Montag, 22. Dezember 1997 Süddeutsche Zeitung Nr.294/ Seite 37
Alleinerziehende Mütter klagen
Weihnachten ruft zwiespältige Gefühle hervor
Von Heinz Brockert
"Seit neun Jahren bin ich alleinerziehend. Seit neun Jahren erlebe ich dasselbe: Der Vater hat einfach kein Interesse daran mit den Kindern Weihnachten zu feiern." Elisabeth, 49 Jahre alt und Krankenschwester von Beruf, erzählt das mit einem Achselzucken in eine Runde von alleinerziehenden Frauen hinein, die sich gemeinsam mit ihren Kindern ein Wochenende lang auf das Fest der Feste einstimmen. Der Arbeitsbereich "Alleinerziehende" im evangelischen Dekanat München hat dazu eingeladen, und der Ansturm ist riesig - wie jedes Jahr.
Im Kreis von Betroffenen finden diese Frauen die Wärme und Sympathie, aus der sie Kraft schöpfen, das Weihnachtsfest für sich und ihre Kinder so schön wie nur irgend möglich zu machen.
"Meine Tochter und ich feiern seit Jahren das Weihnachtsfest mit einer ebenfalls alleinerziehenden Bekannten und ihren Kindern", berichtet Ingeborg (48), eine Friseurmeisterin. Beim Kirchgang am Heiligen Abend trennen sich noch die Wege, weil die eine Frau evangeIisch, die andere katholisch ist, aber dann wird alles gemeinsam gemacht und genossen. ,,Es geht bei uns friedlicher zu als in vielen anderen, sogenannten vollständigen Familien", sagt Ingeborg.
Und überhaupt! Auf das Thema "Weihnachten das Familienfest" angesprochen, funkeln die Augen vieler Frauen in der Runde zornig. "Wir leisten doppelte Arbeit in der Erziehung und sollen als Familie weniger wert sein? Das lassen wir uns nicht mehr gefallen!" sagt eine von ihnen. "Wir definieren uns unsere Familie selbst. Es kommt auf die Qualität der Beziehung, nicht auf die Zahl der Familienmitglieder an." Viele dieser Frauen haben die Erfahrung gemacht, daß die Väter dann besonders gerne kneifen, wenn es um Gefühle geht wie beim Weihnachtsfest. "Sage ihnen irgendetwas, sage ihnen, ich bin auf Reisen in den USA. Hier sind 100 Mark für Geschenke." Mit diesen Worten machte sich einer der Väter in diesem Jahr aus dem Staub. Ein anderer lädt seine Kinder schon seit Jahren Ende Januar zu einem Weihnachtsessen mit Bescherung ein - möglichst weit weg vom Fest mit seinen zwiespältigen Erinnerungen und Gefühlen.
Verena (30), Filialleiterin eines Reformhauses, feiert aber das Weihnachtslest seit Jahren in der Großfamilie mit Oma, Opa, Onkel und Tanten, und ihr Ex ist auch dabei. "Das neutralisiert sich in der Menge, der läuft halt so mit", sagt sie fröhlich. Eine besondere Rolle habe er nicht (mehr).
Das gemeinsame Einstimmungswochenende sei deswegen so wichtig, weil "wir hier wirklich einmal zur Ruhe kommen, aus der Gemeinschaft mit anderen Frauen Kraft schöpfen und gemeinsam Frauenenergie spüren können", sagt Heidi (35), Verkäuferin von Beruf und mit zwei Kindern auf der Freizeit. Der Tip der Frauen für andere in gleicher Situation: "Auf die innere Stimme hören! Wirklich nur das tun, wo Ihr Euch wohlfühlt! Nicht den Erwartungen anderer entsprechen wollen, auch nicht am Weihnachtstag! Nicht den Ex einladen, wenn er nicht kooperativ ist. Dann lieber auf Geschenke verzichten!"
epd