SPIEGEL special 5/98: MANN + FRAU = KRISE
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"Ich schlage nur dich" Er prügelte sie, sie war süchtig nach seiner Hilflosigkeit. A. Pothoff erzählt die Geschichte einer Abhängigkeit Sie blieb fünf Jahre bei ihm, weil er sie schlug. Sie sagt, sie habe das lange nicht wahrhaben wollen. Heute lebt sie in einer norddeutschen Stadt; die Ehe liegt zehn Jahre zurück. Wo er wohnt, weiß sie nicht. Sie ist fünfmal umgezogen, seit sie ihn verlassen hat. Sie beantragte die Geheimhaltung ihrer neuen Adressen beim Amt, ihre Telefonnummer ist nicht verzeichnet. So schützte sie sich in den ersten Jahren vor sich, nicht vor ihm. Sie fürchtete die Erinnerung an ihre glücklichen Tage, sie fürchtete, daß er vor ihrer Tür weine, sie fürchtete sein Flehen am Telefon: "Ich liebe dich, wie ich keine Frau geliebt habe, du gehörst mir, ich will dich zurück." In diesen Momenten war sie in Gefahr. Sie war 16 Jahre alt, als sie ihn fand. Er war 26, ein großer Mann, schlank, dunkel, gepflegt. Sie sah ihn auf der Straße gehen. Als er vorüber war, drehte er sich zu ihr und streckte die Zunge heraus. Er hatte gewußt, daß sie ihm nachgeschaut hatte. Sie wußte nicht, ob ihr das gefiel. Sie traf ihn kurz darauf in der Kneipe, sie hatte erkundet, wo er gern saß. Er sagte: "Ich wußte, du würdest kommen." Er lachte, er beugte sich ihr ans Ohr. "Ich hoffe, du bist schön eng." Sie erschrak. Er lud sie ein, mit ihm essen zu gehen. Mailänder Schnitzel mit Spaghetti in Soße. Sie quälte sich, die langen Nudeln anmutig in den Mund zu bringen. Sie wollte diesem schönen, respektlosen Mann gefallen. Sie war das Kind einer zu jungen Frau und eines sorglosen Mannes, er verließ die Mutter, als sie schwanger ging, 1966, in einem katholischen Dorf. Die Mutter verschwieg das Kind bis zum Beginn der Wehen. Was sie gebar, glich dem entlaufenen Mann, die Mutter fühlte sich doppelt gestraft. Die Großeltern beherbergten sie und das Kind, der Großvater nahm sich als Preis das Mädchen des Nachts, da war es fünf. Sie sagt, sie würde gern glauben, die Mutter habe davon nicht gewußt. Sie kannte ihn drei Wochen, als sie mit ihm in sein Dachzimmer ging. Sie sagte: "Ich will bei dir schlafen, nicht mit dir, ich bin noch nicht so weit." Er sagte: "Ich werde brav sein." Sie saßen den Abend sprachlos im Zimmer, sie beschrieben Zettel, die legten sie einander in die Hand. Er: "Vielleicht doch?" Sie: "Nein." Er: "Warum nicht?" Sie: "Weil ich nicht will." Er: "Ich will. Ich werde dich vergewaltigen." Sie blieb für die Nacht. Sie erwachte, sein Körper auf ihrem, sie schlug ihre Faust auf seinen Rücken, sie murmelte: "Nein!" Er blieb stumm, sie ließ ihn ein. Sie sagt, sie habe sich über Jahre glauben gemacht, er sei ein guter Liebhaber. Vier Wochen darauf luden Freunde sie ein, es war Silvester. Er sagte: "Bei uns gibt man jeder Frau einen Neujahrskuß, ich will kein Theater." Sie sah ihn charmant sein und litt. Sie sah ihn Haare streicheln und litt. Sie sah ihn küssen, sie litt. Sie griff sich seinen Freund, sie war charmant, sie setzte sich dem Freund auf das Knie, sie küßte den Freund zu Neujahr. Als sie ihre Mäntel nahmen, zischte er ihr ins Ohr: "Du hast mich zum Narren gemacht." Auf der Straße schlug er zu. Seine Faust traf ihre Lippen, das Auge, er schlug ihr auf das Ohr mit flacher Hand. Er schrie: "Du Schlampe!" Sie wimmerte: "Es tut mir leid." Sie sah sich sitzen auf dem Knie seines Freundes, sie schämte sich, sie fühlte, er war zornig auf sie zu Recht. Er lief heim, und sie folgte. Sie lag wach in der Nacht, sie schob seine Hände von sich, das fiel ihr schwer. Sie sehnte sich nach seiner Nähe mehr als zuvor. Früh am Morgen schüttelte sie ihn aus dem Schlaf, sie zeigte auf ihre Nase, sie schob die aufgeplatzte, untere Lippe vor, sie klagte: "Sieh dir das an." Er sagte: "Ich habe das nicht gewollt." Sie genoß seine Scham. "Es schmerzt, glaubst du, ich gehe so auf die Straße?" "Süße", flehte er. "Bitte." Sie fragte: "Was sollen wir tun?" Er klagte: "Ich weiß es nicht." Seine Hilflosigkeit tat ihr gut. "Schlägst du mich noch einmal, werde ich dich verlassen." Er küßte ihre Hand, er strich ihr über das Haar. "Ich werde dich nie wieder schlagen." Beide wußten, der andere log. Die Mutter fraß sich fett. Als das Kind sechs Jahre alt war, fand sie einen Mann, der sich mit ihr zufriedengab, die Mutter fühlte sich ihm verpflichtet. Das Mädchen nannte den neuen Mann "Papa". Die Mutter beteuerte ihrer Tochter, der "Papa" liebe sie sehr. Er könne seine Gefühle nicht offenbaren, weil er vaterlos habe aufwachsen müssen. Die Mutter sagte: "Das mußt du verstehen." Sie nahmen sich zwei bezahlbare Zimmer im Hof einer Diskothek. Er fegte für zuwenig Geld in einem Atomkraftwerk, sie schmierte ihm Brote, bevor sie zur Schule ging. Abends saßen sie oft nebeneinander getrennt, sie hörten Musik aus dem Hof. Er sagte: "Wie mich das ankotzt, da unten vergnügen sich Leute, und ich muß hier sitzen mit dir." Sie putzte die Zimmer, sie kaufte Möbel aus Holz, sie duckte sich unter seine Nörgelei, sie suchte ihn zu besänftigen mit ihrem Körper. Ihr gelang nicht, ihn dauerhaft glücklich zu machen. Sie telefonierte ihre Eltern wach in der Nacht, sie schrie: "Er schlägt mich, Papa, komm, rede mit ihm!" Als der Vater die Treppe zu ihren Zimmern hochstieg, schlief ihr Mann schon, sie rüttelte ihn, er gab sich träge, dann überrascht. Der Vater verlangte ein Gespräch unter Männern. "Junge, ich habe gegen meine Frau nie die Hand erhoben, ich finde nicht gut, was du machst." Er saß da, bedauernswert klein, er sagte: "Sie hat eine Art, die macht mich verrückt. Dann tut es mir leid. Ich bin kein Arschloch." "Nein", sagte der Vater. "Du mußt lernen, dich zu beherrschen, Junge." "Ja", sagte er. "Möchtest du einen Kaffee?" Als der Vater heimfuhr, wollte sie glauben, nun sei es gut. Nach ihrem nächsten Hilferuf kam der Vater nicht, er sagte ins Telefon: "Du hast es so gewählt, wenn du da raus willst, ruf dir ein Taxi und komm." Sie sagt, heute weiß sie, ihr Vater hatte recht. "Du nimmst keinen Alkoholiker auf, der zu dir kommt mit der Flasche unter dem Arm." Die Mutter schalt: "Warum hältst du still? Von uns hast du das nicht gelernt." Manchen Tag kam der Vater nach Haus und fand die Wohnung nicht sauber genug. Er grüßte den Besuch der Mutter knapp, er griff den Staubsauger und schob ihn vor und zurück zwischen den Füßen des Gastes. Er warf der Mutter hin: "Hattest du dafür noch keine Zeit?" Die Mutter schwieg. Einmal sagte sie ihrem Kind: "Ich habe nie in meinem Leben so viel geweint wie im ersten Jahr meiner Ehe. Da muß man durch." Ein halbes Jahr nach dem Einzug rief sie das Taxi. Sie lag die Nacht wach in ihrem Mädchenzimmer, sie wartete auf das Klingeln des Telefons, daß er sie nach Hause bat. Mittags saß er bei ihren Eltern, er sagte: "Ich kann nicht mehr leben mit ihr." Der Vater brachte ihr seine Nachricht. Sie bettelte ihn zu sich herein, sie kniete vor ihm, sie weinte. "Laß es uns noch einmal versuchen, bitte, ich mache es besser." Er schüttelte den Kopf. "Laß mich gehen, du ekelst mich an." Die Mutter schämte sich ihrer Tochter. "Wie du dich erniedrigst! Bist du dem nicht genug hinterhergekrochen?" Sie weinte: "Das verstehst du nicht, ich will ihn zurück, Mama, hilf mir." Als er ging, mußten die Eltern sie halten. Sie litt, sie fürchtete den neuen Tag, ihr Leben war ihr nie leerer erschienen. Die Eltern schenkten ihr einen Urlaub am Meer. Als sie wiederkam, glaubte sie den Entzug überstanden. Sie fand einen freundlichen Mann, der ihr langweilig schien, die frohen Wochen mit ihm hatten nichts von der wüsten Intensität der verlorenen Liebschaft. Sie sah ihn wieder in einer Diskothek, ein halbes Jahr nach der Trennung, er küßte eine andere Frau. Als die Frau auf die Toilette ging, schlich er sich an sie heran, er flüsterte in ihr Ohr: "Dich zu sehen macht mich so geil, daß mir die Eier weh tun." Sie heuchelte Gleichgültigkeit. Er sagte: "Guck dir die Schlampe an, mit der ich hier bin, die hat kein Feuer wie du." "Warum knutschst du mit ihr herum?" Er lachte. "Mitleid." Die Frau stand an ihrem alten Platz, sie suchte ihn. Er lehnte seinen Kopf gegen ihren, die Frau hatte ihn gesehen, sie starrte. Er schnurrte: "Ich sollte hinübergehen, bevor sie wahnsinnig wird." Er küßte sie auf die Wange, ehe er ging, sie lachte. Sie sah in die Augen der starrenden Frau und verzog den Mund. Nachts hörte sie ein Geräusch an ihrem Fenster, draußen warf er kleine Steine, sie ließ ihn ein. Sie war gekränkt. "Hast du erst die Schlampe gefickt?" Er griff ihr in den Nacken. "Ich ficke nur dich." Sie fühlte sich gewollt. Am Morgen verlangte sie seine Entscheidung: "Was sollen wir tun?" "Wir können eine Affäre haben." Sie zog die Schultern hoch, als sei ihr das gleich, er sollte nicht spüren, wie sehr sein Vorschlag sie schmerzte. Sie sagte: "Ich will von dir ein Kind." Acht Wochen darauf war sie schwanger. Die Mutter klagt heute noch: "Wie konntest du zu ihm zurück, du warst nach dem ersten Mal glücklich davongekommen." Sie zogen in eine andere Stadt. Er schlug sie einmal während der Schwangerschaft, mit der flachen Hand ins Gesicht, das nährte ihre Hoffnung, es ginge mit ihnen besser. Sie wollte ihn an sich binden auf dem Papier, er gab sich zweifelnd. Drei Monate vor der Geburt fand sie in seiner Jacke eine Bahnfahrkarte ins Ausland, einfache Hinfahrt, sie trug die Karte zum Schalter zurück. Schließlich gestand er den Grund seiner Scheu, er war geschieden. Sie glaubte, sie müsse sterben. Er brüllte. "Schau, wie du reagierst, wie hätte ich es dir sagen können?" Sie fürchtete, er habe recht. Er lief im Wohnzimmer auf und ab. "Verstehst du nicht? Ich hatte Angst, dich zu verlieren." Sie schrie ihre Mutter zu Hilfe, sie weinte, die Mutter sagte: "Hättest du mehr Verständnis, er hätte sich dir anvertraut." Die Mutter fragte: "Macht es denn einen anderen Menschen aus ihm?" Sie glaubte ja, aber sie wagte nicht, dieser Empfindung zu trauen. Sie fragte: "Hast du deine Frau geschlagen?" Er schloß seine Arme um sie, er sagte sanft: "Ich schlage nur dich. Ich tue es, weil ich dich liebe, die andere war mir egal." Sie fühlte sich seiner ersten Frau überlegen. Er heiratete sie sieben Tage vor der Geburt ihres Sohnes. Später las sie, seine erste Frau hatte als Grund für die Scheidung genannt: "seelische und körperliche Grausamkeit". Sie sah sich um die Einzigartigkeit ihrer Verbindung betrogen. Die Mutter hatte gewußt, daß sie auf ihren Bastard nicht stolz sein durfte, seine Mißachtung war der Preis, den sie dafür zahlte, gesellschaftlich hingenommen zu werden. Das Kind lernte leicht Sprachen, die Mutter sagte: "Sie ist eine Niete, was Zahlen betrifft." Das Kind brachte die besten Noten heim in Religion, die Mutter sagte: "Lügen konnte sie immer gut." Das Kind schrieb in schöner Schrift, die Mutter sagte: "Sie malt die Buchstaben so langsam, daß sie nirgends zu Potte kommt." Das Kind mühte sich, es wurde besser, schließlich empfand die Mutter die Tochter als Konkurrenz. Jetzt redete die Alte die Junge klein, um größer zu wirken. Sie trug das zweite Kind aus gegen seinen Willen, sie hatte gehofft, mit einer neuen Schwangerschaft könne sie seine freundliche Sorge einfordern. Er mißachtete ihren Bauch, er schlug sie mit der Faust, er trat. Sie stieß sich einen Besenstiel in den Leib, sie hieb auf das ungeborene Kind mit Fäusten, sie sehnte sich nach seiner Fürsorge so sehr, daß sie wünschte, das Kind zu verlieren. Sie sagt, sie habe Jahre gebraucht, ihren zweiten Sohn annehmen zu können. Sie lief ins Frauenhaus. Sie sprach nicht von ihren Gefühlen, von ihrem Schmerz, sie sprach von seinen Gefühlen, von seinem Schmerz. "Mein Mann schlägt mich, aber ich weiß, warum er das tut, er hatte eine schreckliche Kindheit, seine Mutter ging oft Zigaretten zu holen und kam für Monate nicht zurück." Die Frau ihr gegenüber sagte: "Sie müssen mir nichts erklären." "Ich muß es erklären, damit Sie verstehen. Es ist keine gewöhnliche Prügelehe." Die andere sagte müde: "Ich weiß." Sie wußte, hier wollte sie nicht bleiben. "Wir können Ihnen helfen, eine Wohnung zu finden, wir begleiten Sie zum Amt und besorgen das Geld." Als sie zu ihm zurückging, fragte sie zaghaft: "Denken Sie, ich bin verrückt?" Die andere sagte: "Viele Frauen kommen her, um sich leer zu reden, dann gehen sie zu den Männern zurück und haben Platz für neuen Müll, glücklich bin ich darüber nicht." Sie glaubte manchmal, daß sie wünschte, er schlüge sie tot. Sterben schien ihr der einzige Weg aus dieser Verbindung. In einer Winternacht floh sie ins Treppenhaus, er folgte ihr in Unterhose, da wußte sie, er ist fähig zu allem. Er prügelte sie die Treppe hinunter, auf dem Absatz trat er sie in die Ecke, er glaubte, sie bleibe liegen. Er lief nach oben, sich anzukleiden, bevor er weiterschlug. Sie nutzte den Augenblick. Sie fuhr 200 Kilometer weit mit der Bahn, sie blieb bei einer Freundin, sie nahm sich einen Mann für die Nacht, den brauchte sie, um das Band zwischen ihr und ihm anzureißen. Sie mietete eine Wohnung. Nach zwei Wochen fuhr sie mit einem Mann, ihre Kinder zu holen. Er weinte. "Verlaß mich nicht, ich kann nicht leben ohne dich." Sie schwieg, sie packte Kleider in Taschen. Er schrie: "Ich hätte dich sowieso rausgeschmissen, dämliche Kuh." Sie schwieg, sie trug die Taschen ins Auto. Er stieß seinen Finger gegen den Mann, er brüllte: "Fickt der dich, hast du deinen Spaß?" "Ja", sagte sie und schloß die Autotür. Es brauchte zwei lange Jahre der Trennung, bis sie fühlte, das Band zwischen ihm und ihr war endgültig zerrissen. Antje Pothof, 32, Trägerin des Egon-Erwin-Kisch-Preises, lebt in Stadum (Nordfriesland). |