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BILD-Zeitung vom 28. Oktober 1997, Seite 3 - Ausgabe Ostwestfalen
Kinder ab ins Heim - oft nur ein böser
Verdacht
Sozialhelfer klagen gegen Familienministerin Nolte!
Von MARKUS BEKENKAMP
Stadtlohn - Die Zahl ist erschütternd: Jährlich werden in Deutschland 140.000 Kinder den Eltern weggenommen. Weil sie mißhandelt, mißbraucht wurden, in schäbigen Verhältnissen lebten. Angeblich. Denn häufig entpuppt sich der "Radikal-Akt zum Wohl des Kindes" später als böser Irrtum. "Fast 70.000 Kindeswegnahmen sind unberechtigt", sagt Peter Stosshoff (40).
Seit zwölf Jahren ist Stosshoff Vorsitzender der "Sozialhelferstation Menschen in Not" (SEM) in Stadtlohn. Zusammen mit Psychologen und Ärzten überprüfte die Organisation (Tel. 02563/938 30) seitdem 1.200 Kindeswegnahmen. Alarmierendes Ergebnis: Nur bei zehn Prozent war die Maßnahme wegen schlechter sozialer Verhältnisse gerade noch vertretbar. Von 726 Fällen wegen sexuellen Mißbrauchs bestätigte sich nur einer. Genau wie bei 72 Kindern, die angeblich von den Eltern mißhandelt wurden.
Inzwischen sorgte SEM dafür, daß 300 Kinder wieder bei den Eltern sind. Und geht noch weiter: Kürzlich erstattete SEM Strafanzeige gegen Familienministerin Claudia Nolte, NRW-Gleichstellungsbeauftragte Ilse Ridder-Melchers und 111 Beratungsstellen (Zartbitter, Wildwasser, Alraune). Zentrale Vorwürfe: Beihilfe zur Vortäuschung von Straftaten, übler Nachrede, Verleumdung, Nötigung, Mißbrauch (geistig, seelisch, körperlich) an Kindern.
Stosshoff: "Es ist ein Skandal! Selbsternannte Kinderschützer entdecken angebliche Symptome auf Mißbrauch oder Mißbrauchhandlungen. Der Anfangsverdacht wird Behörden gemeldet. Und dann werden rein vorsorglich Kinder aus intakten Familien gerissen und ins Heim gesteckt. Die Kinder leiden, die Eltern sind geächtet. Damit muß Schluß sein!"
Nebenbei: Knapp 16 Milliarden Mark zahlen Bund und Länder jährlich an Kinderheime und Pflegeeltern (Tagessatz: 222,50 Mark). Stosshoff: "Die Hälfte könnte man sparen und das Geld den Familien geben. Das wäre effektiver."