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Der Tagesspiegel (Berlin) 3.5.99:
Bessere Chancen für Elternteile,
die von ihren Kindern abgelehnt werden
Modellprozeß um Sorgerecht nach Trennung
soll mögliches Krankheitsbild PAS klären
VON JENS AKER
berlin. Auf die Berliner Familiengerichte kommt möglicherweise eine Flut von neuen Sorgerechtsfällen zu. In einem Modellprozeß beabsichtigt eine Mutter jetzt, das Sorgerecht für ihre zwei Töchter zu erhalten. obwohl diese sich dafür ausgesprochen haben. beim Vater zu leben. Der Hintergrund: Die Mutter ist sich sicher, daß die Kinder ihre Entscheidung nicht aus freien Stücken getroffen haben, sondern krank seien.
PAS ("Parential Allience Syndrome") ist ein Krankheitsbild, das in englischsprachigen Ländern schon lange Eingang in die Rechtssprechung gefunden hat. In Deutschland ist es bislang unbekannt. PAS bedeutet, daß Kinder vom betreuenden Elternteil dem anderen Elternteil entfremdet werden. bis es zu offener Feindschaft kommt (siehe Kasten). Jetzt will die Berliner Rechtsanwältin Kerstin Niethammer-Jürgens das Gericht davon überzeugen, daß die Kinder ihrer Mandantin vom Vater genau in diesem Sinn manipuliert wurden. Sie fordert die Änderung des Sorgerechts auf die Mutter, obwohl sie die sechs- und achtjährigen Töchter seit einem beziehungsweise zwei Jahren nicht mehr gesehen hat. In Kanada und den USA wird dem erziehungsberechtigten Elternteil das Sorgerecht entzogen, wenn das Gericht der Überzeugung ist, bei den Trennungskindern handelt es sich um PAS-Opfer.
In Berlin lebten nach Angaben des Statistischen Landesamtes im vergangenen Jahr fast 200.000 Kinder bei insgesamt 138.600 alleinerziehenden Müttern oder Vätern. Wieviele davon PAS-geschädigt sind, weiß niemand. Deutschen Familienjuristen und Psychologen ist das Syndrom nahezu unbekannt. Im Januar erschien eine erste Studie zum Thema in Deutschland. Elternteile, die - zu Unrecht - vollständig von ihren Kindern abgelehnt werden, haben bislang kaum Chancen, vor Gericht ernst genommen zu werden. Das will die Rechtsanwältin im vorliegenden Fall ändern. Oft stellen sich allerdings die Vorwürfe gegen den abgelehnten Elternteil als wahr heraus.
Die Diagnose des Syndroms ist daher schwierig, weil es nachzuweisen gilt, die Ablehnung des einen Elternteils sei auf die bewußte oder unbewußte Manipulation zurückzuführen. Dennoch gibt es Anzeichen, die der Münchener Jurist Peter Koeppel und die Psychologin Ursula Kodjoe erstmals zusammengetragen haben. Ihre Studie bildet die Grundlage für den Sorgerechtsstreit der Köpenicker Mutter.
Demnach liegt das Syndrom vor. wenn ein Elternteil - in 90 Prozent ist es der Vater - komplett abgelehnt wird, während der andere uneingeschränkt positiv gesehen wird. Erinnerungen an gemeinsame schöne Erlebnisse gibt es nicht mehr. Dazu kommen weitere für Kinder untypische Verhaltensweisen. So beschreiben Koeppel und Frau Kodjoe, daß PAS-Kinder "absurde Rationalisierungen" produzieren, wie zum Beispiel: "Papa kaut immer so laut." Darüberhinaus wüßten diese Kinder schon mit drei oder vier Jahren, daß alles, was sie sagen, ausschließlich ihre eigene Meinung darstelle. Schließlich falle bei den betroffenen Kindern auf, daß sie keinerlei Schuldgefühle gegenüber dem abgelehnten Elternteil hätten - ein für Trennungskinder vollkommen untypisches Verhalten.
Wenn auch die Übertragung des Sorgerechts auf den abgelehnten Elternteil in den meisten Fällen erfolglos bleiben wird, besteht für Rechtsanwältin Niethammer-Jürgens mit der Anerkennung der Krankheit hierzulande die Hoffnung, daß Familiengerichte schon in der Trennungszeit auf Eltern einwirken. Mediatoren, in Berlin noch wenig eingesetzt, könnten verhindern, daß die Trennung auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird. "Wie klein müssen Eltern sein, die sich derart hinter ihren Kindern verstecken?" fragt Frau Niethammer-Jürgens. Sie will eine Selbsthilfegruppe PAS-geschädigter Eltern ins Leben rufen.