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    Bernd Marchewka (Hrsg.), Weißbuch sexueller Mißbrauch. Zum Umgang mit dem ungerechtfertigtem Vorwurf der sexuellen Mißhandlung von Kindern in familiengerichtlichen und strafgerichtlichen Verfahren. Holos-Verlag, Bonn 1996. DM 39,00

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    Klapppentext

    „Diese Publikation gehört in die Hand von damit befaßten Juristen, Psychologen und Pädagogen sowie von beruflich damit befaßten Mitarbeitern privater und öffentlicher Dienste und nicht zuletzt von direkt und indirekt Betroffenen.

    Es dient der rationalen Erfassung und Einordnung eines schier unfaßbaren menschlichen Phänomens und seiner zahlreichen Facetten und berücksichtigt in besonderer Weise den mißbräuchlichen Vorwurf des sexuellen Mißbrauchs. Die wissenschaftlichen Autoren dieses Buches sind in Fachkreisen renommierte Juristen und Psychologen.“

    Inhaltsverzeichnis

    1. Fallbeispiel: Das Urteil des LG Osnabrück
    2. Fallbeispiel: Das Urteil des OLG Bamberg

    Peter Klein: Fallbeispiele aus der Praxis eines Familienrichters

    Rainer Ollmann: Rechtliche Aspekte der Aufdeckung von sexuellem Mißbrauch

    Burkhard Schade: Der Verdacht auf sexuellen Mißbrauch von Kindern in familiengerichtlichen Verfahren

    Elizabeth Butler-Sloss: Der Cleveland-Report

    Heinz Offe, Susanne Offe, Peter Wetzels, Zum Umgang mit dem Verdacht des sexuellen Kindesmißbrauchs

    Gunsch/Marchewka, Schuldig auf Verdacht - ein Interview

    Johann Endres, O. Berndt Scholz, Sexueller Kindesmißbrauch aus psychologischer Sicht - Formen, Vorkommen und Nachweis

    Johann Endres, O. Berndt Scholz, Aufgaben des psychologischen Sachverständigen bei Verdacht des sexuellen Kindesmißbrauchs

    Udo Undeutsch, Die Untersuchung mit dem Polygraphen („Lügendetektor“) - eine wissenschaftliche Methode zum Nachweis der Unschuld


    Rezension von Karin Jäckel

    Niemand kann den geringsten Zweifel daran hegen, daß die sexuelle Ausbeutung von Kindern eines der verabscheuungswürdigsten Verbrechen ist. Unter dem die brutalen Tatsachen schön redenden Begriff des sexuellen Kindesmißbrauchs, welcher impliziert, daß Kinder zum Gebrauch bestimmt sind und Mißbrauch lediglich eine falsche Handhabung darstellt, verbirgt sich de facto die Vergewaltigung von Opfern, die aufgrund ihrer emotionalen Abhängigkeit und/oder körperlichen Unterlegenheit zur Gegenwehr entweder vollkommen unfähig oder unzulänglich imstande sind. Die seelischen Schäden der Opfer währen lebenslang und weiten sich in schrecklicher Zwanghaftigkeit nur zu oft auf die eigenen Kinder aus.

    Seit rund zehn Jahren dringt das Bewußtsein immer klarer in die Köpfe der Bevölkerung, daß kein Kind sicher ist. Die ursprünglich fast ausschließlich von Betroffenen getragene Aufklärungskampagne hat sich längst etabliert. Zahllose Selbsthilfegruppen schossen und schießen weiterhin aus dem Boden, in denen Betroffene mit und ohne "Fachfrauenleitung" einander ein offenes Ohr, Verständnis und aktive, den Alltag erleichternde Lebenshilfe bieten. Eine Fülle von Fachkräften engagiert sich. Für Psychologen, Therapeuten aller Couleur, Gutachter, Sozialpädagogen und -wissenschaftler, Kinderärzte, Erzieher, Lehrkräfte, Autoren, Journalisten und nicht zuletzt Rechtsanwälte bis hin zu den Gerichten hat sich ein breites Betätigungsfeld aufgetan.

    Wie kaum ein anderes von Emotionen bestimmt, grassiert darin die Kollegenschelte, die von Beschimpfungen wie "Helfermafia" oder "Fürsorgestasi" bis hin zu dem bitterbösen Vorwurf des "Mißbrauchs mit dem Mißbrauchs" reicht.

    Die Gruppen und Grüppchen, die "Helfer" und "Gegner" streiten zur Freude der Medien um des Kaisers Bart. Da gibt es diejenigen, die "parteilich" und bedingungslos den Aussagen von Mädchen und Frauen Glauben schenken und Jungen gnadenlos als menschlichen Abschaum aus dem Hilfsangebot aussortieren. In ihnen agieren vornehmlich hartgesottene Hardlinerfeministinnen, die Männer als die generell schlechtere Alternative abqualifizieren. In anderen, bemüht objektiven Gruppierungen, wird Mädchen- und Jungenarbeit geleistet, die sich weniger am Geschlecht als am Kind orientiert, aber immer noch prinzipiell parteilich arbeitet und Zweifel gar nicht erst aufkommen lassen. Dagegen stehen diejenigen, die als Pädophilenfreunde davon reden, daß "alles nur aufgebauscht und schlecht geredet wird" und darauf pochen, daß Kindern Sex mit Erwachsenen gefällt, so daß endlich eine Änderung der Rechtsprechung erzwungen werden müsse, welche Kinderliebhabern ihr natürliches Recht auf "Sex und Lust" gestattet. Wieder andere ergreifen Partei, indem sie gegen "wiedererweckte Erinnerungen und therapiertes Erinnern" streiten. Und jüngst macht eine neue Gruppe von sich reden, die sich den Schutz von Eltern und anderen Personen ins Panier geschrieben hat, welche des Mißbrauchs beschuldigt werden, aber ihre Unschuld beteuern und ohne Hilfe in der "Mißbrauchs-Inquisition" zerrieben werden.

    Dank der Medienberichterstattung wird nicht nur jede Bewegung auf dem Flickenteppich der Organisationen breit ausgewalzt und notwendige Aufklärung betrieben, sondern auch die Angst geschürt. Mit Halbwahrheiten, Hetzreden, emotionsgeladenen Zurschaustellungen von leidenden Kindern und verzweifelten Eltern, womöglich am Grabe der auf brutalste Weise zu Tode geschundenen Opfer, wird die Volksseele aufgepeitscht.

    Niemand, dem heutzutage nicht bewußt wäre, daß kein Kind sicher ist, auch nicht das eigene. Tatsächlich zeigen aktuelle professionelle Umfragen, daß die größte Angst von Kindern heute darin besteht, sexuell mißbraucht zu werden. Eine Angst, die von Erwachsenen geweckt und geschürt wird, die .selbst Angst haben und nicht wissen, was tun.

    Fragen "Wer sind die Täter?" bleiben weitestgehend unbeantwortet. Es sind - mit wenigen Ausnahmen - keine perversen Kranken, sondern Menschen "wie du und ich", eher besonders unauffällig als auffällig. Sie sind Ich-schwache Persönlichkeiten, die aus der Erniedrigung von Kindern den Anschein von Macht gewinnen. Aber niemand sieht es ihnen an. Der grüne Punkt auf der Stirn fehlt. Leider.

    Wie soll man helfen? Wie vorbeugen? Wie verhindern? Fragen über Fragen der Angst. Um für den sexuellen Kindesmißbrauch "sensibilisiert" zu werden, besuchen beispielsweise Erwerbstätige, die im Umfeld Kind und Familie tätig sind, Fortbildungsveranstaltungen. Sie interessieren sich ernstlich, sind mit aller Kraft bereit, sich zu engagieren und "aufzupassen". Ihnen soll kein Fall entgehen, kein Täter entkommen. Wir brauchen Menschen wie diese!

    Doch unter der Fülle der Informationsangebote gibt es nicht nur Qualifiziertes. Als Teilnehmer erlebt man, daß Männer oder jugendliche Burschen von gewichtigen Amazonen des Saales verwiesen werden. Im "geschützten Raum" der Aufklärung darf es nur Frauen und Mädchen geben. Man erlebt, daß Fachfrauen hinter dem Rednerpult eine Stunde lang aus eigenen Forschungsarbeiten oder eigener Betroffenheit vortragen, der anschließenden Diskussion aber mit lapidaren Floskeln ausweichen, die letztlich darauf hinaus laufen, daß eine separatistische Lebensweise die beste wäre, weil "in jedem Mann ein Täter steckt" der "plötzlich ausbrechen kann". Statistiken werden ausgebreitet, aus denen die entsetzte Zuhörerschaft erfährt, daß jedes dritte Kind zum Opfer wird und jedermann ganz sicher unwissentlich Kontakt mit betroffenen Kindern habe. Körpermerkmale werden als Beweismittel aufgezählt und nur im einem Nebensatz erwähnt, daß sie jederzeit auch andere Ursachen haben können. Kompetente Hilfe solle man sich holen, wenn man denn etwas bemerkt oder einen Verdacht geschöpft habe, heißt es. Nur wo, erfährt man allenfalls sporadisch. Bei den Fachfrauen der Selbsthilfegruppen, heißt es, solle man Rat einholen. Sie als Wissende nehmen sich dann der Kinder schon an, befragen vorsichtig, interpretieren Zeichnungen und Verhaltensweisen. Wer sagt schon, daß man sich auch vertraulich mit der Staatsanwaltschaft beraten kann, ohne gleich Anzeige erstatten zu müssen?

    Viel zu selten werden lnformationsveranstaltungen für "Lieschen Müller" angeboten, in denen es jenseits von Statistiken und Fachjargon um sachlich-nüchterne Fakten geht und den Abbau der Angst. Es hilft nicht, Eltern und Kinder damit zu berieseln, daß Kinder gelehrt werden müssen, Nein zu sagen, um sicher zu sein. Im Falle des Falles hilft kein Nein, weder gegenüber einem der Väter, noch gegenüber einem neutralen Täter. Was vielleicht helfen kann, ist Selbstbewußtsein und damit verbunden die Gewißheit, in jedem Falle und unter allen Umständen geliebt zu werden und Vertrauen zu erfahren. Das Wissen kann helfen, Erwachsenen auch dann eine Antwort verweigern zu dürfen, wenn freundlich gefragt wird, nicht an fremde Autos zur Beantwortung einer Frage etwa nach der richtigen Straße herantreten zu müssen, an fremden Haustüren um Hilfe läuten, sich mit allen Kräften und Mitteln zur Wehr setzen zu dürfen, treten, spucken, kratzen, beißen, schlagen - alles zu dürfen. Was aber hilft das alles, wenn Erwachsene, wie im Mai 1998 geschehen, Kindern nicht tatkräftig und sofort helfen, wenn diese in unmittelbarer Not sind und konkret und dringlich um Hilfe bitten?

    Kinder zu schänden ist das Ende der Fehlleistungen von Erwachsenen im Umgang mit Kindern. Am Anfang steht immer, ein Kind nicht als einen Erwachsenen ebenbürtigen eigenständigen Menschen mit einem ganzheitlichen Recht auf Unversehrtheit zu achten, sondern das Kind in permanenter Grenzverletzung nach Belieben als Besitz zu benutzen bzw. in falscher Fürsorge nach dem Motto "Ich weiß, was gut für dich ist" zu verwalten. Eine spezielle Facette dieser das Kind verwaltenden Fürsorge leben besonders Mütter aus. Und zwar diejenigen unter ihnen, die sich ihrem Kind wie mit einer imaginären Nabelschnur der Abhängigkeiten verbunden fühlen und nicht zwischen eigenen Ansprüchen und denjenigen des Kindes trennen können. Der Gedanke, nur das Beste für das Kind zu wollen, läßt zwar vielleicht Platz für die rein theoretische einsichtige Überlegung, daß alles, was für die Mutter gut ist, nicht automatisch auch für das Kind gut sein muß. In der Praxis aber scheitert die Umsetzung der Einsicht an der Vorrangigkeit der mütterlichen, erwachsenen und daher automatisch scheinbar berechtigteren Ansprüche.

    Im Zusammenhang mit der Angst vor sexuellem Kindesmißbrauch wirkt sich diese Facette der mütterlichen Fürsorge immer öfter wie eine Tretmine aus. Der von einem Buchtitel "der ersten Stunden" (B. Kavemann, I. Lohstöter, Väter als Täter, rororo 1986) abgeleitete und zu Allgemeingut gewordene feministische Hetzruf "Alle Väter sind Täter" bzw. Jungen werden mit Tatwaffe geboren" hat nicht nur aufgeschreckt und aufgeklärt, sondern entsetzliche Blüten der Angst getrieben. Sie brechen dort auf, wo Haß zwischen den Geschlechtern umgeht. Dort, wo die Liebe zerbrochen ist und in den Gräben nur mehr die Rachsucht wuchert. Dort, wo Rosenkrieg und Trennung angesagt sind.

    "In jeder dritten Akte [bei strittigem Sorgerecht, Anm. der Rezensentin ], die ein Gutachter heute zu Gericht bekommt, spielt der Vorwurf des sexuellen Mißbrauchs eine Rolle" schrieb der namhafte Karlsruher Gerichtsgutachter und promovierte Psychologe Ernst Ell schon im Juni 1992 in der Zeitschrift "Eltern" und führte weiter aus: "Harmlose Dinge wie wunde Stellen durch Kratzen an der Scheide oder durch Madenwürmer werden gar nicht mehr anders erklärt." Siegfried Willutzki, Familienrichter des Deutschen Familiengerichtstags und viel gefragter Gast in allen Medienkanälen, bestätigte seit 1994 immer wieder, daß de facto in 40 Prozent der Sorgerechtsstreitigkeiten von Müttern der Vorwurf des sexuellen Kindesmißbrauchs durch den Vater erhoben werde und die große Mehrheit dieser Anschuldigungen frei erfunden sei. Was geht da vor? Frei nach Asterix gefragt: Spinnen die Mütter?

    Ich denke nein. Mütter, die dergleichen Anschuldigungen gegen den Vater ihrer Kinder erheben, sind von Haß und Rachsucht, aber im gleichen Masse von Angst geprägt. Sie trauen dem Mann, der - berechtigt oder unberechtigt - zur größten Enttäuschung ihres Lebens wurde, plötzlich "alles" zu. Sie selbst haben ihn in allen Spielarten der Launen erlebt. Sie kennen ihn, wie er .sein kann, wenn er Eindruck machen will. Charmant und liebenswürdig kann er sein, der Verführer in Person. Aber sie kennen ihn auch, wenn er gemein und bösartig ist, wenn er seine Kräfte spielen läßt und Abhängigkeiten ausnutzt, Sex verlangt und mehr oder minder erzwingt. Andere nehmen die privatesten, intimsten Eigenheiten dieses Menschen nicht wahr, aber die Ehefrau schon. Vor ihr läßt man alle äußeren und inneren Hüllen fallen. Warum sollte dieser Mann im Umgang mit seinem Kind immer der bessere Mensch sein? Wenn "alle Väter Täter" sind, warum nicht auch er?

    Angst und Mißtrauen und der starke Wunsch, das Kind vor ähnlich negativen Erfahrungen zu beschützen, wie sie selbst sie mit dem Kindesvater erlebte, sind die Antriebsfedern, wenn eine Frau ihrem Mann zu unterstellen beginnt, er habe sein Kind sexuell ausbeutet. Im Sinne der selbsterfüllenden Prophezeiung werden Anzeichen gesucht und gefunden, Verbündete aufgestellt und schließlich Konsequenzen gezogen.

    Wehe dem Vater und seinem Kind, wenn die Frau falsche Verbündete findet! Verbündete, die einen Verdacht zum Beweis erklären, weil sie "parteilich "und "opferzentriert" agieren, ohne den geringsten Zweifel und mit diesem eine möglichst breite, intensive und objektive Prüfung der Aussagen zuzulassen. Von der Bestärkung der Mutter in ihren Ängsten und Aggressionen gegen den Vater durch suggestive Befragung des Kindes bis zur Involvierung weiterer Eltern und Kinder nebst Aufdeckung weiterer Schandtaten und einem Ingangsetzen der modernen Lynchjustiz verbaler Art ist es dann nicht weit.

    Spätestens von diesem Zeitpunkt an wird der unschuldig des sexuellen Kindesmißbrauchs angeklagte Vater sich inmitten eines Alptraumes wähnen. Innerhalb weniger Stunden zerbricht sein bisheriges Leben total. Selbst engste Familienmitglieder und langjährige beste Freunde wenden sich plötzlich mit Grausen von ihm ab. Kollegen und Arbeitgeber distanzierend sich. Oft genug wird nahe gelegt, den Job aufzugeben, am besten gleich umzuziehen und irgendwo im Schutz der Anonymität neu zu beginnen.

    Zu einem Zeitpunkt, wo lediglich Gerüchte kursieren und Verdachtsmomente ausgesprochen wurden, keinerlei Beweise existieren, ja, nicht einmal offiziell Anzeige erstattet wurde, steht ein solcher Mann definitiv vor den Scherben seines Lebens und weiß nicht, warum.

    Kein Verdacht vernichtet so nachhaltig wie der, ein Kinderschänder zu sein. Selbst im Strafvollzug ist einer, der Kinder vergewaltigt, verächtlicher als der brutalste Muttermörder und entsprechenden Repressalien seiner Mitgefangenen ausgesetzt. Mit "so einem" will niemand zu schaffen haben. Ihn auszugrenzen, leiden zu lassen, scheint recht und billig.

    Jetzt einen Anwalt zu finden, der sich in der Sache auskennt, bereit ist, "so einem" zu helfen und wirksam agiert, ist eine Sache.- Es erfordert Finderglück und Geld, viel Geld. Und welcher unterhaltspflichtige Vater hat das schon? Die andere Sache ist die, ob die Mutter Anzeige erstattet, so daß der Vater keine andere Möglichkeit als die zur Verteidigung hat. Oder ob man selbst als Vater es verantworten will, rechtlich gegen die verleumderische Mutter vor zu gehen und dadurch sein Kind in die Mühlen der Gerichtsbarkeit zu bringen. Das Kind müßte ja befragt und vernommen werden - nicht nur einmal, nicht nur von einer Person, Jahre kann es dauern, ehe ein Prozeß entschieden ist. Ich selbst kenne Fälle, in denen es vom Tage der Anzeigeerstattung bis zum rechtskräftigen Urteil neun Jahre währte, ehe der Fall in erster Instanz und weitere vier Jahre, ehe in letzter Instanz entschieden wurde.

    Kein Wunder also, daß die meisten Väter davon Abstand nehmen, weil sie aufgrund der Medienberichterstattung wissen, daß die Traumatisierung eines Kindes durch Vernehmung ebenso schwerwiegend sein kann wie der sexuelle Kindesmißbrauch und außerdem abzusehen ist, daß selbst eine vollständige Rehabilitierung keine Garantie dafür ist, daß sie anschließend ihr Kind erleben dürfen. In den Jahren dazwischen tritt Entfremdung ein. Das Kind ist verstört und verunsichert worden. Die Mutter hatte reichlich Zeit und Gelegenheit, eine Gehirnwäsche im Sinne des "Parental Alienation Syndroms" gegen den Vater vorzunehmen, so daß dieser irgendwann absolut abgelehnt wird. Ja, selbst wenn all' dies nicht wäre, würde doch die anhand des Prozesses zu beweisende Zerrüttung der Elternbeziehung zu einem Veto des Familienrichters führen, der angesichts einer solchen tiefgehenden Entzweiung das Kindeswohl im Umgang mit dem Vater gefährdet sehen müßte.

    Statt sich auf dem Rücken des Kindes ihrer Haut zu wehren, ziehen sich die meisten unrechtmäßig beschuldigten Väter zurück, erheben keinen Anspruch mehr darauf, ein gemeinsames Sorgerecht für ihre Kinder erwirken zu wollen. Doch selbst wenn es ihnen gelingt, andernorts neu Fuß zu fassen, spüren sie alltäglich das Damoklesschwert des ihnen nacheilenden elenden Verdachtes über sich.

    Diese Männer haben aufgrund falscher Verdächtigungen alles verloren.- ihre Kinder, ihre Familie, ihre Freunde, ihre soziale Reputation, ihre Ehre, kurz alles, was das Leben lebenswert machte. Trotz allen Dagegenankämpfens und Überlebenswillens sind Sicherheit, Unbeschwertheit, Zutrauen in Liebe und Freundschaft sowie Vertrauen in die Zukunft von nun an Fremdworte, Schätze in einem Versteck ohne das Zauberwort des Sesam-öffne-dich.

    Bücher wie Marchewkas Weißbuch sexueller Mißbrauch können helfen, dem Unrecht des sexuellen Mißbrauchs ein Ende zu setzen. Und zwar sowohl der als Seelenmord zu verurteilenden sexuellen Ausbeutung und Vergewaltigung von Kindern, als auch dem Seelenmord durch Rufmord an unschuldigen Vätern und anderen Verdächtigten.

    In erschütternder Direktheit konfrontiert es den Leser mit Schrecken und Leid, welche an immer neuen Textpassagen zu fassungslosem Unglauben verleiten. Doch leider sind sie wahr. Und sie kommen öfter vor als man denkt. Aus meiner langjährigen Erfahrung im Umgang mit Betroffenen aller Altersgruppen und beiderlei Geschlechts, Opfern wie Täterlinnen, und der daraus resultierenden Veröffentlichung mehrerer Sachbücher, gewann ich die bestürzende Erkenntnis, daß sich die Zeit seit dem finstersten Mittelalter mit seinen brennenden Scheiterhaufen fortentwickelte, der Mensch aber nach wie vor bereit ist, Lügen allein deshalb für Wahrheiten zu nehmen, weil er Angst vor der Wahrheit hinter der Wahrheit hat.

    Karin Jäckel

    Drei Veröffentlichungen von Karin Jäckel:

    • Der gebrauchte Mann. Abgeliebt und abgezockt - Väter nach der Trennung, 1997 - Rezensionen
    • Furcht vor dem Leben - Wenn Jugendliche den Tod als einzigen Ausweg sehen, 1998 - Leseprobe "Lieber Papi!"
    • Lieber Papa, mir geht´s gut! Rezension


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