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E L T E R N f o r f a m i l y - Ausgabe März 99, Seiten 83-86

Warum darf ich mein Kind nicht sehen ?
Ungeliebt - und abgeschoben. Viele Väter werden nach der Scheidung zum Zahlpapa degradiert.
Der Kontakt zu ihren Kindern bricht ab - oder wird von den Müttern unterbunden

[BILD: Vater und Sohn glücklich miteinander. Davon können viele geschiedene Männer nur träumen]


* Die Namen der Betroffenen wurden von der Redaktion geändert

Der Kampf ums Kind wird immer schärfer. Daß sie nach der Scheidung bei ihren Kindern abgemeldet sind und allenfalls noch zum Zahlmeister taugen, das wollen sich viele Väter nicht mehr gefallen lassen. Ihr Frust macht sie mobil. Immer mehr geschiedene Väter formieren sich in Organisationen wie "Väteraufbruch für Kinder e.V.", oder sie suchen im Internet unter "www.paPPa.com'' nach Schicksalsgefährten. Sie alle eint die Hoffnung, das zu erreichen, was ihnen per Gesetz längst zusteht: das gemeinsame Sorgerecht.

In den Vätergruppen, die um ihr Recht am Kind kämpfen, treffen sich vor allem die neuen Väter, die, nach denen wir Frauen jahrelang so laut gerufen haben. Männer, die sich ihrer Erziehungsaufgabe stellen wollen, die den Alltag ihrer Kinder miterleben und mit gestalten wollen. Männer, die sich nach einer Scheidung nicht mit der Rolle eines "Sonntags-Showpapa" abfinden können. Doch häufig ist ihnen nicht einmal diese Position vergönnt. Weil ihre Frauen, vom Trennungsgezänk entnervt, verzweifelt über die neue Situation, den einst Geliebten jetzt als Feind Nummer eins sehen; gegen den die wirksamste aller Waffen eingesetzt werden muß: die Kinder.

Zwei Stunden braucht Sven, 37 *, um seine Geschichte zu erzählen. Als Beleg dienen ihm dicke Aktenordner, gefüllt mit den traurigen Dokumenten vom Ende einer Liebe und der zähen Zersetzung einer Vater-Sohn-Beziehung. 1981 heiratete der damals 20jährige Polizist seine gleichaltrige Freundin Marion. Das Glück scheint perfekt, als acht Jahre später das Wunschkind Felix geboren wird. Sven schwelgt in Vaterfreuden, macht Fläschchen, steht nachts auf und erledigt neben dem Schichtdienst im Job einen Großteil der Hausarbeit. Er liebt seine Familie, doch Marions Wünsche nach einem zweiten Kind kann er nichts abgewinnen. "Mehr kann ich einfach nicht schaffen", warnt er. Als Marion dennoch schwanger wird, empfindet er das als Betrug an der gemeinsamen Lebensplanung.

Die Zeit nach Tabeas Geburt beschreibt Sven als täglichen Kampf gegen das häusliche Chaos und das Diva-Gebaren seiner Ehefrau. Er ist der Belastung nicht gewachsen. Kurz vor dem Zusammenbruch zieht er die Notbremse und begibt sich in eine dreimonatige Psychotherapie.

"Meine Frau macht meinen Sohn zum Ersatzpartner"

Die dort gewonnenen Erkenntnisse tun weh: "Es war keine glückliche Ehe, ich war kein toller Familienvater und erst recht kein toller Hecht im Haushalt! Im Gegenteil, ich war ein geschundener Lastesel, der sich selbst viel zuviel aufgeladen hatte." Sven steigt aus - aus der Ehe, aus der gemeinsamen Wohnung und aus gesundheitlichen Gründen auch aus dem Job. Das einzige, was er in sein neues Leben mitnehmen will, ist die Beziehung zu seinen Kindern. Sven versucht den Spagat zwischen der alten und seiner neuen Welt - einer eigenen Wohnung, dem spät verwirklichten Traum vom Sozialpädagogikstudium und schließlich auch einer neuen Liebe zur Pädagogin Monika.

Viel Freud, viel Leid, vor allem für Svens Sohn Felix. Seit Sven seine Frau verlassen hatte, war der einst umsorgte Junge zum Ersatzpartner seiner Mutter avanciert. Nicht nur, daß er jetzt den frei gewordenen Platz im Ehebett einnahm, vor allem durch Sätze wie "Du kannst die Mama jetzt nicht im Stich lassen" geriet das Kind zunehmend in Solidaritätskonflikte.

Das gemeinsame Sorgerecht steht nur auf dem Papier

Der Papa wurde zum Feind. Wie konnte der Mann, den er so liebte, nur so böse sein? Felix verstand die Welt nicht mehr. Und weil er seine Gefühle nicht mehr sortieren konnte, versuchte er, wenigstens sein Umfeld zu ordnen. Statt zu spielen, räumte er auf und putzte er. Immer wieder unterbrochen von einem schier manischen Drang, sich die Hände zu waschen, so als wolle er sich den Schmutz von der Seele bürsten. Sven spricht mit seiner Ex-Frau über eine Therapie für Felix. Ohne Erfolg.

Als Sven dann mit seiner Freundin Monika und deren Tochter Clara zusammenzieht, werden die Vater-Sohn-Begegnungen immer schwieriger. Felix wird aggressiv; er schreit heraus, was er zu Hause wieder und wieder zu hören bekommt: "Der Papa liebt uns jetzt nicht mehr, der hat ja eine neue Frau und ein neues Kind, die er viel lieber hat als uns!"

Felix' Haß richtet sich mehr und mehr auf seine Stiefschwester Clara. Seitdem er ihr den Klavierdeckel absichtlich auf die Finger geknallt hat, trauen sich die Erwachsenen nicht mehr, die Kinder aus den Augen zu lassen. Ab dem zweiten Lebensjahr ist auch Tabea bei den Besuchstagen dabei, an der jedoch dank ihrer guten psychischen Konstitution und dem Umstand, daß sie nie eine "heile" Familie erlebt hat, viel Leid abprallt.

Im Sommer '96 wird Felix gegen den Willen seines Vaters eingeschult. Der Vater wollte ihm die "Versagerrolle" ersparen, die dem Jungen dann auch prompt zuteil wird. Unfähig, sich zu konzentrieren, kann Felix dem Unterricht nicht folgen und versinkt zu Hause in Apathie. "Ihr Erwachsenen seid alle blöd", kontert er wohlmeinende Ermahnungen, isoliert sich und sitzt mit sechs Jahren reglos vor der Flimmerkiste, in der gerade eine Haushaltsdebatte übertragen wird.

Im Oktober 96 ist Scheidungstermin. Das gemeinsame Sorgerecht wird vereinbart - und von der Mutter von Anfang an mit Macht unterlaufen. Nur durch Zufall erfährt Sven den eklatanten Schulproblemen seines Sohnes. Felix muß die erste Klasse wiederholen und hat auch dann noch große Schwierigkeiten. Via Anwalt erwirkt Sven für Felix einen Platz bei der Lese-Rechtschreibförderung - die vorerst letzte Bemühung, die ihm gestattet ist. Die seltenen Besuchsnachmittage werden zur unerträglichen Qual für alle Beteiligten. Die Daten der letzten Begegnungen mit seinen Kindern haften in Svens Gedächtnis, als seien es Todesdaten: Am 15. März 1998 sieht er seine Tochter Tabea zum letzten Mal, ab dem 30. März kommt Felix nicht mehr. Daran ändert sich auch nichts, als Marion mit ihrem Antrag auf alleiniges Sorgerecht vor Gericht scheitert. "Was zählt schon ein Urteil gegen die Macht einer Mutter? Als Vater bin ich der Verlierer, aber noch mehr leiden meine Kinder. Sie haben keinen Vater, weil es ihre Mutter nicht will."

Derzeit soll per Gerichtsgutachten geklärt werden, was dem Wohl von Felix und Tabea am meisten dient.

1997 befaßten sich deutsche Gerichte in 108.871 Fällen mit dem Sorge- und Umgangsrecht. Insgesamt wurden in diesem Jahr 187.802 Ehen geschieden. Der Spiegel-Redakteur Matthias Matussek zählt "das Schreckbild des um seine Kinder ringenden Vaters zu den unerwünschten Nebenwirkungen der einst als "Jahrhundertwerk" gepriesenen Scheidungsreform des Jahres 1977."

Statt des Schuldprinzips gilt seitdem das Zerrüttungsprinzip, das die Auflösung der Ehe ohne Angabe konkreter Gründe erlaubt und dem nicht verdienenden Partner, in der Regel der Frau, das Recht auf Unterhalt sichert. In den folgenden Jahren wurde das Scheidungsgesetz immer wieder korrigiert und nachgebessert, zuletzt im Juli 1998 mit der Verabschiedung des neuen Kindschaftsrechts.

Es bestimmt: gemeinsames Sorgerecht, wenn kein Elternteil widerspricht. Eltern, die nicht miteinander verheiratet waren, können das gemeinsame Sorgerecht beantragen. Und: Das Kind hat einen eigenen Anspruch auf den Umgang mit dem nicht sorgeberechtigten Elternteil.

Soweit die Theorie. In der Praxis wird allerdings nach wie vor erbittert gekämpft. Eifersucht, Stolz und Rachegefühle siegen über die Vernunft. Viel zu oft werden die Kinder als Waffe im Rosenkrieg der Eltern eingesetzt. Um sie und mit ihnen wird gekämpft bis zur bitteren Neige, das heißt, bis sich einer der beiden, meist ist das der Vater, zum scheinbaren "Wohle des Kindes", geschlagen zurückzieht.

Doch dient eine "Kindheit ohne Vater", ein "Leben in einer vaterlosen Gesellschaft" tatsächlich dem vielzitierten "Wohle des Kindes"? Kein Psychologe, kein Pädagoge, keiner, der das Glück hatte, in einer heilen Familie aufzuwachsen, kann dieses fragwürdige "Wohl" gutheißen.

Weihnachtsgeschenke schickt der Vater per Taxi

Was mag die zehnjährige Anna-Sophia wohl von ihrem Vater halten? Einem Vater, der verschämt über die Hecke beim Schulhof linst, um einen Blick auf seine Tochter zu erhaschen. Einem Vater, der monatelang in der Mittagszeit um den Block kurvt, um "zufällig" ein bescheidenes "Hallo - wie geht's" an seine Tochter zu richten. Einem Vater, der sich nicht mehr traut, Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke persönlich zu übergeben, sondern ein Taxi beauftragt, das von der Mutter jedesmal samt Geschenk zurückgeschickt wird? Seit vier Jahren kämpft Berthold, 46, um seinen Anteil am Leben seiner Tochter. "Es geht nicht um mich", betont er immer wieder. "Es geht um Anna-Sophias Rechte an ihrem Vater." Vor dem Amts- und dem Landgericht stritt Berthold mit Erfolg um die Anerkennung des Besuchsrechts auch für ihn als Vater eines unehelichen Kindes. Er unterzog sich psychologischen Tests, die ihm seine gute pädagogische Fähigkeit als Vater bescheinigten. Trotzdem durfte er mit seiner Tochter im letzten Jahr gerade mal zehn Minuten sprechen.

Anna-Sophia wird von ihrer Mutter als Waffe benutzt, ein Machtwerkzeug, mit dem die Frau einst den sechzehn Jahre älteren Unternehmer zur Ehe zwingen wollte. Als ihr dies nicht gelang, weil Berthold nicht heiraten wollte, zerstörte sie die junge Familie, indem sie dem Vater sein Kind entzog. Berthold fühlt sich getäuscht, betrogen und ausgenutzt. Denn obwohl er nicht heiraten wollte, war er stets großzügig. Zu großzügig.

Als sich Anna-Sophia bei seiner gerade zwanzigjährigen Freundin ankündigte, kaufte er ein großes Haus und willigte ein, daß auch ihre Schwester und deren Freund mit einzogen. Sein größter Fehler, so weiß er heute. Denn nach und nach wurde er aus seinem eigenen Haus vertrieben. Seine Freundin und ihr Clan gaben ihm das Gefühl eines unerwünschten Eindringlings. Er war ein Fremder, der darum bitten mußte, seiner eigenen Tochter Geschenke machen zu dürfen, mit ihr einmal alleine ein paar Stunden spielen zu dürfen.

Nach Jahren der Kränkung und Demütigung trennt sich Berthold von seiner Freundin. Sie zog mit ihrer Schwester und ihrer Tochter aus, nur ein paar Straßen weiter, doch für Berthold unerreichbar.

Der Vater, der sich so gerne seiner Tochter widmen würde, kennt sein Kind kaum noch. Wenn er es sehen möchte, muß er es heimlich tun, als sei es ein Verbrechen. Berthold haßt diese Situation - und doch treibt ihn die Sehnsucht nach seinem Kind immer wieder dazu. Sein Kampf durch die Instanzen und die ihm gerichtlich zugestandenen Rechte haben ihm nichts gebracht. Die einzige Hoffnung, die ihm bleibt, ist, daß seine Tochter sich später selbst einmal auf den Weg zu ihrem Vater begibt. Darauf wird er warten.

Dorotee von Waldersdorff


Schluß mit dem Kampf

Kooperation statt Konfrontation - fordert der Psychologe Heiner Krabbe. Er ist erfahrener Ehestreitschlichter mit eigener Praxis und Leiter des Beratungszentrums "Trialog" in Münster. ELTERN for family sprach mit ihm

Was bringt eine Frau dazu, ihrem Ex-Mann die Kinder zu entziehen?

Die Gründe für ein Beziehungsdrama liegen fast immer auf beiden Seiten. Leider gelingt es den wenigsten, sich in der Hitze des Gefechts auch in die Lage des anderen zu versetzen. Viele Frauen sind enttäuscht und verletzt über das Verhalten ihres Mannes. Es fällt ihnen schwer, zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen ihrer Kinder zu unterscheiden.

Wie erklären Sie, daß manche Kinder ihren Vater nach der Scheidung nicht mehr sehen wollen?

Diese Kinder haben Angst. Im Krieg zwischen den Eltern trauen sie sich nicht, die Fronten zu wechseln. Oft wissen sie nicht, was sie beim Vater erwartet. Es genügt nicht, einem Kind zu sagen: "Ich will dich sehen." Kinder wollen wissen, was geplant ist.

Wie wirkt es auf ein Kind, wenn der Väter aus der Familienwohnung auszieht?

Um das Kind zu schonen, wird der Auszug des Ehepartners meist so organisiert, daß das Kind nichts mitbekommt. Das ist falsch. Denn das Kind wird verunsichert und hat das Gefühl: "Mein Vater hat mich verlassen, er ist einfach verschwunden." In der Angst, womöglich auch noch die Mutter zu verlieren, weicht es nicht mehr von ihrer Seite.

Wie durchbricht man diesen Teufelskreis?

Für beide Elternteile gilt: Schluß mit dem Kampf, raus aus dem Schmollwinkel! Statt dessen sollte sich jeder fragen: Was kann ich dazu beitragen, daß der Krieg beendet und Verhandlungen zugunsten der Kinder aufgenommen werden?

Ist das nicht ein bißchen viel verlangt? Man will sich trennen und soll dennoch kooperieren.

Es geht leichter mit der Hilfe Dritter. Am besten ist professionelle Unterstützung von psychosozialen Beratern, Mediatoren, Psychologen.

Welches Ziel haben die gemeinsamen Gesprächsrunden?

Beide Parteien müssen lernen, eine gemeinsame Gesprächsebene jenseits der Ehestreitigkeiten zu finden. Man muß auf Dauer in der Lage sein, Vereinbarungen über Besuche oder Ferien zutreffen.


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