stern Nr. 33 vom 7.8.1997, Seiten 78-84
Die verlorene Ehre der Familie Müller
Eine Familie aus Worms wurde Opfer von feministischen Kinderschützern
und übereifrigen Staatsanwälten. Der furchtbare Vorwurf: KINDESMISSBRAUCH.
Jürgen Peschull über einen Alptraum, der nicht enden will
Wie hält Herr Müller es bloß aus, daß Frau Plass so fröhlich ist? Die flotte Frau im schwarzen Schlabberkleid schlendert an ihm vorüber, scherzt und lacht mit ihren Freundinnen, würdigt ihn keines Blickes und entschwindet mit hocherhobenem Haupt in Richtung Luther-Denkmal, auf dem geschrieben ist "hier stehe ich, ich kann nicht anders".
Warum tut Herr Müller nichts? Warum rennt er ihr nicht hinterher? Warum schreit er nicht so laut, daß alle in Worms und Umgebung es hören können: Sie haben mich und meine Frau, meinen Vater und meine Schwester unschuldig ins Gefängnis gebracht, Frau Plass! Sie haben behauptet, wir seien eine Familie von Kinderschändern! Sie haben unsere Ehre in den Dreck gezogen! Warum, in Gottes Namen, entschuldigen Sie sich nicht für alles, was Sie uns angetan haben, Frau Plass?
Aber Herr Müller bleibt wie versteinert sitzen und läßt Frau Plass unbehelligt davonkommen. Vielleicht, weil er in vergangenen Jahren gelernt hat, seine ohnmächtige Wut zu unterdrücken, vielleicht, weil er nicht schnell genug die richtigen Worte gefunden hätte. Schweigend starrt der junge Familienvater der Davoneilenden nach und knetet lange seine Hände. Schließlich sagt er so leise, daß niemand an den Nachbartischen es hören kann: Manchmal möchte ich sie am
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liebsten umbringen - aber das werde ich meinen Kindern nicht antun, daß sie wegen dieser Frau noch einmal ihren Vater verlieren".
Die Dramatik dieser zufälligen Begegnung in der Altstadt von Worms bleibt den anderen Gästen verborgen, die an diesem lauen Sommerabend vor dem Restaurant "Tivoli" sitzen und Pizza und Pasta essen und Pils und Pino Grigio trinken. Ute Plass! Daß ausgerechnet sie zu dieser Zeit an dieser Stelle vorbeikommen muß, das hat Holger Müller und seiner Frau den Appetit verdorben. Das erinnert die jungen Eltern wieder an den Alptraum ihres Lebens, der im Frühjahr 1993 begann, als die Witwe Plass in der frommen Stadt Worms zu einem Kreuzzug gegen vermeintlich überall lauernde Kinderschänder aufbrach.
"Was uns passiert ist, das kann allen Eltern, allen Lehrern, allen Erziehern passieren, allen Menschen, die irgendwie mit Kindern zu tun haben", sagt Nicole Müller und schiebt ihren noch halbvollen Teller zurück. Was geschehen ist, nannte der Vorsitzende Richter der
Strafkammer Mainz am Ende eines quälenden Prozesses "eine äußerst unglückliche Verkettung von Umständen". Eine milde Umschreibung für eine Justizkatastrophe, der 25 Erwachsene und 16 Kinder zum Opfer gefallen sind.
Worms im Frühjahr 1993. So wie die Müllers, so stellen sich christlich-konservative Politiker in diesem Lande eine ideale deutsche Familie vor: einfache, ehrliche, tüchtige Leute, fröhlich, fromm und obrigkeitsgläubig. Großvater Johann, 70, ein knorriger altdeutscher Herr, besitzt ein Haus und einen Weinberg und singt im Kirchenchor. Vater Holger, 27, ein sportlicher Kumpeltyp, macht eine Fortbildung nach der anderen und bringt es vom Betriebsschlosser zum spezialisierten Werkstoffprüfer bei der BASF. Mutter Nicole ,27, Fremdsprachenkorrespondentin, eine blonde Kleinstadtschönheit, hat eigene Berufspläne zurückgestellt und kümmert sich liebevoll um die kleinen Söhne Kevin und Marco. Bald soll ein Grundstück gekauft und ein eigenes Haus gebaut werden. Von kleineren Krisen abgesehen, sind die Müllers glückliche Leute.
Da geschieht etwas, was in den besten Familien vorkommt: Holger Müllers Schwester Heike und ihr Mann lassen sich scheiden und streiten heftig um das Besuchsrecht für ihre Tochter Lea, als der Vater ausgerechnet die beste Freundin seiner früheren Frau heiratet. Die Stiefmutter erzählt im Bekanntenkreis, die Fünfjährige sei immer völlig verstört, weine oft und schreie sogar nachts im Schlaf, nachdem sie ihre leibliche Mutter Heike und ihren Großvater Johann besucht habe. Schließlich fallen die bösen Worte vom "Verdacht auf sexuellen Mißbrauch".
Witwer Johann hat seine wieder alleinlebende Tochter Heike bei sich aufgenommen. Jeden Sonntag freuen sich die beiden auf den Besuch der kleinen Lea. "Opa Hans" hat im Garten einen Spielplatz gebaut, im Sandkasten und Schaukel. Machmal bastelt er Schiffchen und läßt sie in dem Bach schwimmen, der an sein Grundstück in Worms-Pfeddersheim grenzt. Lea sollte es besonders schön haben, gerade weil sie,
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so unter, der Scheidung ihrer Eltern litt. Natürlich, so erzählt "Opa Hans", sei Lea traurig gewesen, wenn die schönen Sonntage vorüber waren. Er auch.
Johann Müller ahnt nicht, daß Leas Stiefmutter mit dem Mädchen zum Wormser Kinderarzt Dr. Veit geht und ihren schrecklichen Verdacht äußert. Der findet kleine Verletzungen im Genitalbereich und diagnostiziert tatsächlich "sexuellen Mißbrauch". Er rät der Stiefmutter, zum Kinderschutzdienst "Wildwasser" zu gehen. "Wildwasser Worms e.V.", so heißt es in einer Selbstdarstellung, bietet "Hilfe für Kinder und Frauen, die sexuelle Gewalterfahrungen gemacht haben. Wir sind parteilich für sie". Denn: "Wildwasser lebt Feminismus praktisch und lebendig."
Bei den feministischen Kinderschützerinnen hat in diesem Frühjahr eine neue Mitarbeiterin angefangen: die junge Witwe Ute Plass, 41, selbst Mutter von fünf Kindern. Sie besucht Wochenendseminare des Münsteraner Professors Tilman Fürniss, der als Kapazität für die Aufdeckung von Kindesmißbrauch galt. Dabei lernt sie auch "Aufdeckungsarbeit ist Polizei- und Detektivarbeit!" Sie wendet die Methoden ihres Meisters in Worms mit missionarischem Eifer an. Lea wird ihr erster Fall.
Die ersten fünf Gespräche zwischen Lea und Plass bringen keinerlei Hinweise auf sexuellen Mißbrauch. Doch wie sie es gelernt hat, vermutet die neue Kinderschützerin, das Kind stehe unter massivem Geheimhaltungsdruck. Wieder und wieder befragt sie das sensible und phantasiebegabte Kind, dem ein Intelligenzquotient von 130 bescheinigt wird. Sie hilft der Kleinen, "eine Sprache dafür zu finden, was passiert ist". Leas Synonym für sexuellen Mißbrauch wird "Pipi kaputtmachen". Immer wenn sie einen Namen nennt und dazu "Pipi kaputtmachen" sagt, lobt Frau Plass sie. Und Lea wird gern gelobt. Das Kind nennt immer mehr Namen von Bekannten und Verwandten. Auch "Opa Hans" und Mutter Heike.
Lea beschäftigt sich auch interessiert mit "anatomisch korrekten Puppen", die sie bei Wildwasser zum Spielen bekommt. Sie steckt die hervorragenden Teile der männlichen Puppen in die Öffnungen der weiblichen - ähnlich wie bei Legosteinen. Für die Kinderschützer ein weiteres Indiz für sexuelle Erlebnisse, für Vaginal-, Oral- oder Analverkehr, je nachdem, in welche Öffnung der Puppen-Penis geführt wird.
Schließlich erzählt Frau Plass noch die Geschichte vom Drachen "Feuerspuck", der eine Prinzessin gegen deren Willen abschleckt. Die skurrile Fabel wird Holger Müller zum Verhängnis. Denn eines Tages gibt Lea einem niedlichen Stoffdrachen aus ihrer Kuscheltier-Kollektion den Namen "Holger". Bei "Holger", das steht für Leas Stiefmutter und für Frau Plass schnell fest; kann es sich nur um Onkel Holger handeln, den Sohn des bereits Verdächtigen Johann Müller, den Bruder von Leas Mutter Heike.
Am 11. Juni 1993 wird Leas Mutter zu Wildwasser bestellt. Sie glaubt, es gehe um das Sorgerecht, Großvater Johann Müller kommt mit, er will wissen, was los ist. Ute Plass erklärt den beiden, sie dürften Lea vorerst nicht mehr sehen. Es bestehe Verdacht auf Kindesmißbrauch! "Opa Hans" muß sein Hörgerät nachstellen, um mitzubekommen, was gesagt wird, aber was gemeint ist, versteht er auch dann nicht: Seine Tochter und er sollen sich gemeinsam an ihrer kleinen Lea vergangen haben? Ausgerechnet er, der sexuell Andersartige verabscheut, der "Schwule" zum Teufel wünscht, der für Kinderschänder nur eine angemessene Strafe kennt: "Das Geschlechtsteil zu Hackfleisch machen!"
"Die sind verrückt, diese sogenannten Kinderschützer", denkt er, "mit denen gehen ihre perversen Phantasien durch!" Aber Ute Plass glaubt den "Ergebnissen" ihrer "Aufdeckungsarbeit" mehr als dem unbescholtenen alten Mann und Leas fassungsloser Mutter.
Die raffinierten Vernehmungen des Kindes gehen weiter. Monatelang. Immer mehr Erwachsene werden als mutmaßliche Täter, immer mehr Kinder als vermeintliche Opfer ermittelt. Frau Plass forscht im Laufe des Jahres 1993 acht Jungen und Mädchen aus. So notiert sie etwa in ihr Tagebuch diese Erkenntnis vom Sexpuppen-Spiel: "Jenny zeigt heute seht deutlich wie Jürgen seien Schniedel in ihren Po gesteckt hat. Die Mutter hat sie dabei festgehalten."
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Als Lea und andere Kinder von Filmaufnahmen erzählen, ist für Frau Plass klar, daß sie einem professionellen Pornoring auf die Spur gekommen ist. Sogar ein Tatort der "gefilmten Kindersexorgien" wird nach längerem Suchen ausgemacht: der Billiardkeller des gutbürgerliches Lokals "Steven's Comer" in Worms-Pfeddersheim. Frau Plass wohnt da gleich um die Ecke, Holger und Nicole Müller - auch das fragt Frau Plass aus Lea heraus - sollen bei den Schweinereien dabeigewesen sein, er aktiv, sie als Zuschauerin.
Vom Jagdfieber der Amateurdetektivin lassen sich zwei junge Staatsanwältinnen vom Sonderdezernat "Gewalt gegen Frauen und Kinder" in Mainz infizieren. Sie akzeptieren Aussagen und Tagebuchnotizen der Kinderschützerin als Beweismittel. Holger und Nicole Müller ahnen monatelang nicht, was sich gegen sie zusammengebraut hat. Bis zum 13. Dezember 1993.
Am Vormittag werden Johann Müller und seine Tochter Heike verhaftet. Am Nachmittag halten zwei Einsatzfahrzeuge vor dem Haus der jungen Leute. Holger Müller glaubt, die Besucher wollten ihn "wegen der Sache gegen meinen Vater und meine Schwester Heike" betragen. "Das sind doch alles Hirngespinste!" sagt er. "Deswegen sind wir nicht hier", sagt einer der Männer. "Sie sind verhaftet, Herr Müller!"
Vor den Augen der Nachbarn wird Holger Müller abgeführt. Sein vierjähriger Sohn Kevin läuft weinend hinterher. Eine Beamtin reißt das Kind mit. Kevin klammert sich an eine Mülltonne und schreit erbärmlich. Holger Müller ruft "Papa geht nur kurz mit den Leuten mit. Da ist etwas schiefgelaufen. Ich bin gleich wieder bei dir!" Er sieht seinen Sohn zwei Jahre und sechs Monate nicht wieder. Seine Frau wird kurz nach ihm festgenommen, als sie mit dem zweijährigen Marco vom Einkaufen zurückkommt.
Die ganze Familie, Großvater, Sohn, Tochter und Schwiegertochter, werden in der Polizeidirektion Worms in Einzelzellen gesperrt. Johann Müller erleidet einen Schwächeanfall. Die Frauen Heike und Nicole brauchen Beruhigungsmittel. Holger Müller bewahrt zunächst die Fassung. Doch als er hört, wie seine Frau ein paar Zellen weiter laut weint und um Hilfe ruft, schlägt er gegen seine Zellentür, bis die Fäuste schmerzen, und schreit: "Laßt uns raus! Wir haben doch nichts getan! Seid ihr denn alle verrückt geworden!" Ein Beamter brüllt zurück: "Müller, halt's Maul!"
Nicole Müller landet in der Frauenabteilung der Justizvollzugsanstalt Koblenz, ihr Mann Holger in der JVA Frankenthal. Beide glauben, "der Spuk" werde bald vorbei sein. Am 30. Dezember 1993 schreibt Holger Müller an seine Frau: "Es wird sich bald alles klären, denn wir haben doch nichts getan ... Und doch habe ich große Angst: Was soll jetzt werden, aus Dir und den Kindern und aus unserem Häuschen ... die Ungewißheit über all dies bringt mich fast um den Verstand ..."
Holger Müller erzählt: "Erst später habe ich erfahren, daß ich zu einem Kinderschänder- und Pornoring gehören sollte. Da fühlte ich mich wie erfroren. Wenn mich jemand gestochen hätte, wäre kein Blut mehr gekommen ..." Beim Duschen lernte er einen anderen Gefangenen kennen. "Der war 50, sah aber viel älter aus. Er hieß Rolf. >Wie lange bist Du hier?< habe ich gefragt. >14> sagte er. >Monate?< fragte ich. >Jahre<, sagte er. Sein neuer Freund ist der frühere RAF-Terrorist Rolf Heißler. "Rolf hat mir oft geholfen, denn als Kinderschänder bist du, der allerletzte Dreck im Knast, viel schlimmer als die Mörder. Einmal wollten mich mehrere verprügeln, und beim Hofgang riefen sie >Du Kinderficker< hinter mir her."
Nicole Müller erzählt: "Ich kam in eine Zelle mit zwei anderen Frauen. Eine hieß Constanze. Die sollte zusammen mit ihrer Mutter einen Mord begangen haben. Die Constanze war halbblind und ziemlich klein, wog aber 130 Kilo. Sie mußte nachts im Sitzen schlafen, und dabei quoll ihr Po über den Bettrand. Wir freundeten uns an. Constanze beruhigte mich, wenn ich wieder mal kurz vor einem Nervenzusammenbruch war." Aber als ihre erste Haftbeschwerde abgelehnt wurde, sei sie durchgedreht. "Ich habe Akten an die Zellenwand geschmissen und geschrien: >Ich will zu meinen Kindern. Ich bringe mich um! Ich hänge mich auf.< Da wurde ein Schild an meine Zellentür gehängt: >Achtung. Suizidgefahr!<."
Immer wieder versuchen Holger und Nicole Müller zu erfahren, wo ihre Kinder sind und wie es ihnen geht. Zunächst gibt ihnen niemand Auskunft. Monatelang nicht. Dann schicken sie Päckchen in das Kinderheim Alsenz. Aber ihren Söhnen wird nicht gesagt, von wem die Geschenke sind. Kevin und Marco müssen glauben, ihre Eltern hätten sie für immer verlassen und vergessen.
Nach vier Monaten reichen Nicole Müllers Verteidiger erneut Haftbeschwerde ein, weil sie "nur" der "Beihilfe zum Kindesmißbrauch" beschuldigt werde. Rechtsanwalt Rüdiger Weidhaas aus Ludwigshafen wird nie vergessen, wie seine 1,58 Meter kleine, kaum noch 40 Kilo wiegende Mandantin über die langen Gerichtsflure zum Haftrichter geführt wurde: "Man hatte sie in Handschellen gelegt und ihre eine rote Plastiktasche mit vier oder fünf Kilo schweren Leitzordnern um den Hals gehängt. Zwei Justizwachtmeister liefen dabei neben ihr her. Mit Kinderschändern macht man eben so was!" Auch Holger Müller wird als Verbrecher vorgeführt: In Handschellen muß er vor das Arbeitsgericht treten, als er
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auf Wiedereinstellung beider BASF klagt, sobald seine Unschuld erwies sein würde.
Der Haftbefehl gegen Nicole Müller wird außer Vollzug gesetzt. Sie muß sich zweimal in der Woche bei der Polizei melden. Und: Sie darf keinen Kontakt zu ihren Kindern aufnehmen. Ihr Weg zurück in die Freiheit wird zum Spießrutenlaufen. Nachbarn und Bekannte gucken zur Seite, wenn sie kommt. Bei der Polizei muß sie vernehmlich den Grund ihrer Meldepflicht nennen. "Kindesmißbrauch!" Auch als zufällig eine Gruppe von Kindern in der Nähe ist. "Da wäre ich vor Scham am liebsten in den Boden versunken." Eine ihrer größten Enttäuschungen ist es, als ihre beste Freundin schreibt, sie traue ihr "so etwas" zwar nicht zu - aber sie wisse ja nicht, ich welche Kreise sie in letzter Zeit geraten sei ...
Kevin und Marco werden nach einem Jahr und neun Monaten aus dem Heim entlassen und in die Obhut ihrer Großmutter Loni gegeben - unter Aufsicht des Jugendamtes. Nicole muß sich weiter an die strikte Kontaktsperre halten. "Als ich Oma und die Kinder einmal zufällig in der Stadt sah, bin ich wie in Panik weggerannt, obwohl ich meine Kleinen natürlich am liebsten in die Arme genommen hätte. Aber ich hatte Angst, wieder ins Gefängnis zu müssen."
Nicole besucht ihren Mann und ihren Schwiegervater regelmäßig. Die Männer sitzen jetzt zusammen in Frankenthal. Sie machen gemeinsam Hofgang. Sie treffen sich jeden Sonntag in der Gefängniskirche. Johann Müller sucht Hilfe im Gebet. Und bei guten Anwälten. Er muß Haus und Hof beleihen, um insgesamt 200.000 Mark für die juristische Verteidigung seiner Familie aufzubringen. Sein Sohn macht seine Zelle zur Studierstube. Er läßt sich alle Ermittlungsakten kommen, liest juristische Bücher und Fachliteratur über kindliche Psychologie und Sexualität. "Ich wollte verstehen, was mir vorgeworfen wird." Er schreibt schließlich 200 Seiten, voll mit Argumenten, Entlastungsgründen und Beweisen für seine Unschuld und die seiner Familie. Er fühlt sich für die Gerichtsverhandlung gut vorbereitet.
Das Landgericht Mainz teilt die Prozesse gegen insgesamt 25 angeklagte "Kinderschänder" in drei Teile. Das Verfahren gegen die Müllers ist "Worms III". Es beginnt am 20. April 1995. Der erste Verhandlungstag ist ein Schock für die Angeklagten. "Grelle Scheinwerfer und Dutzende von Kameras wurden auf uns gerichtet, als wenn wir öffentlich hingerichtet werden sollten", sagt Holger Müller. Seiner Frau Nicole wird "jetzt erst richtig klar, daß wir ja hier die Schweine sind!" Großvater Johann reckt seine in Handschellen gelegten Hände hoch: Seht her, das haben sie einem unbescholtenem Bürger angetan! soll diese Geste sagen.
Die StaatsanwäItin Heike Finke verliest kühl ihre 65 Seiten lange Anklageschrift, die sich weitgehend auf die Zuarbeit der Kinderschützerin Ute Plass stützt: Großvater Johann und Mutter Heike sollen gemeinsam die kleine Lea mehrfach zu Hause mißbraucht haben. Holger Müller soll das Mädchen bei einer "Sex-Orgie" im Keller von "Steven's Corner" vergewaltigt und dabei auch seine beiden eigenen kleinen Söhne »befingert« haben. Nicole Müller, so heißt es, habe tatenlos zugesehen.
Vom ersten Tag an wird der Prozeß zu einer aggressiven Auseinandersetzung zwischen Anklage und Verteidigung. Und das geht in allen 83 Verhandlungstagen so weiter. Stück für Stück erschüttern und zerpflücken die Verteidiger ihre Gutachter die angeblichen Beweise der Staatsanwaltschaft:
Die kleinen Verletzungen von Lea im Genitalbereich, die der Kinderarzt auf "sexuellen Mißbrauch" zurückgeführt hat, sind vermutlich entstanden, als das Mädchen mit einem Kugelschreiber und mit einem Plastikmesser an sich herumgespielt hat. Kein Kindersex-Foto, kein Pornofilm taucht auf - obwohl die Staatsanwaltschaft dafür 5.000 Mark Belohnung ausgesetzt hatte. - Weder Lea noch andere Kinder haben jemals von einem körperlich behinderten Täter erzählt, obwohl der Angeklagte Holger Müller zur angeblichen Tatzeit nach einem schweren Betriebsunfall monatelang im Rollstuhl sitzen und an Krücken gehen mußte.
Der Auftritt ihrer eigenen Kronzeugin leitet ein Desaster für die Staatsanwaltschaft ein. Die Kinderschützerin Ute Plass verteidigt ihre ins Zwielicht geratene Aufdeckungsarbeit mit unerschütterlichem Selbstbewußtsein. Doch es stellt sich heraus, daß die von ihr angewandten Befragungstechniken ihres Lehrmeisters Professor Fürniss bereits vom Landgericht Münster als »strafprozessual geradezu unverantwortlich« bewertet worden sind. Nach dessen Methoden, so erklärt der renommierte Berliner Psychologie-Professor Max Steller vor dem Mainzer Gericht, würden nicht etwa verdrängte Tatsachen, sondern kindliche Phantasien zutage gefördert. Zur Empörung der meisten Prozeßbeteilgten stellt sich heraus, daß allein die phantasiebegabte kleine Lea mindestens 40mal befragt wurde und dabei 65 »Pipi-Kaputtmacher« aufgezählt hatte. Sogar Kripo-Beamte und die Staatsanwältin Fischl wurden von den kindlichen Zeugen genannt. Die Staatsanwältin gehöre also eigentlich auf die Anklagebank, meint sarkastisch der Strafverteidiger Hans Ulrich Beust aus Mannheim.
Ein Gutachter, der zunächst die Anklage gestützt hatte, sagt mit Blick auf die Wildwasser-Mitarbeiterin Plass: "Immer wenn diese Frau aufgetreten ist, wurden die Aussagen der Kinder wertlos." Professor Steller erklärt, die Kinder hätten einen langen suggestiven Leidensweg hinter sich. Als die Verteidiger folgern, nicht die Angeklagten, sondern Kinderschützer und Staatsanwaltschaft hätten die Kinder mißbraucht, fragt die Staatsanwältin Finke empört: "Die
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Verteidigung meint also: Blindwütige Feministinnen wirken auf ahnungslose Kinder ein, bis die von Mißbrauch berichten und skrupellose Staatsanwältinnen übernehmen das ..." Da widersprechen die Verteidiger nicht.
Der couragierte Richter Hans Lorenz erspart den Kindern Auftritte als Zeugen im Gerichtssaal und hört sie statt dessen allein in einem Nebenraum vor einer Videokamera an. Die Aufnahmen werden in den Saal übertragen. Richter Lorenz spricht nicht in Gleichnissen und Fabeln, sondern einfühlsam und direkt mit den Kindern. Er fragt Lea etwa, ob ihre Mutter und ihr Opa schon einmal nackt mit ihr zusammengewesen wären und ob sie ihr dabei weh getan hätten? Ob sie schon mal den »Pipi« von Onkel Holger gesehen habe? Lea verneint diese und ähnliche Fragen. "Opa Hans", Mutter Heike und Onkel Holger hätten nie so etwas getan.
Nun endlich werden die Angeklagten aus der Haft entlassen - nach 21 Monaten. Doch es dauert noch ein weiteres Jahr und vier Monate, bis der Prozeß "Worms III" im Januar 1997 zu Ende geht. Mit einem juristischen Skandal. Denn unbeeindruckt von den für sie peinlichen Ergebnissen der Beweisaufnahme und der eindeutigen Entlastung der Angeklagten fordert die Staatsanwaltschaft Höchststrafen: acht Jahre für Johann Müller, elf Jahre für seinen Sohn Holger und 13 Jahre für seine Tochter Heike.
Von einem "Amoklauf der Staatsanwaltschaft" schreibt der Prozeßbeobachter der sonst vornehm-zurückhaltenden "Frankfurter Allgemeinen" und fragt: "Auf welchem Boden wächst solche gnadenlose Rechthaberei?" Rüdiger Weidhaas, ein für seine anschaulichen Formulierungen gefürchteter Strafverteidiger, meint fassungslos: Menschen, die so unerschütterlich von ihrer vermeintlich richtigen und guten Sache überzeugt seien wie einige Mitwirkende dieses Prozesses, finde man sonst nur in Irrenanstalten!
Der souveräne Richter Lorenz macht am Ende der langen Verhandlung kurzen Prozeß: Er spricht alle Angeklagten frei. Ohne Einschränkungen. Er entschuldigt sich "für das Unrecht und für das Leid, daß Ihnen und Ihren Kindern angetan worden ist." Eine ungewöhnliche Geste in deutschen Gerichten. Die freigesprochenen Angeklagten weinen vor Erleichterung.
Eine Frau vom Jugendamt erlebt mit, wie Kevin, jetzt siebeneinhalb Jahre alt, seinem Vater in die Arme springt. "Papa hat sich auch ganz doll gefreut, er hat mich in die Luft geworfen und aufgefangen, und da war alles wieder gut, erzählt der Junge. "Ich habe geweint, aber so, daß die Kinder es nicht gemerkt haben, sagt der Vater. Wenn Kevin heute gefragt wird, warum seine Eltern so lange weg waren, dann sagt er: "Sie waren in dem Haus mit den vielen Gittern, weil böse Menschen böse Sachen über sie gesagt haben ... Aber dann kam ein guter Mann, das war ein Richter, der hat sie, wieder rausgeholt ..."
Doch der lange Alptraum der Familie Müller ist nicht zu Ende. Das "gesunde Volksempfinden" empört sich gegen ihre Freisprüche. "Das Urteil ist ein Skandal", heißt es in Leserbriefen der Lokalzeitung. Sympathisanten von Ute Plass -von der sich der Kinderschutzdienst »Wildwasser« inzwischen getrennt - organisieren in Worms eine Kundgebung unter dem Motto "Gegen Gewalt und Mißbrauch an Kindern". 400 Eltern und Kinder nehmen daran teil, auch Nicole Müller mit ihren Söhnen. "Ich war, total schockiert, als dabei manche Leute von den "freigesprochenen Tätern" sprachen, denn damit meinten sie uns." Als Holger und Nicole Müller ihren Sohn Kevin in einer privaten Sportschule anmelden wollen, lehnt der Inhaber die Aufnahme des Jungen ab - andere Eltern würden sonst ihre Kinder abmelden. Als sich der 75 Jahre alte Johann Müller bei seinem Kirchenchor zurückmeldet, in dem er 43 Jahre lang gesunden hat, läßt der Vorstand abstimmen, ob er wieder mitmachen darf. Ergebnis: 33 christliche Sänger sind dagegen, nur sechs dafür. Die Freiwillige Feuerwehr will den alten Mann nicht einmal mehr als zahlendes Mitglied haben. Und, so erzählt Johannes Müller weiter und wischt sich dabei über die Augen, die evangelische Gemeinde Pfeddersheim habe ihn nicht einmal zur diamantenen Konfirmationsfeier eingeladen.
Manchmal denken die Müllers daran wegzuziehen, möglichst weit weg. Doch Worms ist ihre Heimat, und sie wollen "Opa Hans" auf seine alten Tage nicht alleine lassen. Manchmal fragen sie, wer wenigstens ihren finanziellen Schaden wiedergutmacht? Ganze 20 Mark Entschädigung für jeden Gefängnistag stehen ihnen zu - abzüglich 25 Prozent Verpflegung. In den In den USA würden Millionenbeträge fällig.
Und die Müllers würden auch gern wissen, ob diejenigen zur Rechenschaft gezogen werden, die sie und ihre Kinder leichtfertig ins Unglück gestürzt haben? Denn eines ist Holger Müller inzwischen klar geworden. "Der furchtbare Verdacht wird trotz der Freisprüche an uns hängenbleiben. Man hat uns unsere Ehre genommen. Für immer ... "
Ein Mensch könnte ihm und seiner Familie vielleicht die verlorene Ehre zurückgeben - durch eine öffentliche Entschuldigung. Aber jetzt schweigt Frau Plass.
Siehe auch Berliner Zeitung vom 25.6.1997 "Zurück in Pfeddersheim" - Angeklagte aus einem pfälzischen Dorf wurden vom Verdacht des Kindesmißbrauchs freigesprochen ihre Söhne und Töchter leben weiter im Heim.