Interview mit der Initiatorin der Kampagne ,,Aktiv gegen Männergewalt".
Nach dem Vorbild der Edinburgher Kampagne "Zero Tolerance of violence
against women" von 1994 findet derzeit in München die Kampagne
"Aktiv gegen Männergewalt" statt.
Die SZ sprach mit Anita Heiliger von der Initativgruppe. Sie koordiniert
die Zusammenarbeit der rund 200 beteiligten Institutionen.
SZ: Bisher hat man von Ihrer Kampagne noch nicht viel gehört. Wo findet sie denn statt?
Heiliger: In erster Linie innerhalb unterschiedlichster Verbände und Kurse - mit Plakataktionen, Veranstaltungen, Vorträgen, Diskussionen, Video- und Filmveranstaltungen. In vielen Institutionen brodelt es, aber es ist noch nicht gelungen ist, die Kampagne richtig nach außen zu tragen.
Liegt das am Thema?
In der Kirche, in den Bezirksausschüssen - eigentlich war es in fast allen Einrichtungen ein Problem, die Leitungsebenen zu überzeugen, daß die Frage der Männergewalt ein Thema ist.
Kann man die Öffentlichkeit für dieses tausendmal gehörte Problem überhaupt noch interessieren?
Ja, gerade. Und zwar deshalb, weil wir "Männergewalt" sagen. Vorher hieß es immer "Gewalt gegen Frauen", und da sagten alle, jaja, wissen wir, sind wir auch dagegen, und es bewegte sich nichts mehr. Frauenhäuser sind geschaffen, man hatte sozusagen das Problem abgelegt. Aber unsere Analyse ist ja, daß die Probleme alle auf dasselbe zurückzuführen sind, nämlich auf das Geschlecht der überwiegenden Täter.
Sie behaupten in Ihrer Studie, die quasi die Theorie für die Kampagne ist, daß alle Männer potentielle Vergewaltiger sind ...
Nicht Vergewaltiger, nein. Ich sage nicht, daß alle Männer Täter sind, sondern daß in unserer Gesellschaft Voraussetzungen in der männlichen Sozialisation gegeben sind, die sie unter bestimmten Umständen zu Tätern werden lassen können. Bei Frauen ist das umgekehrt:
Wenn sie Täterinnen werden, handeln sie gegen die weibliche Sozialisation. Ich zeige in meiner Studie anhand von biographischen Interviews auf, welche Faktoren diese Voraussetzungen herstellen. Etwa, daß sie schon als kleine Jungen lernen zu sagen, Mädchen sind blöd, mit Mädchen spielt man nicht. Sie lernen ganz früh, daß Mädchen und Frauen weniger gelten und weniger wert sind.
Stimmt es, daß die Studie auf der Befragung von nur 20 Männern beruht?
Ja, das stimmt, es ist eine qualitative Studie, keine repräsentative. Es wurden keine Fragebögen verschickt, sondern Interviews gemacht. Es ist üblich, daß man bei qualitativen Studien so wenige Leute nimmt.
Aber hat sich inzwischen nicht einiges bei den Männern geändert?
Darüber kann man streiten. Es gibt eine ganze Reihe von Männern, die die Gewalt ablehnen, das ist kein neues Phänomen. Aber diese Männer gelten nicht als diejenigen, die die Norm für Männlichkeit bestimmen.
Interview: Claudia Wessel
Photo: Andreas Heddergott