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- Es ist doch alles in bester Ordnung - |
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"Ajungilaq!" ,"Es ist alles in bester Ordnung" sprach der Eskimo und wollte mir damit sagen, wie schön doch sein Ort Thule im hohen Norden Grönlands sei. "Ajungilak" ist ein Schlafsack!" scherzte ich mit meiner dummdeutschen Übersetzung. Noch so nah ist meine Erinnerung an meine Reise zu den Polareskimos, aber zeitlos, nach Eskimo-Art. Mein Geist, mein Herz, meine Seele verweilen noch immer in der Arktis, mein Körper sitzt in der Nürnberger U-Bahn. Am 27. September 2000. Ich bin unterwegs, um meine Filme entwickeln zu lassen, Bilder, die sich auf Papier vorzeigen lassen. Wie viele andere Bilder von dieser Reise sind nicht einmal mit Worten zu beschreiben! "Bitte zurücktreten!" fordert der Schaffner auf. Mit einem Knall sind die Türen verschlossen. Die U-Bahn saust durch die unterirdischen Tunnel, übertrifft mit ihrem Lärm das Auseinanderknallen der Eisberge. Ich halte mir dir Ohren zu, lasse mich mit der Bahn im Eiltempo mitziehen. Da drüben sitzt ein junges Mädchen mit Nasenring, Plastikrucksack, pinkfarbener Jacke mit großem Markenzeichen. Sie hat sich vor der Abfahrt von ihrer Freundin verabschiedet, greift sogleich zu ihrem Handy, berichtet der Freundin, daß sie nun mit der U-Bahn fahre und sich später wieder melden würde. Eine stolze Frau mittleren Alters trägt eine Goldkette, neben ihr eine alte Dame mit Hut im Schutze der Tochter. An sie schmiegt sich die Enkeltochter, hält die Hand der Großmutter. Hinter mir ein alter Mann mit grauer Hose und Stock. Sein Blick ist nach unten gerichtet, sein Kopf zuckt immer wieder. Alt, alleine und gebrechlich kommt er mir vor. Aber auch ruhig und weise, unerschütterlich. "Ajungilak" - es ist alles in bester Ordnung, sagte der Eskimo, an dem Ort, an dem ich meine Träume fand. Ich höre wieder das wölfische Heulen der Hunde in der Nacht, spüre den Schneesturm, den Wind, der noch vor kurzem über mein Zelt fegte. Das Eingebundensein in ein kurzes Leben ohne Zeit, ohne Telefon, ohne Termine, ohne Druck und Eile, eingebunden in die Leichtigkeit des Seins. Die U-Bahn rast, um den Fahrplan einzuhalten. Ich spüre den Blick eines kleinen Mädchens mit traurigen Mandelaugen. Es trägt ein leuchtend gelbes Sweat-Shirt mit Tele-Tubbies-Kapuze. Es blickt zum Fenster hinaus, suchend, erwartungsvoll, sieht fragend zu mir hinüber. Etwas Vertrautes taucht in mir auf, gleich einem Déjà-vu. "Nächste Haltestelle Hohe Marter." Am Ausgang hat sich die Goldkette
statuiert. Sie versperrt den Eingang. Die Mutter des kleinen Mädchens
ruft fragend: "Justitia, müssen wir schon aussteigen?" "Nein, bleib´
sitzen."
Nasenring hat das Handy gegen den Walkman ausgetauscht, "Bumm bumm bumm" - alle können wir den monotonen Rhythmen folgen. Das Mädchen mit den Mandelaugen versucht die nächste Tür zu öffnen, doch Justitia ist sofort zur Stelle. Alleine dürfe sie nicht aussteigen. Aber sie würde doch von ihrem Papa erwartet! Das spiele keine Rolle, sie, Justitia, kenne sich hier aus und würde ihr schon sagen, wann sie aussteigen dürfe. Rumms - die Türen schließen wieder. Fast vier Wochen in freier Natur liegen hinter mir, keine verschlossenen Türen, Kinder spielten im Freien, Tag und Nacht, sie lachten, rannten, scherzten. Niemand war eingesperrt. Das kleine Mädchen, Nauja,
sitzt wieder auf seinem Platz, schaut sehnsuchtsvoll zum Fenster hinaus
und erblickt doch nur die Dunkelheit des Tunnels.
"Nächste Haltestelle Schweinau." Die Großmutter steigt aus, die Enkelin im Schlepptau. Justitia rennt hinterher, fordert sie auf wieder einzusteigen. "Bleibt drin, wir sind noch nicht da!" Irritiert, verwirrt, an sich selbst zweifelnd und mit gesenktem Kopf steigt die Großmutter wieder ein. Den Rest der Fahrt wird sie schweigen, Zweifel werden ihr durch den Kopf gehen, wie es zu diesem Mißgeschick kommen konnte. Nauja will zum Ausgang rennen,
hat ihren Papa durchs Fenster erblickt, der eilends die Rolltreppe hinunterrennt,
wühlt sich durch die Jungs hindurch, noch ein Schritt, dann ist sie
draußen bei ihm!
Ich bin wie gelähmt, kann mich nicht bewegen, kann nichts sagen, niemand im Wagen nimmt den Vorgang wahr. Der alte Mann hat sein Hörgerät herausgenommen, irgendetwas scheint defekt. Der Walkman läuft lautstark, die Jungs lästern hektisch über Lehrer und Mädchen. Der ganze Wagen ist inzwischen gedrängt voll, der Platz von Nauja ist besetzt. Durchs Fenster sehe ich den verzweifelten Vater. Große, traurige Walroßaugen. Plötzlich höre ich ihre Worte: "Ajungilak!". Das kleine Mädchen steht bei mir, lächelt sanft und traurig. Sie macht den Mund auf wie zu einem großem Schrei, doch es erklingt kein Laut. Auf meinem Schoß ist noch Platz, ich lege die Arme um sie und gebe ihr ein wenig Wärme und Ruhe. Mir gegenüber versteckt sich ein junger, hektischer Mann mit abgenutzter Arbeitstasche hinter einer Zeitung. Ich lese die Schlagzeilen: "Frau läßt Säugling im Klinikum zurück", "Mehr Einsatz für Entwicklungsländer", "Akte Kohl wird geschlossen", "Weiter Streit um Entschädigungen", "Die Erinnerungen eines Überlebenden", "Kitt in der Beziehung von Vater und Kind". "Nächster Halt Sankt Leonhard." Die Großmutter hat diesmal keine Chance, wird sogleich von Justitia auf den Platz zurückgedrängt. "Bitte keine Peinlichkeiten mehr!" lese ich auf ihrer Stirn. Die Familie rückt enger
zusammen, um einen großgebauten Herrn im edlen Anzug mit chicker
Ledertasche, Cerrutti-Brille und dem "Deutschen Juristenblatt" unterm Arm
Platz zu machen.
Nasenring hat soeben den Walkman ausgeschaltet, ruft ihre Freundin übers Handy an. "Wo bist du gerade? Ich bin noch in der U-Bahn!" "Wo bin ich hier? Was mache
ich hier?" frage ich mich. "Ajungilak" tönt die sanfte Stimme bei
mir. In welcher Welt bin ich hier, was geht hier ab?
"Nächster Halt Rothenburger Straße". Von hier aus könnte ich in einen Zug umsteigen, abfahren in die weite Welt. Von hier aus könnte ich mit Nauja zu den Eskimos fahren und in den Schlafsack im Land der Menschen eintauchen und den Traum wieder wahr werden lassen. Doch ich bleibe sitzen, bin zu lethargisch ohne Luft. Zwei Frauen sind hinzu gekommen,
berichten sich ihre Erlebnisse von der Arbeit, vom netten Chef, der ihnen
heute das Kaffeegeld wegen ihrer guten Leistungen erlassen hat.
Nauja blickt zum Fenster hinaus, der Zug fährt in die nächste Haltestelle ein, "Plärrer". Sie springt von ihrem Platz,
eilt zur Tür. Durchs Fenster beobachte ich, wie ihr Papa angerannt
kommt, um sie in ihre Arme zu nehmen, breitet diese aus, warme Freude in
seinen Augen, ein Glücksschrei von Nauja ...! -
Der Schaffner hält sich an seinen Fahrplan, schließt die Türen, die Fahrt geht weiter. Warum bin ich so gelähmt, warum spreche ich stumme Worte aus, warum kann ich mich nicht bewegen? Warum atme ich nicht mehr? Doch da spüre ich Leben, Leben so stark wie das des Weidenröschens in der arktischen Kälte, das zu wunderbarer Schönheit erblüht, trotz Kälte, Schnee und Wind. Ich spüre Naujas kleine Hand, eine Berührung wie die der Daunen, die mich im Schlafsack wärmen. Warum sucht sie Schutz bei mir, die ich mich nicht bewegen kann, die ich mir so unbeweglich vorkomme? Ihr Gesicht ist voller Tränen, ihre Augen leuchten wie ein Nebelbogen, so unwirklich und doch so lebendig. "Nächster halt Opernhaus". Der Halt am Opernhaus und dem Arbeitsamt für die Kunstbewogenen, für Leute, die ohne Arbeit sind. Für Leute, die in der Luft schweben? Ich greife in meine Jackentasche, um nach einem Taschentuch zu suchen, ergreife statt dessen einen magnetischen Stein und ein vertrocknetes arktisches Weidenröschen, fast vergessen. Die Großmutter steigt aus, rennt tanzend mit der Enkelin den Bahnsteig entlang, Nasenring greift nach den Telefonhörern, die hier im Schaukasten hängen und nach Luft schreien und wirft sie wie Luftschlangen umher, Justus kann sich nicht bewegen, sein Brett haftet wie mit einem festen Klebstoff versehen am "Deutschen Juristenblatt", sein rechtsseitiges Herz verformt sich zu einem Paragraphen, wird von Lochern durchstochen, um in dicken Aktenordern fest geheftet zu werden, der alte Mann schmeißt sein Hörgerät auf den Boden und hält sich die Ohren zu vor lauter Lärm. Die Arbeitskolleginnen plaudern Berufsgeheimnisse aus, verhehlen ihren Chef, heulen vor Wut. Der blonde Mann um die Dreißig wird wie Leika in den Himmel geschossen und endet in der endlosen Weite des Weltalls. Justitia bleibt alleine eingeschlossen im Zug, um ihren Hals baumelt die Goldkette, Nippes aus dem Automaten, austauschbar, ohne Leben wie sie selbst. Wo bin ich hier? Was mache ich hier? In welcher Welt bin ich hier, was geht hier ab? "Nächster Halt Thule". Nauja und ich verlassen die
U-Bahn, sind wieder an der Oberfläche.
In meiner Hand der Stein und
das Weidenröschen. Ich bin wieder daheim, im Irgendwo, im Land der
Menschen, der Leichtigkeit des Seins.
Sabine F., Nürnberg
Diese Geschichte wurde für die Tochter von Dr. Christian Adler und ihren Papa geschrieben. Siehe hierzu "Folgen von PAS - eine junge Frau erzählt ..." |