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Die Presse, 13.8.98
Männer '98 - einsame Helden des Alltags
Die Diskussion um die Potenzpille Viagra ist nur der Anlaß: Die Krise der Männer ist existentieller. Sie greifen eher als Frauen zu Alkohol als Problemlöser und leben um acht Jahre weniger.
VON SONJA FRANCK
Probleme? Krisen? "Ich habe doch keine Probleme": eine beinahe stereotype Antwort von Männern. Der "neue Mann" hat sich längst als ein Traumbild aus Frauenzeitschriften entzaubert. Während die Frauen in den vergangenen zwanzig Jahren eine kontinuierliche Entwicklung in Richtung Selbstbestimmung durchlebt haben, hängen viele Männer noch in der Vorstellungswelt unserer Großeltern fest. Die Folge sind Krisen im Privatleben, aber auch im Beruf.
Durch die Abwesenheit der Männer in der Erziehung werden schon die Buben auf dieses "heldenhafte Verhalten" getrimmt, mit ihren Problemen immer allein fertig zu werden. 86 Prozent der Männer haben keinen Freund. "Kein Wunder, daß er dann saufen, stark sein und Überstunden machen muß", sagt Eduard Waidhofer, Leiter der Linzer Männerberatung. In ganz Österreich gibt es nur fünf solcher Anlaufstellen für das angeblich so "starke Geschlecht", während Frauen allein in Oberösterreich vierzig verschiedene Beratungsstellen zur Auswahl stehen.
Allein fertig werden
"Es ist Teil des Problems, daß er glaubt, daß er mit allem allein fertig werden muß. Dadurch kann er gar nicht mit den essentiellen Dingen zu Rande kommen", analysiert Klaus Sejkora, Linzer Psychotherapeut, der das Buch Männer unter Druck. Wege aus typisch männlichen Lebenskonflikten bereits vor knapp zehn Jahren verfaßte. Der Band ist leider vergriffen.
Damit ein Mann bei seiner Umwelt Hilfe sucht, muß
der Leidensdruck schon sehr groß sein. "Seit Oktober 1997 waren
bei uns bereits 120 Männer in der Beratung, vor allem wegen Partnerkonflikten",
berichtet Waidhofer. Entweder es erfolgte bereits eine Trennung, oder die
Frau drohte dem Mann mit einer Scheidung, falls er keine Therapie in Anspruch
nimmt.
An zweiter Stelle stehen Ängste vor dem Versagen, Depressionen
oder psychosomatische Beschwerden. "Die Hemmschwelle ist sehr groß.
Niemand entwickelt Schuldgefühle, wenn er sein Auto nicht selbst repariert
oder bei einem Wasserrohrbruch einen Installateur ruft, aber bei der Seele,
dem kompliziertesten ,Organ', das wir haben, glaubt jeder, daß er
selbst mit Problemen fertig wird", kritisiert Sejkora.
Die Männer haben zwar ihre Einstellungen geändert
und sind offener als früher, so können sich viele zumindest vorstellen,
in Karenz zu gehen, aber die Praxis ist wie gehabt. "Es hat sich wenig
geändert im echten Rollenverhalten. Der sogenannte ,neue Mann' ist
nur sehr vereinzelt anzutreffen", konstatiert Waidhofer. Während
sein Kollege der Meinung ist, daß vor allem die Frauen in den vergangenen
zwanzig Jahren einen Qualitätssprung in ihrer Rollendefinition erfahren
haben. "Es hat eine deutliche Entwicklung der Frauen gegeben zu mehr
Flexibilität, Vielfalt und Individualität - weg von Stehsätzen
zu mehr Selbstbestimmtheit."
Die Männer wiegen sich hingegen weiterhin in der Illusion,
daß sie ihr Leben selbst bestimmen. Das "starke Geschlecht"
knechtet sich dabei mit seinen überzogenen Leistungsansprüchen
selbst. "Das einzige was zählt, ist Leistung - wer das nicht
schafft, ist ein Versager. Als Gegenpol bleibt daher nur Resignation, Depression,
Krankheit, letztlich Selbstmord", bringt es Sejkora auf den Punkt.
Die Generation der Großeltern konnte noch davon
ausgehen, daß ihnen ein Partner oder eine Arbeit, die sie einmal
gefunden haben, ein Leben lang bleibt. Im ausgehenden 20. Jahrhundert heißt
das Schlagwort "Flexibilisierung der Psyche". Jobgarantien für
die gesamte Dauer der aktiven Arbeitszeit werden immer seltener - aber
auch das Lebensglück mit einem Partner wird oft brüchig.
"Es gibt nicht wenige Männer, die damit zu kämpfen
haben, wenn die Frau arbeiten geht. Sie fühlen sich dadurch entmachtet,
es wird ihnen etwas weggenommen von ihrer Ernährerrolle", sagt
Waidhofer. Diese größere Entscheidungsfreiheit macht vielen
angst und wird als mühsam empfunden. Dabei sei gerade dies eine große
Chance, so Sejkora. Niemand müsse mehr bis zu seinem Tod in einer
Beziehung bleiben, die nicht paßt, oder an einer Arbeitsstelle bis
zur Pensionierung ausharren.
Kinder als Vorbild
Die Flexibilisierung sei eine große Herausforderung,
die oft nicht ohne professionelle Hilfe gemeistert werden kann. In "Coachings"
und Psychotherapien lernen die Klienten, wieder neugierig zu sein. Die
inneren Glaubenshaltungen wie "ich muß eine perfekte Lösung
finden" oder "das schaffe ich ohnehin nicht" müßten
über Bord geworfen werden. Vorbild sind dabei Kinder. "Wenn man
einem Kind einen Kübel mit Legosteinen hinstellt, wird es nicht denken,
das schaffe ich nicht, sondern es spannend finden", schildert Sejkora.
Genau dieser Entdeckergeist sei in Beziehungen und in der Arbeit gefragt.
Grundsteine werden dabei vor allem in der Erziehung gelegt.
Buben gewinnen durch die Absenz der Väter oft den Eindruck, diese
seien allmächtig. Der Vater, der sich hinter der Zeitung vergräbt
oder vor dem Fernsehapparat nicht gestört werden darf, wird als unnahbare
Überperson erlebt. Verstärkt wird diese Tendenz noch durch mediale
Vorbilder wie etwa die Zeichentrickhelden
à la Superman. Viele Männer verinnerlichen in dieser Phase
das Rollenbild eines harten Kämpfers, der überall durch muß
und keine Gefühle zeigen darf. Der "neue Mann" muß
also erst geboren werden und kann wohl nur durch einen verstärkten
Aufmarsch der Väter am Wickeltisch das Licht der Welt erblicken. Die
einsamen Helden des Alltags finden, bis es
so weit ist, am ehesten Anschluß in einer Männerrunde oder im
Sportverein, in der auch über persönliche Probleme geredet wird.
Als Alternative zum Stammtisch im Wirtshaus.
BONN (dpa.) Auf der Suche nach einer Balance zwischen Familie und Beruf wollen sich immer weniger Männer mit der Rolle des bloßen Geldverdieners zufriedengeben. "Der Abschied vom traditionellen Mann ist voll im Gange", berichtete der Wiener Sozialforscher Paul M. Zulehner am Mittwoch in Bonn. Für die von den Männerorganisationen der evangelischen und katholischen Kirche in Auftrag gegebene repräsentative Erhebung "Männer im Aufbruch" wurden 1200 Männer zwischen 16 und über 70 Jahren sowie eine Kontrollgruppe von 800 Frauen befragt.
Laut dieser Studie lebt der "neue" Mann nicht nur in der Vorstellungswelt von Männergruppen. 19 Prozent der Befragten orientierte sich am Bild des "neuen Mannes": "Sie sind partnerschaftlicher eingestellt und akzeptieren Frauen als Kolleginnen und Vorgesetzte."
Auch als Väter seien sie aktiver, zudem gefühlsbetonter und übten wesentlich weniger Gewalt aus als traditionelle Männer.
STERN
7/1999, S. 62-68
Autorin: Jutta v. Campenhaus
MÄNNER
UNTER DRUCK
Millionen
leiden unter Depressionen und betäuben sich mit Arbeit oder Alkohol,
werden aggressiv. Erst nach dem Zusammenbruch nehmen sie Hilfe an
Manchmal bekam das Zimmer Schlagseite. Dann wieder schien der Boden unter Gerd Lohmeyers* Füßen ganz und gar wegzurollen. Die Schwindelanfälle kamen ausgerechnet, wenn der Arzt in seiner Praxis Patienten behandelte. Bald begann auch noch sein Magen zu rebellieren, und die Fingerspitzen wurden taub. Jetzt fiel es ihm sogar schwer, den Kranken zuzuhören und Rezepte zu schreiben.
Der Hamburger Allgemeinmediziner befürchtete Schlimmes. Hatte er Magenkrebs? Einen Hirntumor? Eine Virusinfektion? Keiner der Arztkollegen, die er aufsuchte, konnte etwas finden. Derweil verschlimmerte sich Lohmeyers Zustand. Er konnte kaum noch schlafen. In vier Monaten verlor er acht Kilo Gewicht. Wenn er das volle Wartezimmer sah, befiel ihn Panik, ihn quälte die Vorstellung, sein medizinisches Wissen sei verschwunden. Die Arbeit in der Praxis wurde zum Horrortrip. So saß der 53jährige Familienvater eines Morgens heulend am Frühstückstisch und traute sich nicht mehr aus dem Haus. "Ich fühlte mich klein und jämmerlich, fürchtete mich, allein zu sein", sagt Lohmeyer. Zum ersten Mal funktionierte der sonst so unerschütterliche Mann nicht mehr. Er war verzweifelt und dachte an Selbstmord. Nur der Gedanke an seine Familie hielt ihn davon ab, sich vor den Zug zu werfen. Verzweifelt suchte er Hilfe bei einem Psychologen. Der stellte die Diagnose: schwere Depression.
Psychisch krank - das hatte Lohmeyer für sich immer ausgeschlossen. Auch sein Internist blieb ungläubig: "Gerd, du hast nie und nimmer eine Depression." Doch die Pillen gegen die Verzweiflung, die Lohmeyer nun täglich schluckte, schlugen an; langsam besserte sich sein Zustand. Inzwischen kann er wieder in seine Praxis gehen. Seine Seelennöte arbeitet er in einer Gesprächstherapie auf. Er akzeptierte, daß sein Leid psychische Ursachen hat.
Schwarze Wolken, die das Gemüt verdüstern, tiefe Trauer, in der die Seele versinkt, lähmende Angst, die jeden Lebensmut raubt - Depressionen quälen zwölf Millionen Deutsche. Sensible und Robuste, Alte und Junge, schlichte Gemüter und brillante Geister. Und immer mehr die, bei denen man es am wenigsten vermutet: Männer. Erfolgreiche Manager, umtriebige Freiberufler, strahlende Sportkanonen. Hinter makelloser Fassade lauern oft schwerste Seelenkrisen.
Wie eine Epidemie erwischt es das starke Geschlecht. Das behauptet der amerikanische Psychotherapeut Terrence Real. In seinem Buch 'Mir geht's doch gut', das jetzt auf den deutschen Markt kommt, schlägt er Alarm: Männer seien mindestens ebenso depressiv wie Frauen. Da sie aber selten über tiefe Niedergeschlagenheit, sondern eher über Schlafstörungen, innere Unruhe, Abgeschlagenheit oder Magenschmerzen klagen, würde das Problem viel zu selten erkannt.
Real hat in seiner Praxis bei Boston jahrelang Geschlechtsgenossen in allen möglichen Krisen behandelt: Familiendramen, Geldsorgen, Probleme am Arbeitsplatz. Dabei fand er heraus, daß fast immer eine verdrängte Depression zugrunde lag. Seine Erkenntnisse, Fallbeispiele und therapeutischen Rat hat er aufgeschrieben. Das Buch ist in den Vereinigten Staaten ein Bestseller.
Reals These findet auch in Europa Bestätigung. "Depressionen sind bei Männern auf dem Vormarsch", sagt Martin Hautzinger, Professor für klinische Psychologie an der Universität Tübingen. Mit schrecklichen Folgen: 1995 - so Hans-Ulrich Wittchen vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München - nahmen sich in Deutschland 9.932 Depressive das Leben, davon 7.081 Männer. Zudem ermittelte das Institut, daß die Zahl männlicher Patienten mit schweren Depressionen in den vergangenen 15 Jahren um 30 Prozent stieg. Und aktenkundig werden nur die, die Hilfe suchen. Die Dunkelziffer ist enorm. Schätzungen zufolge kommen auf einen depressiv diagnostizierten Mann vier weitere, die im verborgenen leiden.
In London reagierte das Königliche Psychiater-College bereits auf den traurigen Trend: In Clubs und Kneipen, in denen nach Börsenschluß erfolgreiche Geschäftsleute mit gelockerter Krawatte ihr Lager trinken, liegt eine Broschüre aus mit der Überschrift 'Men behaving sadly' - zu deutsch: 'Männer mit trister Miene'. Es soll Rastlose, Bedrückte oder Verzweifelte ermutigen, ihre coole Maske fallenzulassen und professionelle Hilfe zu suchen, bevor sie zusammenklappen. Die Pub-Besucher greifen zu.
Dabei galt das Übel als ein typisches Frauenleiden - laut Statistik erkranken sie gut doppelt so häufig daran. Doch damit räumt Real nun auf. Tatsächlich, so der Psychologe, seien gerade Männer für den tiefen Sturz in die Trostlosigkeit prädestiniert. Grund: das traditionelle Rollenverständnis. Männer sind auf Erfolg programmiert, haben belastbar und unerschütterlich zu sein. Meistern offenbar das Leben unerschrocken und wortkarg - so erwartet es die Gesellschaft immer noch, trotz aller Emanzipation. 'Eine Tragödie', sagt Real, 'in der die Akteure unendlich leiden.'
Schon von klein auf bekommen Jungen ihren Part. Das zeigt eine Studie amerikanischer Forscher. Sie führten Erwachsenen ein Video mit einem weinenden Baby vor. Sagte man den Betrachtern, daß das Kind ein Mädchen sei, wurde die Emotion als Angst gedeutet. Gingen die Tester davon aus, daß ein Junge weinte, interpretierten sie dieselben Tränen prompt als Wut.
Die Erwartungshaltung der Eltern schlägt sich in der Erziehung der Söhne nieder. Den zukünftigen Männern wird beigebracht, ihre Emotionen zu verbergen, nicht zu weinen, nicht 'auf Mädchen' zu machen. Um Hänseleien zu entgehen, lernen die Youngster so schnell, Trauer zu verstecken. Statt mit Tränen reagieren sie nun tatsächlich mit Trotz, Aggression oder Unruhe. Die harte Schale ist im Laufe der Jahre nicht mehr zu knacken. Schließlich kennt ein Indianer keinen Schmerz. Doch die verletzten Gefühle werden verschleppt. Das verschlimmert das unterdrückte Leid. Wenn es dann irgendwann den Panzer sprengt, kommt der Zusammenbruch.
Buchautor Real weiß, wovon er spricht. 'Ich erinnere mich, daß ich schon als ganz kleiner Junge geübt habe, auf Distanz zu gehen', schreibt der Psychologe, der als Fünfjähriger von seinem Vater verprügelt wurde. Wenn der Alte sauer auf ihn war, zog er sich den Gürtel aus seiner Arbeitshose und schlug damit auf den Kleinen ein. Während die Schläge auf sein Kreuz niederklatschten, versuchte der Junge mit all seiner Willenskraft, keine Miene zu verziehen. Auf gar keinen Fall wollte er weinen. Mit dieser Tortur, schreibt Real, lehrte ihn sein Vater, was es bedeute, ein Mann zu sein.
Statt seinen verletzten Gefühlen freien Lauf zu lassen, verlegte sich der Junge auf das, was er heute 'ausagieren' nennt: Er störte in der Schule und quälte Mitschüler. Später erkannte er, daß ein kräftiger Rausch das Leid lindert - zumindest vorübergehend.
Mit 17 flog Real zum ersten Mal wegen Drogenkonsums von der Schule. Zwölf Jahre lang betäubte er sich mit billigem Schnaps, spritzte sich Kokain und nahm LSD, rauchte Haschisch und probierte Morphium aus. "Dabei ging es nicht ums Vergnügen, sondern nur ums Vergessen", so Real. Doch dann kam das böse Ende. Heulkrämpfe schüttelten den abgebrühten Junkie, danach fiel er in völlige Apathie - eine schwere Depression hatte ihn fest im Griff. Etwa drei Jahre lehrte ihn ein Psychotherapeut, mit seiner Angst, Einsamkeit und Seelennot umzugehen. Heute ist er geheilt und hilft nun selbst als Seelendoktor. Sein schmerzhaft erworbenes Know-how befähigt ihn, die Probleme seiner Patienten besser zu verstehen.
Flucht in die Sucht heißt die Abwehrstrategie gegen das emotionale Tief - die Allzweckwaffe der Männer gegen den Druck von innen. 'Die Leute brauchen den Kick', sagt Isabella Heuser vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, 'um dem Gefühl der inneren Leere zu entkommen. Außerdem versuchen sie, ihr angeschlagenes Selbstwertgefühl mit Leistung aufzubessern oder zu betäuben. Viele depressive Männer, die zu uns kommen, haben einen untauglichen Selbstheilungsversuch hinter sich - meist mit Alkohol.'
Die Not lindern sollen auch alle möglichen anderen 'Trips'. Da ziehen sich Manager in der Konferenzpause auf dem Klo eine Nase Koks rein; da versetzen Spieler im Casino ihr Vermögen; da joggen Hobbysportler bis zum Umfallen oder baggern Sex-Besessene eine Frau nach der anderen an. Selbst hinter zwanghaftem Sammeltrieb oder chronischem Fernsehen kann sich das Übel verbergen. "Wenn jemand auf die Frage: Was können Sie noch wirklich genießen? keine Antwort weiß, zeigt das, daß etwas nicht stimmt", sagt Iver Hand, Professor für Psychiatrie am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf. "Vor allem, wenn er früher Freude empfinden konnte."
Die gängigste Droge zur Depressions-Verdrängung, die gesellschaftlich auch noch hochangesehen ist, heißt Arbeitswut. Schuften von früh bis nachts und, wenn's geht, auch am Wochenende. Bis zum Burnout. "Fast jeder, der vom Streß zerfressen zu uns kommt, hat eine Depression", sagt Friedhelm Stetter, Chefarzt der Oberbergklinik Extertal, in der kaputte Manager, Ärzte und Freiberufler wieder aufgerichtet werden.
Tobias Bergmann* war so einer. Der Chefredakteur einer Münchner Fachzeitung war wegen seines kollegialen Führungsstils beliebt. Doch der Verlagsleitung paßte das nicht, sie forderte ein strengeres Regiment. Bergmann mußte reagieren, gab den Druck an die Mitarbeiter weiter. Weil er nun alles penibel kontrollierte, wuchs sein Arbeitsaufwand immens. Hinzu kam der Streß mit den Redakteuren. Das alles zehrte an seinen Kräften, der Chef wurde immer unruhiger und gereizter. "Ich wollte das Problem selbst lösen - das war mein Fehler", sagt er heute.
Seine Familie bekam Bergmann kaum noch zu sehen, und wenn er schließlich abgespannt aus der Redaktion nach Hause kam, nervten ihn die beiden Kinder. Dann wurde er schnell mal laut und aggressiv, zerdepperte Geschirr und ohrfeigte die Kleinen. Seine Frau bürstete er einsilbig ab - bis sie genug von ihm hatte. Sie reichte die Scheidung ein. Da erst zog er die Notbremse und ging zu einem Therapeuten, der die mittlerweile schwere Depression des Chefredakteurs behandelte. Bergmann gab seinen Job auf, lebt jetzt allein und arbeitet als freier Journalist.
Rettung muß nicht erst dann kommen, wenn fast alles verloren ist. Es gilt, die Zeichen rechtzeitig zu erkennen. Zwar ist nicht gleich jeder depressiv, der mal ein paar Überstunden schiebt oder ein Glas zuviel trinkt; doch spätestens wenn Schlafstörungen auftreten und ohne Suchtmittel die Lebensfreude versiegt, sollten die Warnlampen leuchten. Terrence Real gibt für diesen Fall drei Ratschläge: 'Hilfe holen, Hilfe holen, Hilfe holen.' Wie das Tief behandelt wird - mit oder ohne Pillen, mittels einer Gesprächs- oder Verhaltenstherapie, ambulant oder in einer Klinik -, kann nur der Fachmann entscheiden. Oftmals können Medikamente die desolate Lage bessern. Doch eine tiefgreifende Besserung erfordert mehr: Zwar muß nicht der ganze Mensch geändert, doch müssen verdrängte Seelennöte ans Licht geholt werden, Verletzungen aus der Vergangenheit, die als unbewältigter Schmerz weiterschwelen. Vor allem, so Real, hat sich der Kranke von seinem selbstzerstörerischen Leben zu verabschieden. Die Therapie wird dem Verzagten dann helfen, sich vom Rollenklischee zu lösen und ein neues, nicht mehr leistungsbedingtes Selbstwertgefühl aufzubauen. Das ist langwierig, mühsam und tränenreich, doch die Alternative ist grausam - leidvoller Identitätsverlust in der Schwermut.
Besser dran sind solche Männer, die gar nicht erst in den Sog der Leistungsgesellschaft geraten und in 'friedlichen' sozialen Nischen leben. Doch die sind bei uns rar. Ein Beispiel aus den USA: die Amish. Das religiöse Völkchen von etwa 25000 Menschen lebt im Mittleren Westen. Die Leute halten sich von moderner Lebensart fern und arbeiten als einfache Farmer in großen Familien. Alkohol ist tabu. In ihren Gemeinden, so hat Real festgestellt, sind ebenso viele Männer wie Frauen 'offen' depressiv. Denn Amish-Kerle müssen ihre Seelennöte nicht verbergen, das verhindert Schlimmeres.
Hierzulande gibt es solche 'behüteten' Bereiche immer seltener. Selbst die Frauen holt in unserer Leistungsgesellschaft jetzt das Männerschicksal ein. Wer als Managerin Karriere machen will, legt sich maskuline Eigenschaften zu, um erfolgreich zu sein. Und läuft so Gefahr, seine schützende Sensibilität zu verlieren. Verhaltenstherapeut Iver Hand von der Hamburger Uniklinik hat die ersten Opfer dieses Rollentausches schon als Patientinnen: "Wir bekommen immer mehr berufstätige Frauen zwischen 30 und 35 mit typisch männlichen Symptomen: Sie beißen die Zähne zusammen und lassen sich nichts anmerken, bis sie zusammenbrechen."
*Namen von der Redaktion geändert.
Werdende Väter leiden häufig unter Depressionen
Adelaide (APA) - Werdende Väter leiden während der Schwangerschaft ihrer Partnerinnen fast genauso häufig unter Depressionen wie Frauen.
Das hat eine australische Studie herausgefunden. Professor Carol Morse vom Institut für Frauenmedizin beim Royal Melbourne Institute of Technology erklärte am Donnerstag, daß bis zu 15 Prozent der werdenden Väter ab Mitte der Schwangerschaft Depressionen haben. Für die Frauen liege der Wert mit 20 Prozent nur unwesentlich höher.
Vier Monate nach der Geburt hatte sich die Quote bei Männern auf sechs, bei Frauen auf zwölf Prozent reduziert. Für die Studie, die am Freitag beim australischen Gynäkologenkongreß in Adelaide vorgestellt wird, waren 320 werdende Eltern vor und nach der Geburt ihrer Kinder befragt worden. Morse erklärte, die Rate an Depressionen sei bei jüngeren Vätern und bei solchen in einer schlecht funktionierenden Partnerschaft deutlich höher.
Oft übertrage sich die Depression von einem Partner auf den anderen.
Kinder, bei denen Vater und Mutter unter Depressionen leiden, könnten
leicht selber Schaden nehmen, sagte Morse. Mit den neuen Erkenntnissen
sei es nun möglich, Risiko-Familien frühzeitig zu identifizieren
und ihnen Hilfe anzubieten.
Siehe auch:
Macht und Ohnmacht der Männer. Eine Bestandsaufnahme + "Die meisten sind verunsichert"