Evangelisches
Beratungszentrum
Mitarbeitervertretung
München e.V.
Landwehrstr. 15, Rgb. 80336 München
An alle FachberatungsstelIen,
an alle Fachkolleginnen und -kollegen,
an verantwortliche Trägerinnen und Träger dieser Arbeit,
an alle Interessierten.
München, d. xx. 03. 1998
Anonyme Schreiben in Zusammenhang mit dem Spiegel-Artikel
zur Arbeit von P. B. und Dr. P. J. im Bereich Sexueller Mißbrauch
Liebe Kolleginnen und Kollegen;
sehr geehrte Empfänger/innen der oben genannten Schreiben,
lange hat sich die Mitarbeitervertretung in dieser unseligen Angelegenheit zurückgehalten, hat nicht das Wort ergriffen, um nicht zusätzlich einen Beitrag zur offensichtlichen Unlösbarkeit zu leisten. Unsere Aufgabe, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen, erfordert nun aber doch ein Wort, da einschlägige Beratungsstellen (meist per Fax) anonyme Schreiben erhalten haben, durch die alle Fachleute die direkt oder indirekt mit der Mißbrauchsthematik befaßt sind, offen und massiv oder auch schleichend und subtil Gewalt ausgesetzt sind.
Es steht für uns außer Frage, daß die eigentlich Betroffenen, Pia B. und Dr. Peter J., in der Zeit ihrer Tätigkeit im Evang. Beratungszentrum München nach bestem Wissen und Gewissen, unter Zugrundelegung überprüfter, fachlicher Standards und mit einem Höchstmaß an Vorsicht, Verantwortlichkeit sowie Selbstreflexion gehandelt haben. Die gegen sie gerichteten Vorwürfe sind ja auch nie offen und überprüfbar erhoben worden, so daß hier nicht weiter darauf eingegangen werden kann.
Es steht für uns inzwischen außer Frage, daß alle Kolleginnen und Kollegen gemeint sind, die mit dem Thema Sexueller Mißbrauch und Gewalt arbeiten. Durch die laufenden Verunglimpfungen und Schmähungen werden nicht nur einzelne Personen angegriffen, sondern die gesamte Beratungsarbeit, die sich der Verhinderung von Mißbrauch und Gewalt sowie dem Schutz der Opfer widmet.
Wenn einzelne Vertreter/innen dieser Position derart massiv getroffen werden können, dann schwächt das auch die Position als solche, die Haltung, die Einschätzung und die Durchschlagskraft, die sich gegen Gewalt und gegen Täter richtet.
Es ist die Vorstellung erschreckend, daß auf der einen Seite alle Fachkolleginnen und -kollegen mit großer Sorgfalt, Bedacht und Verantwortlichkeit sensibel um Lösungen ringen, die allen Beteiligten so wenig wie möglich zusätzliche Schmerzen auferlegen, daß auf der anderen Seite dagegen durch den Inhalt anonymer Schreiben, eine diffuse Gewalt wirken kann, die auf alle in der Beratungsarbeit Tätigen verunsichernd, ja mehr noch einschüchternd wirkt.
Ein Klima der Angst nützt nur denen, die Gewalt ausüben. Die Solidarität aller ist hier nötig, um in einem so schwierigen Aufgabengebiet auch weiterhin unerschrocken arbeiten zu können.
Die Mitarbeitervertretung
des Evang. Beratungszentrums München