeschlossen haben, weil sie ausgegrenzte Väter waren. Und es ist unglaublich, was für ein Jammer und was für eine Pein in diesen Gruppen evident wird."
Sprecher: Sagt Willi Butollo. Butollo ist Vater von acht Kindern, Therapeut und Professor für Klinische Psychologie an der Universität München. In seinem poetischen, aufklärerischen Buch Die Suche nach dem verlorenen Sohn - von der Lebendigkeit des Totgeschwiegenen erzählt er von der Sehnsucht ausgegrenzter und totgeschwiegener Väter nach ihren Kindern und von ihrem Leid, das er auch aus eigener Erfahrung und aus der therapeutischen Praxis kennt.
O-Ton W. Butollo: "Die Gesellschaft und das Bild des Mannes und des Vaters in der Gesellschaft ist zu negativ, als daß hier in der Öffentlichkeit eine Bereitschaft wirklich bestehen würde, diese Not der Väter zur Kenntnis zu nehmen. Das wird dann in die Richtung von verweichlicht oder abhängig oder was immer hingeschoben."
Sprecher: Ausgegrenzte Väter - welcher Rechtskategorie auch immer - sind vergessene Väter. Das Bild des flüchtigen, verantwortungslosen Vaters prägt die öffentliche Meinung. Ausgegrenzte Väter werden bestenfalls als Ausnahmerscheinung angesehen.
O-Ton Anja Zahlmann: "Als Ausnahmeerscheinung kann man das sicherlich nicht bezeichnen."
Sprecher: sagt die Psychologin und Gutachterin bei über 30 Familiengerichten und Vormundschaftsgerichten, Anja Zahlmann.
O-Ton: "In meinem beruflichen Alltag erlebe ich es es immer wieder als Sachverständige, daß ich es gerade mit solchen Fällen zu tun hab', wo Väter häufig schon seit mehreren Jahren ihre Kinder nicht sehen konnten. Die gehen dann irgendwann vor Gericht, um sich dieses Recht auf Umgang mit ihren Kindern wieder zu erstreiten. Und das Problem ist häufig, gerade wenn der Kontakt dann schon seit mehreren Jahren abgebrochen war, diese Kontakte überhaupt wieder einzuleiten. Ich erlebe immer wieder Fälle, in denen eben diese Strukturen, diese Gesetzgebung, die vorhanden ist, dazu führt, ja daß Väter dem - eigentlich unserer Gesetzgebung - gnadenlos ausgesetzt sind. Daß sie über Jahre ihre Kinder nicht sehen können. Kinder haben häufig gar keine Möglichkeit, ein eigenes Sprachrohr zu haben, das heißt: Wenn da eben nicht die Mutter oder der Vater vor Gericht geht, um ihre Rechte einzuklagen, dann tut es in der Regel niemand. Das Jugendamt, das ja nach dem KJHG eigentlich dazu aufgefordert wäre, die Interessen der Kinder zu vertreten, ist häufig damit überfordert.
Und wenn ich dann als Sachverständige zum Beispiel in die Verfahren hineinkomme, ist es immer so, daß mir ein Elternteil erzählt: Das Vertrauen zum Jugendamt habe ich längst verloren."
Sprecher: Die Jugendämter, die im juristischen Streitverfahren ums Kind gehört werden müssen, sind nach der Erfahrung beteiligter Väter nach wie vor mütterzentrierte Institutionen. Was Mutter sagt, gilt, obwohl das sehr fortschrittliche KJHG, das Kinderjugendhilfegesetz aus dem Jahre 1991, den Jugendämtern alle gesetzlichen Mittel in die Hände gibt, zum Schutze der Kinder zu intervenieren und nicht zum vorgeblichen Schutze der Mütter. Von Ausnahmen, von Einzelkämpfern und Einzelkämpferinnen mal abgesehen, scheinen die allermeisten Jugendämter vor allem die Unart der einseitigen Parteinahme zu pflegen:
O-Ton Heiner Szubries: "Ja, mein Name ist Heiner Szubries, ich bin 31, ich komme aus Kleve. Ich bin gelernter Steinbildhauer und studiere Kunst in Münster. Ich habe einen viereinhalbjährigen Sohn, Phillip. Den hab' ich nach zwei Jahren, knapp zwei Jahren, das erste Mal sehen dürfen. Es handelt sich um ein nichteheliches Kind. Und es ist so gewesen, daß die Mutter zwei Tage vor der geplanten Hochzeit - die war wegen der Schwangerschaft geplant - mich verlassen hat. Ich hab' dann -ja- zunächst mal in einer Situation gesteckt, daß ich traurig war über die Trennung. Und hab' dann bald nach der Geburt des Kindes erfahren müssen, daß ich selber völlig rechtlos bin. Hab' dann also auf schmerzhafte Weise meine Ohnmacht erleben müssen, eine ganz wichtige Erfahrung, so zum Beispiel das erste Gespräch auf dem Jugendamt, wo man dann hinzitiert wird, in der Erwartung auch, daß da Leute sitzen, die einem irgendwie helfen werden... Na, ja, vorm Jugendamt war die Enttäuschung riesengroß. Ich hab' da mich völlig fehlverstanden gefühlt. Und bin also so in die Pfanne gehauen worden. Es war - gnadenlos."
Sprecher: Nachdem er in einem nahezu zwei Jahre dauernden Verfahren durch die Mühlen von Ämtern und Gerichten gepreßt worden ist, kommt es zwischen Heiner und der Mutter seines Kindes zu einer Annäherung: Alle zwei Monate darf er nun sein Kind einen Nachmittag lang sehen. In den Zeiten dazwischen legt Heiner Fotoalben an, die seinen Alltag beschreiben. Damit sein Kind weiß, was er macht, wie er lebt und es ihn nicht vergißt.
O-Ton "Die geltende Rechtsordnung trägt ja unmittelbar dazu bei, daß die vorhandenen Konflikte potenziert werden."
Sprecher: Der 1937 auf Kreta geborene Wassilios E. Fthenakis ist Professor für Familienpsychologie und Entwicklungsforschung. Seit 1973 leitet er das Münchener Institut für Frühpädagogik und Familienforschung. Ihm verdanken wir das akribische zweibändige wissenschaftliche Standardwerk zur internationalen Väterforschung mit dem Titel Väter. Sein Einsatz seit Anfang der achtziger Jahre, seine Publikationen und seine Fortbildungen haben u.a. bewirkt, daß bei Jugendämtern und Gerichten im Münchener Raum, wie auch an anderen Stellen der Republik, teilweise schon bessere Zeiten angebrochen sind. Wassilios E. Fthenakis ist auch dabei, Kindergruppen einzurichten, in denen Kinder vor der Egozentrik ihrer streitenden Eltern Schutz suchen können. Eine sinnvolle Hilfsmaßnahme, die aber nicht ausreicht, da das Übel im Gesamtsystem zu finden ist.
O-Ton E. Fthenakis: "Wenn also Reduktion bei den Konflikten im Interesse des Kindes angestrebt wird, ist zunächst mal die Frage aufzuwerfen: Welche strukturellen Aspekte bewirken und verstärken solche Konflikte. Die müssen eliminiert werden. Wenn diese strukturellen Veränderungen vollzogen werden, dann hilft es, wenn wir den Familien rechtzeitig - und zwar präventiv, Hilfen zukommen lassen, wie man mit Konflikten umgeht - und nicht abwarten dürfen, bis die Konflikte ein solches Ausmaß erreicht haben, daß bereits schon die Konsequenzen bei der Entwicklung des Kindes sichtbar geworden sind. Die Jugendämter , die bislang restaurative Arbeit geleistet haben, können durchaus ein solches freiwilliges - auf Prävention ausgerichtetes - Konzept entwerfen. Solche Konzepte sind bereits in Entwicklung."
Sprecher: Bei dem einen Jugendamt wird einem Vater geholfen. Bei dem anderen Jugendamt wird er niedergemacht. Der eine Richter gesteht Besuchsrecht zu. Quasi auf dem gleichen Flur, nur eine Tür weiter, verweigert der Richter - bei ähnlicher Fallkonstellation - Kontakte von Vater und Kind. Und alles wird geregelt und begründet mit dem diffusen juristischen Begriff "Kindeswohl", den jeder Richter quasi nach Gutdünken und nicht selten ohne Tatsachenprüfung den Wünschen der ausgrenzenden Mütter folgend, auslegen kann. Nur wenige Richter scheinen es gelernt zu haben, "Kindeswohl" von den Bedürfnissen des Kindes her zu definieren. Die Psychologin Anja Zahlmann:
O-Ton A. Zahlmann: "Die Verweigerung eines Vaters, der Interesse an seinem Kind hat, an einer lebendigen Beziehung, ist sicher eine der größten Grausamkeiten, die man Kindern für eine gesunde Entwicklung antuen kann. Wie ich sagte, das hat ganz viel damit zu tun, wie Kinder später selber Partnerschaft leben. Das hat auch viel damit zu tun, was für ein Männerbild Kinder entwickeln. Da kann man dann auch noch mal differenzieren, was bedeutet es für ein Mädchen, diese Identifikationsfigur Vater zu verlieren, gerade als Liebesobjekt, wichtig gerade im Alter vier, fünf, sechs Jahre, wo Väter ganz stark Liebesobjekte sind, dann aber auch in der Pubertät, wenn es drum geht, sich gegenüber dem anderen Geschlecht abzugrenzen und diese Konflikte auszutragen. Auf der anderen Seite eben die Jungen, die in ihren Vätern ja auch die Vorbilder sehen. Und ich denke, es ist sehr unredlich, wenn die Feministinnen dahergehen und sagen: Das ist gleichzusetzen. Also 'ne Mutter ist genau für Tochter wie Sohn gleichbedeutend an erster Stelle wichtig, die Väter spielen per se eine zweitrangige Rolle. Das kann ich aus der Erfahrung meiner Familien, die ich kenne, so nicht sagen, so pauschal."
O-Ton E. Fthenakis "Das sehr konsistente Ergebnis der internationalen Forschung auf diesem Gebiet besagt folgendes: Daß die gesunde Entwicklung des Kindes nach Trennung und Scheidung unmittelbar auch mit dem Fortbestand der Beziehung des Kindes zu dem außerhalb lebenden Elternteil zusammenhängt. Zweitens, daß dieser außerhalb lebende Elternteil Erziehungsverantwortung für dieses Kind - ähnlich wie der Sorgeberechtigte - wahrzunehmen hat. Und von daher gesehen ist jede Art der Intervention im Sinne eines richterlichen Urteils oder eine Intervention des Jugendamtes, die gegen diese Prinzipien verstößt, de facto gegen das Kind gerichtet."
2. Sprecher
"Wir kommen weit her, liebes Kind,
und müssen weit gehen - keine Angst alle sind bei Dir,
die vor Dir waren Deine Mutter, Dein Vater und alle,
die vor ihnen waren - weit weit zurück, alle sind bei Dir,
keine Angst, wir kommen weit her und müssen weit gehen, liebes Kind
O-Ton Felicitas Lehmann "Das könnte man generell zu dem Punkt sagen der nichtehelichen Väter..., weiß die Psychologin der Familienberatungsstelle der Caritas Münster, Felicitas Lehmann, aus Erfahrung."
O-Ton Lehmann "Ein Kind hat sicherlich ein Recht auf unversehrte Beziehung. Es geht nicht darum, bestehende Beziehungen zu zerstören, Ehen zu zerstören, um dem Kind einen Zugang zum nichtehelichen Vater zum Beispiel zu geben. Es geht darum, dem Kind die Möglichkeit zu geben, mit all' den Menschen, die für sein Leben Bedeutung haben, eine gute Beziehungen zu halten. Und das fordert natürlich von den Erwachsenen, daß die untereinander erwachsen miteinander umgehen, also daß die auch nicht ihre Vergangenheit leugnen. Daß die Mütter zum Beispiel auch nicht für sich aus ihrem Leben den nichtehelichen Vater rausstreichen, denn durch ihr Kind existiert er immer noch. Sie müssen lernen, erwachsen damit umzugehen, ja."
2. Sprecher "Ein Kind kennt immer seine Eltern, auch wenn es sie nie gesehen hat. Es IST seine Eltern und seine Großeltern."
Sprecher Eine Neudefinition von Familie als ein schützenswertes Bindungs-und Beziehungsgeflecht, das von den Bedürfnissen des Kindes her gesehen werden muß, unabhängig von der Rechtsform, in der Mutter und Kind leben, verweigert die konservative Richterschaft. Der Entscheidungs- und Ermessensspielraum von Richtern ist vom Grundgesetz aus geschützt, die richterliche Unabhängigkeit und Objektivität sind aber bloße Fiktion, da jeder Richter mit einer eigenen Biografie und seinem ganz persönlichen Weltbild ausgestattet ist und - auch urteilt. Entwicklungspsycholgie, Kindespsychologie, konfliktentschärfende Gesprächsführung z. B. finden innerhalb der juristischen Richterausbildung nicht statt. Und was ist mit der beruflichen Weiterbildung von Familien-und Vormundschaftsrichtern?
O-Ton Willutzki "Ein Angebot ist vorhanden. Nur haben wir bei uns in der Justiz leider keine obligatorische Fortbildung, sondern wir stellen es jedem Richter frei, ob er an einer Fortbildung teilnimmt oder nicht. Und das führt dazu, daß nach meiner Beobachtung in weiten Bereichen der Justiz die Fortbildung von vielen Richtern nur unzureichend angenommen wird. Im Klartext: Es gehen eigentlich regelmäßig zur Fortbildung nur diejenigen, die es eigentlich am wenigsten brauchen, weil sie schon von sich aus sich für die Probleme engagieren."
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