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Der
Spiegel, Ausgabe Nr. 29 vom 14. Juli 1997, Seite 20
(Deutschland/Panorama):
Interview mit Petra Kuchenreuther zur
Reform des Kindschaftsrechts
Sorgerecht: "Das Kind wird bestraft"
Petra Kuchenreuther, 33, Münchner Fachanwältin für Familienrecht und Bundesvorstandsmitglied des Interessenverbandes "Väteraufbruch für Kinder e.V.", über die Reform des Kindschaftsrechts.
SPIEGEL: Nach mehr als 20 Jahren Streit will der Bundestag im Herbst die Reform des Kindschaftsrechts beschließen [Anm. paPPa.com: Voraussichtlicher Termin 25./26. Sept. 1997, siehe dazu "Schwarzer Freitag für unsere Kinder"] Warum wollen Sie gegen das Gesetz klagen?
Kuchenreuther: Das Gesetz erscheint uns verfassungswidrig, und deshalb werden Mitglieder unseres Verbandes mit Sicherheit dagegen klagen. Die Reform erfüllt leider immer noch nicht die Forderung des Bundesverfassungsgerichts an die Gesetzgeber, nichteheliche und eheliche Kinder gleichzustellen.
SPIEGEL: Bonner Familienpolitiker sagen aber, nun würden endlich die nichtehelichen und ehelichen Kinder gleichgestellt.
Kuchenreuther: Zu Unrecht. Ein nichteheliches Kind darf bei der Trennung nicht frei entscheiden, ob es zum Vater oder zur Mutter möchte. Das ist unsere Hauptkritik: Die neue Regelung mag für Kinder sinnvoll sein, die aus einer kurzen Affäre stammen. Aber wenn unverheiratete Paare über Jahre mit ihren Kindern zusammengelebt haben, ist es in unseren Augen verfassungswidrig, dies gegenüber Familien mit Trauschein zu benachteiligen.
SPIEGEL: Nichtehelichen Kindern wird nach dem geplanten Gesetz, behaupten Bonner Politiker, aber ausdrücklich das Recht auf Umgang mit dem Vater zugestanden.
Kuchenreuther: Das ist schlicht falsch. Nach dem neuen Recht kann zwar der Vater eines ehelichen Kindes der Mutter das Sorgerecht nehmen lassen, wenn diese ihm den Umgang mit dem Kind verweigert. Bei nichtehelichen Kindern läuft aber nichts ohne die Zustimmung der Mutter. Sie kann dem Vater das Sorgerecht und unter gewissen Umständen auch den Umgang einfach verweigern.
SPIEGEL: Das haben sowohl Konservative als auch Feministinnen gefordert.
Kuchenreuther: Die sehen aus unterschiedlichen Gründen die Institutionen Mutter und Ehe bedroht. Feministinnen wollen aushäusigen Vätern keine Rechte einräumen. Konservative fürchten, daß bald niemand mehr heiratet, wenn selbst Kinder die Ehe nicht mehr zusammenhalten. Dadurch entsteht eine ganz ungewöhnliche Koalition. Die Konservativen begründen ihre Haltung damit, daß die Eltern ja hätten heiraten können. Das heißt, daß das Kind immer noch für seine nichteheliche Geburt bestraft wird.
Siehe auch die TAZ vom 28. Juli 1997: "Uneheliche Väter sind arme Schweine"