Sabine F. über ihre Kindheit und die Folgen der Vaterabwesenheit


Keine Frage, daß ich diese Aktion unterstütze. 

Nicht nur Scheidungskinder geraten in einen Teufelskreis, der letztendlich zu einer dauerhaften Persönlichkeitsstörung führen kann. Es gibt genug Kinder, deren Eltern in einer ungesunden Partnerschaft leben, die in dieselbe Krise geraten. 

Ich selbst habe meinen Vati als Kind heiß und innig geliebt. 
Mit 9 Jahren wurde mir von meiner psychisch sehr instabilen Mutter diese innige Beziehung zu ihm untersagt. Auf einmal war er weg, obwohl er doch noch da war! 
Mit 9 Jahren braucht ein Kind aber seinen Vater! 
Aufgrund ihres psychischen Leidens bekam ich von meiner Mutter keine Zuwendung - ich war alleine. 
Einem 9jährigen Kind kann man aber nicht die Liebe der Eltern durch krankhafte, rationale Entscheidungen ersetzen. 

Mit 12 Jahren hielt ich die Wegnahme meines Vatis nicht mehr aus: Ich liebte ihn, bekam aber durch meine Mutter ein immer negativeres Bild von ihm. Mein einziger Weg, aus diesem Zwiespalt heraus zu kommen, war, meinen Vati nicht mehr lieb zu haben. 

Ich begann ihn zu hassen, er war für mich zum Arschloch geworden. Die Distanz wuchs. Ich wehrte jedes Anzeichen seiner väterlichen Zuneigung ab, wünschte mir aber aus tiefstem Herzen, ihn wieder in den Arm nehmen zu können. 

Mit 17 Jahren nahm ich wiederholt eine Überdosis Tabletten. Wie sehr hätte ich mir einen Erwachsenen, einen Freund gewünscht. Aber hier verschließen alle ihre Augen. 
Und meine Angst vor Beziehungen wurde deutlich. Ich blieb alleine. 

Als ich 19 war, starb mein Vater. Wir hatten bis dahin nicht mehr zueinander gefunden. 
Ich wurde magersüchtig, bulimisch, trank viel Alkohol, bekam starke Depressionen, war bei vielen Therapeuten, die alle versagten, meine Kontakte zu anderen endeten immer wieder im Chaos, mein Selbstwertgefühl war gleich Null. 
Ein Mann deutete meine sexuelle Zurückhaltung, meine Beziehungsängste derart, daß mich mein Vater gewiß als Kind mißhandelt habe, wovon er mich fast überzeugt hatte. 
Er hatte Unrecht! 

Mit 30 griff ich wieder zu Tabletten, kam wiederholt ins Krankenhaus und habe den letzten Versuch knapp überlebt. Ich kam in die Psychiatrie, wo man eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostizierte. Die Psychiatrie war grausam, aber hier erwachte mein Überlebenswille. 

Heute bin ich 32 und sehr glücklich.
Meine Mutter hasse ich immer wieder dafür, daß sie mir meinen Vater weggenommen hat und mir jegliche Zuneigung versagt hat, daß sie mir zu früh meine Kindheit genommen hat. 

Zu meinem Vater habe ich wieder ein gesundes Verhältnis bekommen. Kurz vor seinem plötzlichen Tod hatte er mir einen Brief geschrieben, den ich lange nicht gelesen habe, über den ich heute jedoch sehr froh bin. Immer wieder lese ich darin. Dabei kommt
jedesmal eine große Traurigkeit bei mir durch. Ich habe kapiert, daß mich mein Vater als einziger sehr gut verstanden hat, habe begriffen, wie lieb er mich hatte trotz meiner immensen Abwehrhaltung. Und vor allem ist mir klar geworden, wie traurig und quälend
dies für ihn war.  - Wie oft wünsche ich mir, daß er da wäre, daß ich mit ihm reden könnte, daß alles wieder so wäre wie früher.

Meiner Mutter quält sich durch ihr eigenes Leben. Sie versucht immer wieder sich subtil an mir festzuhalten, beneidet mich darum, daß ich begonnen habe zu leben, was sie sich selbst verwehrt. Gewiß kann sie nicht anders. Aber ich strebe danach, dieses Band zwischen uns endgültig zu durchtrennen, möchte nicht mehr in ihren Fängen stecken. Freilich, sie ist meine Mutter, aber ich bin nicht mehr ihr erziehungsbedürftiges Kind, das ihre Liebe und Fürsorge braucht. Jetzt ist es zu spät. Ich bin erwachsen, im Sinne des Wortes. 
Auch sie muß das begreifen und ihr Bild von mir revidieren. Das ist ihre, nicht meine Aufgabe.

Ich kann jederzeit wieder umkippen, aber ich gebe nicht mehr auf. Ich habe lange gekämpft und habe das große Glück, daß ich durchgehalten und überlebt habe.
Nun bin ich aufgewacht, stabil und bin dabei, mich auf ehrliche Beziehungen zu anderen einzulassen, ohne ständig die Angst zu haben wieder verlassen zu werden. 

Im Fall Adler gibt es ein 12 jähriges Mädchen, das gewiß einen ähnlichen Weg vor sich hat. Ich kann nur hilflos zusehen, ihr wie all den anderen Kindern von ganzem Herzen die Kraft zum Durchhalten wünschen und hoffen, daß sie bald einen Menschen findet, der es ehrlich meint, an dem sie sich festhalten, orientieren kann und ein Schlupfloch für sich findet für ihre eigene Persönlichkeit. 

Die Gesellschaft macht die Augen zu vor all den Kindern, die eine derartige Kindesmißhandlung erfahren, weil sie nicht spektakulär genug ist. 

Wie viele Kinder müssen noch leiden, zu Drogen greifen, vereinsamen, sterben, bis endlich die mächtigen Kräfte im Land aufwachen?
Diese Kinder werden erwachsen und der Teufelskreis geht weiter... 

Was mir über all die Jahre sehr geholfen hat war das Schreiben. 
Anbei daher eine Geschichte, die ich unmittelbar nach dem Lesen der pappa.com-Seiten über den "Fall Adler" geschrieben habe.

Ich schrieb sie für dieses Mädchen, C., und ihren Papa, 
für mich, letztlich für alle Kinder, ihre Väter oder Mütter, die in dem selben Mist stecken. Ich habe die Geschichte betitelt:

Ajungilak - Es ist doch alles in Ordnung

Es würde mich freuen, wenn sie durch eine Veröffentlichung auf Ihren Seiten ein paar Menschen Mut und Hoffnung geben könnte. Vor allem den Kindern oder inzwischen Erwachsenen, die bisher kein Schlupfloch, keine Lobby gefunden haben und ganz alleine sind.

Sabine F. Nürnberg

Im Rechtsstaat Deutschland kann es auch Sie treffen! 
Wenn Sie Kinder haben, jeden Tag, schon morgen! 
Das Grundgesetz, diese Erfahrung müssen heute Tausende machen, gilt nichts mehr.