FOCUS 50/1999 vom 13.12.1999, Seiten 222 und 223
|
"Mein
Vater war besoffen"
FOCUS: Sie gelten als Expertin für das Parental Alienation Syndrome (PAS), das die bewusste Entfremdung von Scheidungskindern von einem Elternteil durch den anderen beschreibt. Weshalb ist dieses Phänomen so populär geworden? Kodjoe: Weil viele Eltern durch Missbrauch des Sorgerechts den Kontakt zu ihren Kindern verlieren und viele Gerichte und Jugendämter tatenlos zusehen. FOCUS: Dass getrennt lebende Eltern den Ex-Lebenspartner ihren Kindern gegenüber negativ darstellen, ist nicht neu. Wird bekannten Trennungsstreitigkeiten hier nur ein modisches Etikett aufgedruckt? Kodjoe: Nein, beim Parental Alienation Syndrome lehnen Kinder auch dann einen Elternteil ab und verteufeln ihn sogar, wenn sie aus eigenem Erleben keine negativen Erfahrungen gesammelt haben. Stattdessen eignen sie sich erzählte Geschichten an. Die Argumentation eines Kindes könnte dann beispielsweise lauten: "Bei meiner Geburt war mein Vater besoffen, darum will ich ihn nie mehr sehen." |
BILD: WENN ZWEI sich streiten - leidet der Dritte! Kinder
werden zwischen den getrennten Eltern zerrissen
BILD: URSULA KODJOE - Die Psychologin und Mediatorin hat vor zwei Jahren in der Fachzeitschrift "Der Amtsvormund" die PAS-Debatte in Deutschland angeschoben. |
| PAS erfordert vor allem auch von den Gerichten und Jugendämtern
eine differenzierte Betrachtung und einen einfühlsameren Umgang mit
dem kindlichen Nein.
FOCUS: Lassen sich die Ergebnisse der amerikanischen Wissenschaftler, die sich mit dieser Manipulation beschäftigen, auf deutsche Verhältnisse übertragen? Kodjoe: Ja, denn alle Kinder haben das Grundbedürfnis nach einer liebevollen lebenslangen Beziehung zu beiden Eltern, wie sie auch in der UNO-Kinderrechtskonvention als Grundrecht festgelegt ist. FOCUS: Woran erkennt man, dass eine systematische Entfremdung betrieben wird? Kodjoe: Die Tendenz eines Elternteils, ein Kind nach der Trennung für sich behalten zu wollen, ist früh erkennbar. Viele Eltern sind der festen Überzeugung, dass es das Beste für ihr Kind ist, wenn es - wie sie selbst - zum ungeliebten und gehassten früheren Partner keine Verbindung mehr hat. An diesem Punkt müssen die scheidungsbegleitenden Institutionen und Personen die Familiendynamik erkennen und konkrete Hilfestellung anbieten. Angesichts der großen Popularität des Phänomens möchte ich aber auch vor der übereilten Diagnose PAS warnen. Es gibt auch den missbräuchlichen Umgang des umgangsberechtigten Elternteils. FOCUS: Intrigieren denn immer mehr Eltern gegen den Ex-Partner? Kodjoe: Statistische Erhebungen gibt es hierzulande kaum. Die einzige Langzeitstudie nennt 73 Prozent ausgegrenzte Elternteile mit deutlich schlechteren Zukunftsprognosen für die Kinder. FOCUS: Ausgrenzungen werden ja meist von Frauen ausgeübt oder initiiert. Woran liegt das? Kodjoe: Der höhere Prozentsatz von Frauen, die den Kontakt sabotieren, erklärt sich aus der höheren Zahl von Müttern als betreuendem Elternteil. Es gibt aber auch ausgrenzende Väter. FOCUS: Wie verläuft eine systematische Ausgrenzung? Kodjoe: Die gezielte Manipulation kann in weniger als einem Monat Erfolg zeigen: Eine geschickt für Kinder in Szene gesetzte "Flucht", ihre Verpflichtung zu unverbrüchlicher Treue zum rettenden Elternteil und die in Aussicht gestellten schrecklichen Folgen jedes Annäherungsversuchs sind mehr als ausreichend für ein Kind, um angsterfüllt wegzurennen, wenn der andere Elternteil Kontakt sucht. FOCUS: Zu welchen Lösungen raten Sie, wenn man diese Intrigenspiele erkannt hat? Kodjoe: Der Königsweg scheint eine systematische Therapie zu sein, bei der der programmierende Elternteil Zugang zu seinen eigenen Ängsten bekommt. Gleichzeitig sollte der abgelehnte Elternteil seinen Anteil erkennen, damit er den Umgang mit dem Kind verändern kann. Ziel ist es, die Kinder durch die miterlebten Bemühungen beider Eltern bei der Lösung ihres Konflikts aus dem Familienkampf zu entlassen. FOCUS: Kann man die Folgen von PAS je wieder gutmachen? Kodjoe: Eine mit beiden Eltern verpasste Kindheit lässt sich nicht nachholen. Die Jahre des Kontaktabbruchs oder des Verlustes eines Elternteils hinterlassen bei allen Beteiligten lebenslang tiefe Wunden. FOCUS: Sind Gerichte und Jugendämter mittlerweile mit der Problematik von strategischer Ausgrenzung vertraut? Kodjoe: Die Institutionen werden zunehmend hellhörig. Das kindliche Nein wird nicht mehr einfach als Ausdruck eines autonomen, authentischen, stabilen Willens hingenommen. FOCUS: Wie kann man das Kind aus der Entscheidungszwickmühle erlösen? Kodjoe: Wenn alle Interventionsbemühungen scheitern, sollte man versuchen, das Kind in den Haushalt des anderen Elternteils wechseln zu lassen, und von dort aus eine schrittweise Umgangsregelung treffen. Das geht nur bis zu einem gewissen Alter und bis zu einem gewissen Grad des Widerstands. Danach geht gar nichts mehr, und alle müssen abwarten. Denn abgebrochene Beziehungen wirken in jedem einzelnen Familienmitglied weiter. FOCUS: Wenn ein Kind schon jahrelang instrumentalisiert wurde, wie stehen seine Chancen, doch wieder mit dem ausgegrenzten Elternteil zu einer vernünftigen Beziehung zu finden? Kodjoe: Eine Wiederannäherung findet möglicherweise im jungen Erwachsenenalter statt, wenn der Wunsch danach wächst, den Vater und die Mutter selbst aufzusuchen. Diese Begegnungen können jedoch zum Kontaktabbruch mit dem zuvor einzig geliebten Elternteil führen und eine tiefe Krise auslösen. Interview: Christine Brinck |
Das Phänomen: Der Entdecker des PAS, Richard A. Gardner,
Columbia-Universität New York, schätzt, dass in 90 Prozent der
Sorgerechtsfälle die Mutter PAS betreibt.
MISSBRAUCH ELTERLICHER SORGE: PAS, Parental Alienation Syndrome, ist vor Gericht noch weitgehend unbekannt. PAS, juristisch: Der Paragraf 1666 Absatz 1 BGB schützt das seelische Wohl des Kindes vor missbräuchlicher Ausübung elterlicher Sorge. Richter-Fortbildung: Das Bundesverfassungsgericht hat 1980 festgestellt, dass Familienrichter sich in Psychologie und Pädagogik weiterbilden müssen. Jüngstes Urteil (15.3.99): Jedes Kind hat ein Recht auf die gelebte Beziehung zu beiden Eltern. Diese endet nicht mit der Trennung der Eltern. BILD: ANWALT DER KINDER: Der Rechtsanwalt Peter Koeppel ist Experte für Kindschaftsrecht in München. Er gründete 1988 den Verein "Väter für Kinder" |
Josef Linsler
Im neuen Kindschaftsrecht ist die gemeinsame elterliche Verantwortung verankert. Das heißt Väter und Mütter müssen sich nach einer Scheidung grundsätzlich beide um die Kinder kümmern. Was aber ist zu tun, wenn die Kinder jeglichen Umgang mit einem Elternteil verweigern? Meist sind es Väter, die vom Kind plötzlich "verstoßen" werden.
In den USA ist dieses Verhalten seit 1984 unter dem Begriff "Parental Alienation Syndrome" (PAS – Elterliches Entfremdungs-Syndrom) bekannt. In Deutschland wurde PAS erstmals in einem Urteil des Amtsgerichts Rinteln vom 27. April 1998 benannt (Az: 2 XV 178). Seit der Reform des Kindschaftsrechtes im Sommer 1998 ist das Phänomen in Deutschland das meistdiskutierte familienrechtliche Problem, denn Kinder, die sich weigern – sei es durch "Manipulation" oder durch eigenen Antrieb – können die gemeinsame elterliche Sorge unterwandern. Die Ablehnung eines Elternteils vollzieht sich in einem mehr oder weniger langen Prozess. Meist funktioniert zumindest direkt nach der Trennung der Umgang recht gut. Jedoch mit Beginn des Scheidungsverfahrens setzt der oft kompromisslose Kampf ums alleinige Sorgerecht ein. Wer das Kind hat, versucht oft, seine Macht über die Gefühle des Kindes zu nutzen.
"Ich sag’s dem Rechtsanwalt"
Die Ablehnung des Vaters (oder der Mutter) vollzieht sich dann in Ritualen: Die Kinder sprechen oft formelhaft, "spulen" auswändig Gelerntes ab. Sie verwenden Begriffe, die nicht altersgemäß sind, antworten reflexartig. Ein sechsjähriger Junge antwortete beispielsweise einem Gutachter auf die Frage, warum er seinen Papa nicht mag: "Mit Dir red’ ich nicht, ich sag’s nur meiner Mama und dem Rechtsanwalt."
Das Urteilsvermögen des Kindes wird in solchen Fällen beherrscht von einem Schwarzweißschema: Alles, was mit dem "fernen" Elternteil zusammenhängt – Großeltern, Onkel, Tanten, wird abgelehnt. Auch einst schöne Erlebnisse werden negativ umgedeutet. Umgekehrt wird das Umfeld des "nahen" Elternteils ausschließlich positiv bewertet. Aus Angst auch noch den "nahen" Elternteil zu verlieren, unterwirft sich das Kind, zeigt ihm seine unbedingte Loyalität, indem es sich gegenüber dem "fernen" Elternteil abschottet. Auch wenn es paradox ist, die Ablehnung schafft insbesondere kleinen Kindern Erleichterung, der Loyalitätskonflikt zwischen den Eltern wird verdrängt.
Die Biografie von PAS-Opfern belegt jedoch, dass verdrängte Konflikte zu Gemütskrankheiten führen können, manchmal erst im Erwachsenenalter. Die Ängste der PAS-Auslöser sind vielfältig und individuell unterschiedlich. Fast jede Scheidung löst bei den Betroffenen materielle Ängste aus. Es liegt für viele nahe, die Kinder an sich zu binden und sich somit langfristig durch Unterhaltszahlungen abzusichern. Auch die Angst vor Einsamkeit, die unbewusste Angst vor dem Machtverlust über den verlorenen Partner sind Ursachen, warum Kinder instrumentalisiert werden. Hinzu kommen mangelndes Selbstbewusstsein und fehlende Distanz zum eigenen Handeln.
Sensibilisierte Gutachter
Der Ansatz zu einer Lösung der Konflikte liegt in der Regel in einer Kooperation zwischen Familiengerichten und psychologischen Gutachtern. Voraussetzung ist, dass Familienrichter und Gutachter für die Problematik sensibilisiert werden. Mit Hilfe eines erfahrenen Psychologen kann über den Familienrichter der Kontakt zwischen dem "ausgesperrten" Elternteil und den Kindern wieder in die Wege geleitet werden. Wichtig sind klare Besuchsregelungen. Als wirksam hat sich erwiesen, wenn bei fortgesetzter Kindesmanipulation der Entzug der elterlichen Sorge angedroh wird.
Väter und Mütter, die auf Grund von PAS ihre Kinder nicht sehen dürfen, sollten sich – das raten Betroffene – nicht auf Justiz oder Jugendamt verlassen, denn dort herrsche oft die Auffassung vor, gegen den Willen der Kinder und der Mutter könne man nichts machen. Nach den Motiven der Ablehnung werde nur selten gefragt. Dennoch sollten Betroffene im Interesse ihrer Kinder nicht resignieren, denn Kinder brauchen beide Eltern für eine gesunde Entwicklung.
"Mütterlicher Machtmissbrauch"
Heftige Reaktionen erfolgen auf den Bericht "Dieses Wochenende möchte ich nicht zu Papi" (Ausgabe vom 20.10.) Auf einer Veranstaltung des Vereins alleinerziehender Mütter und Väter hatte sich in Osnabrück die Psychologin Anja Prante zum sogenannten PA-Syndrom geäußert."
Es wurde u.a. folgender Leserbrief in der Ausgabe vom 8.11. veröffentlicht:
Beate Kricheldorf
Es ist skandalös, wie hier ein ernst zu nehmendes Problem, die sog. PAS-Problematik (Parental Alienation Syndrom, Eltern-Kind-Entfremdung nach Trennung) heruntergespielt wird. Ebenso skandalös ist die feministische Unfähigkeit zur Selbstkritik: d.h. Frauen/Müttern grundsätzlich jede Verantwortung/Mitverantwortung und somit Schuld an Mißständen abzusprechen. Sehr bedenklich ist außerdem, wenn derart unqualifizierte Äußerungen von einer Psychologin hervorgebracht werden.
Bei der Entfremdungsproblematik handelt es sich um sorgeberechtigte, betreuende Elternteile (überwiegend Mütter), die nach der Trennung ihre Kinder instrumentalisieren: Sie dazu benutzen, den Ex-Mann durch Umgangsboykott zu Strafen oder sich an ihm zu rächen. Diesen Frauen gelingt es nicht, nach der Trennung die Paarebene (die gescheitert ist) von der Elternebene (die bestehen bleiben muß) zu trennen. Sie betrachten ihre Kinder als ihren Besitz, über den sie die alleinige Verfügungsgewalt anstreben. Sie programmieren (bewußt oder unbewußt, offen oder versteckt) das Kind gegen den Expartner. Da sich Kinder normalerweise mit dem Elternteil identifizieren, bei dem sie leben (von diesem abhängig sind; Angst haben, auch diesen noch zu verlieren), übernehmen sie auch dessen Bedürfnisse und Emotionen. Der ehemals geliebte Vater wird plötzlich abgelehnt, weil die Mutter es so will; und weil das Kind nicht riskieren kann, den Zorn oder die Enttäuschung der Mutter auf sich zu ziehen. In dieser psychischen Konfliktsituation entwickeln Kinder oft Verhaltensauffälligkeiten, Schulprobleme usw.. Meist wird dann ohne Überprüfung der Umgang mit dem Vater für diese Probleme verantwortlich gemacht und nicht die Programmierung durch die Mutter und deren Umgangsboykott. Die gängige Argumentation ist, "Es muß Ruhe einkehren" oder es wird sogar eine Umgangspause verordnet, in der sich die Entfremdung dann fast automatisch vollzieht. Wenn danach Kontaktprobleme zwischen Vater und Kind entstehen, werden diese wiederum dafür benutzt, den Umgang weiterhin zu vereiteln.
Vereine für Alleinerziehende haben sich großenteils zu feministischen Hochburgen entwickelt, die in ihrer einseitigen und fanatischen Durchsetzung von Fraueninteressen blind dafür geworden sind, wenn dabei Kinder und Männer auf der Strecke bleiben: Kinder, denen der Vater entzogen wird und Männer, die zwar zahlen sollen, ansonsten aber ausgegrenzt und für überflüssig befunden werden. Hierbei handelt es sich keineswegs um Einzelfälle, sondern um ein ziemlich massenhaft verbreitetes Phänomen.
Zutreffend und verständlich ist, daß es Männenverbände und Väterorganisationen sind, die hauptsächlich auf die PAS-Problematik aufmerksam machen. Denn in über 90% der Fälle sind es Väter, die unter mütterlichem Machtmißbrauch und Umgangsboykott zu leiden haben.
Beate Kricheldorf, Dipl.-Psychologin und Autorin von "Verantwortung: Nein danke! Weibliche Opferhaltung als Strategie und Taktik", R.G. Fischer Verlag, Frankfurt 1998