Berliner Morgenpost vom 5. April 1997
Ein schwerwiegender Verdacht und seine fatalen Folgen
Kinder müssen vor sexuellem Mißbrauch geschützt werden. Doch auch die Eltern haben ein Recht auf Gerechtigkeit. Der Fall der Familie Lennig
Von Wera Fischer
Zunächst hält Yvonne Lennig es für einen Irrtum. Wieder und wieder liest die 29jährige die Zeilen. Von "Krankenhausspielen" habe ihre Tochter Jessica erzählt; davon, daß der Vater im Beisein der Mutter mit den Töchtern den Beischlaf vollzogen habe. Die zierliche, dunkelhaarige Frau zittert.
"Die Mitarbeiter von 'Kind im Zentrum' sowie die Lehrer halten die Angaben von Jessica für glaubhaft", heißt es in dem Brief. Da weiterer Mißbrauch zu befürchten sei und damit "Gefahr im Verzug", müsse das Sorgerecht sofort entzogen werden. Es folgen ein paar Paragraphen. Darunter: "Kaltenbach - Richter".
Yvonne Lennig fühlt sich wie gelähmt. Nur mit Mühe kann sie zum Telefonhörer greifen. Sie ruft ihre Mutter an, schickt sie in die Kita zu den Töchtern. Doch das Jugendamt hat die Mädchen schon ins Heim gebracht. Bis dahin hat mit den Eltern keiner über die Vorwürfe gesprochen.
Die "Kindseltern" treffen die Beteiligten tags darauf in der mächtigen Sandsteinburg des Amtsgerichts Neukölln: Herr Steinke und die Einzelfallhelferin, beide vom Jugendamt Neukölln; Frau Wegener und Herr Wirkerling von "Kind im Zentrum" (KIZ).
Dem Wohl der Kinder fühlen sie sich alle verpflichtet, sagen sie. Aber was ist das Wohl der Kinder? Knapp hundertmal im Jahr erhält das Jugendamt Neukölln Hinweise auf sexuellen Mißbrauch. In jedem dritten Fall erhärtet sich der Verdacht. Die Dunkelziffer ist hoch, das Risiko einer Fehlentscheidung groß. Die Folgen für die Familie sind fatal. Die einzige Lösung: Den Einzelfall sorgfältig und unvoreingenommen prüfen. Ob das hier getan wurde, wird der Petitionsausschuß des Abgeordnetenhauses jetzt untersuchen müssen.
Das besondere im Fall Lennig: Jessica ist geistig behindert. Angefangen hat alles in einer Schulpause. Die damals Elfjährige bittet ihren Erzieher in der Rudower Martin-Lichtenstein-Integrationsschule, mit ihr Krankenhaus zu spielen. Wie das gehe, will der Erzieher wissen. "Da müssen sich alle ausziehen", sagt Jessica. "Papa steckt seinen Penis bei Mama in die Scheide und dann auch in meine und die von meiner Schwester. Die mag das aber manchmal nicht. Ich finde das toll."
Die Schilderung ist deutlich. Beim Erzieher "schrillen die Alarmglocken". Er protokolliert das Gespräch, informiert die Klassenlehrerin. Ihr gegenüber wiederholt Jessica die Aussage, beschreibt genau, wie der Penis aussieht. Nein, versichert das Mädchen auf Nachfragen, schwindeln würde sie nicht.
Die Klassenlehrerin wendet sich an den Verein Kind im Zentrum, schaltet das Jugendamt ein. Ganz schulbuchmäßig, in einer "Helferkonferenz", treffen sich die erwähnten Beteiligten, um das weitere Vorgehen zu beraten. Die Eltern von Jessica seien deshalb nicht informiert worden, um die Kinder vor Repressalien seitens der Eltern zu schützen, sagt Josef Schreiner vom Jugendamt Neukölln. So weit, so gut.
Doch schon in der Helferkonferenz äußert die Einzelfallhelferin Zweifel an dem Verdacht. Sie kennt Jessica als phantasievolles Mädchen, das gern Geschichtenn erzählt. Auch die Lehrerin bescheinigte ihr im Zeugnis, daß sie gern nachplappert, was sie bei anderen hört. Aber für Zweifel scheint kein Platz - jedenfalls nicht im Antrag des Jugendamtes an das Gericht.
Der Richter, so betont denn auch Justizsprecher Rüdiger Reiff, habe aufgrund der Aktenlage von einer akuten Gefahr für die Kinder ausgehen und sofort handeln müssen.
Die Kinder verbringen bange Wochen im Heim. "Am 6.Mai 1996, dem Geburtstag unserer Jüngsten, durften wir sie zum ersten Mal unter Aufsicht wiedersehen", klagt der Vater. Es folgen dramatische Szenen. Katharina flieht aus dem Heim.
Kurz darauf dürfen auch die beiden Schwestern wieder nach Hause. Ein Gutachten im Auftrag des Gerichts stellte fest: Bei Jessicas Geschichte handele es sich "nicht um etwas real Erlebtes".
Die Familie steht noch heute unter Schock. "So etwas muß doch bestraft werden", meint Vater Lennig. "Wo bleibt da der Rechtsstaat?"
Selbst das Jugendamt gesteht inzwischen ein: Man hätte die Eltern anhören müssen. "Ein bedauerlicher Abstimmungsfehler mit dem Gericht" sei der Grund, daß der Beschluß über den Entzug des Sorgerechts per Post zugestellt wurde. Geplant gewesen sei, mit den Eltern zu sprechen.
Als Versäumnis betrachtet es Josef Schreiner heute auch, daß Jessicas häusliche Ärzte und Psychologen nicht in die Beratungen einbezogen wurden. Ebenso überging man die Lehrer der beiden nichtbehinderten Schwestern.
Unklar bleibt ferner die Rolle der Beraterin von KIZ. Zwar steht im Antrag des Jugendamtes an das Gericht: "Die Mitarbeiter des Zentrums ... zeigten sich aufgrund der vorliegenden Äußerungen von Jessica davon überzeugt, daß ein Mißbrauch ... vorliegt." Das aber will Babara Wegener gar nicht gesagt haben. "Meine Aufgabe war es, die Betreuer fachlich zu beraten und nicht, den Mißbrauch zu begutachten", betont sie heute. Alles andere wäre auch wenig glaubwürdig.
Denn sie hat Jessica nie gesehen. Auch die Lehrerin, die in dem Antrag angeführt wird, weist jede Verantwortung von sich. "Ich habe meine Notizen an das Jugendamt weitergegeben. Danach hatte ich mit dem Fall nichts mehr zu tun."
Es dauerte lange, bis sich bei den Eltern jemand entschuldigte. "Beim ersten Prozeß haben uns alle fertig gemacht. Bei der zweiten Verhandlung im Herbst, als die Entscheidung aufgehoben wurde, da war dann nur noch die kaputte Familie da", sagt der Vater Frank Lennig bitter. Im Gutachten des Gerichts wie auch in dem zweiten Urteil wird dem Jugendamt und dem Richter Kaltenbach jedoch kein Vorwurf gemacht.
Für den Vater, der bis heute nicht in Ruhe schlafen kann, ist das Geschehene kaum wieder gutzumachen. Das Vertrauen der Kinder, die erfahren mußten, daß ihre Eltern sie nicht schützen können, sei zerstört. Und: "Sie sollten mal sehen, wie schnell Janina von der Schule nach Hause rennt. So schnell haben Sie noch keinen flitzen sehen."
Auch zwischen die Geschwister habe das Erlebte einen Keil getrieben. "Die beiden anderen Mädchen geben natürlich Jessica mit die Schuld, daß sie vier Wochen im Heim verbringen mußten." Die Eltern, die in dieser Zeit aus ihrer Wohnung geflüchtet waren, durften die Mädchen nur kurz und unter Aufsicht besuchen. Das Jugendamt erwägt jetzt, der Familie als Wiedergutmachung einen "Zuschuß" zu einer Ferienreise zu bezahlen. "Sie haben uns 2000 Mark angeboten", sagt Frank Lennig. "Das reicht gerade für meine Anwaltskosten.
Ihrer behinderten Tochter tragen die Eltern nichts nach. "Sie wollte uns nichts Böses", sagt die Mutter liebevoll. "Sie denkt sich dabei nichts."
Wie Jessica zu ihrer Aussage kam, läßt sich bis heute kaum erklären. Am plausibelsten erscheint dem Gerichtsgutachter Jörg Fegert, einem renommierten Experten für Mißbrauchsfragen aus dem Virchow-Klinikum, daß sie schlicht ein Aufklärungsbuch auswendig gelernt habe.
Es war in jener Zeit ihr Lieblingsbuch. In dem Janosch-Bändchen "Mutter, sag, woher kommen die Kinder?" ist der Geschlechtsakt im Querschnitt aufgemalt. Jessica selbst spricht über das Thema ungern. Warum sie die Geschichte erzählt hat? "Weiß ich nicht", sagt das schlanke, großgewachsene Mädchen langsam und die dunklen, großen Augen blicken starr und leer an mir vorbei.