Frankfurter Rundschau 13.6.2000
Die Männerfrage
Eine Gesellschaft, die auf vielfältige Potenziale
von Frauen und Männern verzichtet, ist nicht reich, sondern arm
Von Monika Kapus
Es wird einmal sein: Tausende Männer, darunter Dutzende Regierungsvertreter, treffen sich am UN-Hauptsitz in New York. Was daran außergewöhnlich, gar märchenhaft sein soll? Sie wollen ihr Menschenrecht als Männer nicht weiter drangeben. Eine Woche lang werden sie beraten, wie sie mehr Zeit für ihre Familien haben könnten, wie sie die Bürde unternehmerischer, gesellschaftlicher und politischer Verantwortung in gleichem Maße Frauen zumuten könnten, um an deren viel gepriesene ganzheitliche Lebensweise heranzukommen und ihre eigene einseitige Belastung durch bezahlte Arbeit dadurch zu halbieren, dass sie sich ein bisschen Doppelbelastung gönnen. Sie fantasieren von gleichberechtigten Frauen, die nicht unzufrieden sein müssen, weil sie beruflich nicht weiterkommen. Von Frauen, die nicht in derart prekären Job-Verhältnissen stecken, dass ihre wirtschaftliche Abhängigkeit ihnen Autonomie und Selbstbewusstsein raubt. Von Frauen, deren häuslicher Anteil an Arbeit automatisch aufgewertet würde, wenn sich Männer massenhaft daran beteiligten. Denn eins kommt die Tagenden hart an: Die Wertschätzung weiblicher Leistungen ist so hoch, dass sie sich noch nicht in Zahlen ausdrücken lässt, nicht in gesellschaftlicher Repräsentanz und schon gar nicht in Barem. Das, so sind sich die Kongresser sicher, würde sich von selbst lösen, wenn sie sich diese Leistungen aneigneten.
Visionen müssen erlaubt sein. Eine solche leisteten sich jetzt Skandinavierinnen bei der UN-Sondergeneralversammlung in New York, die fünf Jahre nach der Weltfrauenkonferenz in Peking bittere Bilanz zog und größte Mühe hatte, Perspektiven aufzuzeigen. Die Frauen aus dem Norden erklärten schlicht, die Zeit sei reif für eine Weltmännerkonferenz, auf dass sich Frauen und Männer ihre Gleichstellung zentral angelegen sein ließen.
Die Wirklichkeit sieht anders aus. Wenn hochmögende Männer sich treffen, haben sie keine Zeit, sich mit Gedöns wie dem Geschlechterverhältnis zu befassen. Während die Frauen in New York um Zukunft rangen, reiste der deutsche Kanzler (dem das Wort vom Gedöns zu verdanken ist) durchs Baltikum. Sein Vize Fischer bemühte sich um den Nahen Osten, Monsieur Chirac besorgte sich um seine Amtszeit, die für Bill Clinton und Wladimir Putin mit Fragen über Krieg und Frieden ausläuft respektive beginnt.
Dass alle diese Angelegenheiten auch unter dem Geschlechter-Aspekt zu beleuchten sind, klingt wie die Feststellung, dass morgen ein neuer Tag ist. Sie ist so selbstverständlich, dass sie im Normalfall keinen interessiert. So blieb es den Delegierten in New York überlassen, darüber zu streiten, wie Frauen an die ihnen qua Bevölkerungsanteil zustehenden Machtpositionen gelangen könnten, wie wichtig sexuelle Selbstbestimmung sei oder wie Vergewaltigung als Kriegsmittel einzudämmen wäre und welche Fristen es dafür geben müsste, Frauenrechte als Menschenrechte nicht nur zu reklamieren, sondern auch umzusetzen.
Dafür bedarf es aber der Männer. War es schon schwer genug, in New York einen Rückschritt gegenüber Peking zu vermeiden, so dürften es die Regierungsvertreterinnen zu Hause umso schwerer haben, ihre Verabredungen wirksam werden zu lassen. Wer nun aber schließt, die Konferenz hätte man sich sparen können, der irrt. Gerade weil Geschlechterpolitik nicht nur im Süden, sondern auch im ach so demokratischen Norden eine untergeordnete Rolle spielt, sind solche Treffen eminent wichtig. Sie geben Regierungsvertreterinnen Rückenwind, auch durch die Chance, auf internationale Absprachen zu verweisen.
Bundesfrauenministerin Christine Bergmann etwa kann den Schwung brauchen. Ihr gebricht es keineswegs an Ideen, wie Frauen zu fördern sind. Doch kann sie sich etwa mit ihrem Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft an einem Kabinettstisch mit Wirtschafts-Müller, Spar-Eichel und Gedöns-Schröder bislang nicht durchsetzen. Es ist kaum zu erwarten, dass sich dies in naher Zukunft nur wegen des sanften Hinweises auf ein UN-Dokument konkret ändern wird. Doch Stimmungen wandeln sich. Schröder kann es nicht gefallen, wenn das Ausbleiben des von Rot-Grün versprochenen frauenpolitischen Aufbruchs wiederholt auf internationaler Ebene gegeißelt wird. Nicht zu unterschätzen ist der Austausch nichtstaatlicher Gruppen bei UN-Versammlungen. Auf die Lobbyarbeit der NGO müsste sich Bergmann viel mehr stützen. Wenn Frauen Netzwerke bilden, können sie Strippen ziehen.
Sich von Misserfolgen nicht entmutigen zu lassen, ist ein erzwungenermaßen von Frauen erlerntes Erfolgsrezept. Sie sind immerhin auf dem Weg zur wirklichen Ganzheitlichkeit, wohin Männer kaum aufgebrochen sind. Diese sollten zusehen, dass sie nachkommen - um ihrer eigenen Menschenrechte willen.
Eine Gesellschaft, die es sich leisten kann, auf vielfältige Potenziale von Frauen und Männern zu verzichten, ist nicht reich, sondern arm. Egal wo auf der Welt. "Den Männern gehört die Hälfte des Himmels, sie nehmen sich die ganze Erde", hatte es in einem abgewandelten Zitat Maos zur Pekinger Konferenz geheißen. Was ihnen dabei verloren geht, erörtern Männer am besten bei einer eigenen Konferenz.