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Jean Becker: Tod beim Rotweinfest

DM 19,80 - Euro 10,12, Verlag Direkte Kommunikation - ISBN 3-933797-07-1
Über den Buchhandel oder Direktbezug bei Rainer Sauer, Obergasse 60, 55437 Appenheim
SauerPlusPR@t-online.de - http://www.jean-becker.de

Zum Inhalt:

Auszug aus der Allgemeinen Zeitung Mainz (überregional erschienen auch im Wiesbadener Tagblatt u.a.):

Kurzbiographie des Autoren:


Einige Auszüge aus Jean Becker:
Tod beim Rotweinfest

© 2000 by Rainer Sauer

"Zufrieden spürt ein Jedermann, dass man hier gut leben kann."
- Illustrierter Wandspruch nahe der Kirche St. Cosmas und Damian in Gau-Algesheim

Die weiten Felder zwischen Gau-Algesheim, Ingelheim und dem Rhein dampften in der Morgensonne des Herbsttages vor sich hin. An den Obstbäumen glänzten die Tautropfen im Licht. Von der Nachtkälte klamme Fliegen und Libellen wärmten sich in den Sonnenstrahlen und pumpten ihre Flügel auf. Die Spinnen brauchten noch etwas Zeit, bevor sie ihre von den Tropfen überstrapazierten Netze reparieren konnten und blieben erstmal unter den bereits welken Obstbaumblättern am Boden sitzen. In der Vertiefung des Welzbaches rostete die weggeworfene Coladose eines Naturliebhabers vor sich hin.

Auf den Rheinwiesen nahe der Fähre zwischen Ingelheim und Oestrich-Winkel erwachte ein kleiner Mistkäfer langsam aus der Nachtstarre und streckte seine Fühler in die Sonne. Seine Sensoren erfassten einen, wenn auch schwachen, Verwesungsgeruch und weckten sein Interesse.

An der Kreuzung beim Industriegebiet am Nahering machte sich ein Jogger auf seinen morgendlichen Weg durch die Gemarkung. Vor dem Pumpwerk der Rheinhessischen Wasserversorgung bog er nach rechts zum Damm hin ab. Auf der Brücke, die über die Autobahn führt, blieb er schwer atmend stehen und schaute den rasenden Autos zu. Direkt neben der Deutschen liebster Straße war die Natur noch weitgehend intakt und lud eine ganze Anzahl unterschiedlicher Zugvögel zum Verweilen auf die überschwemmten Felder und Weiden im Wasserschutzgebiet ein.

Inzwischen wurde der kleine Mistkäfer etwas reger und es zog ihn magisch in Richtung des immer stärker werdenden Verwesungsgeruchs. Mit ihren hochempfindlichen Geruchsorganen waren die Krabbeltiere mit als erste zur Stelle, wenn es irgendwo etwas zu verwerten gab.

Vom nahen Modellflugplatz der Modellfluggruppe Albatros trieb der Wind die Geräusche der fliegenden Zigarrenkisten herüber. Ein auf- und abschwellendes Brummen, dann wieder das heisere Kreischen der fliegenden Bretter, die mit Asterix, Obelix oder anderen Symbolen spätpubertärer Lustausübung bemalt waren. Der Flugtag am folgenden Sonntag warf seine Schatten voraus und so tummelten sich trotz der frühen Stunde bereits die ersten Objekte der Hobbykeller-Bastelkunst am Himmel. Stolze Segler mit über drei Meter Spannweite und Nachbauten vierstrahliger Jets mit geräuschgedämmten zweitaktgetriebenen Propellern als Düsenersatz bildeten die Großflug-Abteilung. Dazu kamen giftig kreischende Kampfjets en miniature, die mangels Größe wohl eher dazu dienten, Nachbars Lumpi von Begattungsversuchen mit der Yorki-Hündin aus dem eigenen Haus abzuschrecken.

Der kleine Mistkäfer hielt einen Moment inne und lies seine Antennen spielen. Der wechselnde Wind am frühen Morgen trieb für einen Moment die lockenden Düfte in eine andere Richtung. Doch da war er wieder, der süßliche Geruch. Sehr weit konnte es nicht mehr sein.

Während sich die Morgennebel langsam lichteten, reckten die Gänse die Hälse, plusterten sich auf und putzten ihr Gefieder. Das rege Geschnatter der angeblich monogamen Zugvögel weckte auch den Rest des Familienverbands auf und so entstand ein geschäftiges Treiben auf den morastigen Wiesen neben dem Wasserwerk. Auf der Landstraße von Gaulsheim nach Gau-Algesheim waren die Pendler und Samstagmorgen-Käufer bereits seit einiger Zeit auf ihrem Weg zur Arbeit nach Ingelheim unterwegs und zogen mit ihren Reifen dunkle Streifen von noch nassen Flecken in trockene Bereiche der Fahrbahn.

Das Rotweinfest mit seinem verkaufsoffenen Sonntag würde auch bereits heute, am Samstag, für einen erheblichen Besucherandrang in der Stadt sorgen. Rund um die imposante Burgkirche und die Stadtmauer lockte die dichte mittelalterliche Atmosphäre die Besucher in Scharen an. Ritterturnier und mittelalterlicher Markt mit liebreizenden Mägdelein, robusten Nebenberufs-Rittern, freizügigen Badezuber-Freuden, deftigen Speisen und derben Sprüchen passten da optimal hinein. Und zogen auch magisch den publicitysüchtigen Oberbürgermeister vor die Linsen der Presse.

Doch das waren erst Aussichten für einen genußreichen Nachmittag und zunächst galt es, die überflüssigen Pfunde zu dezimieren. Entschlossen trabte der Jogger wieder los und lief weiter entlang des Damms zurück in Richtung Ingelheim. Auch der Mistkäfer krabbelte immer schneller, der Geruch wurde immer stärker. Da wartete eine prima Unterlage für seinen Nachwuchs, die es zu nutzen galt. Das Ziel bereits vor Augen, wechselte der Jogger auf den Damm. Von dort oben hatte man einen guten Blick auf den Rhein links und die weiten Felder in der Ingelheimer Gemarkung auf der rechten Seite.

Nahe am Ingelheimer Hafen lief der Jogger einen kleinen Schlenker über die Rheinwiesen, überquerte wieder die Rheinstraße und lief an der Plakatwand zum Rotweinfest vorbei. Ein Auto mit beschlagenen Scheiben parkte einsam auf der Straße. Inzwischen war der Mistkäfer ganz nahe am Objekt der Begierde und hastete mit steigender Geschwindigkeit über das letzte Stückchen Asphalt auf sein Ziel zu. Viele tote Chitin-Kollegen lagen auf seiner Spur, seltsam aufgeplatzt.

Knaaatsch! Ein Laufschuh mit drei Streifen knackte den Chitinpanzer und stoppte das Krabbeltier kurz vor dem Ziel. Als endlich auch der erste Samstagmorgen-Jogger eine reglose Person im halbhohen Gras vor dem offiziellen Plakat zum traditionellen Rotweinfest entdeckte, war es bereits halb neun.


Die Anfahrtsmöglichkeiten waren gut und so bog der Ascona der Ingelheimer Polizei bereits um zwanzig Minuten vor neun in den Fährzubringer ein. Auch die Kripo Mainz war bereits informiert und so sperrte Kiefer, ein sportbegeisterter Polizeiobermeister aus dem Revier in der Bahnhofstraße, mit seinem Kollegen Thomm zunächst einmal den Fundort ab. Das erwies sich allerdings als nicht so einfach, weil eine vollständige Sperrung der Rheinstraße durch den Fährverkehr nicht möglich war. So sammelten sich dann auf der Dammkrone bald bedeutende Teile der Frei-Weinheimer Einwohnerschaft. Vertreten waren einkaufende Väter mit Bäckertüten ebenso wie Mütter mit Kinderwagen. Dazu der unerlässliche Bestandteil der Generation X mit Baseballkappe und Skateboard unterm Arm. Nachdrängende Schaulustige sorgten dafür, dass die Menge stets in Bewegung blieb und sich langsam flankierend auf beide Seiten des Dammes ausbreitete.

Die Tote selbst lag zwischen der Rheinstraße und der Plakatwand zum diesjährigen Rotweinfest, mit dem Gesicht nach unten im halbhohen Gras. Ob die sich wohl ins feuchtfröhliche Getümmel stürzen wollte? Und jetzt logischerweise nicht mehr konnte? Tautropfen auf dem halblangen Mantel machten klar, dass sie schon einige Stunden hier lag.

Kurz vor neun bog der graue Omega der Mainzer vor den Damm ein und hielt zwischen der Leiche und dem Jogger, der mit seinem Handy Ingelheim alarmiert hatte. Herbert Wülfing und Jana Haller waren ein eingespieltes Team, dessen Erfolge durch einige ausgesprochen vertrackte Fälle, die sich widerspenstig einer schnellen Lösung entzogen, in den letzten Monaten etwas in die Kritik geraten waren. Eine durchaus brisante Mischung aus einem bekennenden Bart- und Bauchträger im rentenverdächtigem Mittelalter und einer alternativ-flippigen Kommissar-Anwärterin knapp über dreißig, deren Rastlosigkeit sprichwörtlich war.

Natürlich war sie umschwärmter Mittelpunkt in ihrem Kommissariat, aber ihr exzessiv ausgereizter Zeitplan hatte Männerbeziehungen bisher eher selten gemacht. Man murmelte im Polizeipräsidium am Valenciaplatz in Mainz sogar, dass der Terminkalender ihr bestes Verhütungsmittel war. Bei Wülfing war das anders. Nach seiner Scheidung hatte der gebürtige Wiesbadener, den es auf die "ebsch Seit" verschlagen hatte, keinen richtigen Tritt mehr gefasst und turnte auf der Suche nach dem weiblichen Geschlecht in allen Kneipen der Gegend umher. Jana rümpfte darüber nur die Nase und vertiefte lieber dieselbe in ihre ausgeliehenen Psycho-Wälzer. Auch jetzt sah sie erst von ihrer Lektüre auf, als Wülfing den Wagen angehalten hatte und ausstieg.

"Handys sind echt ein Segen", knurrte Wülfing seine Assistentin an, "Vielleicht bekommen wir irgendwann auch einmal einen Anruf, bevor die Ameisen dran sind. Frag du den Jogger, ich schau mich mal um."

Wülfing wird seinem Schnauzer auch immer ähnlicher, dachte sich Haller, während sie zu dem abgekämpften Mittvierziger ging, der die Leiche entdeckt hatte. Haller zuckte die Schultern und blieb vor dem Jogger stehen.

"Sie sind der Finder der Leiche?"

"Kühnapfel ist mein Name, Renato Kühnapfel."

Der Jogger beugte sich leicht nach vorn, als wollte er seine Laufschuhe auf Blutspuren überprüfen.

"Bitte verstehen Sie, das ist meine erste Leiche."

"Kein Problem." Hoffentlich kippt der nicht gleich um, dachte sie.

"Setzen Sie sich einfach einmal hin, ich schaue mir erst einmal die Leiche an und frage Sie dann. OK?"

Sie ging mit einem Kopfschütteln zu Wülfing, der sich gerade mit Kiefer unterhielt.

"Na dann wollen wir der Dame mal direkt auf den Grund gehen." knurrte Wülfing und ging mit dem Blick auf den Boden rund um die nächstgelegene Weide, dann um die Plakatwand und sprach in sein Diktiergerät. "Weibliche Leiche. Gefunden am 28. September um achtuhrdreißig am Fährzubringer Ingelheim-Nord, vor dem Damm auf der Wiese." Das Gras war relativ lang, das Unkraut relativ kräftig. Und die Leiche noch relativ frisch, dachte er sich. Zu sehen war auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches. Außer dass halt da eine Leiche lag.

"Jana, wann kommt eigentlich der Gerichtsmediziner?"

"Der sollte eigentlich schon da sein. Ach ja, da ist er schon." Sie erkannte auf Anhieb ihren alten Bekannten Zweipfennig, der sich durch die Schaulustigen schlängelte.Er schon wieder, dachte sie. Bei dem Namen sollte er lieber Steuerberater werden.

"Tja, Fotos haben Sie ja schon gemacht." Zweipfennig wurde gleich geschäftlich. "Spurensicherung auch schon, nehme ich an."

"Nun, da gibt es nichts Ungewöhnliches. Der Täter hat sie wohl direkt an der Plakatwand umgebracht und dann einfach liegen lassen wie eine alte Gerichtsakte. Gegenstände im Gras haben wir bisher nicht gefunden und Reifenspuren auf dem Asphalt gibt es auch nicht. Spuren von Gewaltanwendung sind von hinten nicht zu sehen." Wülfing nickte Zweipfennig zu. "Dann wollen wir mal sehen, wer das ist."

Haller und Wülfing traten neben die Leiche. Die Totenstarre hatte schon eingesetzt, die rechte Hand hielt noch ein Grasbüschel umklammert. Dann fassten sie die tote Frau seitlich an und drehten sie um. Zuerst gab es einen Widerstand im Kopfbereich, doch schließlich gab der Körper ruckartig nach und gänzlich unspektakulär rollte er auf den Rücken.

Nachdem die Leiche auf dem Rücken lag, sahen Wülfing, Haller und Zweipfennig in ein schreckerfülltes Gesicht mit wässrig blauen Augen, Pagenfrisur, inzwischen verschmiertem Wangenrouge und - Gras zwischen den Zähnen. Die verkrampfte linke Hand griff an den Halskragen der eng geknöpften Glitzerbluse. Die Handtasche lag jetzt frei da.

"Die hat wohl im wahrsten Sinne ins Gras gebissen." Haller mochte zwar Grünzeug, aber das ging ihr doch zu weit.

"Äußere Verletzungen sind auch nicht zu sehen. Was sagen Sie, Zweipfennig?" Wülfing trug diese Miene des Das-hab-ich-alles-schon-mal-gesehen zur Schau.

"Nun, offene Verletzungen sehe ich auch erstmal nicht. Auch keine Blutergüsse. Natürlich verdeckt die Kleidung sehr viel, aber einen Leichenstrip will ich vor der versammelten Menge hier nicht hinlegen. Dafür gibt es die Obduktion. Anzeichen für eine Gewalteinwirkung sehe ich jedenfalls noch nicht."

"Und wieso greift sie dann an ihren Hals? Und dieses erschreckte Gesicht? Und das Gras zwischen den Zähnen?" Wülfing kam die Sache langsam merkwürdig vor. Da war jemand wahrscheinlich nicht ganz freiwillig aus dem Leben geschieden worden, aber zu sehen war nichts. Jedenfalls noch nichts.

"In meiner Laufbahn habe ich schon unterschiedlichste Todesarten gehabt. Das hier sieht so aus, als wäre die Dame erstickt. Und hat im Todeskampf krampfhaft nach etwas gegriffen, um sich festzuhalten. Aber," Zweipfennig wandte sich ab und begann seine Pfeife zu stopfen "wie gesagt, warten wir auf die Obduktion."

"Erstickt? Na toll. An einer viel befahrenen Straße fast direkt am Rhein und einer stark frequentierten Fähre. Ist vielleicht ein Manta vorübergezischt, dessen tuninggeiler Besitzer das Wort vom Vergaser zu wörtlich genommen hat?"

Haller adaptierte seinen Sarkasmus immer besser. Die wird eine würdige Nachfolgerin, dachte sich Wülfing, in dem sich langsam Unbehagen breit machte. Eine Frau, die sicher nicht zum Sterben hierhergekommen war. Sondern wahrscheinlich noch quietschlebendig und im Ausgehdress. Ein überraschender Tod wahrscheinlich vor einigen Stunden, mitten in der Nacht. Keine äußeren Verletzungen zu sehen und - so kannte er sein Glück - wahrscheinlich würde sich das auch nach der Obduktion nicht anders darstellen.

Wülfing seufzte, zog sich Handschuhe über, öffnete die Handtasche der Toten und und leerte den Inhalt aus. Auf die Rettungsdecke plumpsten Lippenstift, Rouge, Pinselchen, Puder, Terminkalender ("Mit roten Punkten" bemerkte Haller mit weiblichem Erfahrungsschatz),ein kleines Tampontäschchen, Haarbürste, Haarspray, Kondome ("Schwarz, originalverpackt, Lakritzgeschmack?"), Handy, ein Portemonnaie mit Kreditkarten und Führerschein. Und eine silberglänzende Pistole, Modell Zimmerflak.

Auch Kiefer kam inzwischen vorbei und stieß einen Pfiff aus. "Die kenne ich, Herr Wülfing. Da werden Sie Arbeit bekommen."


Mit einem kräftigen Gähnen erwachte Willi auf seiner Bodenmatratze und blinzelte in die Nachmittagssonne, die von Westen in das Fenster fiel. Der Abend war wieder lang gewesen. Das Experiment hatte optimal hingehauen. Ratatazong, Ratatazong, weg ist der Betong, bong.

Er rieb sich zufrieden die Hände und schob mit dem Fuß einen angetrockneten Pizzarest zur Seite unter einen Stapel Internet-Magazine. Auf der Fensterbank blubberte das Wasser aus der Kaffeemaschine in den Filter und verbreitete ein angenehmes Aroma in der Kellerwohnung. Tropfen für Tropfen füllte sich die Kanne mit dem Muntermacher. Willi seufzte und zündete sich erst einmal einen Glimmstengel an. Aufstehen war schon immer der mieseste Anfang des Tages gewesen. Dann noch dieser Brummschädel! Irgendwie war das alles nix Genaues, aber so schlecht auch wieder nicht. Mann muss halt sehen, wo man bleibt.

Dreihundertfünfzig warm war irgendwie angemessen und dumme Fragen hatte die IHK auch nicht gestellt, als sie einen Mieter für ihre frei gewordenen Kellerräume in Bingen gesucht hatte. Na klar, duster war sie schon, aber was machte das für einen Nachtmenschen. Dafür haste in der Nebenstraße keinen Verkehr und wirst auch durch die träge eintrudelnden Beamten nicht gestört. Ein Katzensprung in die City und zum Supermarkt. Und natürlich voll Rohr das Internet. ISDN legen die Strippenradler ja in die kleinste Bleibe, logo. Und so klein war seine Bleibe ja auch wieder nicht. Bad, Diele und Wohn-, Schlaf-, Esszimmer in der eleganten Kombi, die viel Platz zur kreativen Entfaltung von Essen, Schlafen und Surfen ließ. Frauen ist das ohnehin nicht fein genug. Und dann bekommen die eh nur Klaustrophobie. Auch gut, da reicht eine Matratze auf dem Boden. Die Typen vom Asta nennen das Wohnklo. Sollen sie ruhig. Die Studentenzeiten sind eh vorbei, es lebe das freie Unternehmertum. Viva Internet. Androgyn und anonym: Eine einfache Option und die Strippenzieher von der Telekom schalten die ISDN-Kennung aus.

Überhaupt ist das Internet eine feine Sache. Das Richtige für Weltgewandte. Von Bingen bis Sydney in Nullkommanix, mit oder ohne Tee online oder Ah-Oh-Elle. Spießbraten, Spießbürger, Spießrutenlaufen. Vorbei! Im Internet gilt Darwin. Survival of the fittest. Für die einen ein verlockender Zugang zur Online-Bestellung des röhrenden Hirsches beim Ramona-Versand für neunundfünfzigachtzig. "Wir liefern jetzt ohne Aufpreis im vierundzwanzig-Stunden-Service." Ha, ha, das ist zu lang. Für die Fitten der ultimative Zugang zu allem, was Spaß macht. Genial. XXX und SM, Titfucking und Shitpainting, Toiletcam und Peecam, Bondage, Cum Shots und Anal Torture. One Size fits all. Da gerät die kleinste Höhle zum Palast. Grenzenlose Freiheit zwischen Mietskasernen. Gute Anleitungen für gute Bomben, schöne Überraschungen für die lieben Mitbürger. Ein bisserl Physik dazu und fertig ist eine gesunde Geschäftsbasis. Dienstleistung ist das Gebot der Stunde, Flexibilität die Seele des Geschäfts. Was braucht man sonst noch? Natürlich die Glotze. Alle neunundneunzig Programme zum Abzappen. Statt teuer und zensiert über Kabel, lieber günstig und frei aus dem All.

Also her mit der Schüssel. War ein echt gutes Ding. Geil. Zweiachtundneunzig. Mit Märchensteuer hat die Märchentante gesagt und gelächelt.

Echt geile Weiber haben die da im Prolomarkt. In Nullkommanix bist du gut drauf und die Kohle los. "Sie können auch gern unseren Finanzkauf nutzen. Neunundneunzig Monate zu zweikommasiebenundvierzig Prozent effektivem Jahreszins. Sie brauchen nur Ihren Personalausweis."

Als ob ihm jemand Kredit gibt, seit der alte Weber seine Absteige dicht gemacht hat. Das war nicht doll, aber reell. Schon neben der Uni ein lukrativer Nebenjob, danach eine an den Tagesablauf angepasste Geldquelle. Nachtschicht hinter der Glotze, besoffene Firmenreisende kriechen mit den Hostessen aus der nächstgelegenen Bar die Treppe hoch. Die kommen selbst kaum hoch, wie sollen die noch einen hochbringen? Aber egal, Hauptsache die störten nicht. "Hier haben Sie den Schlüssel." "Sie", denn Form muss sein. Hatte der alte Weber immer gesagt. Eine Zeit lang liefs ja auch ganz gut, bis die Konkurrenz die Bumsfabrik direkt vor der Nase baute. Und dann liefs bergab, ging wäre zu langsam. Nicht lang, und Weber machte dicht. Schließlich dann Stütze. Ist ja auch OK. Oder? Immer noch mehr als Bafög.

Damit kann man ganz ordentlich leben, nicht wie diese Berber, deren Plastikfolien den Rheinuferpfad dekorieren. Überladene Räder, müde Knochen. Dagegen fand es Willi hier richtig gemütlich. Geradezu feudal, direkt neben dem Pleitegeier des Amtsgerichts. Der hält noch immer seinen Lorbeerkranz in den Krallen - gerade so wie zurzeit der Erbauung. Wahre Größe verschwindet nicht durch einen Klimawechsel in der Politik. Im Studium erzählen die so einen Unsinn von wegen Gesetzesauslegung. Nobel, nobel, hier wird Recht gesprochen. Oder gebrochen. Was soll´s. Juckt nicht. Das einzige, was zählt, sind gute Ideen.

Ob er Lucy zum Patent anmelden sollte? Dann würde alle Welt von Lucy wissen. Lucy war aber nicht ganz einfach. Willi grinste. Vor allem leicht eifersüchtig. Aber auch ungeheuer vielseitig. Eine echte Lady. Halt eine perfekte Willi-Schöpfung. Klein, handlich und vielseitig. Der Weg zu Lucy war nicht ganz einfach, aber wozu gibt es das Web?

Nicht nur für die Arbeit. Sondern natürlich auch für Sina, Siiiina. Romance, Romance. Eine echt scharfe Braut. Chatten weltweit, coole Typen auf dem ganzen Globus. So wie er. Jagen, jagen nach neuen geilen Webseiten. Und geilen Weibern. Spass an der Welt, während die Spießer zuhause in ihre Federbetten furzen. Nach Australien war Willi müde. Minus Zeitverschiebung war es schon hell geworden, als er den Rechner vom Netz nahm und sich in seinen Schlafsack rollte.

Das Gesicht, das ihn aus dem Spiegel ansah, zeigte schwarze Locken, fahle Gesichtszüge und dicke Tränensäcke unter den Augen. Ein hageres Gesicht mit stechenden, dunklen Augen. Die Frauen lieben Latin Lover, so auch Sina. Der Dreitagebart kratzte. Statt des Kurzhaarschneiders sollte er sich doch lieber einen neuen Rasierer zulegen. Dann lohnte sich auch eine WebCam. So richtig voll dabei. Toilet Cam, Pee Cam, Shower Cam, Willi Cam.

So eine Dusche am Morgen wäre nicht schlecht. Willi stieß beim Einstieg mit dem Fuß an die Duschwanne und verzog schmerzhaft das Gesicht. Diese Duschtassen aus dem Baumarkt für hundertneunundzwanzig Mark hatte damals auch Weber installieren lassen. Bis dann schnell das Ende kam. Das Wasser stach in dünnen vereinzelten Strahlen aus dem verkalkten Brausekopf und zeugte vom hohen Härtegrad im Mainzer Becken. Mangels Durchfluss schaltete der Elektro-Durchlauferhitzer ständig ein und aus. Ein Wechselbad. Der Hausmeister tat nichts und verzog sowieso das Gesicht, wenn er ihn sah. Spießbürger!

Was würde die Nacht bringen? Der letzte Trip war schon geil gewesen, und Sina würde sicher auch wieder online sein. Willi trocknete sich ab, warf das verdreckte Handtuch in den Lavamat und denselben an. So ein bisschen frische Wäsche ist nicht schlecht, vielleicht geht es mit Sina ja bald offline weiter? Zum Kaffee Käse aus dem Kühlschrank und vorgewürzte Hähnchenschenkel aus der Pfanne. Während die Erzeugnisse der Massentierhaltung im Fett brutzelten, warf Willi schon einmal den Rechner an und fragte den E-Mail Eingang ab.

Sina hatte ihre E-Mail verraten und er natürlich auch seine. War eh nicht nachzukontrollieren und ohnehin war für jeden Zweck eine kostenlose E-Mail-Adresse auf jeder großen Homepage im Internet zu haben. Das war nicht nur nicht nachkontrollierbar, sondern auch noch günstig, weil von jedem Internet-Terminal abzufragen. Einfach in die jeweilige Homepage einloggen und schon kann man seine Mails abfragen. Bei manchen Providern geht das nicht immer so einfach.

Aha, "Sina hat ihnen eine Nachricht geschickt. Laden oder Löschen?"

Dumme Frage.

"hallo willi, schönen samstagmorgen wünsch ich. du hast recht: chatten ist absolut langweilig .... eine echte e-mail komm-uni-kation ist dem chat um das x-fache vorzuziehen. wer ich bin, fragst du? sina, siiiina, ehedem flora44.

have a good hunting."

Das klang gar nicht schlecht. "have a good hunting." Wenn die wüsste ... Willi zog sein Natural Keyboard auf die Knie. Immerhin das Beste, was Microschrott je produziert hat, dachte er und lies die Finger fliegen:

"kryptisch - eukalyptisch." Eine Überschrift für Intellektuelle.

"kein schwein ruft mich an, keine sau interessiert sich für mich." Die Melodie war so schön zu summen. "ha, ha (LOL). willst du mit einem physiker zu den sternen fliegen? ;-) oder lieber acapulco? willi."

Schön kurz, das hält die Frauen bei der Stange. Inzwischen waren die Hähnchenschenkel braun. Das Ganze kurz mit Käse belegt und fertig war der Brunch. Mitten im dritten Schenkelchen mit garantierter EU-Qualität meldete der Messenger schon eine Antwort auf dem Schirm. Willi schlang den Rest hinunter, spülte mit Lambrusco nach und wischte sich die Finger mit einem Küchentuch ab. Klebrige Tastaturen konnte er auf den Tod nicht ausstehen. Wie gedacht: es war Sina.

"es gibt natürlich einen persönlichen grund, dass ich dich anmailte: ich will dich!!! was hast du mit mir vor? .... och.... tja ... hm ....!!!

flora 44 ist übrigens rot/grün... öko ... akad ... um dich mich besser imaginieren zu können, ist ein pic erforderlich!!!!!!!! kriegst dann auch eins...."

Na, das kannste haben, dachte sich Willi. Ein Griff zum Scanner, ein Foto aus der Zeit in der Mainzer Uni und das TIFF-Format in den Anhang.

"hi, sina, :) ;-),

wie wärs mit mir. da ist echt was los. denke das undenkbare und wir werden fliegen. jetzt rück auch mal dein bild rüber, versprochen ist versprochen. wo wohnst du eigentlich?"

Ob das zu direkt war? Sina verstummte. Vielleicht war sie auch nur mal weg vom Rechner, dachte sich Willi und vertiefte sich erstmal wieder in die Abrechnung. Mit seinen Fähigkeiten sollte es kein Problem sein, Geld zu verdienen, richtiges Geld. Dann käme als erstes ein neues Fully rein und ein neues Notebook mit einem PentiumIII als Investitions- und Struktur-Prozessor für die Zukunft.

Am Sonntagabend war die Antwort da. Sina war schon wieder online. Das versprach ein gutes Wochenende zu werden.

"hallo ... mein kleiner ... locki ....,

knuffig siehst du aus ... bald verlier ich mein Herz ... spring doch mal rüber zu mir ... kostet nicht die welt, nur dein leben .... you know: lioness are the queen of the dschungel ... sag mir deine Nummer, dann geb ich dir meine. vielleicht ...."

Das wäre ungeschickt, Willi überlegte. Zu viele Spuren zu ihm und Lucy? Nein! Wozu gibt es das Internet?

"siiina,

ganz physisch-metaphysisch: ich setze auf das geschriebene wort und das bild. kein telefon, nein. treffen wir uns, einfach so ...

tiger."

Sina rührte sich nicht mehr. Warum nicht?


"Sich über einen Richter zu beschweren ist von vornherein praktisch aussichtslos. Aber was das System Richter-Psychologe-Jugendamt betrifft: So richtig perfektioniert hat das Lüder in Bönen. Der beschäftigt auf freier Basis mal locker so dreißig Psychologie-Praktikantinnen. Er bekommt die Gutachten-Aufträge von seinem Ansprechpartner im entsprechenden Oberlandesgerichts-Senat und lässt die Praktikantinnen schreiben. Dabei gibt er vor, was geschrieben wird, oft genug, ohne überhaupt irgendeinen Kontakt mit den Leuten zu haben, die er begutachten soll. Was meinst du, was passiert, wenn eine sich trauen sollte, etwas anderes als vorgegeben zu schreiben? Und was denkst du, Jana, wer den Löwenanteil der horrenden Gutachten-Kosten absahnt?"

"Danke, danke, Ronni. Ich kann es mir ausmalen." Jana wird zornig. "Tatsächlich haben sich einige Kommilitoninnen schon darüber beschwert, dass sie für ihre Arbeit nur einen Bruchteil der Gesamtsumme bekommen. Und dabei könnten wir alle das Geld gut gebrauchen. Mit sechstausend Mark kommen wir locker ein halbes Jahr aus, während die Karossen spazieren fahren, deren Leasingraten höher liegen als unser kompletter Monatsbedarf."

"Wie sagte mir ein befreundeter Richter: Was suchst du vor Gericht? Gerechtigkeit oder Recht gibt es hier nicht. Vor Gericht gibt es ein Urteil. Ganz einfach." pflichtet mir Wülfing bei. Bei seiner Scheidung war auch so einiges schief gelaufen.

"Und es geht weiter: Werden die Kinder durch die falsche Entscheidung krank, geht das Geldverdienen erst richtig los. Dann kommen wieder Psychologen als Therapeuten dazu. Und die therapieren dann jahrelang an den Symptomen herum - zu 140 DM die Stunde. Oder mehr. Die Krankenkasse bezahlt erstmal fünf und dann weitere 25 Stunden pro Kind. Danach muss dann wieder um weitere 25 verlängert werden."

"Macht 4200 DM pro Kind - bereits in der Grundstufe." überschlägt Jana.

"Da kommt was bei rüber. Derzeit gibt es in Deutschland pro Jahr etwa 300.000 Trennungskinder, davon 180.000 aus Ehen und 120.000 aus nichtehelichen Lebensgemeinschaften, ein fürchterliches Wort. Da macht es Sinn, möglichst viel Streit zu produzieren, um die Kasse aller professionellen Beteiligten zu füllen. Zwar enden nicht alle Scheidungen im Dauerstreit, aber gehen wir von zwei Drittel der Scheidungskinder als Patienten aus, sind das leicht 200.000 mal 4200 DM, also 800 Millionen DM pro Jahr für die notleidenden Psychologen. Plus die Gutachterkosten. Zwar sind die Richter gehalten, eine Vermittlung zu fördern, de facto machen aber auch einige das Gegenteil. Wie Kopro-Litt bereits bei der ersten Verhandlung sagte: "Einigen Sie sich mit Ihrer Frau, sonst lege ich etwas fest und dabei kommen Sie schlechter weg." Das, nachdem sie meine Kinder fragte, wo sie leben wollen und beide für mich, ihren Vater, plädierten."

"Dreister geht´s nimmer. Und damit kommt die durch? Die kannst du doch wegen Befangenheit ablehnen."

"Da hat meine erste Anwältin jämmerlich versagt." Auch sie war blond und dünn, denke ich mir, sage das aber lieber nicht. Schließlich sind Äußerlichkeiten ja nur Zufälle der Evolution. "Nachträglich aber ist das nicht mehr möglich. Und selbst solche Äußerungen reichen gewöhnlich nicht einmal. Als ihr der Fauxpas bewusst wurde, gab sie überhaupt keinen Kommentar mehr in der Verhandlung ab. Noch ist nichts bewiesen, aber Geld und Macht sind schon immer die beste Motivation gewesen." schließe ich meinen Vortrag ab.


Die neuesten Meldungen? Internet und Tagespresse verbreiten die Nachricht von Andrés Tod. André? Wieder so ein Vater, dem die Mutter seiner Kinder Missbrauch vorwarf, um den Kontakt mit den Kindern so lange wie möglich zu unterbinden. André hat ihr leider den Gefallen getan und den Freitod gewählt. "Lieber unschuldig sterben als unschuldig verurteilt werden." Steht in seinem Abschiedbrief.

Pikanterweise hatten gerade einige Wochen vorher Bill Clinton und Madelaine Albright im Gespräch mit unserem Kanzler Schröder erreicht, dass eine Anweisung an das Jugendamt Freiburg ergeht, nach dem ein amerikanischer sorgeberechtigter Vater nach mehreren Jahren wohl seine Kinder wieder sehen kann. Die sind zwar nicht bei der Mutter, aber die Pflegefamilie wurde vom dortigen Jugendamt und Gericht wohl für wichtiger gehalten als der Vater - der überhaupt nicht vom Verfahren benachrichtigt wurde, obwohl die Adresse bekannt war. Immerhin schafft es also immerhin der mächtigste Mann der Welt, den örtlichen Behörden eines befreundeten Staates ein paar Stunden Umgang für den leiblichen Vater der Kinder abzuringen. Aber Superman hat nicht immer Zeit für die Menschenrechte und so wird sich auf absehbare Zeit in diesem unserem Lande nicht viel ändern. Wie sagte Willutzki, der Präsident des deutschen Familiengerichtstages? Das Umdenken in der deutschen Richterschaft braucht seine Zeit. In fünfzehn bis zwanzig Jahren werden sich die neuen Gedanken auch in Deutschland durchgesetzt haben. Tröstlich!

Der Alltag hat mich also wieder. Die Meerschweinchen grummeln in ihren Käfigen und meine Tastatur klimpert fröhlich Buchstabe um Buchstabe auf den flimmerfreien 19-Zoll-Monitor. Alles wie gehabt, Business as usual. Schöne neue Welt, schöne alte Welt.


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