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"Aufdecker" des Ev. Beratungszentrums
weiter unter heftiger Kritik
Kirche schweigt auch nach SPIEGEL-Aufsatz
Starnberger Merkur (Ausgabe des Münchner Merkur für den Landkreis Starnberg) vom 26. Mai 1998
Verfall der Werte beklagt
Starnberg (sbh) Soll sich die Kirche in den sozialen und politischen Alltag einmischen? Seelsorge und Leibsorge sei die Hauptaufgabe der Kirche. Eine Parteinahme sei daher notwendig und wünschenswert, nicht aber die Einmischung in konkrete politische Abläufe. Dies hob der stellvertretende Landesbischof Martin Bogdahn auf der Bezirksversammlung des Evangelischen Arbeitskreises der CSU in Starnberg hervor. Wie schwierig dieses Abwägen von Stellungnahme und Zurückhaltung ist, zeigte die kontroverse Diskussion der 40 Mitglieder, die übertriebenen Liberalismus und den Verfall der Werte in unserer Gesellschaft beklagten.
Kritische Worte fanden einige Diskussionsteilnehmer zur Haltung der Kirche bezüglich Einwanderungspolitik, Arbeitslosigkeit und Scheidung. Bei brisanten Themen wie Abtreibung und Kindsmißbrauch wurde die Debatte streckenweise so turbulent geführt, daß die Bitte des Bezirksvorsitzenden Rolf Jürgen Picker man möge "charmant" argumentieren, ungehört verhallte.
In Zeiten in denen der Verlust der christlichen Werte mit überbetontem Profitdenken einhergehe, sei "ein tapferes Wort des Widerstandes" und Hilfestellung von Seiten der Kirche angesagt, meinten einige Zuhörer. Dem Problem der Arbeitslosigkeit begegne die evangelische Kirche mit einem erhöhten Maß an Teilzeitstellen sowie einer Spendenaktion, erläuterte Bogdahn.
Die Kirche habe heute keine geistige Substanz mehr argumentierte ein Arbeitskreismitglied. Problemlösung werde nicht mehr durch das Gebot Gottes sondern durch den Zeitgeist bestimmt. Die Stellung der evangelischen Kirche zu Scheidung und Abtreibung würde dies verdeutlichen. Hier gelte der christliche Wert von Hilfe in der Not, betonte der Oberkirchenrat. Vergebung der Schuld sei oberste Christenpflicht.
Beim Thema Kindsmißbrauch wurde Bogdahn mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Gerade im evangelischen Beratungszentrum München seien oft falsche Diagnosen gestellt und somit viele Familien zerstört worden. Die Kirche hätte bisher zu diesen Vorgängen geschwiegen.
Starnberger Neueste Nachrichten (Lokalteil der Süddeutschen Zeitung für den Landkreis) vom 27. Mai 1998
Oberkirchenrat spürt bei der CSU Gegenwind
Vize-Landesbischof Martin Bogdahn spricht vor evangelischem Arbeitskreis / Nebenan geht es um Bildung
"Ich fühle mich genügend informiert und weiß, daß ich CSU wähle", sagt der Arzt und schlendert am Starnberger Undosa Restaurant vorbei, wo am Montagabend die CSU quasi parallel zu zwei Veranstaltungen eingeladen hatte. Im großen Saal verloren sich 70 Besucher darunter Landrat Heinrich Frey, um der CSU Bildungsexpertin Renate Dodell zum Thema "Bildung und Ausbildung - Kapital für die Zukunft" zu lauschen. Nein, sie habe nichts mit dieser Terminüberschneidung zu tun, sagt die Kreisvorsitzende Luitgard Plößl- Neuger, während MdL Klaus Gröber auf die unterschiedliche Intention der Veranstaltungen hinweist.
In einem gemütlichen Raum des Undosa traf sich also fast zeitgleich der Evangelische Arbeitskreis der CSU-Oberbayern, eingeladen war der stellvertretende Landesbischof und Oberkirchenrat Martin Bogdahn. Er sprach von wünschenswerter "Parteinahme für Notleidende", "Integration und Versöhnung", Abschiebestopps bei traumatisierten Flüchtlingen sowie vom Problem der Massenarbeitslosigkeit, gegen die leider "keiner ein Patentrezept" habe. Ein Vorbild könne die USA trotz geringer Arbeitslosenzahlen nicht sein, denn die "soziale Kälte" einer Zweidrittel-Gesellschaft sei unerträglich. Ein Teilnehmer kritisierte die "Überbetonung von Profit" in unserer Gesellschaft, ohne Beifall zu erhalten, und ein Mischlingshund unter einem Tisch knurrte bedrohlich.
"Es wird höchste Zeit, daß die Kirche wieder als Vorbild handelt", sagte ein Diskutant und wetterte gegen "Massenabtreibungen" und die "rot-grüne Orientierung" der Kirchenherren. Ein anderer beklagte den "erschreckenden Verlust von Christlichkeit im deutschen Volk". Es wurde ungemütlich im engen Raum und der Pfarrer führte den Kugelschreiber häufiger an die Unterlippe.
Laut und aggressiv äußerte sich ein Besucher hinsichtlich eines Evangelischen Beratungszentrums und der "Kriminalisierung von Vätern" durch einen Münchner Familientherapeuten wegen angeblicher Kindesmißhandlung. Ein Vater konnte sich kaum beruhigen und vermißte ein klärendes Wort des Oberkirchenrats Bogdahn. Dieser wies indes den Vorwurf zurück, mit der Einsicht, daß auch "kirchliche Beratertätigkeit der Kontrolle" bedürfe.
Während der hitzigen Wertediskussion beschwichtigte der Gastgeber, Landtagskandidat Rolf-Jürgen Picker, die Runde mit der Aufforderung, "doch charmant zu bleiben". Der Bischof blieb jedenfalls trotz Gegenbrise gelassen und versicherte, wiederzukommen.
Christian Deussing
Leserbrief von Herbert Luig
"Zur Ergänzung Ihres Berichtes sei noch bemerkt, dem stellvertretenden Landesbischof Dr. Bogdahn wehte auf der Bezirksversammlung des Evangelischen Arbeitskreises der CSU heftig der Diskussionsgegenwind in das Gesicht.
Zahlreiche Mißstände innerhalb der Ev. Kirche, besonders im Familienbereich, kamen massiv zur Diskussion. Die seit langem innerhalb der Kirche verteilten feministischen Propagandaschriften, wie u.a. "Alleinerziehung als Befreiung", erregten die Gemüter. Als dann noch von verschiedenen Teilnehmern vorgeworfen wurde, daß eine Beratungsdame der Ev. Kirche einen Kurs wie "50 ways to leave your lover" anbietet, kochte die Stimmung.
Dem noch nicht genug ... als Krönung kam dann noch heraus, daß ein psychologischer Berater beim Ev. Beratungsdienst in München harmlosen Familien in Gesprächen jahrelang den Mißbrauchsvorwurf aufgedrückt hat, der erst durch seriöse Gegengutachten ausgeräumt werden konnte. Kinder sind aufgrund seiner Tätigkeit ins Heim gekommen und der Steuerzahler durfte die Rechnung mit monatlich 6.000 DM bezahlen. Selbst DER SPIEGEL berichtete darüber.
Es ist höchste Zeit, daß die Ev. Kirche hier im Familienbereich ihre Aufsichtspflicht verbessert.
"Worauf Du Dich verlassen kannst: Miteinander leben in Ehe und Familie". Information des Referats Alleinerziehende im Diakonischen Werk in Bayern.
Siehe auch Leserbriefe in der Süddeutschen Zeitung