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Mannheimer Morgen 27.07.2000

Eltern wissen nicht, was Scheidungskrieg auslöst
Immer mehr Familien holen sich bei der Beratungsstelle des Kreises Hilfe / 30 Prozent der Fälle drehen sich um Trennungskonflikte

Von unserem Redaktionsmitglied Andre Leberz

Lampertheim/Kreis Bergstraße. Die Zahl der Familien im Ried, die bei Problemen kompetente Hilfe suchen, ist 1999 erneut gestiegen. 527 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene hat die Beratungsstelle des Kreises Bergstraße im vergangenen Jahr betreut (1998: 463).

Wie der Leiter und Diplom-Psychologe Adolf Kritsch im Gespräch mit dem "SM" betont, bilden dabei Konflikte durch Trennung und Scheidung weiterhin den Schwerpunkt. "Rund 30 Prozent beziehungsweise 159 Fälle aller Beratungen und Therapien drehen sich um den Streit ums Kind, das Sorgerecht und daraus resultierende Auffälligkeiten der Kinder", berichtet Kritsch. Diese spiegle jedoch nicht nur die wachsende Zahl der Scheidungsfamilien wider, sondern auch die zunehmende Bereitschaft, sich Hilfe von außen zu holen.

Während manche Sprösslinge in solchen Krisenphasen unruhig und aggressiv reagierten, zögen sich andere Kinder zurück und würden ängstlich. Auch psychosomatische Störungen wie Bettnässen und Schlafprobleme könnten auftreten. Ebenso gingen Leistungsschwächen in der Schule häufig mit Scheidungskonflikten einher.

"Aber es gibt auch Kinder, die eine Trennung gut verkraften", betont Kritsch. "Wenn die Eltern deutlich machen, dass sie auch künftig beide für das Kind sorgen und da sein werden, kann sich das Kind weiterhin sicher fühlen." Voraussetzung dafür sei, dass die Elternteile fair miteinander umgingen und das Kind in die elternliche Auseinandersetzung nicht hineinzögen. Im Sinne des Kindes tabu sei etwa, schlecht über den Partner zu reden und sich in Probleme zwischen Kind und Partner einzumischen. Ebensowenig sollte Sohn oder Tochter als Übermittler von Fragen oder gar als Spion im elterlichen Zwist missbraucht werden. "Die Eltern sind sich oft nicht bewusst, was ein Scheidungskrieg bei ihren Kindern auslöst", warnt der Psychologe.

In dem Zusammenhang habe eine therapeutische Kindergruppe gezeigt, dass es den Kindern gut getan habe, die Trennungs-Erfahrung zu teilen. Nach der gemeinsamen Aufarbeitung in der Gruppe hätten die meisten Kinder viel offener über das Scheidungsgeschehen und ihre Gefühle sprechen können, ist die Erfahrung der Sozialpädagogen.

Nach wie vor zurückhaltend angenommen werde in der Beratungsstelle das Angebot der Familienmediation. Wie im Vorjahr hätten 1999 sieben Paare diese außergerichtliche und gebührenfreie Vermittlung und einvernehmliche Regelung von Trennungskonflikten genutzt. "Von Vorteil ist, dass wir im Notfall - wenn die Stimmung noch zu aufgeheizt und die Differenzen zu groß sind - auf die Beratungsebene zurückgreifen können", erklärt Kritsch.

Viele Familien kämpften mit allgemeinen Erziehungsschwierigkeiten. "Es gibt viel Unsicherheit darüber, wie man seine Kinder erziehen soll", sagt der Psychologe. Viele Eltern hätten Probleme, die Balance zwischen demokratischer Erziehung und klaren Regeln zu finden. "Demokratisch hat nichts mit antiautoritär zu tun. Es geht darum, die Kinder Ernst zu nehmen, sie in Entscheidungen einzubeziehen. Aber ebenso brauchen Kinder feste Grenzen, die ihnen als Orientierung dienen."

Deutlich wird im Jahresbericht der Beratungseinrichtung auch, dass viele Eltern für ihre Schützlinge Hilfe suchten, wenn diese eingeschult wurden oder ein Wechsel auf eine weiterführende Schule bewältigt werden musste. "Eltern sind in diesen Phasen besonders aufmerksam. Viel mehr als früher sorgt man sich darum, dass aus den Kindern was wird", beobachtet Kritsch.

Fast die Hälfte aller Klienten der Beratungsstelle kam 1999 aus Lampertheim. 24 Prozent der Ratsuchenden meldeten sich aus Viernheim, zwölf aus Bürstadt und neun Prozent aus Biblis. Auch die Forbildungsangebote waren sehr gefragt. Seminare in Schulen und Kindertagesstätten beschäftigten sich etwa mit dem Umgang bei Aggressionen, Gewaltprävention, Sexualerziehung, Schutz vor sexuellem Missbrauch und Hyperaktivität.


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