PAS-Artikel aus der Rhein-Zeitung vom 29.6.2000:


Artikel im PDF-Format bei "Väter aktuell": http://www.vaeter-aktuell.de/PAS000629a.pdf

Eine Mutter hält ihr Kind systematisch vom Vater fern - ein typischer Fall von PAS.

Wenn das Kind zum Zankapfel wird
Vater klagt: "Mein Sohn ist für mich ein permanent Vermisster" - Entfremdungstaktik wird zur Methode im Sorgerechtsstreit

Nach einer Scheidung wird in so manchen Fällen mit harten Bandagen um das Sorgerecht der Kinder gekämpft. Besonders schlimm wird es für die Kinder, wenn ein Elternteil den anderen bewusst verteufelt. Zweck: Das Kind soll dem anderen entfremdet und ganz an sich selbst gebunden werden. Seit zwei Jahren hat diese "Entfremdungstaktik" auch in Deutschland einen besonderen Namen: das "Parental Alienation Syndrome", kurz PAS.

Von Michel Defranesco

REGION. "Ich renne wie in einer geistigen Gummizelle herum! Mein Sohn ist für mich ein permanent Vermisster. Ich bin traurig und verzweifelt, dass ich meinen Sohn nicht sehen und nichts mit ihm unternehmen kann." Ein konkreter Fall. Familienvater Heinrich S., wohnhaft in der Nähe von München. Seine Lebensgefährtin macht Schluss und zieht mit dem gemeinsamen zweijährigen Sohn in die Nähe von Koblenz. "Sie hat das Sorgerecht erhalten und verbietet mir, dass ich meinen Sohn besuchen komme", erzählt der Vater.

Die bewusste Entfremdung habe bereits vor der endgültigen Trennung begonnen. Die Mutter hatte bei Frankfurt gelebt,. und er habe aus Berufsgründen nach München pendeln müssen. "Dennoch habe ich immer mit meinem Sohn und dem Kind, das meine Partnerin schon hatte, gespielt und war ein Vollzeitpapa", sagt Heinrichs.

Wenn es Streit in der Beziehung gab, habe seine Partnerin ein Treffen mit dem Kind untersagt und ihn nicht zum Sohn gelassen, schildert der enttäuschte Vater. S. schaltete das zuständige Jugendamt ein. "Ich wollte erreichen, dass meine Lebensgefährtin mir ohne Bedingungen einen Zugang zu meinem Kind schaffen soll", erzählt er.

Sein Ansinnen sei allerdings nicht ernst genommen worden. Ein beeinflusstes Kind lehnt im Lauf der Zeit alles ab, was mit dem "bösen Elternteil" zu tun hat und verdrängt dessen positive Seiten. Gleichzeitig wird der nahe Elternteil übertrieben angenehm gesehen. Auch an diesem Merkmal sind PAS-geschädigte Kinder zu erkennen. "Als ich mich mit meinem Sohn zum Skifahren treffen wollte, hatte er plötzlich keine Lust, obwohl wir es im Vorfeld abgemacht hatten und er sich sehr darauf gefreut hatte", erzählt der Vater. Laune eines Kindes oder Ergebnis von mütterlicher Einwirkung?

Seit dem Umzug an den Rhein herrscht Funkstille. Die Mutter sperre sich, rücke die Telefonnummer nicht heraus, fange Briefe ab und unterbinde so jeglichen Kontakt zwischen Vater und leiblichem Sohn. S. wandte sich ans zuständige Kreisjugendamt, fühlt sich aber dort nicht verstanden. "Die Mutter hat meinen Sohn und somit das Monopol des Einflusses", sagt der Vater verzweifelt. "Wie schon beim Jugendamt im Frankfurter Raum wird Zeit geschunden, und die Mutter nutzt das aus", klagt S. Resignieren will er nicht. "Wie soll ich mich verhalten? Ich befinde mich in tiefer Sorge um die Entwicklung meines Sohnes." Schließlich blieb Heinrich S. schon über ein Jahr lang die Teilnahme an der Erziehung seines Kindes versagt.

Ende Juni kam es dann zum ersten Kontakt seit 18 Monaten. Ganze 70 Minuten verbrachte der extra angereiste S. mit seinem Sohn in Koblenz, bevor die Mutter wegen eines angeblichen Termins ("Davon habe ich im Vorfeld nichts gewusst", beteuert S.) den Besuch abbrach.

Ein neuer Besuchstermin wurde nicht ausgemacht. Der Vater schüttelt den Kopf: "Hoffentlich geht jetzt nicht wieder alles von vorne los."


Artikel im PDF-Format bei "Väter aktuell": http://www.vaeter-aktuell.de/PAS000629b.pdf

PAS: Jugendamt ist oft machtlos
Gerhard Born: "Wir entscheiden nichts mehr"

REGION. "Wir entscheiden nichts mehr. Wenn sich ein Elternteil sperrt, versuchen wir klarzumachen, dass ein Kind Anspruch auch auf den anderen Teil hat und daher ein Besuch zu ermöglichen ist", erklärt Gerhard Born, Leiter des Kreisjugendamtes Koblenz.

Allerdings habe das Jugendamt keine Sanktionsmöglichkeit. "Wenn sich ein Elternteil definitiv sperrt, hören unsere Möglichkeiten auf, dann hilft nur noch das Familiengericht", sagt Born auch mit Blick auf den Fall Heinrich S. Bei sexuellem Kindesmissbrauch beispielsweise kann das Jugendamt Sofortmaßnahmen starten und das Kind "rausholen". "Bei schleichenden Prozessen wie PAS ist das nicht der Fall", erklärt Born.

Es brauchte eine gesetzliche Regelung, die PAS als seelischen Missbrauch dem körperlichen Missbrauch quasi gleichsetzen würde, damit das Jugendamt einschreiten könne. "Dafür müsste es aber einen Gutachter geben, der eindeutig feststellen kann, ob PAS vorliegt oder nicht. Und das ist fraglich, ob das überhaupt möglich ist." Das ist der Kernpunkt. Seelische Schäden, vor denen Beratungsstellen, Familienrichter oder Psychologen warnen, sind erst später - wenn überhaupt - nachweisbar. Bleibt für verzweifelte Väter nur der juristische Weg. (md)


Artikel im PDF-Format bei "Väter aktuell": http://www.vaeter-aktuell.de/PAS000629c.pdf

Familienrichter hat Kindeswohl im Blick
Jürgen Jung: "Haben Täter schnell am Wickel"

KOBLENZ. "Juristisch gesehen haben die Jugendämter völlig Recht", sagt Jürgen Jung, acht Jahre Familienrichter beim Amtsgericht Betzdorf. "Es gibt Urteile beispielsweise vom Oberlandesgericht Koblenz, in denen einer Mutter, die dem Vater den Zugang zum Kind verweigerte, das Sorgerecht wieder abgesprochen wurde."

Grund: Das Gesetz will das Beste fürs Kind, und dazu gehört der Umgang mit dem anderen Elternteil. Wer das nicht berücksichtigt, ist nicht sorgegeeignet. "Im Prozess habe ich als Richter also im Fall PAS durchaus eine juristische Handhabe", betont Jung.

"Ich persönlich bin überzeugt davon, dass Kindern ein Schaden entsteht, wenn ein Elternteil sie bewusst dem anderen entfremdet", sagt Jung. Wenn es bei einem Gerichtsfall in Sachen PAS undurchschaubar wird - was angesichts der vielfältigen Beschuldigungen wohl nicht verwundert -, greift das Gericht nicht nur auf eine Stellungnahme des Jugendamtes, sondern auch auf einen Familienpsychologen zurück. "Ein Jugendamt kann sich aus personellen Gründen nicht so intensiv mit einer Familie beschäftigen."

Der Fachmann prüft ausgiebig, "und erfreulicherweise bringen das die Gutachter schnell auf den Punkt, wenn PAS im Spiel ist." Und dann stehe sofort die elterliche Sorge zur Debatte. "Keine Sorge, da kriegen wir die Täter schnell am Wickel", sagt Familienrichter Jung. Im Übrigen würden Eltern, die ihre Kinder manipulieren, meist selbst bestraft. Mittel- und langfristig kehrt sich dieses Beeinflussen gegen den Täter", so Jung. Wenn die Kinder größer werden, würden sie die Manöver der Mutter oder des Vaters durchschauen. "Das Phänomen PAS ist schon lange bekannt, und eine positive Entwicklung ist zu vermelden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Bereitschaft der Eltern immer mehr zunimmt, zu Gunsten der Kinder zusammenzuarbeiten." (md)


Artikel im PDF-Format bei "Väter aktuell": http://www.vaeter-aktuell.de/PAS000629d.pdf

"Fatale Folgen für die Entwicklung"
Beratungsstelle des Bistums warnt eindringlich

REGION. Eltern und auch PAS-betroffene Kinder sind zu einem großen Grad von Behörden und Gutachtern abhängig. Welche Erfahrungen wurden hier mit dem "Parental Alienation Syndrome" gemacht?

"Das Problem, dass Kinder entfremdet werden, gibt es massiv", sagt Matthias Weber, Leiter der Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle des Bistums Trier in Neuwied. "Wenn ein betroffenes Kind sich nicht innerlich aufspalten will, dann übernimmt es die Sicht des Elternteils, bei dem es lebt", erklärt Weber. "Das ist eine völlig normale Überlebensleistung." Er habe schon zahlreiche Fälle erlebt, in denen die Kinder zu ihm gesagt hätten, dass sie mit Papa nichts mehr zu tun haben wollten. "Wenn ich aber in Ruhe und ohne Anwesenheit der Mutter mit ihnen reden konnte, fingen sie an zu weinen und erzählten, wie lieb sie ihren Vater doch hätten."

Ist Entfremdung seelische Kindesmisshandlung? Matthias Weber: "Wenn ich einem Kind einbläue, dass der Vater böse ist, dann mache ich einen fatalen Fehler für dessen Entwicklung." Im Inneren fühle das Kind weiterhin für den Vater. "Ohne Vaterfigur kann es später zu Misstrauen gegenüber Männern kommen, die Kinder werden verunsichert im Bindungsverhalten, was sogar zu phobischen Reaktionen führen kann."

Manche PAS-Fälle würden gar nicht bewusst ablaufen, sondern subtil. Nach der Scheidung habe ein Junge ein prima Verhältnis zum Vater gehabt. Doch die Mutter, bei der er lebte, hatte bald einen neuen Partner. Diesen nannte sie "Papa", den leiblichen Vater mit Vornamen. "Bald übernahm der Junge dies, redete den leiblichen Vater auch nur noch mit Vornamen an, und schließlich ging die gute Beziehung in die Brüche." Da in den meisten Fällen die Mutter das Sorgerecht bekommt, stellt sich die Frage, was PAS-betroffene Väter tun können.

"Viele Väter hauen bei Behörden auf den Tisch, werden polternd, starten Telefonterror. Dadurch werden sie den Behörden unsympathisch und die tendieren dazu, eher der Mutter zu glauben", weiß Weber. (md)


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PAS ist oft noch unbekannt
In den USA gibt es schon Hilfszentren - First-Lady als Schirmherrin

KOBLENZ. Mit "Parental Alienation Syndrome" (PAS) umschreibt man die kompromisslose Zuwendung eines Kindes zu einem guten, geliebten Elternteil und die gleichzeitige kompromisslose Abwendung vom anderen bösen, gehassten Elternteil.

Dies tritt im Kontext von Sorge- und Umgangsrechtskonflikten zu Tage. Der "gute" Elternteil, der das Kind ständig betreut, beeinflusst es teils unbewusst oder auch durch bewusste Manipulation. Er will seine Macht auf das Kind ausnutzen mit dem Ziel, die Liebe des Kindes zum anderen Elternteil zu zerstören und den anderen aus dem Leben des Kindes zu entfernen. Auch durch die äußere Lebenssituation kann dies verstärkt werden. Der "gute Elternteil" zieht mit dem Kind fort, zum Beispiel ins Ausland, oder Angehörige unterstützen den Elternteil bei der Programmierung des Kindes. Die Kinder sprechen als Ergebnis oft formelhaft, wie auswendig gelernt, wenn sie über den verhassten Elternteil reden. Gleichzeitig verdrängen sie alle positiven Erinnerungen, denken in einem Schwarz-Weiß-Schema und reden einseitig vom "bösen Papa" oder der "bösen Mama". Seit 1984 ist dieses Verhalten in den USA unter dem Begriff PAS bekannt, in Deutschland wurde diese Formulierung erstmals 1998 vom Amtsgericht Rinteln verwendet, wenngleich das Phänomen an sich längst ein Thema bei Familiengerichten oder in Beratungsstellen ist.

Umstritten sind die Auswirkungen von PAS. Während manche von bewusster seelischer Schädigung der Kinder sprechen und spätere Krankheiten und Anomalitäten vorhersagen, lehnen andere eine schädliche Langzeitwirkung der Manipulation ab. Das Grundproblem: Familienrichter, Behörden und Gutachter müssen für PAS sensibilisiert sein, um im konkreten Fall sinnvoll entscheiden zu können. Immer wieder kommt es jedoch noch vor, dass PAS gänzlich unbekannt ist, nicht ernst genommen oder als psychologische Spinnerei abgetan wird. In den USA hingegen gibt es inzwischen Hilfszentren für PAS-geschädigte Kinder. 1999 machte die Einweihung eines dieser Zentren Schlagzeilen, da die beiden First Ladies Hillary Clinton und Cherie Booth Blair persönlich die Schirmherrschaft übernahmen. Die Kinder würden grausam ihres Grundrechtes beraubt, einen Anspruch auf beide Elternteile zu haben, sagte Hillary Clinton damals zur Eröffnung. (md)


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