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Neues Deutschland 2./3.Mai 1998
Neue Männer braucht das Land
Von Walter Hollstein
Die traditionelle Männerrolle, so stellten wir am 25. April in dem Beitrag »Dressur zum starken Geschlecht« fest, besteht aus Leistung, Härte, Macht, Distanz, Konkurrenz, Gefühllosigkeit, Kampf und Gewalt. Zunehmend haben Männer mit diesem Bild und seinen Konsequenzen selber Mühe; der Leidensdruck an der traditionellen Männerrolle wächst.
Die Geburtsstunde der neuen Männerbewegung fällt in das Jahr 1970. Damals gründeten Männer im kalifornischen Berkeley das erste Männerzentrum. Gründlich wie Männer halt sind, formulierten sie ein Manifest; darin heißt es als programmatische Kernaussage:
»Wir als Männer wollen unsere volle Menschlichkeit wiederhaben. Wir wollen nicht mehr länger in Anstrengung und Wettbewerb stehen, um ein unmögliches, und unterdrückendes, männliches Image zu erreichen - stark, schweigsam, cool, Beherrscher der Frauen, Führer der Männer, reich, brillant, athletisch und heavy ... Wir möchten uns selbst gern haben; wir möchten uns gut fühlen und unsere Sinnlichkeit, unsere Gefühle; unseren Intellekt und unseren Alltag zufrieden erleben.«
Im deutschsprachigen Raum gibt es seit etwa zehn Jahren eine Männerbewegung. Männerbewegung bedeutet im einzelnen:
1. Eine Männerliteratur, in der - zum ersten Mal seit Jahrhunderten - Männer ihre Männlichkeit reflektieren, sich Gedanken machen über sich selbst.
2. Männergruppen, in denen sich bewegte Männer treffen, um ihre eigenen Schwierigkeiten mit der traditionellen Männerrolle zu besprechen.
3. Männerzentren, die - in den großen Städten - Informationen und Beratung für Männer anbieten.
4. Männertherapien, mit denen spezifische Männerprobleme behandelt werden.
5. Männerforschung, die versucht, unsere patriarchale Geschichte und deren Folgen aufzuarbeiten.
Die Folgen der Männerbewegung
Das Epochale an dieser Männerbewegung ist unzweifelhaft, daß wir zum ersten Mal in der Geschichte über uns selber als Männer nachdenken dürfen und müssen. Das heißt - präzis gesehen -zweierlei:
Zum ersten Mal seit Jahrhunderten haben wir jetzt die Möglichkeit, unser Rollenkorsett von Macht, Härte, Erfolgszwang, Kontrolle und Pokerface zu lockern. Und zum Zweiten: Zum ersten Mal haben wir die Möglichkeit zu sehen und zu erleben, wer wir wirklich sind, statt uns nur von außen definieren zu lassen, also gesellschaftlichen Zwängen und gesellschaftlichen Erwartungen zu unterliegen.
Wenn wir zum Schluß auf die Entwicklung der Männer in Bewegung schauen, so lassen sich empirisch drei wichtige Ergebnisse formulieren: Männer erleben sich aufgrund ihrer Veränderung in einem breiteren Spektrum. Sie begreifen sich nicht mehr nur als Arbeitstiere und Karrierehengste, sondern als Menschen mit vielseitigen Bedürfnissen. Männer entwickeln aufgrund ihrer Veränderung ein neues Verhältnis zu anderen Männern. Sie betrachten die Mitmänner nicht mehr als Feind und Konkurrenten, sondern zunehmend als Freunde und Kollegen. Aufgrund ihrer Männergruppenerfahrung sind sie in der Lage, nun auch männliche Lebenswelten aufzubauen. Männer haben aufgrund ihrer Veränderung ein neues Verhältnis zu Frauen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Männlichkeit läßt Männer freier und partnerschaftlicher auf Frauen zugehen. Der Umstand, daß Männer aufgrund ihrer Männergruppenerfahrung sich eigene soziale Netze aufbauen können, entlastet überdies die Frauen von ihrer »emotionalen Fürsorgepflicht« gegenüber den Männern.
Der sukzessive Zusammenbruch traditioneller Männerrollen bringt uns Möglichkeiten, weniger eingebunden, fixiert, gepanzert und rigid zu sein; er läßt uns nicht nur farbige Hosen tragen und auf die Krawatte verzichten, sondern führt uns auch zu mehr Nachsichtigkeit, Hingabe und Verantwortung. Männer beschäftigen sich mehr mit sich selbst, werden introspektiver und lernen sich besser kennen. Sie entwickeln ein konstruktiveres Verhältnis zu Frauen, ihren Kindern und anderen Männern. Sie beginnen, Fehler einzusehen und Defizite aufzuholen. Viele von uns merken, daß es neben Beruf und Karriere noch anderes gibt, und nicht wenige schätzen dieses andere inzwischen sogar höher ein. Sicher suchen wir gegenwärtig noch vergebens nach den neuen Männern; aber wir finden zunehmend solche, die sich auf den Weg gemacht haben, sich zu verändern.
Parallel dazu wächst die Einsicht, daß haltlose Männer als Rechtsextreme, Vergewaltiger, Kinderschänder u. a. zunehmend zu einem sozialen Problem erschreckenden Ausmaßes werden. In der Tat ist die Antwort auf nicht gelungene Männlichkeit die Überkompensation von Männlichkeit. Solche Männer versuchen sich aus ihrer Verunsicherung zu retten, indem sie mit Gewalt, Vergewaltigung, Brutalität, Alkoholismus und Angeberei sich besonders männlich geben. Sie überreagieren, weil ihnen echte Männlichkeit nie gelungen ist. Deshalb werden sie zu allgemeingefährlichen Pseudomännern.
Dort, wo Männlichkeit nur fassadenhaft ausgebildet ist, nur Pose bleibt, kann auch nicht die Beziehung zur erwachsenen Frau gelingen. Männer mit brüchiger Männlichkeit haben extreme Ängste vor Frauen. Sie versagen in Beziehungen emotional und sexuell, weil sie nie gelernt haben, den erwachsenen Frauen auf erwachsene Art zu begegnen. Nur sichere Männer können sich diesem Abenteuer stellen.
Auch insofern wird deutlich, daß Männerveränderung keine bloße individuelle Aufgabe ist, sondern heute eine durchaus gesellschaftspolitische Herausforderung.
Die Veränderung der Geschlechterverhältnisse wird im öffentlichen und politischen Bewußtsein nach wie vor nur an der Lösung der Frauenfrage festgemacht. Daß es auch eine Männerfrage gibt, wird kaum thematisiert, im Gegenteil sogar häufig geradezu tabuisiert. In Wirklichkeit stagniert die Lösung der Frauenfrage, weil sich auf Männerseite wenig bewegt. Von daher sind Frauenfrage und Männerfrage eigentlich unlösbar verbunden. Wenn die Aktualität und auch die zunehmende Akzeptanz von Gleichstellung bedacht wird, ist es schon in höchstem Maße verwunderlich, daß weder Utopien der Gleichstellung noch konkrete, auf beide Geschlechter bezogene Strategien vorliegen, wie Gleichstellung tatsächlich umgesetzt und deren Folgen bewältigt werden könnten.
Quoten und Antidiskriminierungsgesetze sind zwar Drohungen, daß die traditionelle Vormachtstellung der Männer nicht bis in das dritte Jahrtausend gehalten werden kann. Aber es fehlen die Konzepte für eine Machtteilung zugunnsten der Frauen und jegliche Überlegung, wie Männern Verzichte im Bereich von Erwerbstätigkeit, gesellschaftlicher Hierarchie und Macht plausibel gemacht werden können. Ebenso gibt es keinerlei öffentliche Besinnung.darüber, was Männern als Äquivalent für ihren »Machtverzicht« angeboten werden könnte und sollte. Es reicht nicht aus, den weiblichen Zugang zur Macht zu konzeptualisieren - obwohl auch das nur partiell und halbherzig geschehen ist -, ohne die männliche Teilung der Macht mitzugestalten.
Die Forderungs- und Maßnahmenkataloge zur Gleichstellung der Geschlechter beschreiben zwar Wege der Frauenförderung, stellen aber umgekehrt keine Konzepte dar, wie männliche Herrschaftsformen abgelöst werden könne. Wenn dies überzeugend geschehen soll, muß Männern konstruktiv verdeutlicht werden, warum eine Teilung von Macht historisch vonnöten ist und welche menschlichen Vorteile sie daraus auf Dauer gewinnen können. Doch solche Konzeptionen fehlen ebenso durchgängig in der frauendominierten Gleichstellungspolitik wie Instrumentarien der Veränderung auf seiten der Männer: Es gibt weder Maßnahmen noch Förderungspläne, um Männer in den Bereichen von Haushalt, Kindererziehung und anderen »privaten« Aufgaben verstärkt anzusiedeln. Der dialektische Beitrag der Männerfrage zur Frauenbefreiung ist der offiziellen Politik bislang verborgen geblieben; jedenfalls ist er nicht politisch problematisiert worden. Im Gegensatz zu Skandinavien fehlen in Deutschland auch Konzepte zur Männerbildung; es gibt nur Frauenbildung.
Frauenfrage als Männerfrage
So ist es denn nicht verwunderlich, daß die Lösung der Frauenfrage stagniert. Solange der »Gegner« im Geschlechterkampf seine Positionen behält und als veränderungswürdiger Ansprechpartner nicht einmal wahrgenommen wird, werden Männer weiterhin blockieren, uneinsichtig bleiben und keine neuen Perspektiven für sich sehen wollen. Viele Ereignisse der letzten Monate dokumentieren dies auf schon makabre Weise; spektakulär die Quotenentscheidung des Europäischen Gerichtshofes.
Wie die sukzessiven Erfolge der Frauenpolitik in Skandinavien belegen, lassen sich Fortschritte bei der Demokratisierung der Geschlechterverhältnisse nur durchsetzen, wenn auch die Bedürfnisse der Männer berücksichtigt werden. Unser Wissen über uns, wie ich es bis zu dieser Stelle vorgestellt habe, die erwähnten Veränderungs- und Verhaltensforderungen stammen entweder direkt aus der Frauenbewegung oder zumindest indirekt aus der Auseinandersetzung mit ihr. Es ist nur beschränkt und sicher nicht autark das Wissen aus unserem Kopf, und es ist bestimmt nicht das Wissen aus unserem Herzen und auch nicht das aus den darunterliegen den wichtigen Körperteilen von uns Männern. Der Tatbestand, daß gesellschaftliche Strukturen männlichkeitsgeprägt waren und sind, bedeutet nicht, daß Männer sich mit sich selber auseinandergesetzt hätten. Diese Gleichung ist falsch.
Die Auswertung von Männerbiographien zeigt, daß wir im Gegenteil da meiste von dem, was wir wissen, von Müttern, Tanten, Kindergärtnerinnen, Erzieherinnen, Lehrerinnen und Sozialarbeiterinnen neu erfahren haben, also von Frauen.
Das geschilderte Problem wäre weitaus weniger brisant, wenn der lebenswichtige Einfluß der Mutter auf die Erziehung des Jungen ergänzt, eingedämmt und relativiert würde durch den Einfluß des Vaters. Doch der Vater ist in dieser Gesellschaft nicht präsent. Das ist primär keine persönliche Schuldzuweisung an den Vater als Individuum, ebenso wenig wie das vorgängig bezeichnete eine Schuldzuweisung an die Mütter sein sollte, sondern es ist ein Strukturproblem unserer arbeitsteiligen Gesellschaft. Trotz aller Veränderungen sind Hausarbeit und Kindererziehung noch immer das Monopol der Frauen.
Leben in einer vaterlosen Gesellschaft
Das hat viele Konsequenzen. Für den Sohn bedeutet es, daß der Vater als Identifikationsobjekt fehlt, d.h. konkret: daß der Sohn kein konkretes Anschauungsmaterial davon hat, was ein Mann ist, was ein Mann sein könnte, was Männlichkeit wirklich bedeutet. Er erfährt dies über die Mutter, über Surrogate in Literatur und Film, und als Zerrbild über einen Vater, der entweder gar nicht vorhanden ist oder aber in der wenigen Zeit in der er auftaucht, uninteressiert, schwach oder autoritär und bedrohlich ist.
Dieser Vaterabklatsch hilft nicht bei der notwendigen Abgrenzung von der Mutter, sondern - ganz im Gegenteil - verstärkt sogar noch die Bindung an die Mutter.
Psychoanalytiker, Soziologen und Sozialpsychologen sind sich seit langem einig, daß wir in einer vaterlosen Gesellschaft leben, die sich negativ dadurch auszeichnet, daß der Sohn immer mehr an die Mutter fixiert wird. Wenn wir solche Erfahrungswerte aus der aktuellen Männerarbeit ernst nehmen, so müssen wir allmählich einen Perspektivenwechsel vorbereiten von einem, wie auch immer, feministisch orientierten Verständnis von Männlichkeit zu einem eigenorientierten, aus nur Männern selbst entstandenen und entwickelten Begreifen von dem, was wir sind, was wir möchten und was wir brauchen. Wenn sie nicht in ein Unterdrückungssystem gezwängt werden, sind Eigenschaften wie Mut, Leistungswille, Selbständigkeit u. a. volle Charakterzüge. Auch unsere Sexualität sollten wir nicht mit Gewalt und Mißbrauch assoziieren. Zu unserem sexuellen Begehren dürfen wir stehen. Mannsein darf auch durchaus Lust machen.
Wir sollten schließlich einmal genauer hinschauen, wo in unserem alltäglichen Leben Käfige sind, die uns in unserer Männlichkeit behindern. Ein Beispiel ist die Schule. Feministische Kritik weist immer wieder daraufhin, wie Buben in der Schule den Unterricht stören, zu motorisch sind, auf Kosten der Mädchen Aufmerksamkeit heischen. Der männliche Blick sieht das anders. Mit ihren Forderungen nach Fügsamkeit, Ruhe, Stillsitzen über lange Zeiträume, Unterordnung und ihrer Frauendominanz erscheint die Schule dem Jungen zu Recht als eine männlichkeitsfeindliche Disziplinierungssituation.
Ein anderes Beispiel wäre die Neubewertung von Geschichte. Männlichkeitsgeprägte Geschichte besteht nicht aus einer makabren Abfolge von Napoleon, Hitler und Karadzic. Da gibt es zum Beispiel einen Sokrates mit der entschlossenen Treue zu sich selbst; da gibt es die Friedfertigkeit eines Ghandis; da gibt es Spartakus oder Danton in Rebellentum gegen Ungerechtigkeit, da gibt es einen Franz von Assisi mit Mitgefühl und seiner sozialen Verantwortung, und da gibt es die Demut von Christus oder von Buddha als das Wissen, in größere Zusammenhänge eingebunden zu sein. Höheres und Größeres akzeptieren zu müssen als sich selbst.
Unser Autor ist Professor für politische Soziologie in Berlin