Scheidung: Wer sozial schwach ist, sieht sein Kind nicht
Studie der Uni Bremen
Im neuen Scheidungsfilm "Väter" von Dani Levy kämpft
Vater Marco
darum, seinen Sohn auch nach Trennung und eigenem Fehlverhalten zu
sehen ? im Kino letztlich mit Erfolg. Doch im realen Leben steht es um
die Rechte der Scheidungsväter eher schlecht. Die Hälfte von
Ihnen hat
nach Trennung oder Scheidung wenig bis gar keinen Kontakt zu den
Kindern. Gerade Männer mit niedrigem Bildungsniveau und geringem
Einkommen verlieren die Beziehung zu den Kindern. Diese Ergebnisse
gehen aus einer groß angelegten Studie der Bremer Universität
über
Väterlichkeitserfahrungen nach Trennung oder Scheidung hervor. Das
Forschungsteam unter Leitung des Sozialwissenschaftlers Professor
Gerhard Amendt vom Institut für Geschlechter- und Generationsforschung
im Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften hat in einer groß
angelegten Untersuchung mehr als 3800 Männer über Internet zu
ihrer
Situation nach der Trennungsphase befragt ? wissenschaftlich
weitgehend Neuland, da bisher vor allem die Scheidungserfahrungen von
Kindern und Müttern im Forschungsmittelpunkt standen. Scheidungsväter
werden in Wissenschaft und Gesellschaft als Randfiguren wahrgenommen.
Die Bremer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind bei ihrer
Untersuchung zu aufschlussreichen Ergebnissen gelangt. So wollten
ursprünglich 85 Prozent der Männer bei der Sorgerechtsregelung
das
gemeinsame Sorgerecht für die Kinder. Nach der Trennungsphase haben
allerdings nur noch 52 Prozent der Väter häufigen, 17,8 Prozent
weniger häufigen bis selten Kontakt und 30,2 Prozent gar keinen
Kontakt mehr zu ihren Kindern. Selbst Väter, die ihre Kindern häufig
sehen, fühlen sich zu etwa zwei Dritteln von wichtigen Entscheidungen
im Leben ihrer Kinder ausgeschlossen. Zwei wesentliche Aspekte sind
ausschlaggebend dafür, dass die Lebensgestaltung der Kinder weitgehend
ohne ihre Väter stattfindet: Zum einen spielt die soziale Lebenslage
der Männer nach der Trennung eine gewichtige Rolle. Zum anderen hängt
vieles davon ab, ob die Getrennten fähig und willens sind, auch nach
Trennung oder Scheidung noch miteinander im Gespräch zu bleiben.
Die Studie belegt deutlich: Männer in niedrigen Einkommens- und
Bildungsverhältnissen laufen am ehesten Gefahr, den Kontakt zu ihren
Kindern zu verlieren. Männer, die über ein relativ hohes Einkommen
und
eine höhere Bildung verfügen, berichten eher über häufige
Kontakte zu
ihren Kindern. Stark eingeschränkte soziale und finanzielle
Möglichkeiten kombiniert mit der psychischen Ausnahmesituation der
Trennung verschärfen dagegen die Lebenslage dieser Väter. Bei
ihnen
kann deshalb das gesamte Gefühlsleben so sehr unter den Einfluss der
Trennungskrise geraten, dass ihre Handlungsfähigkeit zeitweise
eingeschränkt wird. Sie sind dann auch nicht mehr in der Lage,
Hilfsangebote zu nutzen, die auf Kommunikation beruhen. Dazu gehören
Beratung, Psychotherapie oder auch Unterstützung von Freunden.
Bezeichnend für diese Männer ist, dass sie sich in der
Trennungssituation machtlos fühlen, und zwar sehr viel häufiger
als
andere Männer Die Trennungssituation weitet sich dann zu einer
existenziellen Bedrohung aus ? ein Teufelskreis, der zu Isolation,
Einsamkeit und mitunter Suchtverhalten führt.
Die Befragung hat gezeigt, dass es den Männern, die die Verantwortung
für ihren Teil an der Trennung oder Scheidung mit übernehmen,
viel
leichter fällt, auch eine gestaltende Haltung während der
Trennungsphase zu beziehen. Die Gefahr für Männer in der
Trennungsphase in eine passive Position zu geraten, scheint allgemein
jedoch groß zu sein. Denn über die Hälfte der Befragten
gaben an, sich
in den Konflikten mit der Frau eher machtlos zu fühlen. Und sie
meinten deshalb auch, nichts tun zu können.
Ob Männer eher gestalterisch oder eher passiv die Trennung
durchlaufen, zeigt sich auch daran, ob sie die Kinder über die
bevorstehende Scheidung informieren oder ob sie diese unangenehme
?Nachricht? lieber der Mutter überlassen. Männer, die den
Trennungswunsch aktiv mitgetragen haben, waren auch häufiger daran
beteiligt, ihren Kindern die bevorstehende Scheidung mitzuteilen.
Männer, die die Scheidung nicht wollten, haben sich nicht daran
beteiligt, den Kindern den schweren Schritt mitzuteilen. Wo die Männer
gemeinsam mit ihren Partnerinnen den Kindern sich gegenüber
verantwortlich fühlen, leiten sie bereits eine gemeinsame
Elterlichkeit trotz des Verlustes der Liebesbeziehung ein ? für die
Kinder ein wichtiges positives Zeichen.
Wenn dies wirklich gelingt, dann können die Getrennten auch weiterhin
als Elternpaar mit den Kindern selbst in schwerer Zeit miteinander
reden. Und es zeigt sich, dass überdurchschnittlich viele Männer,
die
die gemeinsame Elterlichkeit aufrecht erhalten, auch über häufigen
Kontakt zu ihren Kindern berichten und dass sie weiterhin wichtig und
verantwortlich für die Erziehung ihres Kindes bleiben. Das wollen
nach
den empirischen Daten der Bremer Untersuchung die meisten Männer.
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