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allensbacher bericht 1995 / Nr. 17 - Institut für Demoskopie Allensbach
SEXUELLER MISSBRAUCH VON KINDERN
Viele Menschen sind überzeugt: "Das kommt häufig vor"; aber nur wenige wissen von einem konkreten Fall.
Allensbach am Bodensee, Ende Juli 1995 - In den letzten Jahren wurde in den Medien immer häufiger über Fälle von sexuellem Mißbrauch von Kindern berichtet. In den Talkshows im Fernsehen häuften sich die Geständnisse von betroffenen Frauen, die sich zum Teil inzwischen auch zu Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen haben, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf dieses heikle Thema zu lenken. Die Folge ist - ähnlich wie bei anderen zeitweilig in den Medien fokussierten Themen -, daß es am Ende immer schwieriger wird, das Ausmaß und tatsächliche Gewicht des Problems zu bestimmen.
Als das Institut für Demoskopie Allensbach kürzlich in seiner Juni-Umfrage einen repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt danach fragte, ob ein sexueller Mißbrauch von Kindem häufig oder eher selten vorkommt, zeigten sich 66 Prozent der Deutschen überzeugt, daß der sexuelle Mißbrauch von Kindern keineswegs selten ist. Die Vorstellung einer harmonischen und liebevollen Beziehungswelt zwischen Eltern und Kindern wirkt plötzlich wie zerstört. Vor allem die Frauen sind irritiert. 72 Prozent von ihnen vermuten, daß dieses Sexualdelikt rings um sie herum häufig vorkommt.
| Tabelle 1: Sexueller Mißbrauch von Kindern - Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre |
| FRAGE: "Man hört und liest ja in der letzten Zeit häufiger Berichte über den sexuellen Mißbrauch von Kindern. Was denken Sie, kommt das häufiger vor, oder ist der Mißbrauch von Kindern relativ selten?" |
| in % | Bevölkerung insgesamt |
West- deutschland |
Ost- deutschland |
| Kommt häufiger vor | 66 | 67 | 61 |
| Kommt relativ selten vor | 22 | 21 | 27 |
| Unentschieden | 12 | 12 | 12 |
| FRAGE: "Man hört und liest ja in der letzten Zeit häufiger Berichte über den sexuellen Mißbrauch von Kindern. Was denken Sie, kommt das häufiger vor, oder ist der Mißbrauch von Kindern relativ selten?" |
| in % | Männer | Frauen |
| Kommt häufiger vor | 58 | 72 |
| Kommt relativ selten vor | 28 | 18 |
| Unentschieden | 14 | 10 |
QUELLE: Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 6016
Aber das Thema gehört auch jetzt noch nach jahrelangen Berichten, Falldokumentationen und einzelnen Prozessen zu jenen Themen, die mit tatsächlichen Fallzahlen nicht zu fassen sind. Deshalb können die Vermutungen beliebig "ins Kraut" schießen und auch beliebig gegen Unschuldige instrumentalisiert werden. Jeder einzelne Fall, von dem man in der Zeitung liest oder im Fernsehen etwas hört, wird - auch wenn damit jeweils nichts als ein Einzelfall bewiesen wird - zur Bestätigung für die inzwischen massenhafte Unterstellung solcher Vorkommnisse.
Die wenigsten Befragten haben bei ihrer Vermutung einen konkreten Fall aus ihrer näheren oder weiteren Umgebung vor Augen, von dem sie wissen oder auch nur gerüchteweise gehört hätten. Auf die Frage: "Haben Sie in Ihrem eigenen Bekanntenkreis oder hier in der Nachbarschaft schon einmal von so einem Fall erfahren, haben Sie da mal etwas über den Mißbrauch von Kindern gehört?" antworteten 83 Prozent aller Befragten mit "Nein". Auch Frauen, die vermutlich insgesamt aufmerksamer als Männer hinhören, wenn in ihrer Umgebung über so etwas gesprochen wird, und die sich sicherlich am ehesten untereinander über eigene schlimme Erfahrungen in diesem Bereich austauschen, können sich zu 80 Prozent an keinen einzigen Fall aus ihrem Bekanntenkreis oder aus ihrer Nachbarschaft erinnern.
Zudem: Daß 14 Prozent der Befragten von einem Fall von Kindesmißbrauch gehört haben, heißt nicht, daß die Zahl der offenbar gewordenen Delikte dieser Zahl entsprechen würde. Denn im allgemeinen genügt ein einziger Fall, bzw. das Gerücht zu einem einzigen Fall, um Hunderte von Menschen darüber zum Reden zu bringen.
| Tabelle 2 Sexueller Mißbrauch von Kindern - Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre |
| FRAGE: "Haben Sie in Ihrem eigenen Bekanntenkreis oder hier in der Nachbarschaft schon einmal von so einem Fall erfahren, haben Sie da mal etwas über den Mißbrauch von Kindern gehört?" |
| in % | Bevölkerung insgesamt | Männer | Frauen |
| Ja |
|
10 | 18 |
| Nein |
|
86 | 80 |
| Keine Angabe |
|
4 | 2 |
QUELLE: Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 6016
Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb viele Erwachsenen (auch die Mehrzahl der Frauen) befürchten, daß die öffentliche Dauerdiskussion des Themas "sexueller Mißbrauch von Kindern" das soziale Klima in unserer Gesellschaft und vor allem auch in den Familien belasten könnte. Diese Befürchtung kann man aus den Ergebnissen einer Frage ablesen, bei der den Befragten ein Dialog zu diesem Thema vorgelegt wurde. Eine der beiden Positionen dieses Dialogs lautete: "Ich finde es wichtig, daß man den sexuellen Mißbrauch von Kindern verfolgt und bestraft. Es darf aber nicht soweit kommen, daß man fast allen Vätern mißtraut, sonst geraten auch viele Unschuldige unter den Verdacht, daß sie Kinder mißbrauchen." 56 Prozent aller Befragten stimmen dieser Warnung vor zu großem Mißtrauen zu (Männer: 60 Prozent, Frauen: 53 Prozent). 35 Prozent der Befragten meinen jedoch, daß dem Problem nur mit härteren Bandagen und noch mehr Mißtrauen beizukommen sei: "Es ist gut, wenn man Mißtrauisch ist und auch dem kleinsten Verdacht nachgeht. Denn nur dann wird man auf den sexuellen Mißbrauch von Kindern überhaupt aufmerksam." Männer sind zu 31 Prozent und Frauen zu 39 Prozent von der reinigenden Kraft des Mißtrauens überzeugt.
| Tabelle 3 Mißbrauch von Kindern - Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre |
| FRAGE: "Hier unterhalten sich zwei über den sexuellen Mißbrauch von Kindern. Welcher von den beiden sagt eher das, was auch Sie meinen?" (Vorlage eines Bildblattes) |
| in % | Bevölkerung insgesamt |
West | Ost | Männer | Frauen |
| "Ich finde es wichtig, daß man den sexuellen Mißbrauch von Kindern verfolgt und bestraft. Es darf aber nicht soweit kom men, daß man fast allen Vätern mißtraut, sonst geraten auch viele Unschuldige unter den Verdacht, daß sie Kinder mißbrauchen." | 56 | 57 | 53 | 60 | 53 |
| "Das sehe ich anders. Es ist gut, wenn man mißtrauisch ist ind auch dem kleinsten Verdacht nachgeht. Denn nur dann wird man auf den sexuellen Miß brauch von Kindern überhaupt aufmerksam." | 35 | 34 | 37 | 31 | 39 |
| Unentschieden | 9 | 9 | 10 | 9 | 8 |
QUELLE: Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 6016
TECHNISCHE DATEN FÜR DIE REDAKTION
Anzahl der Befragten: 1977
Repräsentanz: Gesamtdeutschland, Bevölkerung ab 16
Jahre
Zeitraum der Befragung: 31. Mai bis 16. Juni 1995
Archiv-Nummer der Umfrage: 6016
Bei dieser Umfrage waren insgesamt 501 Interviewer
eingesetzt.
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