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Väteraufbruch f. Kinder - Bergisch Land e.V. schreibt offenen
Brief an Familienrichter/innen:
Was haben die Kinder vom neuen Kindschaftsrecht ? (05.06.2000)
- Mangelnde Umsetzung des neuen Rechts in der familienrechtlichen Praxis
durch die Richter -
Der offene Brief wurde auch veröffentlicht in den "Wuppertaler Lokalseiten" vom 5.6.00 http://www.lokalseiten.de/wuppertal/2000/06/200006012.html
Sehr geehrte Frau Familienrichterin, sehr geehrter Herr Familienrichter ...,
mit hohem Interesse haben wir als betroffene Eltern die Information aufgenommen, die Professor Proksch, Fachhochschule Nürnberg, auf einer Fachtagung zur Umsetzung des neuen Kindschaftsrechts gerade in Berlin im Rahmen seiner Begleitforschung im Auftrag des Bundesjustizministeriums als ein vorläufiges Zwischenergebnis vorgetragen hat:
Danach gibt es Amtsgerichtsbezirke, in denen die Beibehaltung der gemeinsamen Sorge nach Trennung/Scheidung bei unter einem Prozent liegt, andere Bezirke weisen dagegen über 75 Prozent auf. Professor Proksch stellte dazu fest, dass diese Zahlen eigentlich schwer zu verstehen und erst Recht schwer zu akzeptieren seien ... Auswertbares Material zu Umgangsfragen konnte bisher nur insoweit vorgelegt werden, als dass der Umgang überwiegend dort tatsächlich stattfindet, wo die gemeinsame Sorge nicht in eine Alleinsorge umgewandelt worden ist.
Wir haben Grund zu der ernsten Besorgnis, dass unser Amtsgerichtsbezirk eher zu denen gehört, in dem um die ein Prozent gemeinsame Sorge beschlossen wird und in dem entsprechend auch nach Trennung/Scheidung der Kontakt zu einem Elternteil abbricht (wie im Bundesdurchschnitt bei 60 % der Fälle und mehr) - und dies vor allem auf die alltägliche Praxis am Familiengericht Wuppertal zurückzuführen ist.
Wir formulieren im Folgenden einige Fragen, von deren Beantwortung wir uns weniger statistisches Material, dafür aber eine gewisse Nachdenklichkeit, vielleicht einen Dialog mit Ihnen - vor allem aber eine baldige Änderung der familiengerichtlichen Routine in Wuppertal erhoffen, was das Schicksal unserer Kinder, ihrer Familien und damit ihrer Zukunft angeht.
Es drängt sich uns aufgrund unserer konkreten Erfahrungen der Eindruck auf, dass das neue Kindschaftsrecht mit seinem Anliegen des Beziehungserhalts zu beiden Eltern nach Trennung/Scheidung und der Beibehaltung der gemeinsamen Elternverantwortung am Familiengericht in Wuppertal zu wenig verstanden, angenommen und respektiert worden ist. Wir möchten unseren Beitrag dazu leisten, dass sich dies in naher Zukunft ändert. Wir ergreifen diese Initiative, um Ihnen zu signalisieren, dass es hierbei um das Schicksal unserer Kinder geht - und damit auch um unser eigenes.
Bei den folgenden Fragen bitten wir zu beachten, dass jede darauf abzielt, für die Kinder ein faires Verfahren zu garantieren, um ihnen die Liebe und Fürsorge ihrer Eltern zu erhalten und für den Fall ernsthafter Familienkrisen nicht diesen Krisen-Zustand durch Gerichtsbeschlüsse zu zementieren, sondern den Krisen die Chance einzuräumen, überwunden zu werden und etwas Neues, Konstruktives zu schaffen. Dafür wird in jedem Fall Ihre Mit-Hilfe notwendig sein - und wir erlauben uns, Ihre Hilfe und Unterstützung (und die von Anwälten, Sachverständigen, Verfahrenspflegern und Mitarbeitern der Jugendhilfe) einzufordern. Im Gegenzug fordern wir Sie auf, auch uns Eltern in die Pflicht zu nehmen, uns zu ermahnen, hinzuweisen und zu belehren, soweit es sachdienlich ist. Wie schon gesagt: Es geht uns um den Dialog und um (gegenseitige) Aufklärung!
Wir möchten es zunächst bei diesen Fragen belassen.
Sie werden aus den Fragestellungen erkennen, dass unsere Erfahrungen der letzten Monate nahelegen, dass die zentralen Grundgedanken des neuen Kindschaftsrechts nicht oder kaum beachtet werden und nach wie vor nach dem Gewinner-Verlierer-Prinzip die betroffenen Kinder einem Elternteil (ausschließlich) zugeordnet werden (meist im Rahmen der Alleinsorge), mögliche (massive) Fremdbeeinflussung des kindlichen Willens zwar gesehen, aber nicht weiter beachtet wird, es in viel zu vielen Fällen zum dauerhaften Kontaktabbruch nicht nur zu einem Elternteil sondern zur gesamten Familie (Großeltern, Geschwister, Onkel, Tanten u.a.) kommt und Jugendhilfe, Sachverständige und weitere Beteiligte dem passiv und oftmals ratlos gegenüberstehen. Damit werden - aus unserer Sicht - die nicht zuletzt grundgesetzlich garantierten Kinder- und Elternrechte auf ihre Familie weder verfahrens- noch materiellrechtlich ausreichend gewürdigt. Vielmehr bedingt und fördert ein familiengerichtliches Verfahren und ein primär streitig geführter Dialog unter allen Beteiligten die systematische Zerstörung aller ursprünglich vorhandenen Bindungen und Beziehungen. Am Ende ist die Familie am Ende - auf Dauer, mitunter lebenslang. Welche Konsequenzen dies für die betroffenen Kinder (aber auch deren beider Eltern und deren Familien) hat, wurde zuletzt anschaulich durch Professor Horst Petri, Psychoanalytiker in Berlin, in seinem Buch "Das Drama der Vaterentbehrung" geschildert.
Zur Veranschaulichung nur ein kurzes Zitat:
"Der Verlust des Vaters beeinträchtigt auf dramatische Weise
die Entwicklung eines Kindes. Die tief greifenden seelischen Konsequenzen
wurden in der Öffentlichkeit bisher weitgehend geleugnet. Dabei handelt
es sich bei betroffenen Kindern oft um eine regelrecht traumatische Erfahrung,
die für die gesamte Lebensspanne von der Kindheit bis ins späte
Erwachsenenalter prägend ist."
Zitiert nach Focus,
3. April 2000, Seiten 216/218
Wir mahnen an, dass diese Entwicklung durch eine Änderung der familiengerichtlichen Praxis - auch und gerade in Wuppertal - aufgehalten wird und die Diskussion möglicher Alternativen Einfluss auf die weitere Gestaltung der Verfahren nehmen kann. Soweit dies - von uns bisher unbemerkt - bereits in Ihrem Haus bedacht worden ist, freuen wir uns über Ihre entsprechenden Mitteilungen, hier in Form auch der Antworten auf unsere - zugegebenermaßen - kritischen Fragen.
Mit freundlichen, sehr besorgten Grüßen
Paul Bludau
Vereinsvorsitzender Väteraufbruch
Bergisch Land e.V.
Vergleiche zum Thema auch:
paPPa.com-Homepage
Stand dieser Seite: 16.6.2000 - Fundstelle: http://www.paPPa.com/reform_u/fragen-an-richter.htm
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