Alleinerziehende Familien

Ouelle: Kinder - Familie - Zukunft, Eine Handreichung der EAF Bayern (überarbeitete, bisher noch nicht veröffentliche Neufassung 5/1997)

Die Lebensgeschichten und Lebenssituationen von alleinerziehenden Frauen und Männern sind unterschiedlich und vielfältig. So gibt es zum Beispiel:

und eine Vielzahl weiterer Lebenssituationen. Alleinerziehende leben in bunter Vielfalt, in verschiedensten Lebenszusammenhängen und mit ganz unterschiedlichen Biographien.

Häufig wechselt die Familienform auch im Lauf einer Biographie. So kann beispielsweise eine unverheiratete Frau ein Kind bekommen, den Vater heiraten, sich später scheiden lassen, eine Zeitlang alleine mit dem Kind leben und schließlich mit einem neuen Partner, der eventuell selber Kinder hat, eine Stieffamilie bilden.
 

                                                                                                                                        Was heißt "alleinerziehend"?
Der Begriff "alleinerziehend" bildet die Realität der Lebenssituation von den Müttern und Vätern unzureichend ab, da zum einen Alleinerziehende oftmals ein soziales Unterstützungsnetz oder neue Partner/innen haben. Zum anderen erlebt sich ein Großteil von Müttern aus Vater-Mutter-Kind-Familien im Alltag als alleinerziehend, da sie ihre Kinder faktisch alleine erziehen. Allerdings sind diese Mütter in der Regel nicht gleichzeitig für die Beschaffung des Lebensunterhaltes zuständig. Im Unterschied zur (Ehe)Paarfamilien sind Alleinerziehende doppelt verantwortlich: sie tragen die Erziehungsverantwortung und gleichzeitig die Verantwortung für die ökonomische Absicherung.
                                                                                                                                          Eine Definition
Alleinerziehende sind Mütter und Väter, die die tägliche Verantwortung für die Erziehung ihres/r Kindes/r sowie für den Lebensunterhalt überwiegend alleine wahrnehmen. 

Alleinerziehend sind:

Die Palette der Gründe dafür, alleinerziehend zu werden reicht von der freien Entscheidung über die krisenhaft oder auch befreiend erlebte Trennung und Scheidung bis zum Tod des/r Partners/in.

Alleinerziehende verstehen sich in der Regel nicht ausschließlich als Alleinerziehende. Diese Bezeichnung trifft nur auf einen Teilbereich ihrer Lebensumstände und -erfahrungen zu und nicht auf ihre gesamte Existenz.

Ebensowenig wird damit die unterschiedliche Lebenssituation von Frauen und Männern in unserer Gesellschaft berücksichtigt. Ein alleinerziehender Vater bekommt in der Regel von seinem Umfeld wesentlich mehr Unterstützung und Anerkennung als eine alleinerziehende Mutter. Da Männer in der Bundesrepublik im Durchschnitt erheblich mehr Geld verdienen als Frauen, haben sie weniger Schwierigkeiten, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Präziser wären deshalb die Begriffe "Mutter-Kind-Familie" und "Vater-Kind-Familie". Dennoch wird hier an vielen Stellen der Begriff alleinerziehend verwendet, da er inzwischen in der Alltagssprache vorrangig benutzt wird und geläufig geworden ist.

                                                                                                                                                    Zahlen/Tendenzen
Die Vielfalt und der Wandel der gelebten Lcbensformen wird besonders beim Blick in die Statistik sichtbar. In den letzten Jahrzehnten hat eine eindeutige Entwicklung in Richtung Pluralität stattgefunden. Durch die Zunahme von Scheidungen und den Anstieg von nichtehelichen Geburten (in den neuen Bundesländern sind 41% aller Geburten nichtehelich) ist der Anteil alleinerziehender Familien erheblich gestiegen. Die alleinerziehenden Familien rücken deshalb zahlenmäßig von ihren Randgruppendasein weg und bilden heute eine nicht zu vernachlässigende Größe.

1994 gab es in der Bundesrepublik 1,6 Mill. alleinerziehende Mütter und Väter. Damit ist die Zahl der Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern seit 1991 um 10,5% gestiegen. Der Anteil von Einelternfamilien an der Gesamtzahl der Familien betrug 1993 14,6% im Westen und 24% in den neuen Bundesländern. Prognosen gehen davon aus, daß der Anteil weiter steigen wird.

Die genannten Zahlen entstammen Ouerschnittsuntersuchungen und stellen damit eine Momentaufnahme zu einem bestimmten Zeitpunkt dar. Untersuchungen des Längsschnitts der Bevölkerung der Bundesrepublik, d.h. Vergleiche der Entwicklung über mehrere Jahre hinweg ergeben jedoch ein differenziertetes Bild. Der Anstieg von Alleinerziehenden wird noch sichtbarer, denn der Anteil von Personen, die irgendwann im Laufe ihres Lebens vorübergehend alleinerziehend werden, steigt stetig an. So geht die Statistik davon aus, daß jede dritte Mutter im Lauf ihrer Erziehungsbiographie mit Kindern unter 18 Jahren zeitweise alleinerziehend ist.

Alleinerziehend-sein ist vor allem eine Sache, die Frauen betrifft. Denn Frauen bilden 84 % der Alleinerziehenden. Und entgegen anderslautenden Meldungen über die Zunahme von alleinerziehenden Vätern ist die reale Zahl alleinerziehender Väter seit 1975 konstant geblieben. Sie liegt bei ca. 14 %.

                                                                                                                       Lebenssituation von Alleinerziehenden
Trotz der großen Vielfalt in den Lebenssituationen Alleinerziehender gibt es Tendenzen und Fakten, die auf einen Großteil der Alleinerziehenden zutreffen. Diese Gemeinsamkeiten werden in dem folgenden Abschnitt dargestellt:

1. Alleinerziehende sorgen für ihren Lebensunterhalt und den ihres/r Kinder.

Als Hauptproblem erleben viele Alleinerziehende und insbesondere Mutter-Kind-Familien die schwierigen ökonomischen Bedingungen.

                                                                                                                                    Hohes Armutsrisiko 
Aus diesen Gründen ist ein Großteil der Mutter-Kind-Familien auf unterstützende Leistungen des Staates wie Sozialhilfe, Unterhaltsvorschuß, Wohngeld etc. angewiesen. Deshalb bedeutet für etliche Mütter das 'alleinerziehend-sein' einen sozialen Abstieg, denn der Bezug von Sozialhilfe verringert den sozialen Status. Insbesondere alleinerziehende Frauen tragen ein überdurchschnittlich hohes Armutsrisiko. Es wird außerdem erwartet, daß sich die prekäre Lage durch Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand wie die dritte Stufe der Gesundheitsreform, die Änderungen des Arbeitsförderungsgesetzes, die Sozialhilfereform usw. weiter zuspitzen wird.
                                                                                                                                                    Ein konkretes Beispiel     
Eine alleinerziehende Frau hat eine 12jährige Tochter. Der Vater ist Amerikaner, nicht auffindbar und zahlt keinen Unterhalt. Bis zu dem zwölften Geburtstag der Tochter hat die Mutter noch von Jugendamt Unterhaltsvorschuß erhalten (324.- DM). Sie verdient mit einer Halbtagsstelle 1300. ~ DM Netto (+220.- DM Kindergeld). Ihre - schon günstige - Zwei-Zimmer-Wohnung kostet 850.- DM(warm). Außerdem zahit sie für die Monatsbuskarten 110.- DM. Es bleiben 520.- DM für Nahrung, Kleidung, Telefon, etc. . Weil sie sich kein Auto leisten kann, ist sie jeweils 60 Minuten zu ihrer Arbeitsstelle unterwegs. Sie liegt zwar über der Grenze zur Sozialhilfe, aber nur knapp und muß mit jeder Mark rechnen..

So wie ihr geht es sehr vielen Alleinerziehenden, sie kommen gerade über die Runden. Falls es unvorhergesehene Ausgaben gibt, wird es sehr schnell sehr eng. In München kommen auf 1000 Bedürftige 150 Alleinerziehende mit einem Kind und 327 Alleinerziehende mit zwei oder mehr Kindern. Dies beweist, daß es kaum ein größeres Armutsrisiko gibt als alleinerziehend zu sein.

2. Alleinerziehende haben Trennungs- oder Verlusterfahrungen gemacht.
                                                                                                                                                            Wut und Trauer
In den meisten Fällen werden die Zeiten der Trennung und des Abschieds als schwierig und schmerzhaft erlebt. Deshalb spielen grundlegende Emotionen wie z.B. Trauer, Schuldgefühle, Zukunftsängste, Scham, Wut eine wesentliche Rolle. Selbst Frauen, die von ihrem Partner verlassen werden, fühlen sich schuldig und verantwortlich dafür, daß den Kindern der Vater fehlt. Viele Frauen haben eine Mischung von unterdrückter Wut und Trauer in sich, denn oftmals sind die Trennungsgeschichten von ungünstigen Bedingungen begleitet worden (Drohungen, Zerstörung, Gewalt). Es gibt einen nicht unerheblichen Anteil von Männern, die während der Beziehung körperliche und seelische Gewalt gegen ihre Frau und Kinder ausgeübt haben und damit traumatisierende Erfahrungen verursacht haben.

3. Alleinerziehende nutzen den Neuanfang
                                                                                                                                                      Krise und Neuanfang
Diese Krisenzeiten können zu einem Ausgangspunkt für einen neuen Lebensabschnitt werden, das Leben bereichern und zu einem selbstbestimmteren Leben führen. Sie bieten die Möglichkeit eines Neuanfangs unter anderen Vorzeichen. So entwickeln Alleinerziehende Lebensformen, die Müttern und Kindern Eigenständigkeit und Freiräume garantieren. Viele Alleinerziehende äußern, daß sie wesentlich mehr Zeit für ihre eigenen Bedürfnisse und die ihrer Kinder haben, als während der Ehe, da sie sich nicht mehr um ihren Mann kümmern müssen. Auch die Kinder profitieren aus der Alleinerziehenden-Familie. Eine Reihe von Untersuchungen hat folgende Vorteile des Aufwachsens in einer Mutter-Kind-Familie im Vergleich zu Kindern aus Zwei-Eltern Familien belegt (vgl. z.B.: Heiliger, Anita, Alleinerziehen als Befreiung, Pfaffenweiler 1991).
 

                                                                                                                                                 Chancen für die Kinder
Kinder Alleinerziehender:

5. Alleinerziehende nehmen vermehrt Beratungsangebote und Hilfen für ihre Kinder in Anspruch
                                                                                                                                                        Beratung
Da sie sich einerseits sehr verantwortlich für ihre Kinder und deren Lebenssituation fühlen, andererseits oftmals verunsichert sind durch die Klischeevorstellungen über alleinerzogene Kinder und zudem der Austausch mit einer anderen erwachsenen Person erschwert ist, nutzen Alleinerziehende Unterstützungsmöglichkeiten und Beratungsstellen in höherem Maße als beispielsweise verheiratete Frauen.

Angebote für Alleinerziehende

Auf örtlichen Ebene gibt es inzwischen viele Angebote für Alleinerziehende in den einzelnen Kirchengemeinden und Diakonischen Werken, bei den Erwachsenenbildungswerken und anderen Trägern. Es wird dem Ansatz Rechnung getragen, das Selbsthilfepotential weitestgehend zu unterstützen und Möglichkeiten des Austausches untereinander zu fördern. Es gehört zu den Aufgaben von Kirche und Diakonie:

Zur Begleitung der ehrenamtlichen Mitarbeiter/- innen und zur Vernetzung der einzelnen Treffpunkte auf bayrischer Landesebene gibt es ein Referat für die Arbeit mit Alleinerziehenden bei dem Diakonischen Werk Bayern und einen Fachverband, die evangelische Arbeitsgemeinschaft alleinerziehende Mütter und Väter.

Innerhalb der verschiedenen Angebote für Alleinerziehende werden folgende  Ziele verfolgt:
 

Die Interessen Alleinerziehender auf gesellschaftlicher und politischer Ebene belaufen sich auf folgende Punkte:

Diese Interessen müssen in geeigneter Form in der Politik, in Kirche und Diakonie sowie in der Öffentlichkeit vertreten werden. Die Kirche mit ihrer Diakonie steht in der Verantwortung, sich für die Interessen Allerziehender einzusetzen und Angebote für diese Gruppe zu machen.

Susanne Gröne  [vgl. "Kinder von Alleinerziehenden oft lebenstüchtiger" ]

Weiterführende Literatur:

EAF: Im Blickpunkt Alleinerziehende, Nürnberg 1992, kostenlos zu beziehen bei der Geschäftsstelle der EAF

Heiliger, Anita, Alleinerziehen als Befreiung, Mutter-Kind-Familien als positive Sozialisationsform und als gesellschaftliche Chance. Pfaffenweiler 1991

Gutschmidt, Gunhild, Handbuch alleinerziehen, Hamburg 1995

Schewe, Carola, Alleinerziehend - na und?, München 1995

Stauber, Barbara, Lebensgestaltung alleinerziehender Frauen, Weinheim 1996

Ouelle: Kinder - Familie - Zukunft, Eine Handreichung der EAF Bayern (überarbeitete, bisher noch nicht veröffentliche Neufassung 5/1997)

(Hervorhebungen nachträglich eingefügt.)


Index