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Der Spiegel berichtet in seiner Ausgabe 38/1997 vom 15. September 1997:
KINDESMISSBRAUCH Absurd und gefährlich
Das Familienministerium fördert dubiose Kinderschutzorganisationen im Kampf gegen sexuellen Mißbrauch - und finanziert einen umstrittenen Comic.
Die Welt ist schlecht und voller, zumeist männlicher, Verbrecher. Da scheint es geboten, die Kleinen über alle Fährnisse aufzuklären.
Bei Simon klingelt, "rrring, rrring", das Telefon, es meldet sich ein Perverser, der Schweinelaute von sich gibt: "Grunz." Der kleinen Lina lauert ein "Pimmelzeiger" auf - "Voll fies! Gemein!" findet die "Bande". Der Fußballtrainer, "glubsch", starrt duschenden Jungen "auf den Pimmel". Kaum ein Lebensbereich der Kleinen, in dem nicht an den Po gegriffen (Badeanstalt), ans Bein gefaßt (Kino) oder gegen den Kindeswillen geküßt wird (Supermarkt).

Ein Horrorszenario, das Familienministerin Nolte (CDU) offenbar überzeugend findet. Deshalb fördert die jüngste im überwiegend mit älteren Herren besstückten Bundeskabinett einen gerade erschienenen Comic mit dem Titel "Laß das - nimm die Finger weg".
Das Machwerk richtet sich an "Kinder ab sieben bis acht Jahre" und deckt sich, laut Begleittext, mit "der Beratungserfahrung" von Mitarbeitern des Vereins Zartbitter e.V., der für den Comic verantwortlich ist. Ursprünglich hatte man "kleine Kinder ab drei Jahre" mit dem Stoff traktieren wollen, dann aber erkannt, daß die noch keine Comics lesen.
Die Förderung des vermeintlichen Aufklärungsheftchens ist Teil eines kürzlich vorgestellten "Arbeitsprogramms der Bundesregierung" [Anm. paPPa.com: Siehe die Zusammenstellung vom 30. Juli 1997: Frauenministerin Nolte gegen Mißbrauch und für Mißbrauch mit dem Mißbrauch ?]. In Zukunft sollen Organsitionen wie Zartbitter, die sich einem "parteilich-feministischem Ansatz" bei der Aufdeckung sexuellen Mißbrauchs verpflichtet fühlen, jährlich mit 800.000 Mark aus Bundesmitteln gefördert werden [Anm. paPPa.com: Zur finanziellen "Notlage" von Zartbitter siehe: "Zart war ich - bitter war´s"].
Daß damit die Böcke zu Gärtner gemacht werden, gilt unter Experten als sicher. "Absurd" und "gefährlich" findet der Osnabrücker Diplompsychologe Hartmut Böhm, 47, den Nolte-Comic: "Hier wird Mißtrauen gegen jeden gesät. Es wird der Eindruck erweckt, überall liefen Exhibitionisten und Kinderschänder herum."
Böhm weiß, wovon er spricht. Er war Gutachter in einem Prozeß gegen einen Lehrer und dessen Frau, die im niedersächsischen Nordhorn 187 Kinder mißbraucht haben sollten. Angehörige einer Gruppe namens Hautnah hatten 1991 eine Lawine von Verdächtigungen losgetreten. Das Ganze gipfelte in einer Art Hexenjagd: Demonstrationen vor dem Haus des Ehepaars, Farbschmierereien, Drohanrufe.
Vor Gericht wies Böhm nach, daß alle Anschuldigungen haltlos und die Aussagen der Kinder durch Manipulationen der Hautnah-Frauen zustande gekommen waren. Die Angeklagten wurden freigesprochen und "in vollem Umfang rehabilitiert".
Mentor der selbsternannten Aufdeckerinnen sexuellen Mißbrauchs war der münstersche Professor für Kinder- und Jugendpsyichatrie, Tilmann Fürniss. Seiner Ansicht nach soll ein Therapeut nicht fragen, "was war, sondern: Was könnte gewesen sein. Ein Nein als Antwort" könne "nicht als Nein akzeptiert werden".
Eine Methode, die Professor Max Steller vom Institiut für Forensische Psychiatrie in Berlin für "schlichtweg falsch" hält. Der suggestiven Befragung angeblicher Mißbrauchsopfer werde durch die "Phantasieebene" Tür und Tor geöffnet.
Wie verheerend dies für die des Mißbrauchs Verdächtigten sein kann, zeigt der Fall des Erziehers Rainer Möllers. Mitarbeiterinnen von Zartbitter e.V. in Coesfeld, dien an von Fürniss geleiteten Fortbildungsseminaren zum Thema "Wie erkenne ich sexuellen Mißbrauch" teilgenommen hatten, beschuldigten ihn, Schutzbefohlene in den Montessori-Kindergärten Coesfeld und Borken massenhaft mißbraucht zu haben [Anm. paPPa.com: Siehe hierzu auch den Artikel von Tamara Duve, "Die Hexenjägerinnen" in Spiegel special 8/96].
Fürniss schaltete sich in die "Ermittlungen" ein. Das Ergebnis waren Aussagen über perverse Sexspiele, die sich später nicht mehr nur auf Möllers beschränkten, sondern auch auf Taxifahrer, Reinigungskräfte und Zivildienstleistende einschlossen.
Dennoch: Sie reichten aus, um Möllers 26 Monate in Untersuchungshaft zu bringen. Nach einem zweieinhalb Jahre dauernden Prozeß, in dem Gutachter abermals die angewandten Methoden als manipulativ und ausgesprochen fragwürdig entlarvten, wurde Möllers freigesprochen. Die Richter sahen den Verdacht als unbegründet an (SPIEGEL 21/1995).
Auch die wie Zartbitter vom Familienministerium geförderte Organisation Wildwasser e.V. hat durch haltlose Verdächtigungen Menschen ins Unglück gestürzt. 1994 glaubte eine Mitarbeiterin des Vereins in Worms einem Massenmißbrauch auf der Spur zu sein.
Doch im Juni diesen Jahres, nach zum Teil jahrelanger Haft, waren alle 24 Beschuldigten freigesprochen. Die Aussagen der Kinder, befand ein Gutachter, seien durch suggestive Beeinflussung zu erklären (SPIEGEL 26/1997). Der Vorsitzende Richter Hans Lorenz sagte nach Abschluß des Verfahrens: "Bei allen Angeklagten, für die ein langer Leidensweg zu Ende geht, haben wir uns zu entschuldigen."
All dies scheint die Verantwortlichen im Nolte-Ministerium nicht gestört zu haben. Mit "Fördermitteln von einer Million Mark" wurde eine "bundesweite Informations- und Dokumentationsstelle in Münster eingerichtet, die weiterhin finanziell unterstützt wird". Leiter der Einrichtung: Tilmann Fürniss.
Wie heißt es in dem Comic? Eine "Supertollflutschfunktionieridee".
Schaurige Comics (Nr. 38/1997, Kindesmißbrauch: Fördergelder für umstrittene Hilfsorganisationen)
KAREN SCHULZ
"Da wird über einen Comic hergezogen, der Kinder stark machen soll, um sich zu wehren. Ich gehe jede Wette ein, daß jedes siebenjährige Kind versteht, was Sie nicht verstehen wollen: nämlich, daß dort Situationen dargestellt werden, die passieren können, aber nicht passieren müssen."
(Hervorhebung durch Fettschrift durch paPPa.com)
VOLKER BÄSTLEIN, MINISTERIUM FÜR FAMILIE, SENIOREN, FRAUEN, JUGEND, Bonn
Es trifft nicht zu, daß Zartbitter und andere Organisationen mit einem angeblich "parteilich-feministischen Ansatz" aus Bundesmitteln mit jährlich 800.000 Mark gefördert werden sollen. Unser Ministerium unterstützt mit dieser Summe vor allem Aus- und Fortbildungsmaßnahmen des Deutschen Kinderschutzbundes, der Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz sowie der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutzzentren. Denn gerade durch fachliche Qualifizierung der Helfer läßt sich das Risiko falscher Verdächtigungen im Bereich des sexuellen Mißbrauchs verringern. Weder die von Ihnen kritisierten Organisationen Zartbitter in Coesfeld noch Wildwasser in Worms haben vom Ministerium eine Förderung erhalten. Zweifel an der fachlichen Qualifikation der Kölner Kinderschutzorganisation Zartbitter, die den Comic "Laß das - nimm die Finger weg" erstellt hat, sind gegenüber dem Ministerium bisher nicht geäußert worden. Im Gegenteil: Der Kölner Verein praktiziert eine gute Zusammenarbeit mit der dortigen Polizei und Justiz, wo dies dem Interesse der Beteiligten dient. Und der hat bereits mehrere Comics zum Thema Sexueller Mißbrauch erstellt und dabei pädagogischen Rat einbezogen. Die Seriosität derb bundesweiten Informations- und Dokumentationsstelle in Münster wird bislang von Fachleuten nicht in Frage gestellt. Wie unterstützen die Einrichtung, zahlen jedoch keine Förderung an Tilmann Fürniss selbst.
PROF. DR. GERHARD AMENDT - INSTITUT FÜR GESCHLECHTERFORSCHUNG, Bremen
Daß eine christdemokratische Familienministerin mit feministischen Aktionsgruppen in einem Bett liegt, ist nicht verwunderlich. Die Konservativen verteufeln die Sexualität, die Feministinnen die Männer. Daraus lassen sich Koalitionen und schaurige Comics wie "Laß das - nimm die Finger weg" schmieden. Es zeigt sich, daß Männerfeindlichkeit lediglich eine andere Form ist, Sexualfeindlichkeite auszuleben. Sollte Familienpolitik nicht dazu beitragen, diese Animositäten abzubauen? Nur tut das Zartbitter nicht, ebensowenig wie Wildwasser oder das Bremer Mädchenhaus. Von Ausnahmen abgesehen, tun sich die Einrichtungen, die aus den Kampagnen gegen den sexuellen Mißbrauch hervorgegangen sind, schwer mit der Professionalisierung. Wie viele weitere Wormser Prozesse braucht das Land, damit die Trennung zwischen agiertem Männerhaß, Sexualangst und professioneller Hilfe auf der anderen Seite wieder klar gezogen wird?