Alles hat seine Zeit

Ein jegliches hat seine Zeit
und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;
pflanzen hat seine Zeit, ausreißen was gepflanzt ist, hat seine Zeit;

töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;

weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;
klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;

Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit;
herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;

suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit;
behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;

zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit;
schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;

lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit;
Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.

Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, daß sie sich damit plagen.

Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt;
nur daß der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.

Da merkte ich, daß es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem
Leben.

Denn ein Mensch, der da ißt und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen,
das ist eine Gabe Gottes.

Ich merkte, daß alles, was Gott tut, das besteht für ewig;
man kann nichts dazutun noch wegtun.
Das alles tut Gott, daß man sich vor ihm fürchten soll.

Was geschieht, das ist schon längst gewesen,
und was sein wirt, ist auch schon längst gewesen;
und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.

Prediger 3.1 - 3.15

Alles hat seine Zeit -
eine persönliche Zwischenbilanz - aus der Sicht einer neuen Kollegin

"Nur daß der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende". Dieser Satz wirkt auf den ersten Blick für mich, die neu an einer Stelle angefangen hat, nicht so ganz passend, da ist doch ein Beginn, ein Anfangspunkt. Und doch treffe ich als eine der "Neuen'', mit meinem Werdegang, auf KollegInnen mit deren Entwicklungsweg in einer Einrichtung, die ihre Geschichte hat, eine Einrichtung und deren MitarbeiterInnen, die viele Zeiten gesehen und durchlebt hat bzw. haben.

Eine gute Zeit des Pflanzens und Aufbauens
Ich treffe auf langjährige KollegInnen, die das Bild der Stelle entwickelt, getragen, verändert und in der (Fach- ) Öffentlichkeit verankert haben. In diesem Jahr 1998 feiern wir das 40jährige Bestehen der Erziehungsberatungsstelle. Diese lange Zeit ist für mich etwas zu stark in den Hintergrund geraten. Die Konflikte der letzten Jahre überlagern diese gute Zeit. Mich erinnert das an die Eltern und Familien, die um Unterstützung in ihrer schweren Phase zu uns kommen und dabei ihre guten Zeiten, ihre Ressourcen, ihre Fähigkeiten aus dem Blick verloren haben. Ich wünsche mir, daß wir unsere Wurzeln wieder stärker schätzen.

Eine schwierige Zeit des Streitens
Für die Weiterentwicklung der Arbeit ist eine fachliche Auseinandersetzung unerläßlich. Um im Gespräch bleiben zu können, ist es für MitarbeiterInnen wichtig, grundsätzliche Sicherheit und Schutz als Rahmenbedingungen zu erhalten. Es gab eine Zeit, in der dies für die KollegInnen fraglich war, und in der das Streiten keine Bereicherung mehr war. Ich wünsche mir, daß fachliche Auseinandersetzung und Ringen um Positionen wieder zu dem positiven Bestandteil unserer Teamkultur werden, den sie ja schon lange Zeit ausmachten.

Eine leidvolle Zeit des Abbrechens, Verlierens und Trauerns
Zwei fachlich geschätzte und vertraute KollegInnen haben die Stelle schweren Herzens verlassen und einen leeren Platz hinterlassen. Dieses "Loch" und die Trauer ist für mich noch heute zu spüren.
Ich wünsche mir, daß dieser leidvolle Abschnitt der Erziehungsberatungsstelle als ein Kapitel gesehen wird und wir für die Zukunft daraus lernen.

Eine notwendige Zeit des Schweigens
Nach diesen Wogen brauchte es eine Zeit, damit die Seele zur Ruhe kam, wieder Kraft schöpfen und Mut finden konnte.
Eine wichtige Zeit, um wieder bereit zu werden für die vier neuen KollegInnen, die 1997 ihre Arbeit hier aufgenommen haben. Vier neue MitarbeiterInnen, die mit Ihrem Erfahrungshintergrund mitarbeiten, die Arbeit und das Bild der Stelle mitgestalten wollen. Nur nach der Zeit des Zurückgezogenseins und Abstandgewinnens ist es möglich, die Chancen dieser starken Veränderung zu nutzen.
Ich wünsche mir, daß nach dieser "Brachzeit" wieder die Kraft und das Vertrauen in die Zukunft wächst.

Jetzt hat wieder eine Zeit des Sammelns und Bauens begonnen
Wir werden die bewährten Dinge und Erfahrungen als gutes Fundament nutzen, unsere Kompetenzen einsetzen, um die Arbeit hier weiter zu entwickeln und ein neues Kapitel der Geschichte zu beginnen.
Nur so können im Verlauf der Zeit die alten Wunden heilen, zu einem Bestandteil der Geschichte werden neben vielen anderen Zeiten des 40-jährigen Bestehens, nur so kann fair für die Zukunft Neues entstehen und gedeihen.

Wie sagt Hermann Hesse in seinem Gedicht Stufen zum Schluß so treffend:
"Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!" Dies wünsche ich besonders den langjährigen KollegInnen der Erziehungsberatungsstelle und auch uns allen als neues Team.

Margret Schlierf.