Süddeutsche Zeitung (Nr. 263, S. 41, 14.11.96): 80 Organisationen schmieden Aktionsbündnis:
Mit einer bundesweit einzigartigen Kampagne ,,Aktiv gegen Männergewalt" wollen Münchner Frauenorganisationen, Verbände und Kirchengemeinden das Thema Gewalt gegen Frauen, Mädchen und Jungen ,,zum Stadtgespräch Nummer eins" machen....
Ein Jahr lang soll im ganzen Stadtgebiet mit Podiumsdiskussionen, Fachtagungen, Theateraufführungen, und Ausstellungen auf die Benachteiligung von Frauen aufmerksam gemacht werden. Obohl die Kampagne erst im Herbst 97 startet, haben sich bereits jetzt rund 80 Organisationen zusammengefunden, um unter der Patenschaft von OB Christian Ude und Bürgermeisterin Gertraud Burkert und mit Unterstützung des bayerischen Sozialministeriums das hochgesteckte in die Tat umzusetzen. Gegen gesellschaftliche Strukturen anzukämpfen, die Männergewalt dulden und damit begünstigen.
Dazu sind zunächst in jedem Stadtteil Informationsveranstaltungen geplant, sozusagen als In-itialzündung. Den Auftakt macht am 3. Dezember von 19:30 Uhr an ein Treffen im Giesinger Alten- und Servicezentrum. Geplant ist auch, das Thema in Schulen und Kindergärten auf die Tagesordnung zu setzen. Dazu will die Stadt unter anderem verstärkt Schulungen für Lehrer und Erzieher zum Thema „Sexueller Mißbrauch“ anbieten.
Um dem Fernziel einer „allgemeinen Ächtung der Männergewalt“ näher zu kommen, muß sich nach Ansicht des Aktionsbündnisses zunächst das Alltagsverhalten jedes und jeder einzelnen ändern: Hier will die Kampagne zu mehr Zivilcourage ermutigen. Auch sollen Wege aufgezeigt werden, wie sich Frauen und Kinder wirkungsvoll gegen Gewalt durch Ehemänner, Väter und Freunde zur Wehr setzen können. Gleichzeitig wollen die Veranstalter durch die „Änderung des gesellschaftlichen Klimas“ ein politisches Umdenken vor allem im überwiegend männlich besetzten Justiz- und Polizeiapparates bewirken. Männer, die Frauen geschlagen haben, soll-ten mindestens 24 Stunden festgenommen werden und Gerichte konsequenter gegen Täter vorgehen. Weitere Schritte seien, ausländischen Frauen ein vom deutschen Ehemann unabhängiges Aufenthaltsrecht zu gewähren und Ehefrauen, die von ihren Männern mißhandelt wurden, das Wohnrecht in der Familienwohnung zu geben.
Vorbild für die Münchenern Kampagne sind ähnliche Aktionen in Zürich und in Münchens Partnerstadt Edinburgh. Hier hatten sich sogar die Fußballvereine an die Spitze der Bewegung gesetzt. Auch in München hofft man auf prominente „Gallionsfiguren“. Für Betriebe, Stiftungen, Vereine oder Privatpersonen, die die Kampagne unterstützen wollen, hat der Paritätische Wohlfahrtsverband unter dem Kennwort "Aktiv gegen Männergewalt“ bei der Bank für Sozialwirtschaft ein Konto eingerichtet (BLZ 700 205 00 Kontonummer 7843905). Von Anfang Dezember an gibt es auch ein Kampagnentelefon (089 / 202 16 36) beim Frauen-Kommunikationiszentrum Kofra.“
Soweit das Zitat aus der SZ. Die Kampagne ist keineswegs eine (panische) Reaktion auf die schrecklichen sexuellen Gewalttaten in jüngster Zeit, sondern wurde von parteilich-feministischen Organisationen schon lange vorher eingeleitet. Die Koordination erfolgt durch Dr. Anita Heiliger, Soziologin am Deutschen Jugendinstitut (1994: 14,5 Mill. DM Bundesmittel), Abteilung für Mädchen-und Frauenforschung. Sie ist auch aktiv bei KOFRA und hat einschlägige feministische Veröffentlichungen. Bisherige Aktionen von "Aktiv gegen Männergewalt" Aktionskalender der Kampagne Informationen des Väteraufbruch für Kinder München
Frankfurter Rundschau vom 22.11.1996 :
Vor 20 Jahren wurde das erste Frauenhaus in Berlin eröffnet / Der Bedarf an Zufluchtsstätten hat sich nicht verringert
Von Ute Frings (Berlin)
(Nur zwei Auszüge:) „Einen Perspektivwechsel von den Opfern zu den Tätern forderte auch die Berliner Frauensenatorin Christine Bergmann (SPD): „Gewalt ist ein Männerproblem. Wo bleibt die öffentliche Kampagne von Männern gegen die Männergewalt?“ Es müsse erreicht werden, sagte die Frauensenatorin, daß schlagende Männer in der Gesellschaft geächtet und selbstverständlich bestraft würden.
Margrit Brückner (Frankfurter Sozialwissenschaftlerin) mahnte einen neuen Blick auf „die Frau“ an. Schließlich sei sie keineswegs immer nur Opfer, sondern agiere ebenso als Täterin, etwa gegen ihre Kinder. Das alte Geschlechterbild von der „guten, hilfsbereiten Frau“ im Gegensatz zum „bösen, aggressiven Mann“ stimme nicht mehr, sagte die Feministin. Die ausschließliche Parteilichkeit von Frauen für Frauen sei revisionsbedürftig. Sie plädierte für einen "unverstellten Blick“ auf das Geschlechterverhältnis, "jenseits von stereotyper männlicher Unterdrückung und weiblicher Unterordnung“.“