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Süddeutsche Zeitung 9.10.98
Alleinerziehende Väter: „Wenn mein Sohn aus der Schule kommt, steht das Essen schon da“
In München erziehen etwa 2.000 Väter ihre Kinder alleine – und dabei kämpfen sie auch gegen alte Rollenbilder
Von B. Nolte
In Bolivien hat er ein Chemiewerk aufgebaut, in Brasilien ein Ranch-Hotel besessen, „Models und Serienstars sind dort abgestiegen“, erzählt Hans-Werner Duennebacke. „Ich hab’ immer aus dem Vollen gelebt: Whisky, Zigaretten, Frauen – weiße, schwarze . . .“
Zur Zeit lebt er von Arbeitslosengeld und verbringt seine Tage mit Einkaufen, Putzen, Waschen, Kochen: „Wenn mein Adoptivsohn aus der Schule kommt, steht das Essen schon auf dem Tisch. Aber nicht McDonalds, sondern Gemüse.“ Abends besucht der 51jährige Kurse mit Titeln wie ,Kann Adoption zum Problem werden?’ oder ,Wie lehre ich meinem Kind den Umgang mit Fernsehen und Computer?’. „Nie hätt’ ich mir das träumen lassen“, sagt er. „Aber das ist schon in Ordnung so. Macho-mäßig brech’ ich mir da keinen ab.“
Lebemann Duennebacke hat sich in einen Hausmann verwandelt, seit er für seinen zwölfjährigen Sohn Ralph verantwortlich ist. Seine Rolle als alleinerziehender Vater ist in München immer noch exotisch: 2073 gibt es dem Statistischen Amt zufolge in der Stadt. In ganz Bayern sollen es 22 900 sein – im Gegensatz zu 191 000 alleinerziehenden Müttern.
Das Sorgerecht hat Hans-Werner Duennebacke seiner Exfrau abgekauft: Rund 50 000 Mark hat er gezahlt, und sie hat auf ihren Sohn verzichtet. Denn im Streitfall schlagen Gerichte und Jugendämter die Kinder fast immer den Müttern zu. „Ich habe in den vergangenen zehn Jahren nur drei Ausnahmen gemacht, und da waren die Frauen Alkoholikerinnen“, erklärt Familienrichter Werner Schulz. Die Mütter sollen laut Schulz Vorrang genießen, weil sie fast immer auf ihre Karriere verzichteten zugunsten der Familie.
Mit zwei Jobs über die Runden
Wenn ein Vater trotzdem sein Kind zugesprochen bekommt, handelt er sich eine Menge Streß ein: Der 45jährige Bassist Franz Kufner zum Beispiel muß die Erziehung seines sechsjährigen Sohnes Daniel zusätzlich zu einer 60-Stunden-Arbeitswoche bewältigen. Tagsüber verkauft er Musikinstrumente. Wochenends, wenn Mutter oder Großmutter den Jungen betreuen, tritt er mit seiner Country-Band „Space Cowboys“ auf Konzerten in ganz Deutschland auf. Nur mit beiden Jobs kommt er über die Runden.
Auch Matthias Conrad, der drei Töchter zwischen zwölf und sieben Jahren hat, klagt: „Permanent muß man arbeiten, nie kriegt man was fertig, immer knappst man rum.“ Wenn die Kinder in der Schule sind, renoviert der studierte Landschaftsarchitekt die Wohnung. „Wir sind in ein Siffloch eingezogen, weil es das einzige war, was wir in Haidhausen bezahlen konnten.“ Wenn die Kinder schlafen, verdient er Geld: Er mißt im Auftrag der Stadt München den Grundwasserspiegel. Vieles kann sich die Familie Conrad trotzdem nicht leisten: „Jetzt wollen alle meine drei Kinder Klavierunterricht und Reitstunden – das sprengt natürlich mein Budget.“ Auch Urlaub ist nur selten drin. Vergangenes Jahr waren sie für zwei Wochen auf Kreta. Kurz bevor es in den letzten großen Ferien nach Frankreich gehen sollte, brach der alte VW-Bus zusammen: „Der steht jetzt immer noch in der Werkstatt.“
Es ist nicht nur der Haushalt, der alleinerziehende Väter schlaucht. Außerdem müssen sie ihren Kinder das fehlende Elternteil ersetzen: Das heißt, sie müssen auch Trost spenden, wie es in einer vollständigen Familie in erster Linie der Mutter zukomme, erklärt der Entwicklungspädagoge Klaus Grossmann. „Klar nehme ich die Schmerzen meiner Töchter ernst. Dann drücke ich sie, trage sie herum“, sagt Matthias Conrad.
Schon immer hat sich der 34jährige gleichberechtigt um Caroline, Hannah und Sophie gekümmert: Fünfmal die Nacht ist er für sie aufgestanden, als sie Babys waren. Einmal hat er sogar ein Erziehungsjahr genommen. „Ich sehe meine Elternschaft geschlechtsneutral.“
Doch in der Gesellschaft hält sich das alte Klischee, daß Männer Karriere machen und Frauen sich um die Familie kümmern müßten. „Bei anderen Männern komme ich häufig in Rechtfertigungszwang“, sagt Matthias Conrad: „Irgendwann fang’ ich auch wieder richtig an zu arbeiten.“ Auch im Elternbeirat oder in der Kindergarten-Gruppe fühlen sich Männer oft als Außenseiter: „Manchmal gehen die Mütter auf Distanz.“ Auch Hans-Werner Duennebacke hat die Erfahrung gemacht, daß seine Kurse zu Erziehungfragen auf Frauen zugeschnitten sind: „In einem haben die über Kuchenrezepte gesprochen. Nichts für mich – da kann ich doch gleich anfangen zu stricken!“ Nur im Kurs mit dem Titel ,Wie lerne ich als Alleinerziehender einen Partner kennen’ stört ihn der Frauenüberhang weniger: „Bin ich halt der einzige Mann – na und?“
Die verschiedenen Aspekte der Vaterrolle, werden auf den „5. Münchner Vätertagen“ beleuchtet, die am Wochenende in der Seidlvilla stattfinden. Außerdem gibt es dort Kabarett und Spiele für Kinder.
Siehe zum Thema alleinerziehende Väter auch: