paPPa.com summt mit:
Hallo, mein Schatz, ich liebe Dich !
Du bist die einzige für mich !
Die anderen find ich alle doof,
deswegen mache ich Dir den Hof.
Du bist so anders, ganz speziell,
ich merke sowas immer schnell.
Jetzt zieh Dich aus und leg Dich hin,
weil ich so verliebt in Dich bin.
Gleich wird es dunkel, bald ist es Nacht,
da ist ein Wort der Warnung angebracht:
Männer sind Schweine.
Traue ihnen nicht, mein Kind.
Sie wollen alle das Eine,
weil Männer nun mal so sind.
Ein Mann fühlt sich erst dann als Mann,
wenn er es Dir besorgen kann.
Er lügt, daß sich die Balken biegen,
nur um Dich ins Bett zu kriegen.
Und dann am nächsten Morgen
weiß er nicht einmal mehr, wie Du heißt.
Rücksichtslos und ungehemmt,
Gefühle sind ihm völlig fremd.
Für ihn ist Liebe gleich Samenverlust.
Mädchen, sei Dir dessen stets bewußt !
Männer sind Schweine,
frage nicht nach Sonnenschein.
Ausnahmen gibt´s leider keine.
In jedem Mann steckt doch immer ein Schwein.
Männer sind Säue.
Glaube ihnen nicht ein Wort.
Sie schwör´n Dir ewige Treue
und dann am nächsten Morgen sind sie fort.
Yeah, yeah, yeah ...
(Filmtext-Einblendung: "Männer? Diese schrecklichen haarigen Biester? Die einen immer antatschen müssen? Und dabei wollen sie alle nur das selbe von einem Mädchen!")
Und falls Du doch den Fehler machst
und Dir nen Ehemann anlachst,
mutiert dein Rosenkörper Dir bald
nach der Hochzeit auch zum Tier.
Doch zeigt er dann sein wahres Ich,
ganz unrasiert und widerlich:
Trinkt Bier, sieht fern und wird schnell fett
und rülpst und furzt im Ehebett
- dann hast Du King-Kong zum Ehemann,
drum sag ich Dir, denk bitte stets daran:
Männer sind Schweine.
(Chor: Miese Schweine ... fiese Schweine ... fette Schweine ... dumme
Schweine)
Traue ihnen nicht, mein Kind.
Sie wollen alle nur das Eine,
für wahre Liebe sind sie blind.
Männer sind Ratten.
(Chor: Bullenschweine ... miese Schweine ... linke Schweine)
Begegne ihnen nur mit List.
Sie wollen alles begatten,
was nicht bei 3 auf den Bäumen ist.
Männer sind Schweine
(Chor: Nazischweine ... geile Schweine ... blinde Schweine)
Frage nicht nach Sonnenschein.
Ausnahmen gibt´s leider keine,
in jedem Mann steckt doch ein Schwein.
Männer sind Autos, nur ohne Reserverad.
(Chor: Wir wollen keine ... Bullenschweine)
Yeah, yeah, yeah.
Psychologin: Ja, Männer sind nun mal so
HOLLYWOOD - "Männer sind Schweine" singen "Die Ärzte" - und die US-Psychiaterin Carole Lieberman gibt ihnen recht: "Männer beißen, betrügen, brauchen Gewalt. Schuld daran sind Männlichkeitswahn, Geltungsbedürfnis und Ödipuskomplex." In ihrem Buch "Bad Boys" warnt die Ärztin vor den sieben gefährlichsten "Böse-Buben-Typen":
"Der böse Wolf": Ein zwanghafter Flirter und Schürzenjäger, der ständig beweisen will, daß er ein richtiger Mann ist. Beispiel: Erfolgsregisseur Dieter Wedel ("König von St. Pauli"), US-Star Jack Nicholson ("Besser geht's nicht"). "Sie lassen sich gern mit schönen Frauen sehen, nehmen es aber mit der Treue nicht so genau", so die Psychologin.
"Der grandiose Träumer": Er erreicht viel, hat aber im Herzen Angst davor, eine Frau zu nah an sich ranzulassen. Beispiel: Dieter Bohlen. Scheidung nach nur vier Wochen Blitzehe mit Verona Feldbusch. Jetzt darf die brave Dauerfreundin Naddel wieder ran.
"Mißverstanden und verheiratet": Zu diesem Typ gehört US-Präsident Bill Clinton. Früh erwachsen, dann eine resolute Ehefrau - und jetzt glaubt er, das Leben schulde ihm noch etwas.
"Der heiratskranke Monarch": Er heiratet entweder gar nicht oder andauernd. Beispiel: Schauspieler Volker Brandt ("Tatort"). Zweimal geschieden, erlebt er derzeit seinen "zweiten Frühling" mit seiner Geliebten Susanne. Rekord: CNN-Starmoderator Larry King, der gerade zum verflixten siebten Mal sein Ja-Wort gab.
"Der verwundete Poet": Ein künstlerischer Typ. Er will, daß die Frau hinter seine Fassade in sein Innerstes blickt. Beispiel: Götz George ("Schtonk"). Unter der harten Schale steckt ein weicher Kern.
"Der Mysteriöse": Er verbirgt etwas. Das könnte seine sexuelle Neigung sein, eine andere Frau oder daß er in Wahrheit gar nicht soviel Geld hat, wie er vorgibt. Beispiele: Prinz Albert von Monaco, US-Star Rock Hudson ("Giganten").
"Der schwarze Prinz": Er wickelt Frauen mit seinem Charme um den Finger. Sobald er eine am Haken hat, wird er jedoch extrem besitzergreifend. Beispiel: Macho Heiner Lauterbach ("Männer"). Zitat: "Ich bin eifersüchtig und unter Umständen auch jähzornig. Wenn ein Blick zwei Sekunden länger dauert, kann ich schon den Affen rauslassen."
DER SPIEGEL 24/1998 vom 8. Juni 1998; S. 82-83
GESCHLECHTERKAMPF
"Sanft und rücksichtslos"
Die Berliner Erfolgsband Die Ärzte über ihren Hit "Männer
sind Schweine", Punk und Protestsongs
Die Ärzte mit Lara Croft (AP)
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SPIEGEL: Seit Wochen ist Ihre Single "Männer sind Schweine" auf Platz eins der Hitparade. Ist das Lied die neue Hymne der Frauenbewegung?
Urlaub: Keine Ahnung. Aber von ein paar unserer Fans habe ich folgenden Erklärungsversuch für den Erfolg gehört: Feministinnen kaufen die Single, weil sie Männer für Schweine halten, und Männer kaufen sie, weil sie gerne Schweine sein wollen.
Bela B.: Mit der simplen und wahren Botschaft des Liedes kann sich jeder identifizieren.
SPIEGEL: Beruht der Text auf weiser Selbsterkenntnis?
Urlaub: Die Zeile "Männer sind Schweine" ist mir im Urlaub eingefallen. Es gab kein Schlüsselerlebnis. Ich habe nicht auf den Tisch gehauen und gesagt, so, jetzt zeige ich es den Männern aber. Ich habe das Stück den anderen beiden vorgespielt, und sie haben sich in einigen Passagen wiedererkannt. Dann war schnell ein Konsens da, daß das die erste Single wird. Ich selbst hatte große Bedenken, weil das kein typischer Punkrocksong der Ärzte war, eher so ein Motown-Stück. Die Sache fing an, komisch zu werden, als das Stück sofort im Radio gespielt wurde. Früher wurden uns die Singles nicht gerade aus den Händen gerissen.
SPIEGEL: Und wie reagierten die Hörer?
Urlaub: Wir haben empörte Anrufe und Faxe bekommen. Ein wütender Familienvater hat bei einem Kölner Fernsehsender angerufen und gesagt: "Ich erziehe zwei Kinder, was sollen die jetzt von mir als Mann denken?" Mit solchen Reaktionen hatte ich überhaupt nicht gerechnet.
SPIEGEL: In den achtziger Jahren sind Sie mit härteren Provokationen bekannt geworden. In "Geschwisterliebe" haben Sie den Inzest besungen - und die Platte wurde indiziert.
Urlaub: Das war nicht großartig, sondern sehr, sehr unangenehm. Nachdem die Polizei anfing, die Plattenläden zu durchsuchen, schickten alle Händler aus Angst ihre Platten zurück. Die Chefetage unserer Plattenfirma distanzierte sich von uns - dabei waren die die einzigen, die den Song schon vorher gehört hatten. Im Radio wurde nichts mehr von uns gespielt. Die dachten sich: Wer weiß, vielleicht ist das ja ein verbotenes Stück. Und keiner wollte mehr, daß wir irgendwo Konzerte geben. Die Medien wollten nichts von uns wissen, und wenn wir mal einen seltenen TV-Auftritt hatten, wurde uns eingeschärft, nicht über die Indizierung zu sprechen.
SPIEGEL: Heute wären Sie mit dem Thema in jeder Talkshow.
Urlaub: Logisch, aber das war 1986/87, da hatten alle Angst.
Bela B.: Wenn man damals "ficken" im Radio sagte, kamen 120 empörte Anrufe. Wir reden von einer Zeit, als Bayern überall war.
Urlaub: Eine amerikanische Organisation, die weltweit Fälle von Zensur registriert, hat uns damals mitgeteilt, wir seien die meistindizierte Band der westlichen Welt. Aber nicht wegen Gewaltverherrlichung oder so, nein, wegen kindischer Ferkeleien. Unsere Texte waren lustig, aber kindisch, und meiner Meinung nach entschuldigt wegen Unschuld.
SPIEGEL: Ganz so schlimm kann es nicht gewesen sein - schließlich hatten Sie trotzdem eine Menge Erfolg in den Achtzigern: weil Sie Ihre Neigung zu Schmuddeleien bezähmten?
Bela B.: Gar nicht. Irgendwann haben mehr Leute von der Indizierung erfahren, und dann sind wir im nachhinein Helden geworden. Wenn die Eltern dagegen sind, sind die Kinder dafür. Aber die Strecke durchzuhalten war hart. Wir haben die Songs alle auf eine CD gepackt, die wir "Ab 18" genannt haben. Und die wurde dann auch indiziert.
SPIEGEL: Auch wenn sich jetzt einige wenige über "Männer sind Schweine" erregen - ist es in einer Zeit der tagtäglichen Vertalkung von Geschwistersex und Sodomie nicht sehr schwierig geworden, überhaupt noch zu provozieren?
Urlaub: Das stimmt.
Bela B.: Wir versuchen es trotzdem. Mir machen Geschmacklosigkeiten Spaß.
SPIEGEL: Verstehen Sie sich immer noch als Punks?
Gonzales: Klar.
SPIEGEL: Punks sind heute Menschen, die an Straßenkreuzungen für 50 Pfennig Windschutzscheiben sauberschrubben.
Urlaub: Machen wir auch, nur für mehr Geld.
Bela B.: Neulich habe ich drei von diesen Scheibenwischern im Auto mitgenommen. Drei Jungs aus Polen. Einer hatte einen Irokesenschnitt und zwei bunte Haare. Wir sind ein paar hundert Kilometer zusammengefahren. Von meinen Punkkassetten hatten sie ganz schnell die Schnauze voll. Dann haben sie mir genervt eine Rotterdam-Technokassette gegeben. Aber für mich ist Punk vor allem eine Grundeinstellung.
Urlaub: Unsere musikalischen Wurzeln liegen im Punk. Das ist halt die Musik, die wir damals gehört haben und die leicht nachzuspielen war. Pink Floyd hätten wir nicht nachspielen können. Wir hatten weder Synthesizer noch tausendköpfige Chöre. Live klingen wir immer noch nach Punk, aber auf Platte wird das auf Dauer langweilig.
Bela B.: Wir haben eine anarchistische Grundeinstellung: Wir machen, was wir wollen.
Urlaub: Wenn man Punk so definiert: Du mußt in einem besetzten Haus wohnen, und dein Nettoeinkommen darf fünf Mark pro Tag nicht übersteigen, dann sind wir wohl keine Punks.
SPIEGEL: Auf Ihrem aktuellen Erfolgsalbum "13" gibt es einen Protestsong gegen Protestsongs. Wen meinen Sie damit? Bettina Wegner und die Bots sind doch längst im Ruhestand.
Bela B.: Der Protestsong hat sich über die Jahre sehr verändert. Heute hat der Protestsong bunte Klamotten an und steht auf riesigen Open-air-Bühnen mit erhobenen Fäusten ...
Urlaub: ... und mit großem Weltschmerz im Gesicht ...
Bela B.: ... und sagt: Macht mal was, ihr da.
SPIEGEL: Wen meinen Sie?
Bela B.: Diese Künstler, die sich zu jeder Platte ein Thema aussuchen, das betroffen macht. Zur Zeit wäre das wohl Kindesmißbrauch.
SPIEGEL: In Wahrheit haben Sie selbst auch schon protestsongartige Werke veröffentlicht - was ist das 1993 veröffentlichte Anti-Nazi-Lied "Schrei nach Liebe" anderes?
Urlaub: O ja, das war unser erstes politisches Lied. Früher haben wir nur über dicke Frauen und Zitroneneis gesungen. Dann gab es uns fünf Jahre nicht, und da ist eine Menge passiert. Natürlich gab es in den achtziger Jahren auch ein paar Neonazis, einige kamen sogar zu unseren Konzerten, aber das Klima hat sich drastisch verändert.
SPIEGEL: Was wollten die ausgerechnet beim Auftritt einer Berliner Punkband?
Urlaub: Wir haben uns schon bei unserer Gründung 1982 dafür entschieden, deutsch zu singen, und das hat erstaunlich viele von diesen Vollidioten angezogen. Die lieben ihre heilige Muttersprache.
Bela B.: Wir mußten deshalb ein deutliches Statement abgeben. Nach dem Lied haben wir eine Menge Haßpost bekommen, "Euch müßte man aufhängen" und so was. Wir kommen aus der Punkszene, da ist es nötig, sich abzugrenzen. Das Problem haben Grönemeyer, Westernhagen und Pur nicht. Bloß weil Pur noch kein Lied gegen Neonazis gemacht hat, käme doch nie einer auf die Idee, daß die ein rechtes Publikum haben könnten. Die haben nur die betroffenen Schlaffis.
SPIEGEL: Was haben Punks mit Nazis zu tun?
Bela B.: Der Sex-Pistols-Bassist Sid Vicious hat ein Hakenkreuz-T-Shirt getragen. Die Symbole wurden toleriert, weil sie provozierten. Als ich 15 oder 16 Jahre alt war, fand ich Hippies auch schlimmer als Nazis. Das hat sich geändert.
Urlaub: In Düsseldorf hat mal ein Punkrocker in der ersten Reihe die Hand zum Hitlergruß erhoben. Schlagartig wurden alle ruhig. Der gesamte Saal hat ihn angestarrt. Und ganz schnell wurde aus der ausgestreckten Hand eine Faust. Wir sind vor Lachen umgefallen.
SPIEGEL: Protest gegen rechts ist erlaubt, aber ansonsten tun die Ärzte lieber nichts für eine bessere Welt?
Urlaub: Wir wollen nicht bei jeder Protestaktion aufrecht unser Fähnchen schwenken. Wir sind keine uneingeschränkt guten Menschen. Aber ich bin Kleinstunterstützer von Greenpeace.
SPIEGEL: Warum nur ein Mini-Engagement?
Urlaub: Ich halte andere Sachen für unterstützenswerter.
Bela B.: Die Bank, zu der du dein Geld trägst, zum Beispiel. Aber im Ernst: Wir tun privat eine ganze Menge, aber so was bleibt - wie schon gesagt - privat. Wir tragen unseren Heiligenschein nicht öffentlich.
SPIEGEL: Bei welcher Bank sind Punks wie die Ärzte?
Urlaub: Auf keinen Fall bei der Deutschen Bank. Aber mit denen habe ich meine erste Aktion als Kapitalist durchgezogen: Da bin ich hingegangen, hab' ganz viel Geld auf ein Konto getan, es nach einem Monat wieder abgeholt und gesagt: weil ich eure Politik zum Kotzen finde. Da kam sofort der Filialleiter aufgeregt angerannt und meinte, das können Sie doch nicht tun. Na logisch konnte ich.
Gonzales: Dann hat er sein Geld zur Commerzbank getragen.
Urlaub: Genau. In Wahrheit haben wir geheime, subversive Pläne, sämtliche Regierungsformen abzuschaffen. Oder so. Ich glaube, daß wir mit unserer abstrusen Art, zu singen, zu musizieren und Texte zu schreiben, andere dazu motivieren, selber etwas zu machen. Vor allem, wer uns live sieht, denkt: Das kann ich auch.
SPIEGEL: Wieso hat die, wie Sie sich selbst nennen, "beste Band der Welt" 16 Jahre gebraucht, bis sie einen Nummer-eins-Hit hatte?
Urlaub: Erstens gab es uns zwischen 1988 und 1993 nicht, es sind also nur 11 Jahre. Und zweitens, weil das nicht unser Ziel war. Klar, Platten zu verkaufen ist klasse, aber wenn einen jeder kennt und gut findet, ist das nicht mehr so richtig Punkrock.
Gonzales: Das Studium satanischer Riten hat etwa zehn Jahre gedauert. Erst vor kurzem gelang mir die Kontaktaufnahme mit Luzifer, der diese Nummer eins möglich machte.
Bela B.: Es ist schon absurd, daß Modern Talking und Falco, über die wir uns in "Radio brennt" lustig gemacht haben, jetzt hinter unserem Stück "Männer sind Schweine" in den Charts stehen.
Urlaub: Das ist der Triumph.
SPIEGEL: Den Softie der achtziger Jahre hat Grönemeyer in "Männer" besungen. Wie definieren Sie den neuen Mann der neunziger? Hart wie Markus Schenkenberg? Sensibel und verständnisvoll wie Roger Willemsen?
Urlaub: Sanft, einfühlsam, mit guten Manieren - aber rücksichtslos.
Bela B.: Gutaussehend, körperbetont und doch bescheiden.
Urlaub: Gebildet ...
Bela B.: ... ohne mit seinem Wissen zu protzen. Knallhart, aber auch irgendwie zerbrechlich.
Gonzales: Kurz gesagt: So wie wir.
DER SPIEGEL 24/1998 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags
DER SPIEGEL 24/1998 vom 8. Juni 1998; S. 80/81:
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Aber lieb sind sie doch "Männer sind Schweine": Mit der Botschaft ihres jüngsten Hits hat die Berliner Punkband Die Ärzte offenbar den Nerv der Zeit getroffen. Der deutsche Mann ringt um Selbsterkenntnis - und um Argumente, warum man ihn dennoch gern haben kann. Von Reinard Mohr Im März 1992 war der deutsche Sinnsucher ernsthaft mit sich selbst beschäftigt. In einer Anzeige der "Deister- und Weserzeitung" hieß es: "Am Sonnabend um 20 Uhr trifft sich die Ottensteiner Männerselbsthilfegruppe. Martin referiert zum Thema: ,Wir ribbeln uns einen Rentierpullover'. Anmeldung bei Kai. Traut Euch!" Bald darauf steuerte Rudolf Scharping sanft auf die Kanzlerkandidatur der SPD zu, und Thomas Gottschalk besetzte endgültig die Planstelle für Deutschlands Berufssoftie Nummer eins. Kaum fünf Jahre später dröhnt es wie eine Fanfare des Zeitenwechsels aus allen Radiokanälen: "Männer sind Schweine / Traue ihnen nicht, mein Kind / Sie wollen alle das eine / Weil Männer nun mal so sind." Da ist von Rücksichtslosigkeit und Ungehemmtheit die Rede, von gemeiner Lüge, roher Gefühllosigkeit und häßlichem Sexismus: "Ein Mann fühlt sich erst dann als Mann, wenn er es dir besorgen kann." Doch die gnadenlose, durch nichts gemilderte Absolutheit der Botschaft, die die Berliner Punkgruppe Die Ärzte musikalisch provozierend, weil gefällig verpackt, der Pop-Republik überbringt, trifft auf begeisterte Zustimmung des Publikums: Männer wie Frauen, Chefs wie Sekretärinnen und selbst vom langen Kampf leicht ermattete Feministinnen nicken im Takt. Das Lied vom bösen geilen Mann jenseits aller Moral, eine Art triumphaler Selbstbezichtigung, ist der Hit der Saison, seit acht Wochen an der Spitze der Charts, bislang fast eine Million mal verkauft. Haben also all die Männergruppen umsonst getagt, gestrickt und geribbelt? Soll das die neue Ehrlichkeit sein? Oder beginnt hier und jetzt das zynische Viagra-Zeitalter, ein atavistischer Rückfall ins patriarchalische Pleistozän - Al Bundy statt Alice Schwarzer? Ist es ein Zufall, daß gerade jetzt Gerhard Schröder und Joschka Fischer, beide eher unbeeindruckt von 30 Jahren feministischer Kritik, zur Regierungsmacht streben? Könnte nicht auch die spektakuläre Rückkehr von Rauhbein Lothar Matthäus in die deutsche Fußballnationalmannschaft ebenso wie das unheimliche Comeback von Old Knitterface Dieter Bohlen mit Modern Talking ein Signal für die Wiederkunft des alten Mackers sein? Eines Typs, der vor allem darauf aus ist, Frauen "einen Einlauf zu verpassen" (Woody Allen), um sich dann wieder in aller Ruhe der WM oder der Kalfaterung des Segelboots widmen zu können? Schon Friedrich Nietzsche sagte: "Das Weib erfüllt, der Mann verheisst." Durch den Mann, so der klügste Chauvi der jüngeren Philosophiegeschichte, zeige die Natur, "was sie noch Alles mit dem Menschen vorhat". Was sie jedenfalls bisher zustande brachte, läßt sich gerade jetzt, im lichten, luftigen Frühsommer gut beobachten. Es ist rätselhaft, widersprüchlich, zuweilen deprimierend, aber nicht ohne Anlaß zur Hoffnung: Männer in kurzen Hosen, weißen Socken und braunen Sandalen, meist ein Bier in Griffnähe und den Blick in diffuse Fernen gerichtet; Männer wie Wolfgang, 44, die sagen: "Urlaub, gute Stimmung, Alkohol - dann kannste wie ein Stier"; solche wie Talkshow-Gast Rolf, 52, der zwar "schwanzgesteuert" durchs Leben geht, aber im Flieger nach Bangkok Geschlechtsgenossen mit einem Intelligenzquotienten ausfindig machte, "der war niedriger wie hier die Raumtemperatur". Aber auch Männer wie der Schriftsteller Robert Schneider, 36, die davon träumen, "an den Schultern einer Frau auszuruhen" und "endlich nicht mehr schreiben zu müssen", Männer wie die Pastoren Fliege und Hintze oder Regierungssprecher Otto "Ruckzuck" Hauser, denen man endlich die Traumfrau wünscht, damit sie nicht mehr über die Probleme wildfremder Leute palavern oder Deutschland stets von neuem vor dem Kommunismus retten müssen; nicht zuletzt flachgelutschte Waschbrett-Klon-Männer wie TV-Serienfuzzi Ralf Bauer oder Topmodel Markus Schenkenberg, die weder schreiben noch reden noch irgend etwas retten müssen - außer ihren Ruf, Männer zu sein. Aber "wann ist der Mann ein Mann"? Das fragte schon 1984 Herbert Grönemeyer in seinem ersten, süßsauren Smash-Hit "Männer" und versuchte eine phänomenologische Annäherung: "Männer sind schon als Baby blau, Männer sind furchtbar schlau / Männer sind einsame Streiter, müssen durch jede Wand, müssen immer weiter / Männer sind auch Menschen, Männer sind etwas sonderbar." Bertolt Brecht hatte es noch leichter: "Mann ist Mann" hieß sein Lehrstück, in dem ein Mann zum Menschenschlächter abgerichtet wird. Bei Walter Kollo hingegen blieb es wilhelminisch paradox: "Die Männer sind alle Verbrecher", sang er im Jahre 1913, aber "lieb sind sie doch". Daß man dies so nicht stehenlassen könne, meinte die Rock-Diseuse Ina Deter und forderte 1983 die revolutionäre Auflösung des romantischen Widerspruchs: "Neue Männer braucht das Land." Sie wollte, daß sich die im virilen Körperpanzer gefangenen Seelen aus ihrem "verinnerlichten Männlichkeitswahn" befreien. Der neue Mann sollte selbstkritisch sein und offen, schwach, aber auch stark, reflektiert und sinnlich, ein bißchen wie Marius Müller-Westernhagen, der damals selbstkritisch anstimmte: "Ich möchte nicht, daß jemand sieht / daß ich zitter' ganz erbärmlich / daß ich in deine Arme flieh' / Ich bin ein Mann / ein ganzer Mann." Plötzlich teilten junge Männer der Öffentlichkeit mit, wie allein und verlassen sie sich fühlten, wenn sie mit einer Frau schliefen. Nur im Kino von Wim Wenders fanden sie sich wieder, wenn der verknautschte Hauptdarsteller des am Ufer der Weser dahinplätschernden Männerfilms "Im Lauf der Zeit" auf das klassische Softie-Bekenntnis zutrieb: "Ich hab' mich immer nur einsam gefühlt in einer Frau." In der Frankfurter Sponti-Zeitung "Pflasterstrand" offenbarte sich ein Schwerstbetroffener: "Es geht um das Auseinanderfallen von unseren männlichen Vorstellungen über das Vögeln und unserer realen männlichen Vögel-Praxis." Die Frauenbewegung hatte viele Männer bis in die Grundfesten erschüttert, doch das sensibel gesuchte Neue war umstellt von Fallen und Tricks. So beobachtete der Psychologe Wolfgang Schmidbauer, daß die Konvertiten, die ihre Befreiung von der alten Macho-Rolle mit "wohlgeübtem Perfektionismus vorantreiben", zu den übelsten der Gattung gehörten - außen flokatiweich und innen hart wie alter Käse. Vielen Frauen waren die sanften Renegaten sowieso nicht ganz geheuer: "Mein Bedarf an Gesundheitsschuhlern, die im Norwegerpullover ganz leise auftreten, auf daß sich die Natur nicht erschreckt, ist gedeckt", teilte 1985 Anna im Berliner Jugendjournal "Blickpunkt" mit. Kurz: Der neue Mann kam niemals an, sondern verendete als Karikatur oder als später Yuppie. Nun standen dieselben Männer, die eben noch als "echt liebe Typen" durch die WG gelaufen waren, im schicken Hemd an der coolen Neonbar und redeten über die neuen Frauen, die eigentlich neue Girlies waren. Konstantin Wecker, der in seinem "Lied vom Mannsein" noch selbstzerknirscht gesungen hatte: "Ich bin, seit ich was von mir weiß / auf Kraft und Siegen programmiert", nahm derweil Unmengen Koks zu sich; Peter Maffay ließ alle sieben Brücken hinter sich, und Hartmut Engler reiste mit Pur ins Abenteuerland der Ikea-Generation. "Männer sind Schweine" - der Erfolg dieses subtilen Kommentars zum Zeitgeist dokumentiert den Stand der Dinge. Frei nach Carl Schmitt: Souverän ist, wer über Ironie verfügt. So ist der Mann '98 weder neu noch alt, sondern nur etwas anders als geplant: eine Synthese aus Schwein und Mensch. Er hat Humor und statistisch 129mal Sex im Jahr, aber im tiefsten Herzensgrunde ist er alles andere als ein Sex-Maniac, der den Asphaltdschungel auf der Suche nach leichter Beute durchkämmt. Jede Bänderdehnung in der Unterhose von Klinsmann, jeder Boxenstopp von Schumi ist ihm wichtiger, als ein prächtiges Schwein zu sein, das sich im Sumpf des Geschlechterkampfs suhlt. Der deutsche Mann ist ein bißchen wie Harald Schmidt, der sagt: "Die Franzosen haben vielleicht mehr Sex pro Jahr, aber wir werden bei ihnen Fußballweltmeister." Na ja. DER SPIEGEL 24/1998 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags |
Kommentar paPPa.com: Mann-O-Mann, wo sind wir hier? Wenn selbst DER SPIEGEL nicht mehr kapiert, worum es geht ... Muß man im Gleichstellungs-Deutschland jetzt wirklich überall draufschreiben: "Vorsicht: Satire !!" ? Kennt keiner die Texte von den "Ärzten", seit Jahren die einzig wahren Bewunderer des deutschen Opfer-Feminismus ...?
Die Ärzte: Hurra
(Sommer 95)
(Das Lied zur Kindschaftsrechtsreform)
Weißt Du noch, wie´s früher war?
Früher war alles schlecht - der Himmel grau, die Menschen mies - die
Welt war furchtbar ungerecht doch dann, dann kam die Wende: unser Leid
war zu Ende
hip hip hurra! Alles ist super, alles ist wunderbar
hip hip hurra! Alles ist besser, als es gestern war.
Früher waren wir alle traurig, wir weinten jeden Tag
es nieselte, wir waren oft krank - jetzt ist alles total stark
jetzt lachen immer alle und reißen ständig Witze
wir sind nur noch am Baden geh´n - wejen die Hitze
und ich find es wirklich scharf, daß ich das noch erleben darf
hip hip hurra! Alles ist super, alles ist wunderbar
hip hip hurra! Alles ist besser, als es damals war.
alle sind happy, alle sind froh
und überall wo man hinguckt: Liebe und Frieden und so
gestern ging es allen dreckig, heute geht es steil bergauf
jeder hat 6 Richtige, alle sind total gut drauf
Europa, Asien, Afrika, Australen und Amerika:
Friede, Freude, Eierkuchen, alle singen jajajaaaa
hip hip hurra! Alles ist super, alles ist wunderbar
hip hip hurra! Alles ist besser, als es damals war.
alle sind Freunde, alle sind happy, alle sind froh
und überall wo man hinguckt: Liebe und Frieden und so