Rückfall vorprogramiert? (Rundfunkgespräch am 8.10.1996)

    Moderatorin: Fr. U. O. [O.]

    Eingefügte Kommentare sind in eckige Klammern gesetzt.

    Experten:

    • Dr. I. W., Psychiater, Neurologe, Gutachter [W.]
    • Dr. P. X., Familientherapeut [X., vollständig wiedergegeben]
    • Dr. M. D., Rechtsanwältin [D.]
    Anruferinnen [A.]

    Fr. D. K.: Reportage aus der Strafanstalt Zürich mit Dr. F. U., Psychiater, Therapeut ...

    Täterschilderung: Vergewaltigung

    O.: ... vor gut zwei Wochen Natalie Entführung ... Therapie im Gefängnis ... 830 Plätze in Deutschland, was geschieht mit dem Rest?

    W.: nichts, Arbeitsverpflichtung . ... Spezialstationen für Sexualstraftäter nur in Stadelheim, Kassel, Berlin, Lübeck.

    O.: Wie wird man Gutachter? Wer sind diese Leute? Was haben die gelernt?

    W.: Die sind im Grunde genommen, mit ganz wenigen Ausnahmen, sind sie Mediziner, Psychiater, oder Neurologen die im Rahmen ihrer Ausbildung 6 Gutachten machen müssen die aber oder 8 Gutachten, die aber auch Sozialgutachten sein können ... gerichtliche Psychiatrie: 3 Lehrstühle: in Berlin, Essen, ?... Jedenfalls wenn die nicht eine ganz formelle Ausbildung haben und Kontrolle haben, sind sie alle Autodiktaten ... . ....

    O.: Herr Dr. X., sie sind Familientherapeut. Gehma noch einmal zurück zur Therapie, wo wir auch im Beitrag schon was darüber gehört haben, der Täter. Was wissen wir denn eigentlich über die Therapiemöglichkeiten, darüber was bei bei welchen Tätertyp überhaupt wirkt?

    X.: Also zunächst einmal denk ich, ist es ganz wichtig festzustellen daß es sehr wenig therapeutische Möglichkeiten gibt, zum einem, und daß es auch unter Therapeuten und Therapeutinnen eh weit verbreitete Naivität gibt, gerade im Umgang mit Mißbrauchstätern. Eh, es ist ganz wichtig zu sehen, daß Mißbrauchshandlungen, gerade wenn sie im sozialen Nahraum passieren, voraussetzen daß der Täter sein Umfeld manipuliert, d.h. er iss es gewöhnt Ziele zu verfolgen die er nicht benennt, und hat darin jahrelange Erfahrung. Viele Mißbrauchstäter oder Sexualstraftäter haben ja ihre Mißbraucherkarriere begonnen als sie noch sehr jung waren, eh mit 12, 13, 14 Jahren, was oft dann auch zu diesem Zeitpunkt zu kein Konsequenzen geführt hatte wenn es auffällig wurde, und haben im Laufe der Jahrzehnte sehr, sehr viel Erfahrung gesammelt im Manipulieren im sozialen Nahraum und tun das beim Therapeuten zum dem sie gehen ganz häufig auch. Ehm, sie suchen vom Therapeuten oft eine Art von Bestätigung z.B. fürs Familiengericht, z.B. für das Vormundschaftsgericht, z.B. gegenüber Sozialarbeitern des Jugendamtes, daß sie normal seien, daß sie keine Gefahr darstellen, und daß sie beispielsweise als Mißbrauchs- oder Sexualstraftäter nicht in Frage kommen, und da geschieht es sehr häufig, daß Therapeuten sich buchstäblich um den Finger wickeln lassen.

    O.: Wie kann man denn das verhindern?

    X.: Ich glaub man kann das verhindern in dem die Ausbildung von Therapeuten und Therapeutinnen enorm verbessert wird. Ich glaube daß Therapie zu leisten im Bereich sexuellen Mißbrauch, sexueller Gewalt ohnehin ein Spezialgebiet ist das sehr viel Wissen erfordert, eh dann obendrein mit Mißbrauchstätern zu arbeiten oder Sexualstraftätern zu arbeiten ist wiederum ein Spezialgebiet das sehr, sehr viel erfordert. Ich glaube, daß die mangelnde Ausbildung in diesem Bereich auch deutlich macht, daß in unserer Gesellschaft auch wenig Wert gelegt wird auf einen kritischen Umgang mit diesen Männern.

    A. aus N.'s Dorf: fordert Umfeld Information

    O.: Amerikanisches Gesetze [Information über Verurteilung wegen sex. Straftat geht an neuen Wohnort] . Aber der Herr Dr. X. macht etwas das fällt ja auch in die Kategorie Prophylaxe, Vorbeugung......

    O.: Dr. X. versucht genau daß in seiner Arbeit, vielleicht kann er sein Modell ein bißl erklären und sagen was er da macht.

    X.: Gut, ich möchte die gegenwärtigen Gesetzesinitiativen [liegen schon Jahre zurück!] in den Vereinigten Staaten nicht kommentieren, weil ich mir dazu noch keine endgültige Meinung gebildet hab. Grundsätzlich aber ...Kinder. Gewalt kann ja durch Geheimnis gedeihen, gerade wenn es in der Privatsphäre einer Familie oder eines enges sozialen Umfeldes iss, so daß n' Öffnung nach außen, eine Transparenz nach außen in dieser Weise auch die Gefährlichkeit reduziert.

    O.: Wie erreicht man diese Transparenz?

    X.: Mhm, also gerade weil sie vornhin die Therapie angesprochen haben, ist es nun ein wichtiges Element der Therapie diese Information des Umfeldes, wie es die Anruferin genannt hat, zu forcieren, auch in der Form daß der betreffende Mann das selber in Teilbereichen übernimmt, denn, ehm, das Informieren des Umfeldes ist ein Teil seiner Verantwortung.

    O.: Also vielleicht können Sie daß an Hand eines Beispiels mals erklären. Es kommt jemand zu ihnen, das ist jetz jemand sagen wir der is einmal aufällig geworden, und der ist jetz bei ihnen sozusagen in der Beratung, oder in der Therapie auch. Und was machen sie dann? Wie geht es dann weiter?

    J: Mhm. Ganz konkret bedeutet daß das Umfeld des Mannes oder auch des Jugendlichen der sexuelle Gewalt verübt hat, informiert wird, mit einbezogen wird, zum Teil in Gespräche, zum Teil geplant wird wie er die verschiedenen Leute ansprechen wird, wer sonst noch die verschiedenen Beteiligten ansprechen wird. Das fängt an mit der Familie, mit der erweiterten Familie und sollte diejenigen einbeziehen, diejenigen Personen die dafür verantwortlich sind und sich fürn Kindern zu schützen und das kann oder sollte auch in sehr sehr vielen Fällen bedeuten daß die Möglicheiten von Kontakt zu Kindern dann auf Grund dieser Informationen eingeschränkt werden.

    O.: Sie haben ja ein richtiges Netzwerk entwickelt in das dieser Täter sozusagen eingebettet wird. Also da sind verschiedene Helfer da. Da sind die Vertreter der Opfer oder unter Umständen sogar die Opfer selber da die mit einbezogen die auch informiert werden. Sie sind ja entbunden auch von der Schweigepflicht, zum Beispiel.

    X.: Ja, ich halte es nicht für verantwortbar mit Mißbrauchstätern unter voller Wahrung der Schweigepflicht zu arbeiten, denn genau dadurch unterstützt man die Geheimsphäre in der die Macht eines Täters gedeihen kann. Ehm, es iss meiner Meinung notwendig, nach notwendig parallel zur Therapie oder als Element der Therapie, ehm, Helferinnenkonferenzen durchzuführen die regelmäßig stattfinden.

    O.: Einmal im Monat ungefähr?

    X.: Eh, mh, meistens in längeren Abständen. Das hängt davon ab ob gerade eine Krisensituation iss oder ob es eine nichtkrisenhafte Situation iss. Das kann einmal im Monat sein, oder einmal in 3 Monaten.

    O.: Und auf dieser Konferenz wären alle diese Leute anwesend die wir vorher aufgezählt haben?

    X.: Ja da sind alle diese Personen anwesend. Da können z.B. auch Mißbrauchsopfer selbst anwesend sein, wenn sie das wünschen, wenn es sich beispielsweise um Jugendliche handelt die ihre Interessen selbst vertreten wollen. Auf jeden Fall aber sollten dort Personen dabei sein die, ehm, aufn qualifizierte Art und Weise für die Interessen der Opfer einstehen, damit diese Informationen in die Therapie, in die Arbeit mit dem Täter einfließen kann, und damit auch eine Bewertung stattfinden kann wer auf welche Weise gest geschützt werden kann, ehm, wo Kontaktverbote notwendig sind, aber auch umgekehrt was man von dem betreffenden Täter erwarten kann und verlangen kann, beispielsweise wenn es sich um Eingeständnis seiner Verantwortlichkeit und seiner Schuld gegenüber dem Opfer handelt.

    A. Frau Sch.: Aufarbeitung der Vergangenheit

    O.: Da gehen die therapeutischen Meinungen auseinander, denke ich. Herr W., Herr Dr. W. was haben sie 25 Jahre lang in Stadelheim in ihrer Modellgruppe, sozialtherapeutische Modellgruppe war das, mit Sexualstraftätern gemacht?

    W.: Also wir haben die Vergangenheit aufgearbeitet, die ganz wichtig ist, ehm, vor allen Dingen das man lernt welches Rollenspiel man hat und warum man in gewissen eh Belastungssituationen zu einem Delikt greift Ich bin nicht für eine Krisenintervention sondern für eine Krisenprävention, das man überhaupt nicht [O.: vorbeugend ] in die Krise reingerät, und ich kann nur sagen daß wir die Vergangenheit unbedingt brauchen, nich die Vergangenheit die kann man nich noch mal verändern, viele Täter wollen die Vergangenheit ändern, das kann man nicht, aber das ich die Vergangenheit oder aus der Vergangenheit, die fast bei allen schlimm gewesen ist, lerne welche Rolle ich übernehmen hab und warum diese Verhaltensweisen Schuld sind dass ich immer wieder anecke bei Menschen oder nicht geliebt werde oder sonst irgendwo negative Erfahrungen mach und wenn ich das erreiche, ja, und er akzeptiert wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalles geringer. Und zu dem Thema eben noch von der vorherigen Anruferin zu sagen. Ich habe die Erfahrung gemacht daß die Anonymität des, die Schweigepflicht schon gewahrt werden soll, daß man aber, wenn man einen Täter lange genug kennt, es immer gut iss wenn er sagt was er getan hat und daß er dann, gerade dann, wenn die Leute ihn trotzdem eh akzeptieren, weil er das getan hat, viel größere Chancen hat nicht mehr in die gleichen Ablehnungssituationen sich rein zu katapultieren, ja, die Ursache sind dann sehr oft, wie der Täter es ja auch gesagt hat, für, für einen Delikt, ja, daß wenn er akzeptiert wird, wenn er auf einmal merkt er wird geliebt, er wird gemocht, auch wenn er was getan hat, also wenn er eh die Chance erhält von der Umwelt, dadurch daß er sagt was er getan hat, daß er akzeptiert wird, und daß man ihm verzeiht.

    O.: Ja aber da fängts doch schon an. Wir sprechen ... ... resozialisiert

    D.: Wobei man anmerken muß das es den Typus des Täters nicht gibt ... welche Erziehung ist jetzt die geeignete um keinen Sexualstraftäter entstehen zu lassen.

    O.: Vor allem ist die Frage, was muten wir den Eltern noch alles zu. Es ist ja inzwischen auch nicht mehr so einfach ein Kind zu erziehen.

    X.: Ich denke daß wir eine Dimension in dem Gespräch bisher außer acht gelassen haben, nämlich die Tatsache, daß die überwiegende Mehrzahl der Sexualstraftäter bzw. von Menschen die sexuelle Gewelt Gewalt ausüben männlichen Geschlechtes sind, daß die meisten Opfer, ehm, weiblichen Geschlechtes sind, bei Kindern, eh, ungefähr handelt es sich um 75% bis 80 % Mädchen, ehm, d.h. es gibt neben dieser Dimension von Übergriffserfahrungen, ehm, von Männern aus ihrer Kindheit gibt es die Dimension männlicher Macht und Überlegenheit und was wir noch nicht besprochen haben iss die Tatsache daß sexuelle Gewalt ja auch ein Ünterdrückungsinstrument ist. Und ich bin der Auffassung daß es unbedingt notwendig ist in der Therapie diese Dimension voranzustellen ehm und an der Verantwortung des eh Täters zu arbeiten nicht andere Menschen auf Grund seiner Impulse zu kontrollieren oder um andere Menschen zu kontrollieren um seine Impulse ausleben zu können. Sozial schwache Menschen bzw. Menschen mit weniger Macht in der Gesellschaft haben meistens größere Verantwortlichkeit für Zwischenmenschliches. Ehm, es ist meiner Meinung notwendig, daß ganz generell Männer in der Gesellschaft mehr Verantwortung übernehmen für zwischenmenschliche Beziehungen, für die Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen und das gilt in ganz besonderem Maße für Mißbrauchstäter.

    O.: Hat das etwas zu tun mit dem Aufarbeiten des Deliktes auch es aus England zum Beispiel da kommen ja auch die Vorreiter sozusagen der forensischen Psychiatrie. [Möglicherweise denkt sie dabei an das Kindermißbrauchsteam am Great Ormond St. Hospital in London, England dem auch der aus dem Münster Hexenprozess bekannte Prof. T. Fürniss angehörte. Dieses Team hat viele der Methoden und Annahmen über Kindesmißbrauchsbefragung aus den USA importiert, einschließlich der Benützung anatomisch korrekter Puppen. Es gibt aber inzwischen dazu auch kritische, sogar amtliche, Studien.] Die sagen, wir fragen nicht mehr hast du's gemacht, sondern wir fragen was hast du's gemacht, wie hast du's gemacht und warum hast du's gemacht. Hängt das damit zusammen?

    X.: Mhm. Ich denk das ist das ganz wichtig. Eh, ich glaub nicht, daß das Delikt aufgearbeitet wird vom Täter. Eh, aber was ganz wichtig iss wenn wir an diesen Täter denken der vorhin interviewt worden iss. Er hat sich im dem Moment des Übergriffs selbst als Opfer seiner Kindheitserfahrung charakterisiert. Wenn ich jetz nur diese Aussage herannehmen würde wäre meine Prognose was die Gefährlichkeit dieses Mannes anbetrifft nicht so optimistisch, ehm, denn ich halte das für ein gefährliches Moment daß dort wo er interviewt wird er sich selbst als Opfer charakterisiert, und die Bearbeitung des Deliktes oder der Delikte iss notwendig zum einem weil das was einem bekannt ist die Spitze eines Eisbergs ist. Wir wissen, daß Männer die sexuelle Gewalt ausüben in ihrem Leben auf bis zu, oder mehr als 30 bis 40 Opfern kommen, [die Aufdeckerbibel von U. Enders, Zart war ich, bitter war's spricht von 10, 20, 40, 300 und mehr Opfern, S.90.], ehm, und es ist darüber hinaus notwendig um die Täterstrategien eh zu entdecken, und damit der Mann selber entdecken kann auf welche Art und Weise er gewalttätig wird und dafür Verantwortung übernehmen kann ehm da einen Riegel vorzuschieben.