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Otto Zsok - Buchrezension
Cornelia Schenk, Er wollte nur mein Vater sein
Neckenmarkt - Wien - München 2008. 178 Seiten, Euro 16,40 - Novum
Verlag
Ein 15-jähriger Junge, Raffael, denkt sich, sein Vater sei ein Versager, ein Verräter, ein Unruhestifter. Er habe ihn verlassen, denkt er sich, als Raffael drei Jahre alt war. Er fühlt zunächst heftige Ablehnung gegen seinen Vater. Doch dann kommen ihm Zweifel. Ist es wahr, dass der Vater so "negativ", so "dunkel" ist, wie er sich das vorstellt? Ist es wahr, dass sich der Vater für ihn gar nicht interessiert? Entlang dieser Fragen wird eine spannende Geschichte erzählt. Raffael wohnt bei seiner Mutter am Rande einer Großstadt. Sie ist Lehrerin für Religion. Als sie von ihrem Sohn gefragt wird, was eigentlich mit seinem Vater "los" sei, weicht sie aus. Es passieren einige merkwürdige Dinge, die den Jungen zum Nachdenken anregen. Raffael beginnt schrittweise zu begreifen, dass der Verlust des Vaters eine große Wunde in ihm zurückgelassen hat. Einmal hasst er ihn, ein anderes Mal spürt er, wie gerne er "seinen Vater" sehen und umarmen würde. Irgendwann kommt ihm ein Foto in die Hände, das ihn auf dem Schoß seines Vaters zeigt. Raffael erkennt, wie lieb sich Vater und Sohn anschauen und fühlt sich plötzlich von tiefsten Gefühlen der Sehnsucht überwältigt.
Cornelia Schenk, eine Augsburger Schriftstellerin, entfaltet in 15 Kapiteln mit tiefstem Einfühlungsvermögen das Seelenleben eines fünfzehnjährigen Schülers, der im Kapitel 13 ("Aufbruch") dieses exzellent geschriebenen Jugendromans endlich den Mut in sich selbst findet, sich auf den Weg zu machen, um seinen in Hamburg lebenden Vater zu besuchen. Dabei hilft ihm Ophelia Otto, eine Klassenkameradin von Raffael, in die sich der Junge verliebt hat. Das subtile Geschehen dieser zarten Jugendliebe, die inneren Selbstgespräche Raffaels, die Welt der Schule und das Jugendmilieu, in dem sich Raffael bewegt, seine verhassten Besuche bei der Psychologin, die der Junge aufsuchen muss, weil seine Mutter das so will, wird mit der Feinnervigkeit und der Feinfühligkeit einer echten Schriftstellerin geschildert. Die Geschichte wird aus der Sicht Raffaels erzählt. Man hat als Leser den starken Eindruck, als würde Cornelia Schenk eine wahre Geschichte erzählen, die ihr zuinnerst vertraut ist.
In der Tat offenbart sich die Autorin als Kennerin einer Problematik, die nur in Deutschland mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche betreffen, die nur mit einem Elternteil, meistens mit der Mutter, aufwachsen. C. Schenk zeigt sich aber auch als sprachlich anspruchsvolle Autorin, die einerseits die derbe, fast primitive Sprache der Fünfzehnjährigen kennt, andererseits aber einen Stil und eine Sprache der Seele beherrscht, die den jungen Lesern eine wahre Herausforderung bietet. Nicht, dass ihre Sprache schwer oder kompliziert wäre. Ganz im Gegenteil. Sie ist fließend und fesselnd. An manchen Stellen wird auch der erwachsene Leser staunen, wie subtil und präzis die Autorin - in nur wenigen Sätzen - Seelen- und Gedankenbewegungen schildert. Man liest beispielsweise die Gedanken von Ophelias Vater über einen Text von Figaros Hochzeit und begreift die Verbindung zu Raffaels Seele. Staunen entsteht im Leser.
Das Buch wird vom Verlag ab 12 Jahren empfohlen. Gut so. Aber auch ein Sechzehn-, Achtzehn-, oder Vierzigjähriger wird Spannung und Lesegenuss erleben, wenn er sich auf dieses Buch, das auf einer authentischen Geschichte fußt, einlässt und in die tastende Suchbewegung von Raffael eintaucht, der innerhalb eines Jahres klarer und selbstsicherer wird.
Hervorzuheben ist, dass sich die Autorin einer seit vielen Jahren wachsenden Problematik annimmt, die bisher im Bereich des Jugendbuchmarktes noch keinen Eingang gefunden hat. Es gibt sehr wenige Bücher, welche die Schwierigkeiten männlicher Jugendlicher nach dem Verlust des Vaters thematisieren. Mit ihrem Buch knüpft die Autorin an die aktuelle Debatte über eine zunehmende Feminisierung und Benachteiligung von Jungen an, die in Deutschland mehr als 2 Millionen Jugendliche betreffen, die nur mit einem Elternteil, meistens mit der Mutter, aufwachsen und denen männliche Vorbilder versagt bleiben.
Das Buch von Cornelia Schenk erzählt romanhaft Reales, macht Mut, klärt auf und entfaltet eine spannende Geschichte. Das Buch ist sehr lesenswert und literarisch eine Glanzleistung.
Otto Zsok, Ordenslandstraße 7 * D - 82256 Fürstenfeldbruck E-mail: otto@zsok.de
Stand dieser Seite: 8.8.08 - eingestellt
8.8.08 - Fundstelle: http://www.pappa.com/vater/Rezension-Nur-mein-Vater.html
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