Ursula
EndersZart war ich, bitter war's.*
Es geht um's Geld. Aus einem Brief von Ursula Enders, Zartbitter Köln:
"... heute wenden wir uns an Sie mit der Bitte um politische Unterstützung bei der Existenzsicherung von Zartbitter Köln. Wie Sie wissen, werden wir bisher vom Land Nordrhein-Westfalen als Erziehungsberatungsstelle mit 34,7 % Personalkostenzuschuß für vier Stellen für BeraterInnen und eine Verwaltungsstelle gefördert. Die Stadt Köln fördert uns jedoch nicht als Erziehungsberatungsstelle, sondern gibt uns lediglich einen Projektkostenzuschuß in Höhe von 102.200,-- DM im Jahr. Hieraus ergibt sich ein strukturelles Finanzierungsdefizit von Zartbitter Köln.
Die katastrophale Finanzsituation unseres Vereins wird dadurch verstärkt, daß die Stadt Köln uns keinen festen Haushaltsstitel gibt [I.M.M.A und AMYNA in München geht es da schon besser.] und uns den Zuschuß nur vorbehaltlich zukommen läßt: Sollten wir am Ende des Jahres nur eine müde Mark haben, so müssen wir diese an die Stadt Köln zurückerstatten. D.h., wir können noch nicht einmal eine solide langfristige Finanzplanung aufstellen. Erschwerend kommt zudem hinzu, daß Mädchen- und Frauenprojekte vom Land Nordrhein-Westfalen z.T. über die Gleichstellungstelle gefördert werden und einen Personalkostenzuschuß von mehr 70 und 80 % bekommen. Zartbitter berät aber auch Jungen und wird deshalb von dem Gleichstellungsministerium nicht gefördert. Jetzt sollen wir als Trostpflästerchen bei der Erstellung einer Broschüre finanziell unterstützt werden.
Das aus den für uns in keinster Weise nachvollziehbaren
politschen Entscheidungen von Land und Kommune entstandene strukturelle
Finanzierungsdefizit unseres Vereins haben wir in der Vergangenheit durch
extrem anstrengende Aktivitäten bei der Spendenbeschaffung ausgeglichen.
Die allgemeine Wirtschaftsflaute hat nun dazu geführt, daß wir
trotz größter Bemühungen in den ersten fünf Monaten
d.J. nur ein Spendenaufkommen von 48.132,27 DM hatten. Im letzten
Jahr lag es in dem gleichen Zeitraum noch bei 127.927,13 DM. Das Einnahmedefizit
trifft uns hart, denn wir müssen bei Personal- und Sachkosten von
ca. 550.000,-- DM fast 300.000,-- DM an Eigenmitteln aufbringen. Vom Land
bekommen wir lediglich ca. 160.000,-- DM und der Stadt Köln 102.200,--
DM. In dieser Kostenplanung sind noch keine Projekte im Präventionsbereich
enthalten.
So sehen wir unseren zehnjährigen Geburtstag im Frühjahr
nächsten Jahres mit größten Sorgen entgegen. Z.Z. wissen
wir beim besten Willen noch nicht, woher wir den größten Teil
der Personalkosten für September d.J. nehmen sollen, denn die von
Kommunalpolikern vorgeschlagene Lösung "Nutzen
Sie doch Belgien und Stockholm, um jetzt Spenden zu bekommen!" funktioniert
nicht. Den Spendenkuchen teilen sich längst z.B. Caritas, Weltkinderhilfe
und Unicef auf, die mit professionell geplanten
Werbekampagnen unmittelbar auf Stockholm reagieren konnten, während
wir als kleiner Träger diese Möglichkeiten nicht haben und vor
allem nicht die Zeit: Unser Telefon war rund um die Uhr mit verängstigten
Müttern und Vätern besetzt, deren Kinder jetzt aufgrund der breiten
Diskussion des Themas in den Medien über eigene sexuelle Gewalterfahrungen
sprachen. Andere Eltern wollten wissen, wie sie ihre Kinder schützen
können.
Nicht nur überegional, sondern ebenso innerhalb der Stadt Köln ist Zartbitter Köln die Anlaufstelle für Ratsuchende. Im Rahmen einer Untersuchung [Anm.: durch Eckhard Pieper, Zartbitter Köln Mitarbeiter] am Lehrstuhl von Prof. Dr. Gottfried Fischer, Universität Köln wurde deutlich, daß 69,8 % der Befragten, die bereits Kontakte zu einer Beratungsstelle bzgl. des Problembereichs sexueller Gewalt gegen Kinder hatten, mit Zartbitter Köln in Kontakt standen. 86 % aller Befragten kannten Zartbitter Köln und 75,4 % würden sich an Zartbitter wenden, wenn sie Informationen oder Hilfe zum Thema sexuelle Gewalt benötigten (Anlage).
Die Bedeutung von Zartbitter liegt nicht zuletzt in der Tatsache, daß wir die einzige Einrichtung der Jugendhilfe in Köln sind , die Aufdeckungsarbeit leistet, d.h., betroffene Kinder und ihre Vertrauenspersonen bei der Aufdeckung von Gewalterfahrungen begleitet, Diagnostik durchführt und bereit, ist, diese vor Gericht zu vertreten. Alle anderen Beratungsstellen verstehen sich als Beratungs- und Therapieangebot, d.h. sie bieten den Kindern und ihren Vertrauenspersonen ausschließlich eine beraterische und therapeutische Begleitung an. Einige von ihnen vertreten z.B. den Standpunkt, daß sie nur dann mit Kindern therapeutisch arbeiten, wenn alle gerichtlichen Verfahren abgeschlossen sind. Und das dauert lange.
Wir möchten Sie bitten, Ihren politischen Einfluß geltend zu machen, um die aktuelle Finanzkrise von Zartbitter zu meistern und langfristig das strukturelle Finanzierungsdefizit abzubauen.
Mit freundlichen Grüßen
Ursula Enders
Anlagen
Zartbitter e.V.
Stadtsparkasse Köln Bank für Sozialwirtschaft
Stadtwaldgürtel 89 50935 Köln
Kto 113 720 91
Kto 7077 800
TeI. 0221 /40 57 80
BLZ 370 501 98
BLZ 370205 00
Fax 0221/403661
Hervorhebungen (Fettdruck) nachträglich eingefügt.
Ursula Enders war, neben der Jugendforscherin Dr. Anita Heiliger [Deutsches Jugendinstitut und KOFRA (Kommunikationszentrum für Frauen), München], auch unter den 13 ExpertInnen bei der Anhörung der SPD Fraktion (Bonn, 20.01.1997) zur "Sexuellen Gewalt gegen Kinder" (laut EMMA März/April 1997, S. 44 zu ,,Sexualgewalt und die unheimliche Rolle der psychologischen Gutachter"). Laut Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 21.01.1997 enthielt das von "Zartbitter" (Verein ,,bemüht sich um Beratung und wissenschaftliche Begleitung") für die Anhörung vorgelegte umfangreiche Papier "auch Aussagen über angebliche Ritualmorde an Kindern durch Sektenangehörige." Vgl. dazu auch das Kapitel aus dem obigen Handbuch, S. 331-342: "Ich kann es immer noch nicht glauben, auch wenn ich weiß, daß es stimmt: Ritualisierter Kindesmißbrauch in Deutschland". Diese Forschungsergebnisse von Zartbitter verdienen ganz besondere Beachtung, auch angesichts der Tatsache, daß offizielle Regierungskommisionen in den USA und Großbritannien, amerikanische Schwurgerichte und eine FBI-Spezialabteilung, trotz ungleich größeren Aufwands, nicht fündig geworden sind. Die deutsche Öffentlichkeit wurde auf die Gefahr ritualisierten Mißbrauchs z.B. durch die Psychologin Claudia Bommert (1996) aufmerksam gemacht.