Werner Sauerborn, April 97
Für Väterpolitik
Die Gleichstellungspolitik ist in die Sackgasse geraten. Sie muß sich stärker auf die familiale Arbeitsteilung beziehen und deshalb die Rolle des Vaters thematisieren
(Dieser Beitrag wird veröffentlicht in dem Buch von Kurt Müller (Hrsg.), Nur Macher und Machos? - Geschlechtsreflektierende Jungen- und Männerarbeit", Juventa 1997)
Väterpolitik - allein das Wort eine Provokation ! Wieso Politik für Väter, für Männer ? Ist es nicht immer noch so, daß Frauen 30 % weniger verdienen, daß ihnen die Zugänge zu den oberen Etagen der Macht versperrt sind, daß sie Opfer männlicher Gewalt sind, ...? Gegen Männer und ihre Privilegien muß was getan werden, aber doch nicht für Männer !
Die Gegenthese wäre: eben diese Blickverengung ist es, die die konventionellen Frauenpolitik immer mehr in die Sackgasse führt. Statt Patriarchat als gesellschaftsprägende Struktur mit allerdings sehr subjektiven Resultaten anzugehen, verkürzt sich die Betrachtung auf die gesellschaftliche Sphäre der Erwerbsarbeit. Da geht es natürlich „gegen“ Männer, genauer um ihr Zurückstecken. Hier manifestiert sich die geschlechtsspezifische Benachteiligung, hieraus allein läßt sie sich jedoch weder verstehen noch aufheben. Es sei denn, man subjektiviert die Geschlechterfrage auf den Gegensatz von Opfer-Frauen und mißgünstigen Männerseilschaften, die gezielt den Aufstieg von Frauen sabotieren.
Patriarchat ist die geschlechtsspezifisch ungerechte Verteilung von Vorteilen und Chancen in den Lebenssphären Erwerbsarbeit und Familie, wobei der stärkeren Stellung der Männer im Erwerbsbereich eine inzwischen auch sehr starke Stellung der Frau im Familienbereich, vor allem in Bezug auf Kinder, korrespondiert. Gleichstellungspolitik muß daher auch vom anderen, männlichen Ende her aufgezäumt werden, um erfolgreich zu sein. Mehr Verkehr auf der Gegenfahrbahn ! Die Rolle der Männer im Familienbereich, in ihrer Beziehung zu Kindern, ihre Rolle als Väter, gehört auf die Tagesordnung der Gleichstellungspolitik. Fortschritte werden nur dann wieder möglich sein, wenn Gleichstellungspolitik - neben dem ausformulierten Politikfeld der betrieblichen Frauenförderung - in diesem Sinne „was für Väter tut“ und dies auch zu einem regelrechten Politikfeld ausbildet.
Das Politische des Privaten
Wie Männer die Beziehung zu ihren Kindern und zu ihren Frauen oder Partnerinnen leben, ist doch zunächst die Privatsache aller Beteiligten, wehren sich viele. Auch die Entscheidung für den traditionellen Lebensentwurf sei ja in der Regel kein männliches Diktat, sondern eine sehr demokratische Wahl zwischen den PartnerInnen. Warum alles politisieren und überall rum-missionieren ?
So privat ist das Private indes nicht, trivialweise. Durch eine Rahmensetzung, die sehr nachhaltig über Förderungen und Diskriminierungen definiert, was wessen Part ist, greift die Gesellschaft tief in die Entscheidungsfreiheit der Beteiligten ein. Als „patriarchalen Sozialstaat“ könnte man dieses Voraussetzungsgefüge bezeichnen. Politisch ist das Private auch wegen seiner Folgen. Die traditionelle Rollenteilung, in der der Vater familiär mehr oder weniger abwesend ist, hat Implikationen in mehrer Hinsichten:
Zunächst für Kinder: Die physische und emotionale Abwesenheit der Väter schränkt ihre Entwicklungschancen ein. Das Fehlen des Vaters als gleich- bzw. gegengeschlechtlichen Elternteils erschwert die Identitätsfindung von Mädchen und vor allem Jungen. Die behinderte oder mißlungene Mann-Werdung vieler Jungen ist eine der signifikanten Ursachen männlicher Gewalt in der Gesellschaft. Die Abwesenheit der Väter vorenthält Kindern auch die Möglichkeit Partnerschaftlichkeit zu erleben und belastet damit die Entwicklung deren eigener Beziehungsfähigkeit.
Auch für Frauen hängt viel ab von der Väterfrage. Ihre immer noch weitgehend ausbleibende Entlastung von Familienarbeit und Kinderbetreuung durch die Väter erweist sich immer stärker als das eigentliche handicap der Gleichberechtigung von Frauen in Beruf und öffentlichem Leben. Gerade die geringe Präsenz der Frauen in vielen ehrenamtlichen Politikbereichen widerlegt die These von der Behinderung durch Männerseilschaften. ...
Die männliche Fixierung auf Ernährerrolle und Normalarbeitstag hat auch insofern gesellschaftliche Folgen, als sie die notwendige gesellschaftliche Neuverteilung von Arbeit blockiert. Um die geringer werdende Arbeit gerechter zwischen Arbeitslosen und Arbeitenden, zwischen Männern und Frauen aufzuteilen, sind große Schritte der Arbeitszeitverkürzung bei nicht mehr vollem Lohnausgleich für alle erforderlich. Ein Ansatz wie die 4-Tage-Woche bei VW wird nur dann eine Lösung über die Notlagenindikation hinaus werden können, wenn Männer die Zentralität der Berufsarbeit für ihr Lebenskonzept in Frage stellen.
Anderes Emanzipationsmodell
Das Entwicklungsmodell für die Emanzipation von Männern hat keine Vorbilder. Dessen muß sich jeder väterpolitische Ansatz bewußt sein.Ein Interesse an Veränderung des männlichen Rollenverhaltens haben wenige Männer bewußt, viele Männer objektiv, aber nicht subjektiv - und vor allem andere als die Männer, nämlich die Frauen. Eine Vorstellung von Emanzipation, die von gleichartigen und gemeinsamen Erfahrung von Diskriminierung als Handlungsantrieb ausgeht, wie das bei Arbeiterbewegung, Anti-Apartheids- oder Frauenbewegung der Fall war, geht fehl. Die meisten Männer haben kein Veränderungsinteresse, weil sie geschlechstspezifisch privilegiert sind, oder sich zumindest so fühlen, oder über ein reiches Repertoire von Verdrängung und Kompensation verfügen, mit dem sie ihre Unzufriedenheit verdecken.
Eine Emanzipationstrategie wird unter diesen Umständen nur funktionieren können, wenn sie gemeinsam getragen wird von denen, die Interesse an Veränderung haben, d.h. von der Frauenpolitik gemeinsam mit den Männerminderheiten. Zweite Schlußfolgerung: nicht nur, aber insbesondere dort, wo die Widersprüche des traditionellen männlichen Lebensentwurfs aufbrechen (Krisen bei Krankheit, Arbeitslosigkeit, Trennung/Scheidung, Verlust der Kinder, ...) besteht am ehesten Bereitschaft zur Neuorientierung. Dort müßte also vor allem angesetzt werden.
Einstellungsänderungen und Strukturänderungen
Ein Rollenbild ist konsistent, wenn das, was in den Köpfen ist, mit den Vorgaben, Regeln und Signalen des gesellschaftlichen Umfelds übereinstimmt. Dies gilt auch für den Ausstieg aus alten Rollen. Deshalb müssen Veränderungen an beiden Seiten ansetzen, also sowohl bei den Einstellungen, nicht nur, aber vor allem der Väter, als auch an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Beide Ansatzpunkte müssen zugleich verfolgt werden. Die beliebten Versuche, das eine zur Bedingung des anderen zu machen, führen in die Blockade. Ein schönes Beispiel für diese paralysierende Form der Politik bietet die Familienrechtsreform. Die Mütterverbände sagen: Gleichberechtigung der Väter erst, wenn sie auch das Butterbrot für die Schule einpacken. Viele Väter in Väterinitiativen dagegen ignorieren die Ursachen ihrer schlechten familienrechtlichen Lage, die mit der patriarchalischen Rollenverteilung zu tun hat, an der sie nicht unbeteiligt sind. Sie wollen Gerechtigkeit da, wo sie Ungerechtigkeit zu spüren bekommen, aber keine Reflexion ihrer Männerrollen.
Väterpolitik muß auf Gleichzeitigkeit setzen statt sich mit „Wenn-Dann-Politik“ zu blockieren. Nötig sind zugleich Maßnahmen zur Förderung von Einstellungs- und Verhaltensänderungen wie durchgreifende Reformen der sozialstaatlich-patriarchalen Rahmenbedingungen, von der Splittingbesteuerung bis zum Familienrecht.
Drohbotschaft und Frohbotschaft
Der Druck auf Männer, sich zu ändern und die Drohung mit alledem, was bei Ausbleiben einer Veränderung persönlich und gesellschaftlich die Folgen sind, wird wohl weiter nötig sein. Einmal, weil es eben nicht nur um das Private, sondern auch um seine Folgen geht, zum anderen der Kopf und die Moral doch einigen Einfluß auf das Geschehen haben. Die Drohbotschaft allein wird jedoch wenig bewirken. Was Väter gewinnen können, wenn sie das befestigte und begradigte Flußbett verlassen, sich mehr auf ein mäanderndes Leben einlassen, wie es sich bei einem stärkeren und alltäglicheren Bezug auf Kinder fast von selbst ergibt - all das muß Thema von Väterpolitik werden.
Dies vorausgeschickt, ergeben sich unterschiedliche väterpolitische Ansatzpunkte.
Arbeitsmänner und Gewerkschaften
Gewerkschaften sind die gesellschaftliche Repräsentation der Arbeit. Wenn sich die gesellschaftliche Bewertung von Arbeit ändert (ändern muß oder ändern wird), so sollte das vor allem ihr Thema sein. Daß sie sich damit so schwertun, hat vor allem geschlechtsspezifische Gründe. Wenn eindimensionale, nur auf Berufsarbeit ausgerichtete Lebensentwürfe zunehmend anachronistisch und auch riskant werden, so ist dies vor allem ein Problem der Männer. Frauen leben nolens volens mehrdimensional (obwohl es auch bei ihnen einen Trend zu volens eindimensional zu geben scheint). Wenn die Gewerkschaften nicht, wie so oft, den Entwicklungen nur hinterherlaufen wollen - eine Position von der aus sich Richtungen schlecht beeinflussen lassen - dann müssen sie sich der Aufgabe stellen, die sie immer noch prägende männliche Mitgliedschaft auf dem Weg zu einem relativierten Verständnis von Arbeit zu begleiten, zu unterstützen, ja dafür zu werben, ihn überhaupt erst einzuschlagen.
Ein beachtliches Problem dabei sind die Politiker-Männer, vielleicht besonders die linken, denen das Private, die Geschlechterrollenfrage nur Sand im Getriebe der politischen Effizienz ist. Das Gegenteil ist richtig: Die für die Gewerkschaften existentielle Frage der Arbeitszeitverkürzung hängt an der Frage des männlichen Arbeitsverständnisses. Nur wenn der 4-Tage arbeitende VW-Arbeiter die Chance zur Neuverteilung der familiären Aufgaben sieht und nutzt, wird die Arbeitszeitverkürzungspolitik eine Chance haben. Daß die großen Mobilisierungsschwierigkeiten der Gewerkschaften zum Thema Arbeitszeitverkürzung, wie sie aktuell im Vorfeld der AZV-Runde im Öffentlichen Dienst wieder sichtbar werden, einen geschlechtsspezifischen Hintergrund haben, wird von den Gewerkschaften nicht wahrgenommen, zumindest nicht ernsthaft thematisiert.
Hinzu kommt ein organisationspolitisches Interesse der Gewerkschaften: Vor lauter Freude über den zunehmenden Frauenanteil an der Mitgliedschaft geriet aus dem Blickfeld, daß bei den meisten Gewerkschaften über lange Jahren der Anteil der Männer absolut und relativ zurückgegangen ist. Die Auseinandersetzung mit der „Arbeitsfrage“, das Aufgreifen „weicher“ Themen nicht nur für Frauen könnte es den Gewerkschaften erleichtern, die Zugangsbarrieren vor allem im Bereich männlicher Jugendlicher und Angestellter leichter zu überwinden.
Managermänner und Personalpolitik
Rollenaufbrüche im patriarchalischen Selbstverständnis sind soziologisch gesehen ein Mittelschichtsereignis. Besondere Resistenz gibt es im traditionellen Arbeitermilieu ebenso wie in den Leitungsfunktionen. Hier haben also die Arbeitgeber und die im traditionellen Arbeitermilieu verwurzelten Betriebsräte und Gewerkschaften etwas gemeinsam. Was hier der Ernährerstolz ist, ist dort das Selbstbild einer patriarchalen Verantwortungsethik. Je höher die Stellung in der betrieblichen Hierarchie, desto unersetzbarer der Stelleninhaber, desto größer die Notwendigkeit der Konzentration auf die Aufgabe, desto größer die Bereitschaft, ihr alles andere unterzuordnen. Solange auf diese Weise Erfolg als Ergebnis konsequenter Eindimensionlität erscheint, wird es schwer bleiben, bei Männern auf anderen Ebenen der betrieblichen Hierarchie eine Motivation zur Umorientierung zu erreichen.
Teamfähigkeit, Kommunikation, soziale und Alltagsqalifikationen gewinnen auch im Bereich des Führungspersonals an Bedeutung. Managermänner, die nur noch virtuell in Verbindung mit dem Leben und dem Alltag stehen, sind dysfunktional. „Ich bin noch nicht ganz normal und brauche bis heute die Hilfe meiner Familie“, erzählt Daniel Goedevoert, Ex-Vorstand bei VW dem Spiegel, „Kürzlich war ich auf der Post und mußte die gelben Versandkartons zusammenbasteln. Ich habe geschwitzt wie verrückt. Ein Top-Manager verliert den Bezug zur Wirklichkeit. Er wird fremdbestimmt bis zur Selbstaufgabe.“ Unternehmerische Fehlentscheidungen, wie z.B. die Auflage der S-Klasse bei Daimler-Benz oder der männliche Eifer im Bereich der Gentechnologien sind nicht zuletzt Folge einer eingeschränkten Wahrnehmung der Wirklichkeit.
In der betrieblichen Personalpolitik sollten auch Männer als Menschen gesehen werden, die in soziale und familiäre Bezüge eingebunden sind, die wahrzunehmen und zu berücksichtigen sind. Männer, die teilzeit arbeiten wollen, sind keine Arbeitsdeserteure, sondern verantwortungsbewußt. Durch moralische und finanzielle Förderung von Teilzeitarbeit und Erziehungsurlaub bei Männern, z.B. in Betriebs- oder Dienstvereinbarungen, lassen sich sogar sozusagen elegant Personalkosten reduzieren, wenn dies ohnehin nicht vermeidbar ist und ansonsten auf viel brutalere Weise erfolgen würde.
Das Argument, die Arbeit sei nicht teilbar oder der Betreffende nicht ersetzbar, läßt eher auf Flexibilitätsdefizite der Arbeitsorganisation und auf Kreativitätsdefizite der Arbeitsorganisatoren oder auf die Angst vor einer um sich greifenden Infragestellung des männlichen Arbeitsverständnisses schließen.
Stummer Zwang patriarchaler Regeln
Das gesellschaftliche Verständnis von Männer- und Frauenrolle hat sich in einer Vielzahl von Regularien und Konstruktionen niedergeschlagen, die diese Rollenzuweisungen immer wieder reproduzieren, indem sie vorgeben, was Männer- und was Frauensache ist. Dies geschieht nicht durch Verbot und Gebot, sondern durch den stummen Zwang des patriarchalen Sozialstaats. Grundsatz dabei ist: alles was Frauen auf ihre traditionelle Rolle festlegt (und meist deshalb in der frauenpolitischen Kritik steht), legt Männer unausgesprochen komplementär auf die Ernäherrolle fest. Wenn das Ehegattensplitting im Einkommenssteuerrecht es den Frauen nahelegt, besser zu Hause zu bleiben und sich um die Kinder zu kümmern, legt es implizit den Mann auf die Rolle des Familienernährers fest. Ähnliches gilt für des Erziehungsgeld /-urlaubsgesetz. Es geht davon aus, daß die Mutter sich drei Jahre lang um`s Kind kümmert - was erwartet es damit vom Vater ?
Besonders hartnäckig gehen Familienrecht und -rechtsprechung von der traditionellen Rollenverteilung aus. Die seit Jahren geplante Kindschaftsrechtsreform wird nur einen Teil der Anachronismen beseitigen.Der nicht verheiratete Vater z.B. wird auch danach nicht die verfassungsmäßig garantierten gleichen Elternrechte haben wie die Mutter.
Flutlicht für die neuen Väter !
Den Medien und der Werbung, zumindest der trendsettenden, muß das Kompliment gemacht werden, die Nase im Wind zu haben, das verbreitete Bedürfnis nach Veränderung aufgegriffen, visualisiert und damit zum öffentlichen Thema gemacht zu haben: Talk-shows landauf landab, zahllose Features und Beiträgen aller Art zum Thema. Das Vater-Kind-Motiv ist zu einem der beliebtesten Leitmotive der Werbewirtschaft geworden.
Auch wenn es viele Frauen ärgert, daß Männer für Dinge herausgestellt und gelobt werden, die schon immer zum ungedankten Frauenalltag gehören: Die home-story über den Wiebadener OB Exner, der trotz seines Amtes einen einjährigen Erziehungsurlaub durchgezogen hat, ist wichtig und wirkt. Dem Vater, der werktags morgens mit dem Kinderwagen beim Einkaufen angetroffen wird, schlägt dann vielleicht nicht mehr Mitleid entgegen, weil er bestimmt arbeitslos oder verwitwet ist, sondern vielleicht Anerkennung oder insgeheim Bewunderung, weil er auch einer von diesen Rollenpionieren ist, wie der OB Exner.
Diese positive Wirkung der öffentliche Beleuchtung einer neuen Vaterrolle, war eigentlich gar nicht Zweck der Übung, sondern allenfalls ihre erfreuliche Nebenwirkung. Eigentlich zielen die schönen Vater/Kind-Motive auf Frauenwünsche. Die Talk-shows laufen meist zur „Hausfrauenzeit“, die Produkte, für die mit dem Vater-Kind-Motiv geworben wird, sollen meist Frauen kaufen. Politiker, die für ein gewandeltes Männerbild werben, wollen damit vor allem bei ihrenWählerinnen punkten. Angesprochen wird eine diffuse gesellschaftliche Sehnsucht nach einem neuen Vaterbild. Vermißt wird der Vater als Partner in der Kinderbetreuung, vielleicht auch der zugewandte eigene Vater. Die Väter selbst sind jedoch in der Regel nicht die unmittelbaren Adressaten all dieser Bilder und Botschaften.
Die Zeit dürfte jedoch reif sein, auch die Väter selbst und direkt anzusprechen, ihnen Themenangebote zu machen, die Diskussion über ihre Anliegen aufzugreifen und sie auch in ihrer Vaterrolle als Konsumenten zu begreifen. Wer die Nase im marktwirtschaftlichen Wind hat, wird schnell erkennen, daß Väter nicht nur die Märklin-Eisenbahn für ihre Kinder kaufen, sondern auch Fahrräder, Urlaubsreisen, Lebensversicherungen, und immer häufiger auch Windeln.
Inventur bei Jugendämter und Beratungsangeboten !
Widerspüchlichkeit und Umbruchsituation der Vaterrolle führen zunehmend zu persönlichen Konflikten, in denen Väter Beratung und Hilfe bräuchten. Die Erfahrung mit Beratungsangeboten für Väter zeigen, daß nur ein sehr kleiner Teil ratsuchender Väter wegen Problemen am Arbeitsplatz (Schwierigkeiten der Vereinbarkeit Beruf/Familie, Zugang zu Teilzeitarbeit, Diskriminierungen bei Erziehungsurlaub) Beratung in Anspruch nehmen wollen oder Kontakt und Austausch suchen. Gering ist auch noch die Nachfrage bei Erziehungsproblemen. Die überwiegende Mehrheit der Väter hat Beratungsbedarf in Trennungs- und Scheidungssituationen, bei denen es um den Fortbestand der Beziehungen zu ihren Kindern geht.
Die öffentlichen Beratungsangebote sind nicht in der Lage, diesem Bedarf auch nur annähernd gerecht zu werden. Familienberatungsstellen erklären sich meist für unzuständig, weil Familienkonflikte nur zusammen, also mit der Mutter lösbar seien. Dies ist in vielen Fällen jedoch nicht möglich. Die Beziehung Jugendämter-Väter ist eine hochbelastete. Die meisten Einrichtungen agieren parteinehmend. Bewußt oder unbewußt gehen sie von der Mutter als der sozial Schwächeren aus, die schutzbedürftig ist und gegen den Vater, gegen den Mann als den Stärkeren verteidigt werden muß. Kinder werden meist in der Symbiose mit der Mutter gesehen. Väter, die die Beziehung zu ihren Kindern aufrechterhalten, manchmal überhaupt erst herstellen wollen, werden als aufdringlich, als Störenfriede gesehen. Väter werden bei Begutachtungen des Kindeswohls oft erst gar nicht angesprochen. Ist die Mutter nicht kooperationsbereit, speisen Jugendämter die Väter meist mit einem Achselzucken ab. Väter, die mit ihren Ohnmachtserfahrungen nicht fertigwerden und auf oft chauvinistische Weise ihre Interessen versuchen durchzusetzen (dies oft mit großem Medienerfolg), bestätigen das (Vor-)urteil und schließen den Kreis.
Angesichts der Destruktivität vieler solcher Konflikte und ihrer langanhaltenden Belastungen (vor allem für Kinder), ist es auch unter den Bedingungen knapper Haushalte erforderlich, hier spezifische Beratungsangebote zu schaffen und Haushaltsmittel umzuwidmen. In der Aus- und Weiterbildung für die jeweiligen Berufe müssen neue Beratungsansätze und Interventionsstrategien vermittelt werden. In der Supervision können Vorbehalte und Voruteile aufgearbeitet werden. Auch dies ist Väterpolitik.
Frauenpolitik: die Frauenfrage als Männerfrage !
Frauen in Führungsfunktionen oder in politischen Ämtern sind dünn gesät. Nur ein Teil der Frauen kehrt nach der Geburt von Kindern aus dem Erziehungsurlaub zurück, und wenn, dann meist auf einen geringer bewerteten Teilzeitarbeitsplatz. Männer sind dabei gleichstellungsstrategisch zunehmend der neuralgische Punkt. Nicht so sehr, weil sie mit den Frauen um die Arbeit konkurrieren, sondern weil sie nicht mit den Frauen um die familiären Aufgaben konkurrieren. Die Frauenfrage ist heute mehr denn je die Männer-, genauer noch: die Väterfrage.
Die beste Frauenpolitik ist deshalb die beide Geschlechter in ihren Rollenbegrenzungen thematisierende Gleichstellungspolitik. Das heißt: auch Männer bzw. Väter müssen Zielgruppe von Gleichstellungspolitik werden. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Initiative des Hamburger Senatsamts für Gleichstellung und der Zeitschrift BRIGITTE, die Anfang 1996 gemeinsam eine regelrechte Väterkampagne gestartet haben. Einen bemerkenswerten Schritt ging auch das Sozialministeriums in Mecklenburg-Vorpommern, in dem es im Gleichstellungsreferat auch einen Mann eingestellt hat, der eben die Frauenfrage als Männerfrage angeht. Notwendig ist ein Paradigmenwechsel in der Frauenpolitik. Dies ist vielleicht der schwierigste, zumindest der heikelste Ansatzpunkt, weil er das Selbstverständnis einer ganzen Generation von Frauenpolitikerinnen betrifft, die zurecht davon ausgegangen waren und damit auch Erfolge hatten, daß Fortschritte für Frauen vor allem gegen Männer durchgesetzt werden müssen. Für die Eroberung von Positionen in der Arbeitswelt war kontradiktorische Politik sicher das Mittel der Wahl. Männer für Familienverantwortung zu gewinnen, wird nicht gegen sie möglich sein.
Literatur
Thomas Gesterkamp, Männerbund Gewerkschaft, Gewerkschaftliche Monatshefte 9/1996, Bund-Verlag, Köln
Hildegard Matthies, u.a., Arbeit 2000, Anforderungen an eine Neugestaltung der Arbeitswelt, Reinbek 1994
Thomas Gesterkamp, Dieter Schnack, Hauptsache Arbeit, Männer zwischen Beruf und Familie, Reinbek, 1996
Klaus Peinelt-Jordan, Männer zwischen Familie und Beruf, Ein Anwendungsfall für Individualisierung der Personalpolitik, München/Mering 1996
Werner Sauerborn, Vater morgana- Gründe, und Ansatzpunkte eines wesentlichen Wertewandels bei Vätern , WSI-Mitteilungen, 12/92
M.Promberger/J.Rosdücher/H.Seifert/R.Trinczek, Akzeptanzprobleme beschäftigungssichernder Arbeitszeitverkürzungen (Beschäftigtenbefragung bei VW und Ruhrkohle AG), in: Mitteilungen der Bundesanstalt für Arbeit 2/96
Vergleiche auch Replik von Klaus Rosenauer: Auswirkungen der vaterlosen Gesellschaft
Siehe zum Thema auch: Marc Herbermann, Familienförderung in Unternehmen - Bleiben Männer außen vor?