Report Psychologie 23 (3/98), Seiten 226-233

    Karl W. Blesken

    Das Kind als Objekt im Scheidungs-/Trennungskonflikt

    - Die schwierige Position des Vaters -

    Im Prozess der Trennung ist das Kind in der Familie häufig Objekt der elterlichen Konflikte. Besonders deutlich wird dies in der Beziehung zum Vater, dessen Bedeutung für die kindliche Entwicklung dargestellt wird. Entgegen häufig vorgebrachten Klagen über den sich entziehenden Vater ist eine systemisch orientierte Sicht angemessener, die die schwierige Position des Vaters deutlich macht und aktive Ausgrenzungsmechanismus aufweist.

    Das familiale Dreieck und die Bedeutung des Vaters

    Die über lange Zeit vorherrschende Sichtweise auf die Welt des Kindes, in der die Mutter-Kind-Dyade im Vordergrund stand, wird nach den neueren Erkenntnissen über die innerfamilialen Prozesse der psychodynamischen Entwicklung des Kindes und seiner Lebenswirklichkeit nicht gerecht. Die sozialwissenschaftlichen Theorien zur Vater-Kind-Beziehung haben daher eine bedeutsame Veränderung erfahren (Fthenakis, 1992), und die Gestaltung der Beziehung des Vaters zum Kind hat sich im Sinne stärkerer männlicher Beteiligung verändert (siehe Nave-Herz, 1994, S, 48 ff.) - auch wenn sich väterliches Beziehungs- und Betreuungsverhalten von mütterlichem unterscheidet (Petzold 1994). Eine Zentrierung auf die Mutter-Kind-Beziehung bei Ausgrenzung des Vaters kann somit als überholte Vorstellung von der Bedeutung dieser Dyade gelten. Allerdings läßt sich von Anfang an eine Dynamik beobachten, die eine Ausschließung des Dritten beinhaltet (Buchholz, 1993, siehe auch Bauers, 1993). Insbesondere Bauriedl (1985) hat darauf hingewiesen, daß die familiale Triade die Tendenz hat, sich als Mutter-Kind-Dyade zu definieren. Der Dritte ist jedoch, wie die familien- und systemtherapeutische Sicht auf die Familie zeigt, immer präsent. "lch kann nicht mehr annehmen, daß es Störungen gibt, die ausschließlich aus der Mutter-Kind-Beziehung hinreichend verstanden werden können. Spätestens vom Zeitpunkt der Zeugung an ist für jeden Menschen das Dreieck zwischen ihm und seinen EItern von zentraler Bedeutung. Auch wenn der Vater unbekannt ist oder nicht mehr lebt, hat er für die Phantasie von Mutter und Kind und für deren Beziehung zueinander eine ebenso wichtige Bedeutung im Dreieck wie Mutter und Kind selbst. Die Beziehung von Mutter und Kind kann nicht verstanden werden ohne Beachtung der Beziehung zwischen Vater und Mutter und zwischen Vater und Kind. Entsprechendes gilt für scheinbar fehlende Mütter." (Bauriedl, 1985, S. 85).

    Die Bedeutung des Vaters für die kindliche Entwicklung und Identitätsbildung wird durch die inzwischen umfangreiche Väterforschung ausreichend belegt (Fthenakis, 1992). Als Ausnahme kann Stein-Hilbers (1994) gelten, die nach Sicht der sozialwissenschaftlichen Analysen der Auffassung ist, daß sich "... kaum stichhaltige Beweise dafür finden lassen, daß eine fehlende Vaterfigur als Defizit oder nachteilige Sozialisationsbedingung verstanden werden muß ..." (S.129). Dennoch seien Väter "keineswegs bedeutungslos für Kinder" (Stein-Hilbers, 1994, S. 129), eine Feststellung, die man(n) nur noch als zynisch auffassen kann.

    Ein Blick auf die sogenannte schöngeistige Literatur, in der die Figur des Vaters in vielfältiger Weise thematisiert wird (Faulstich & Grimm, 1989), "verdeutlicht, daß sozialwissenschaftliche Forschung gelegentlich eher grobe Kategorien bereit hält, wenn es um subtile Einflüsse auf Leben und Persönlich-

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    keit der Kinder geht. Als prägnantes Beispiel für die Auswirkungen einer mangelnden väterlichen Präsenz im Leben der Tochter erweist sich z.B. die überzeugende Schilderung von Plogstodt (1991), in der auch die Ausgrenzungsstrategien der Mutter eindrücksam dargestellt werden. Auch der autobiographisch geprägte Roman von Neelke Noordervliet "Der Name des Vaters" (1995) weist in die gleiche Richtung. Wie subtil und in welch eindringlicher Weise der fehlende Vater im Leben des Sohnes gegenwärtig ist, zeigt das 1980 von Peter Härtling geschriebene Porträt seines Vaters: "Nachgetragene Liebe" (bemerkenswert auch die Schilderung des Vaters durch Paul Auster, 1995).

    Interessanterweise ist es so, daß der Verlust der Beziehung zum Vater für die Kinder sogar unter mehrgenerationalem Aspekt einschneidende Folgen zeigt, da sich auch der Kontakt zu den Großeltern väterlicherseits in der Regel auffällig reduziert (Moch, 1996, S. 269), so daß nach einer Trennung für die Kinder die gesamte väterliche Seite in ihrer Lebenswelt beeinträchtigt ist. In der therapeutischen Arbeit mit Kindern ist die Bedeutung des Vaters (und gerade des fehlenden Vaters) eine allgemeine Erfahrung.

    Trennung/Scheidung und der Kontakt zum Vater

    Die Bedeutung des Vaters gilt selbstverständlich auch nach einer Trennung oder Scheidung. Im Jahr 1994 waren 112.000 Kinder durch eine Scheidung betroffen, wobei die Zahl der Kinder, die eine Trennung aufgrund des Zerbrechens einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft erleben, statistisch kaum erfaßbar ist - angesichts der Zunahme dieser Lebensform aber gesteigerte Bedeutung erlangt (nach Schätzungen aus dem Mikrozensus des Jahres 1993 leben ca. 1,5 Mio. Männer in nichtehelichen Lebensgemeinschaften, der Anteil der Kinder liegt bei ca. 430.000). Insgesamt steigt also die Zahl der Kinder mit Trennungserfahrungen an, so daß Beck-Gernsheim (1996, S. 285) konstatiert, daß die "Normalisierung der Brüchigkeit" die Zukunft der Faimlie ausmachen wird.

    lm Falle der Trennung/Scheidung kommt es in einem hohen Prozentsatz zu einem Kontaktabbruch zwischen Vater und Kind (siehe Schmidt, 1993, S. 17 f., Fthenakis, 1995). Über die Hälfte der Väter hat nach einer Scheidung den Kontakt zu den Kindern ganz verloren oder dieser ist zumindest erheblich reduziert (Stein-Hilbers, 1994, S. 101 f.). Vor alIem für die nichtsorgeberechtigten Väter ist es schwierig, die Beziehung zu den Kindern aktiv und positiv zu gestalten. In Einelternfamilien haben schätzungsweise nur noch 60% der Kinder Kontakt zu ihrem geschiedenen Vater (ausführliche Angaben bei Busch, 1994), oder es kommt zum völligen Abbruch (Fthenakis, 1995).

    Dieses Phänomen wird in der Regel den Vätern selbst angelastet. Der geringe Kontakt der Väter zu ihren zurückgebliebenen Kindern wird in der Literatur als mangelnde Fürsorge etikettiert und oft aus der Perssönlichkeit der Männer begründet. Nicht selten werden Väter als lieblos, gefühlskalt, desintetessiert an den Kindern und verantwortungslos dargestellt. Der reduzierte Kontakt der Väter zu den Kindern gilt als mangelnde Sorge um diese und wird mit "Arbeitssucht" erklärt und als "Fahnenflucht" deklariert, und die bestehenden Schwierigkeiten eines gelebten Vaterlebens zynisch geleugnet (Benard & Schlaffer, 1993), die mangelnde Präsenz der Väter wird beklagt (Bode & Wolf, 1995), ihr "Rückzugsverhalten" (Busch, 1994) kritisiert. Mit vorwurfsvollem Ton wird registriert, daß prozentual nur sehr wenige Väter das Sorgerecht übernehmen oder an einem gemeinsamen Sorgerecht Interesse haben. Tatsächlich ist - besonders imStreitfall - dieChance eines Mannes, das Kind zugesprochen zu bekommen, eher gering. So äußerte Große-Boymann (1994, S. 95) im Ratgeber "Recht" lapidar: "ln der Praxis ist festzustellen, daß bei vielen Familienrichtern noch heute die Vorstellung vorherrscht, Kinder gehörten zur Mutter. Eine Übertragung des Sorgerechts auf den Vater gegen den Willen der Mutter ist daher immer noch die Ausnahme." Angemessener scheint es angesichts der vorherrschenden Rechtspraxis von der "Ohnmacht der Väter" (Nitzschke, 1994, S. 95 ff.) zu sprechen. So weist die Untersuchung von Fegert und Geiken (1996) nach, wie schwach die Position der Väter ist, wenn sie sich um ihr Umgangsrecht bemühen.

    Als Fazit bleibt festzuhalten, daß in den meisten Fällen der Vater derjenige ist, der außerhalb der ursprünglichen Keinfamilie den Kontakt und die Beziehung zu den Kindern neu gestalten muß. Die Situation eines Vaters, der nach der Trennung nicht mehr in der Familie lebt, erweist sich als sehr kompliziert und die Gestaltung unterliegt den Einflüssen des zugehörigen Systems, d.h., das Verhalten des Vaters ist eben nicht nur ein Resultat spezifischer männlicher Persönlichkeitseigenschaften oder der Übernahme von Rollenstertotypien, sondem ist durch das familiäre System, durch die Dynamik zwischen Mann und Frau (mit)bedingt. Die völlig einseitige Zuschreibung von Schuld für die Reduzierung des Kontaktes zwischen Vater und Kind auf den Vater, d.h. die Beurteilung des Vaters als isolierte Person ist unter einer systemischen Perspektive völlig verfehlt und nicht mehr haltbar (siehe Fthenakis, 1985, S. 56, Schmidt-Denter et al., 1995), sie erinnert an klassische Pathologisierungsmechanismen, die ein komplexes Phänomen durch Individualisierung verschleiern, d.h., die fachlich angemessene systemische Sicht vermissen lassen.

    In der beraterischen und therapeutischen Praxis ist oft zu beobachten, daß Väter keindeswegs ihre Kinder ablehnen, sondern daß ihr Verhalten durch Resignation und Hilflosigkeit gekennzeichnet ist.

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    Auch Schmidt-Denter et al (1991) berichten 1991 im Rahmen des Kölner Längsschnittprojektes, daß Väter die gefühlsmäßige Verschlechterung der Beziehung zu den Kindern beklagen (siehe auch Schmidt, 1993). Diese emotionalen Reaktionen entsprechen dem inzwischen sich entwickelten Verständnis einer "neuen Väterlichkeit" bzw. neuem Verständnis vom Mann-Sein (Stein-Hilbers, 1994, S.135 f., Petzold, 1994).

    Das Kind als Objekt

    Das Kind spielt als gefragtes und im Mittelpunkt stehendes Subjekt bei Prozessen der Ausgrenzung des Vaters und der Regelung des Kontaktes eine marginale Rolle. Dies gilt, auch wenn mittlerweile das Herrschaftsverständnis gegenüber dem Kind sich verändert hat (erkennbar z.B. am Wechsel des Begriffs "elterlicher Gewalt" zu "elterlicher Sorge") und die Bewertung der Kindheit als eigenständigem "Bereich" in emanzipatorischem Sinne von soziologischer Seite gefordert wird (Qvortrup et. al., 1994)

    Bei der Sicht auf die Gestaltung der Beziehung zwischen Vater und Kind im Prozess der Trennung oder nach vollzogener Trennung ist es bedeutsam, nicht nur die psychodynainischen Aspeke hervorzuheben sondedern auch die rechtlichen Grundlagen und die Rechtspraxis in Augenschein zu nehmen, Hier ist festzustellen, daß das geltende Recht an vielen Stellen elternzentriert ist bzw. im Rechtsalltag die Mutter in den Vordergrund gestellt wird, obwohl durch den § 17 KJHG eine gemeinsame elterliche Sorge angestebt wird. Das Kind ist hierbei lediglich Objekt. Dies zeigt sich besonders in den Sorgerechtsregelungen der §§ 1671, 1672, 1632, 1634 BGB. Eine lnstrumentalisierung des Kindes wird durch ein Recht gefördrrt, das diesen Objektcharakter zur Voraussetzung hat. Es besteht ein antagonistisches Verhältnis zwischen dem § 17 KJHG und vielen Vorschriflen des BGB, die die familienrechtlichen Auseinandersetzungen bestimmen (Dickmeis, 1992). Hinzu kommt, daß nicht selten Beraterlnnen - insbesondere auf Ämterebene - noch an den Vorgaben einer kleinfamilialen Norm orientiert sind, so daß sich ein pathologisierender Blick auf die Familie in Scheidung/Trennung ergibt (eine Norm, die eher einem idealtypischen Bild einer heilen Fernsehwerbung gleicht und mit dr kleinfamilialen Realität wenig zu tun hat).

    Wenn der Wille und das "Wohl" des Kindes im Mittelpunkt stehen, dann in der Praxis häufig in dem Sinne, daß das Umgangsrecht des Vater eingeschränkt wird. Es mutet merkwürdig an, wenn der Aspekt eines emotional-psychischen Kindesmißbrauches in Trennungs - und Scheidungsfamilien auf den Vater angewendet wird (siehe Karle & Klosinski, 1996), während Fälle, in denen eine Instrumentalisierung des Kindes durch die Mutter vorliegt, in der Praxis selten rechtliche Konsequenzen zeitigen. Es gehört zum beraterischen und therapeutischen Alltag, daß das Kind als Bündnispartner der Mutter erscheint (siehe auch die Ergebnisse der Göttinger familientherapeutischen Studie, Bauers, Reich & Adam, 1986; Reich, Bauers & Adam, 1986; Bauers, 1993). Die Bindung des Kindes an die Mutter in der Trennung entspricht einem Trend, den Jensen als "Feminisierung der Kindheit" bezeichnet (in Quortrup et. al., 1994).

    Zu beachten ist, daß eine Instrumentalisierung des Kindes bereits in der Phase der Entstehung des Systems festzustellen ist und nicht erst im Verlauf der Trennung. So weist Bauers (1993) auf die Funktion des Kindes im Sinne eines Lösungsversuchs unbewältigter Konflikte in der Herkunftsfamilie hin. Die Funktion des Kindes innerhalb des Familiensystems ist (mindestens) dreifach entsprechend der spezifischen Dynamik der Herkunftsfamilie (nach Bauers 1993): a. Ablösung von der Herkunftsfamilie. b. Erfüllung eigener Träume nach einer "heilen" Famile, die in der Herkkunftsfamilie versagt blieben. c. "Ehekitt".

    "Für eine gemeinsame Eheplanung der Eltern verlieren sie (die Kinder, K.B.) an Bedeutung; statt dessen braucht das Paar sie zur Separation und Aufrechterhaltung der Spaltung in der Ehe; über die Genereationsgrenzen hinweg bilden sich neue "Paare": Mutter plus Kind und/oder Vater plus Kind; in der Regel bilden sich jedoch Koalitionen eines Elternteiles mit einem Kind (oder allen Kindern) und der Partner wird ganz ausgeschlossen. Meist ist es die Mutter, die sich kompensatorisch ganz auf die Kinder konzentriert (vgl.: Bauers, Reich, Adam, 1986)." (Bauers, 1993, S.43).

    In der Göttinger familientherapeutischen Studie waren 45 von 66 Kindern Bündnispartner (Bauers, 1993, S. 43). "In nahezu allen empirischen Untersuchungen zeigt sich, daß Kinder in allen Phasen des Trennungsprozesses massivst in Trennungskonflikte ihrer Eitem einbezogen werden. Sie sind Zeugen und Betroffene, ihre häusliche Ordnung bricht zusammen, sie werden zu Kampfgefährten gemacht und oft genug ermuntert, den anderen Elternteil zu bespitzeln, zu demütigen oder zu verletzen (vgl. Wallerstein/Blakeslee, 1989)." (Stein-Hilbers, 1993, S.101)

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    "Neue Väter" und alte Muster

    Nahezu einstimmig wird in den meisten Untersuchungen und Aufsätzen das Verhalten der Väter im Prozess der Scheidung/Trennung (bzw. auch in der Nachscheidungsphase) kritisch bewertet. Im therapeutischen und beraterischen Alltag tritt jedoch immer wieder das Phänomen auf, daß Männer, die sich vor der Trennung intensiv um ihr Kind gekümmert haben - also dem neuen Väterbild entsprechen - nach der Trennung gar nicht mehr gefragt sind.

    Bei einer differenzierten Betrachtung der Kontaktreduzierung lassen sich in der Tat Mechanismen beobachten, die weniger weniger einem gewollten Rückzug als vielmehr einem aktiven Ausgrenzungsprozess gleichen. Einer der Mechanismen, die diese Ausgrenzung fördern, scheint darin zu liegen. daß das Konfliktlösungsmodell "Trennung", d.h. die wechselseitige Ausgrenzung der Partner, auf die Beziehung Vater-Kind transferiert wird. Bevorzugt wird dann von der Kindesmutter auf einmal statt des "neuen Vaters" das alte Modell eines "Zahlvaters", der sich möglichst raushält und nicht weiter stört. Diese Mütter äußern sich in der therapeutischen und beraterischen Praxis sehr zufrieden, wenn das Kind möglichst wenig Interesse am Vater anmeldet, weil sie das nachlassende Fragen nach Kontakt fälschlicherweise als Indiz für eine gelungene Bewältigung halten. Hierbei wird jedoch nicht beachtet, daß das Lösungsmodell "Trennung" auf der Paarebene sich nicht auf die Elternebene übertragen läßt, d.h. die leiblichen Eltern bleiben die leiblicher Eltern, auch wenn im Zuge der Entwicklung eines neuen Familiensystems eine soziale Elternschaft durch einen neuen Partner/Partnerin übernommen wird. lnsofern ist auch zu beachten, daß sich zwar eine sogenannte Ein-Elternfamilie bilden kann, daß es aber niemals ein "Ein-Eltern-System" geben kann, weil der zweite Elternteil immer zum System gehört (auf die immensen Folgen der Divergenz zwischen biologischer und sozialer Elternschaft durch die neuen Reproduktionstechnologien, d.h. auch den Wandel zu einer möglicherweise deutlich höheren Bewertung der sozialen Elternschaft kann hier nicht eingegangen werden, siehe Gross & Honer, 1990). Hierbei ist es völlig unerheblich, ob der außerhalb existierende Elternteil "realen" Kontakt hat oder nicht. Als Einflußgröße ist er auf jeden Fall bedeutsam, auch wenn der Vater angesichts der entstehenden Kontlikte sich zurückzieht oder aus der Familie gedrängt wird. Es ist offenbar keine leichte Aufgabr für den außerhalb des alten Systems lebenden Vater, eine Beziehung zu halten, die noch dadurch erschwert wird, daß er immer wieder neu in das alte System "eindringen" muß und so schnell zum Störenfried mutiert.

    Die Ausgrenzung des Vaters

    Selbstverständlich soll nicht geleugnet werden, daß sich Väter zurückziehen, daß sie den Kontakt nicht mehr halten, daß sie sich bei Unterhaltszahlun-

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    gen verweigern. Aber es ist gänzlich verfehlt, dieses Verhalten außerhalb jeder systemischen Einbindung zu sehen. Vielmehr lassen sich aktive Prozesse der Ausgrenzung beobachten, die ihre Dynamik aus dem Paar- und Familiensystem beziehen, und z.T auch mehrgenerational begründet sind. Folgende Aspekte sind hierbei u.a. feststellbar:

    • Der Vater als "Störenfried". Der getrennt Iebende Vater erinnert durch seine Anwesenheit immer wieder an die Trennung. Auch wird der Aufbau einer neuen Familie (scheinbar) gestört; je weniger der Vater präsent ist, desto besser scheint die Organisaton einer neuen Familie zu klappen.
    • Der Vater als der "Andere". Die väterliche Welt unterscheidet sich von der mütterlichen Welt. Dies wird als Problem für das Kind interpretiert. Der positive Aspekt dieser Differenz wird nicht wahrgenommen. So erläutern Diez und Krabbe (1996, S. 26 f): "Kinder und Jugendliche brauchen Unterschiede und Komplementarität für ihre Entwicklung ... In gelungenen Mediationen können die Unterschiede in den Gefühlen und Fähigkeiten der beiden Eltern für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen erhalten bleiben. D.h. im guten Fall haben sie z.B. Mutter- und Vatersprache, Mutter-Ordnung und Vater-Chaos, Mutter-Denken und Vater-Gefühle zur Verfügung."
    • Bei Vorgängen von Ausgrenzung, die ihren Kern in der Herkunftsfamilie haben, lassen sich zwei Aspekte unterscheiden. Zum einen direkte familien-systemisch mehrgenerationale Einflüsse auf das jetzige System, zm anderen psychodynamische Wirkungen, die aus den konkreten Erfahrungen in der eigenen (Herkunfts)Familie der Mutter oder des Vaters resultieren:
      - Herkunftsfamilie: Die Frau stammt aus einer "vaterlosen" Familie, sie setzt die familiare, "tradition" unbewußt fort und grenzt den Vater aus. Oder: der Vater wiederholt eine Trennung, wie er sie selbst in seiner Herkunftsfamilie erfahren hat.
      - Für Frauen, die eine mangelnde väterliche Präsenz in ihrem eigenen Leben erfahren haben, und die ihr Bedürfnis nach einem Vater und die Trauer über den abwesenden Vater nicht zulassen können, kann die Wahrnehmung eines Vaters, der sich im unmittelbaren, persönlichen Umfeld um das eigene Kind kümmert, eine Aktualisierung genau dieser sorgsam verdrängten Wünsche und Verletzungen bedeuten. Das kann dann nur schwer zugelassen werden. Die abstrakte Forderung nach väterlichen Präsenz ist hingegen problemlos zu stellen.
    • Konkurrenzprobleme mit einem Vater, der in seiner väterlichen Fürsorge gewissermaßcn "weibliche Domänen" okkupiert hat, finden durch die Trennung eine befriedigende "Lösung". Es kann zu Gefühlen von ldentitätsstörung koinmen (eine Patientin: "Bin ich eigentlich noch eine richtige Mutter?"), wenn Männer in historisch Frauen zugewiesene und von ihnen übernommene gesellschaftliche und private Räume "eindringen". Es entsteht die Paradoxie, das der im Patriarchat zugewiesene soziale Ort (Becher & Rüsen, 1988) - incl. der Zuschreibung spezifischer Persönlichkeitsmerkmale - von dem sich Frauen befreien wollen, im Einzelfall durchaus Sicherheit vermittelt und eine "Vertreibung" zu Problemen führen kann.

    Lösungsansätze

    Generell gilt, daß die Einbeziehung von Männern in das System psychosozialer Versorgung spezifische Schwierigkeiten aufweist (siehe Rosenthal ~& Szygiel, 1995). Es bedarf hier einer besonderen Aufmerksamkeit der BeraterInnen.

    Eine Überwindung der Problemaitik der Verschlechterung der Vater-Kind-Beziehung als Folge von Trennung und/oder Scheidung kann nur dadurch erfolgen, daß zum einen das Kind nicht mehr als Objekt behandelt/gesehen wird, über daß es zu befinden gilt, und zum anderen der Art der Beziehungsgestaltung von Vätern zu ihren Kindern unter Berücksichtigung systemischer und gesellschaftlicher Aspekte Rechnung getragen wird. Die Entwicklung der väterlichen Identität ist ein höcht komplexer Prozess (siehe Gauda, 1990; Petzold, 1994) und die differenzierte Betrachtung dieser Entwicklung muß komplomentär auch für die Betrachtung des väterlichen und mütterlichen Verhaltens nach einer Trennung gelten (siehe auch Lehmkuhl & Born, 1986). Kinder haben ein elementares Recht auf den Umgang mit beiden Eitern (vgl. Artikel 9 der UN-Kinderkonvention). Es kann nicht angehen, daß bei Ausschlußgründcn in einseitiger Weise nur die Väter ins Visier geraten und sich psychologische Sachverständige zu Erfüllungsgehilfen einer Alttagspraxis machen, die Väter ausgrenzt. Völlig unangemessen ist es, wenn sozialwiessenschaftliche Forschung meint feststellen zu können, daß es kein sonderliches Defizit sei, wenn ein Kind ohne Vater aufwächst. Kinder haben ein Recht auf beide Eltern.

    Das Modell eines gemeinsamen Sorgerechts kann bei der Verwirklichung einer kooperativen Elternschaft nach der Trennung hilfreich sein, wobei den Realitäten, d.h. dem individuellen psychodynamischen Status der Paar-/Elternbeziehung Rechnung zu tragen ist (Balloff, 1993).

    Vorstellungen und systemische Konzepte, die sich vom Bild der zerstörten Familie lösen und stattdessen ein Reorganisationsmodell bevorzugen (Fthenakis et. al., 1993, S. 276 ff.), sind ebenfalls sinnvoll, weil statt einer mononuklearen eine binukluera familiale Konstruktion eingeführt wird, die dem Kind die Chance bietet, beide Eltern in gleicher Weise zu behalten (Napp-Peters, 1994). Die Ressourcen der Familie und positive Bewältigungsmodi stehen dabei im Vordergrund (Gerth, 1993).

    Im übrigen läßt die Veränderung, familialer Lebenswelten es grundsätzlich angezeigt erscheinen, über die traditionellen Konzepte von Familie (z.B.

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    den Begriff der Kernfamilie) als eines abgeschlossen Systems nachzudenken, weil heute eine erhebliche Varianz in der sogenannten "Normalfamilie" vorherrschen dürfte (siehe Nave-Herz, 1994) So sind die Familienvorstellungen von Kindern durchaus flexibler als dies althergebrachte Termini vorsehen, hier gibt es Tendenzen in Richtung größerer Offenheit und höheren Austauschs zwischen den verschiedenen Betreuungswelten (Lange & Lüscher, 1996).

    [Zusammenfassung: Die Bedeutung des Vaters für das Kind nach einer Trennung oder Scheidung wird dargestellt. Die traditionelle Sicht auf väterliches Verhalten, bei der eine pathologisierende lndividualisierung des Vaters erkennbar ist, wird abgelehnt. Stattdessen wird eine systemische Sicht bevorzugt und Prozesse der aktiven Ausgrenzung des Vaters geschildert.]


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  • STEIN-HILBERS, M. (1994), Wem "gehört" das Kind? Neu Familienstrukturen und veränderte Eltern-Kind-Beziehungen, Frankfurt, Campus.
  • Karl W. Blesken, Diplom-Psychologe; Jahrgang 1947; Psychologiestudium in Berlin, anschließend Tätigkeit im Bereich forensischer Psychiatrie (FU Berlin); klinischer Psychologe / Psychotherapeut BDP; seit 1984 freiberuflich tätig. Arbeitsschwerpunkte: Psychotherapie von Kindern und Familien, Supervision.

    Anschrift: Dipl.-Psych. K. W. Blesken, Psychologische Praxis Tiergarten, Dortmunder Str. 13, 10555 Berlin.