STERN 11/1999, 11.3.99, Seite 244, Autorin: Irmgard Eisele
Schläge,
Sex und Lügen
GESELLSCHAFT Eine junge Frau
beschuldigte ihren Adoptivvater, er habe sie
972mal mißbraucht. Alles erfunden, gibt sie heute zu. Nun droht ihr
selbst ein Prozeß
»Ich war kein einfaches
Kind. Vollgestopft mit Wut. Ich sollte immer Partei ergreifen«
Ihn wiedersehen. Seine Stimme wiederhören, die schmeicheln kann und donnern wie die eines Predigers, In diese himmelblauen Augen sehen, die bei Ärger schmal und stechend werden. »Ich würde mich so gern bei ihm entschuldigen« seufzt sie.
Doch als sie den Gerichtssaal betritt, hebt er nicht mal den Kopf, wühlt in Akten und stößt den Kugelschreiber in seine Unterlagen, als wolle er sie durchbohren.
Fünfzehn Monate saß er als »Kinderschänder« in Untersuchungshaft. Jahrelang hatte er sie angeblich mißbraucht und vergewaltigt, das erste Mal, als sie acht Jahre alt, zum letzten Mal, als sie 16 war. 972mal. »Mindestens dreimal in der Woche, immer in der gleichen Form.« So stand es in der Anklageschrift, so hatte es seine Tochter 1993 ausgesagt. Doch fünf Jahre später erklärte sie: Es war alles Lüge. »Die Vorwürfe sind völlig frei erfunden.« Christine M.*, inzwischen 23, droht nun selbst ein Prozeß wegen Freiheitsberaubung und falscher Verdächtigung.Darauf stehen bis zu fünf Jahre Gefängnis.
Christine ist ein Adoptivkind. Zwölf war sie, als ihr die Mutter erklärte, daß sie als Baby adoptiert wurde. »Ich weiß«, habe sie geantwortet. Ihr sei längst klargewesen. »daß ich ein Fremdkörper bin in dieser Familie«, erzählt sie dem STERN.
Die Familie besteht aus Mama, Papa und Michaela*, der leiblichen Tochter der Mutter aus erster Ehe, zwölf Jahre älter als Christine. »Für die war ich nur ein Störenfried.« Die Eltern streiten sich häufig. Die Mutter habe rumgeschrien. Der Vater dagegen sei meist ganz cool geblieben. »Der konnte dasitzen und Sätze sagen wie: Du bist soviel wert wie der Dreck unter meinen Fingernägeln.« Nach außen aber habe man die perfekte Familie gespielt. Holger M. *, der Vater, arbeitet in leitender Stellung als Techniker. Seine Frau Elisabeth*, blond, zierlich und gepflegt, achtet auf standesgemäße Erziehung der Töchter. Christine bekommt Geigen- und Gesangsunterricht, besucht eine Waldorfschule, reist in den Ferien nach England und Spanien. Sonntags geht sie in die Kinderkirche der Baptisten.
Der Herrgott ist immer präsent. Im Tischgebet und vor dem Schlafengehen, wenn der Vater aus der Kinderbibel vorliest. Auch im Streit der Eltern, wenn Mutter ihren Mann »Satan« schimpft und Vater Briefe schreibt, in denen erste mahnt, »geduldig auch in Trübsal zu bleiben, denn das ist, was uns Jesus lehrt«.
Trübsal ist ein mildes Wort für das, was sich im Hause M. abspielt. Die Hölle auf Erden nennen es beide und bleiben dennoch 27 Jahre verheiratet. Einmal, erzählt Christine, habe der Vater die Mutter so heftig geschlagen, daß sie aus Mund und Nase blutete und bewußtlos zusammenbrach. Sie selbst habe er dagegen nur ein einziges Mal geschlagen, »und da hatte ich es verdient«, bekennt sie mit trägem Augenaufschlag. »Ich war kein einfaches Kind. Vollgestopft mit Wut. Die haben mich in ihre Eheprobleme reingezogen, ich sollte immer Partei ergreifen.« Je stärker der Rosenkrieg eskaliert, desto länger bleibt sie abends weg, was neuen Streit verursacht.
Hinzu kommen häufige Umzüge. Der Vater wechselt alle zwei, drei Jahre den Arbeitgeber, Christine noch häufiger die Schule. Mit 13 ist sie der Schreck jedes Kollegiums, hat gelernt, wie man »Lehrer zum Weinen bringt«, schwänzt den Unterricht und klaut Lippenstifte im Drogeriemarkt. Ihre Mutter steckt sie schließlich in Internate. In der Klosterschule ist sie die »aufgebrezelte Stadtmaus«. Fotos aus jener Zeit zeigen sie als blonden, hübschen Teenager. Auf allen wirkt sie ernst, fast abweisend. Echte Freundinnen hat sie nicht. » Ich komme mit Männern besser klar«, sagt sie.
Für die Mutter, früher ihr »großer Engel«, empfindet sie nur noch Verachtung. Die »nervt« mit ihrem Geschrei und ihrer Unterwürfigkeit dem Vater gegenüber, dieses »naive Dummchen«.
Der Vater kommt seltener nach Hause, aber er bleibt ihr Favorit. Er ist spendabel, bis zu 800 Mark Taschengeld im Monat darf Christine aus seinem Portemonnaie angeln. Sie bewundert, wie er »seinen Willen durchkriegt«, auch bei der Mutter. »Ich habe ihn abgöttisch geliebt«, sagt sie mit schwärmerischem Lächeln.
Begeistert schildert sie Momente, als sie noch kleiner war und er sich Zeit für sie nahm, wie sie mit baumelnden Beinen auf der Waschmaschine sitzt und Hausaufgaben macht, während er den Estrich fliest. »Das war Klasse!« Mit dem Mißbrauch, so behauptete sie später, habe es angefangen am Tag, als der Opa starb. Da habe sie der Vater weinend auf den Schoß genommen, gestreichelt und auf seinen Penis gesetzt. Sechs oder sieben sei sie damals gewesen. Von da an sei er zwei bis dreimal die Woche gekommen. Als sie protestierte, habe er gesagt: »Hör zu, du machst das! Die Mama stirbt, dann bring' ich mich auch um, dann hast du niemanden mehr.« Sie ist 18, als sie ihn anzeigt. Holger M. wird 13 Tage später verhaftet. Alle haben Verständnis für das Mädchen. Der »sehr sympathische« Polizeibeamte, der Staatsanwalt, die Gutachterin, die Christines Aussage als »überzeugend« und »glaubwürdig« einstuft. »Nach intellektueller Leistungsfähigkeit«, so die Psychologin Ingrid Bellm, »erscheint die Zeugin bei weitem nicht in der Lage, ... willkürlich eine Schilderung zu geben, die sich nur auf Erfundenes bezieht.« Zehn Monate später schiebt Christine neue Details nach und behauptet, ihr Vater hätte sie auch zu oralem Sex gezwungen. Nun tauchen erste Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit auf. Die Gutachterin, die mit einer Nachuntersuchung beauftragt wird, beanstandet die »relativ globalen und bruchstückhaften Angaben«. Das Landgericht lehnt die Anklage in diesem Punkt ab und setzt Holger M. nach 15 Monaten Untersuchungshaft wieder auf freien Fuß.
Für die Unschuld des Vaters spreche auch ein medizinisches Detail, so sein Anwalt Michael Schilpp: Ein Urologe diagnostizierte 1984 bei ihm Mykoplasmen, eine bakterielle, »in hohem Maße ansteckende« Unterleibsinfektion. Christine aber, die behauptet, zu dieser Zeit von ihrem Vater regelmäßig und ohne Kondom vergewaltigt worden zu sein, hat keine Mykoplasmen. Die Staatsanwaltschaft glaubt jedoch weiter ihrer Kronzeugin und legt Beschwerde ein. Nun beauftragt das Oberlandesgericht den Psychologen Udo Undeutsch damit, die Glaubwürdigkeit von Christine zu klären. Der Kölner Professor läßt Christine in seinem 404 Seiten dicken Gutachten in ganz anderem Licht erscheinen: Zu »summarisch, abstrakt stereotyp« seien ihre Aussagen, zu oft »im Plauderton« erzählt, um glaubwürdig zu sein. Er zitiert Christines Internatsleiterin: »Sie hat gelogen wie gedruckt. Hinter alles, was sie erzählte, mußte man ein großes Fragezeichen machen.« Der Gutachter hat »schwerwiegende Bedenken, ob tatsächlich ein jahrelanger sexueller Mißbrauch stattgefunden hat«. Mögliche Motive für eine Lügengeschichte liefert Undeutsch bündelweise - die extremen Spannungen zwischen den Eltern, das »unbeherrschte, gefühlskalte, despotische Verhalten« des Vaters, sein Desinteresse an der Tochter oder schlicht die schulische Überforderung von Christine.
Kürzlich hat Christine ihren Vater im Gericht wiedergesehen. Von einem Bündel von Vorwürfen ist nur eine Anklage wegen Körperverletzung an der Mutter übriggeblieben.
Christine als Zeugin zwischen ihren Eltern. Ihre jüngste Version der Familientragödie: Der Mutter, diesem »ärmsten Wesen« zuliebe, habe sie die Geschichte erfunden, »damit ich sie nicht verliere«. Ihre Mutter habe daran geglaubt, sagt Christine. »und irgendwann auch ich selbst«.
Auf die Frage, warum sie den Vater, den sie angeblich »abgöttisch« liebt, unschuldig ins Gefängnis gebracht hat, weiß sie keine Antwort. »Ich hatte den total vergessen«, sagt sie kühl.
»Sie tut mir leid«, sagt der Vater nur. »Sie weiß doch gar nicht, was sie sich selbst angetan hat mit dieser Sache.« Christine will demnächst heiraten. In einer kleinen Kirche in Portugal, wo die Familie ihres Freundes lebt. Ein Baby wäre auch nicht schlecht, sagt sie. Ein neuer Anfang. »Vielleicht bekomme ich Bewährung.« Noch einen Wunsch hat sie: »Daß mein Vater bei meiner Hochzeit dabei ist.«
Irmgard EISELE - Mitarbeit:
Markus Homes
* Namen von der Red. geändert.