DER SPIEGEL 37/1998


MÄNNER

Schwaches starkes Geschlecht

Allen medizinischen Errungenschaften zum Trotz sterben Männer noch immer früher als Frauen. Hormonschwund, Streß und Vereinsamung haben die Ärzte als Ursachen ausgemacht. Jetzt wollen sie dem frühen Tod des Mannes den Kampf ansagen.

Für den griechischen Philosophen und Naturforscher Aristoteles war noch der Mann das Maß aller irdischen Dinge. Die Frau, so der Großdenker, sei nichts als "eine Art zeugungsunfähiger Mann". Und weiter: "Weib sein bedeutet eine gewisse Schwäche, weil es nicht imstande ist, aus der letzten Nahrungsstufe Samen ausreifen zu lassen." Die Monatsblutung entstehe "wie der Durchfall in den Gedärmen".

Gut 2300 Jahre später hat sich der Spieß umgedreht. Neidisch schielt inzwischen die männlich dominierte Wissenschaft auf das vorgeblich schwache Geschlecht. Vor allem eines wurmt die Forscherseelen: daß in den Industrienationen allen medizinischen Errungenschaften zum Trotz Frauen immer noch durchschnittlich sechs bis sieben Jahre älter werden als Männer. Schlimmer noch: Der Rückstand wird Jahr für Jahr größer. Was die Mediziner jahrzehntelang schicksalhaft hingenommen hatten ("Lieber kurz und gut als lang und schlecht"), haben sie jetzt als dringend zu bekämpfenden Skandal erkannt.

Erstmals versammelten sich in diesem Jahr Andrologen, Gerontologen, Internisten und Pharmakologen auf einem Weltkongreß zum Thema "Der alternde Mann". Angespornt von Vertretern der Pharmaindustrie, verkündete dort die "Internationale Gesellschaft zum Studium des alternden Mannes" ihr "Genfer Manifest", in dem sie dem frühen Tod des Mannes den Krieg erklärt. Ziel müsse es sein, den Alterungsprozeß hinauszuschieben oder zumindest dessen Symptome zu lindern. "Statt ein Heer von Witwen zu erzeugen", erklärte Kongreßpräsident und Gesellschaftsgründer Bruno Lunenfeld von der Bar-Ilan Universität in Israel, "wollen wir ihnen bis ins hohe Alter einen gesundheitlich fitten Mann zur Seite stellen."

Eine Vielzahl von Ursachen für den Mißstand meinen die Experten dingfest gemacht zu haben. Einig sind sie sich nur in einem: Der Mann müsse sich die Frau zum Vorbild machen.

Manche sehen den Mann vor allem hormonell als benachteiligt an. Es fehle ihm eine ausreichende Menge des schützenden Anti-Streß Hormons Östrogen, das bei Frauen - zumindest bis zur Menopause - Herz, Hirn und Knochen fit hält. Auch die Produktion des jung erhaltenden Wachstumshormons Somatotropin, das unter anderem als Doping-Mittel Schlagzeilen machte, gehe bei Männern im Alter stärker zurück als bei Frauen, ebenso das den Biorhythmus steuernde Melatonin, das in letzter Zeit als Wunderdroge gegen das Altern gefeiert wurde.

Am besten erforscht ist das Schwinden der Sexualhormone im Alter. Auch hier diagnostizieren die Ärzte einen Rückstand der Männer: Während bei den Frauen der Hormonersatz in den Wechseljahren zum medizinischen Alltag gehöre, hinke die Praxis bei den Männern rund 25 Jahre hinterher. Nur selten würde das Testosteron-Defizit alternder Männer mit Hilfe von Tabletten ausgeglichen. Für die Zukunft fordert Bruno Lunenfeld deshalb für den alternden Mann die Behandlung mit einem ganzen "Cocktail" von Hormonen, der individuell zusammengestellt werden soll.

Andere Forscher sehen den Vorteil der Frauen eher im doppelten X-Chromosom, das ihnen dank eines bestimmten Gens einen doppelten Schutz gegen Krebs gewähre. Wieder andere preisen den Eisen eliminierenden Effekt der Monatsblutung, der ebenfalls Krebs zu verhindern helfe. Ihr Tip für Männer: mangels Menstruation Blut spenden gehen.

Einige Wissenschaftler wiederum beklagen die schlechtere medizinische Versorgung und machen sie für das frühe Ableben der Männer verantwortlich. Es fehle ihnen ein "Männerarzt", der sie, wie der Frauenarzt die Frauen, von der Jugend bis ins Alter regelmäßig betreut, untersucht und behandelt.

Michael Oettel, Forschungsleiter der Schering-Tochter Jenapharm, die demnächst ein "nicht feminisierendes" Östrogen speziell für Männer auf den Markt bringen will, kritisiert die mangelnde Förderung der Grundlagenforschung auf diesem Gebiet. Einen großen Teil der Schuld daran trage die öffentliche Tabuisierung des Mannes als schwaches Geschlecht.

Der Kölner Urologe Theodor Klotz schließlich bemängelt, daß für die Erforschung typisch weiblicher Tumoren, wie zum Beispiel Brustkrebs, wesentlich mehr Geld ausgegeben werde als für typisch männliche Krebsarten wie Magen-, Darm-, Bronchial- und Prostatakarzinom - obwohl diese häufiger seien.

Als besonders heimtückischer Killer aber wurde das männliche Rollenverhalten entlarvt. Der Mann, beklagt der Bielefelder Soziologe Klaus Hurrelmann, zeichne sich noch immer durch einen rücksichtslosen Umgang mit dem eigenen Körper aus. Er suche in Extremsportarten das Risiko, ernähre sich wesentlich ungesünder als Frauen, und nur 16 Prozent der Männer nähmen an Krebsvorsorgeuntersuchungen teil (Frauen: 39 Prozent).

Bei der Arbeit rieben sie sich mehr auf als Frauen, denn diese könnten sich - gerade wegen der vielgescholtenen Doppelbelastung durch Familie und Beruf - eher einen seelischen Ausgleich verschaffen. Männer gingen häufig wegen ihrer "emotionalen Ausdrucksschwäche" außer zu ihrer Partnerin kaum enge Bindungen ein, die aber eine entscheidende Voraussetzung für bleibende Gesundheit seien. Frauen hingegen verfügten in der Regel über ein ausgeprägtes "soziales Immunsystem", eine Stabilitätsgarantie für Krisenzeiten.

Besonders drastisch macht sich der Unterschied nach dem Tod des Ehepartners bemerkbar: Zwar steigt bei beiden Geschlechtern die relative Sterblichkeit. Doch Männer kümmern doppelt so schnell dahin, während Frauen häufig sogar einen zweiten Frühling erleben.

Um älter zu werden, meinen deshalb viele Forscher, müßten Männer grundsätzlich umdenken. Endlich sollten sie den Glauben an die eigene Unverwundbarkeit ablegen, Männer müßten lernen, wie Frauen mehr auf die Signale ihres Körpers zu hören und liebevoller mit ihm umzugehen. Auch soziale Kompetenzen sollten erworben werden. Klotz fordert den Aufbau eines Netzwerks von Selbsthilfe- und Interessengruppen für ältere Männer.

Ob sich mit derlei wohlfeilen Rezepten das männliche Rollenbild ändern läßt, bleibt jedoch zweifelhaft. Der Macho ist noch immer in, bei beiden Geschlechtern. Die Männer, konstatiert die Hamburger Psychologin Viola Frick-Bruder, stellten ihr Selbstbild "nicht wirklich in Frage"; die Frauen bekämpften das traditionelle Männerbild "mit einer deutlichen Doppelmoral": Sie fordern den einfühlsamen Softi und sehnen heimlich den harten Typ herbei.

Zudem deuten Studien darauf hin, daß Frauen zwar organisch gesünder sind, dafür aber mehr leiden. Ihre subjektiv höhere Lebensqualität, so Hurrelmann, erkauften sich viele Männer mit einem früheren Tod.

Auch viele andere Forderungen der Forscher bewegen sich auf dünnem wissenschaftlichen Eis. In zu vielen statistischen Fallstricken drohen sich die Wissenschaftler zu verfangen. Selbst der Begriff "mittlere Lebenserwartung" hat seine Tücken. Denn die wird auch durch die höhere Sterblichkeitsrate männlicher Säuglinge und die vielen Auto- und Motorradtoten gedrückt. Zwischen 40 und 50 schnellt die Herzinfarktrate der Männer hoch. Sind sie dann aber über 75, haben sie gute Chancen, so alt zu werden wie ihre Frauen.

Zudem gibt es bisher kaum wissenschaftliche Studien zum Nutzen der Hormonsubstitution. Selbst die Frage, ob es so etwas wie männliche Wechseljahre gibt, ist umstritten. Zwar konnte in der Massachusetts Male Aging Study nachgewiesen werden, daß der Testosteronspiegel im Blut von Männern ab 40 pro Jahr um etwa ein Prozent abnimmt, doch eine Frankfurter Studie zeigte auch, daß gerade solche Männer, die besonders stark über klimakterische Beschwerden wie Hitzewallungen, Reizbarkeit und Impotenz klagten, einen eher hohen Testosteronwert aufwiesen.

In klinischen Tests müssen die Mediziner zunehmend eingestehen, daß der Testosteronpegel eine höchst launische Größe ist: Nach der Hochzeit etwa sinkt er meist merklich ab, während ein Sieg der bejubelten Fußballmannschaft ausreicht, ihn um ein Fünftel hochschnellen zu lassen. Das "Deutsche Ärzteblatt" titelte kritisch: "Mehr Visionen als Fakten".

Trotzdem wittert die Pharmaindustrie ein gewinnträchtiges Zukunftsgeschäft. Die Schering-Tocher Jenapharm, die in fünf bis sechs Jahren das Medikament 17-Alpha-Östradiol auf den Markt bringen will, schätzt, daß in Deutschland etwa 2,5 Millionen Männer zwischen 45 und 65 behandlungsbedürftig sind. Auch Ärzte hoffen auf ein neues lukratives Betätigungsfeld. Auf der Genfer Konferenz meldete sich ein französischer Teilnehmer zu Wort, der angab, eine überaus erfolgreiche Einrichtung für "Männer in den besten Jahren" zu betreiben, die von Patienten fast überrannt werde.

Doch nicht alle sind so optimistisch. Der Hamburger Androloge und Kongreßteilnehmer Wolfgang Schulze hält zwar die Testosteronsubstitution unter bestimmten Umständen für sinnvoll und kann auch der Einrichtung eines qualifizierten Männerarztes mit eng begrenztem Aufgabenfeld viel abgewinnen. Doch daß Männer irgendwann einmal genausolange leben werden wie Frauen, hält er für so gut wie ausgeschlossen: "Das beweist schon die Tatsache, daß die Lebenserwartung der Geschlechter auch bei den Affen unterschiedlich ist."

Da Frauen für das Aufziehen der Kinder wichtiger seien, habe die Natur bei ihnen auf ein "zuverlässigeres Modell" gesetzt. Der Mann sei hingegen für die Jagd und den Kampf optimiert: "Er kann zwar auf Formel-I-Touren laufen, dafür ist er aber auch anfälliger."

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