Vorstellung von Michael Matzner, "Vaterschaft heute"
Campus Verlag, 1998, 246 Seiten


In der wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion existieren verschiedene, teilweise sich widersprechende Thesen darüber, wodurch Vaterschaft heute gekennzeichnet sei. So wird beispielsweise von den „abwesenden Vätern“, den „neuen Vätern“, den „Schattenvätern“, den „miterziehenden Vätern“ oder den „Wochenendvätern“ gesprochen.

Nicht wenige Autoren lassen sich manchmal dazu verleiten, mit ein paar Sätzen das Verhalten von ca. acht Millionen Vätern in Deutschland, welche mit minderjährigen Kindern zusammenleben, hinsichtlich ihrer Beteiligung an der Betreuung und Erziehung der Kinder, der Vater-Kind-Beziehungen sowie der väterlichen Beteiligung an der Hausarbeit zu generalisieren. Danach stellt sich in der Mehrzahl solcher Beschreibungen die Situation im wesentlichen so dar, daß der Vater in der Regel zumeist "abwesend“ sei und damit eine geringe bzw. negative Bedeutung für die Sozialisation und Erziehung seiner Kinder habe.

Es ist unbestritten, daß es solche Konstellationen auch gibt. Jedoch erscheint es nach Auffassung des Autors nicht angemessen, solche existierenden Phänomene einfach zu verallgemeinern und als das Typische darzustellen, ohne dies mit empirischen Fakten zu belegen. Dies erscheint zu gewagt, weil zur Thematik in Deutschland bisher eher wenig geforscht wurde. Mit dem in der sozialen Realität am häufigsten anzutreffenden Typus des „miterziehenden Vaters“ beschäftigten sich Sozial- und Erziehungswissenschaftler bisher vergleichsweise selten. Die weitgehende Nichtberücksichtigung der Väter, das zum Teil sehr eingeschränkte Interesse auf Dimensionen väterlichen abweichenden Verhaltens, wie zum Beispiel sexueller Mißbrauch, die manchmal wahrzunehmende "Diffamierung des Vaters“ oder die sich häufig widersprechenden Thesen über die Väter sind kein Zufall. Die möglichen Gründe werden in Vaterschaft heute genannt.

Die Diskussion um die Bedeutung der Väter für ihre Kinder ist nicht nur eine theoretische Diskussion ohne praktische Folgen. Vielmehr können prominente Thesen zum Thema durchaus einen Einfluß auf die konkrete Gestaltung sozialer Beziehungen zwischen Kindern und ihren Vätern ausüben. Dies galt zum Beispiel gerade für die vergangenen Jahre, als in Bundestag und Bundesrat der Entwurf zum neuen Kindschaftsrecht diskutiert wurde. Die Reformgegner innerhalb und außerhalb der Sozialwissenschaften verwiesen immer wieder darauf, daß „ein eklatantes Mißverhältnis von tatsächlicher Sorge für die Kinder und der Forderung nach erweiterten Sorgerechten“ durch die Väter bestehe (These der Frauenforscherin Stein-Hilbers). Vermehrte väterliche Rechte „am Kind“ solle es erst dann geben, wenn "die“ Väter ihre "Pflichten“ wahrnehmen würden. Neben der grundsätzlichen Fragwürdigkeit dieser These verkennen die Reformgegner, daß es bei den Reformbestrebungen nicht nur um vermehrte väterliche Rechte, sondern vor allem um das Recht des Kindes auf beide Eltern geht.

Angesichts der Zahl von ca. acht Millionen Vätern, die mit minderjährigen Kindern in Deutschland in teilweise sehr unterschiedlichen sozialen Konstellationen zusammenleben, erscheinen viele der gängigen Thesen und Erklärungen zum Thema Vaterschaft heute zu pauschal. Deswegen bestand ein wesentliches Ziel des Buches darin, den vorhandenen Wissensbestand gründlich zu sichten, darzustellen und daraus Folgerungen abzuleiten. Um den bisherigen Erkenntnisstand zu erweitern, beschäftigte sich der Autor außerdem mit einer bislang “unentdeckten“ Gruppe von Vätern, den alleinerziehenden Vätern.

Im ersten Kapitel wird auf die möglichen Ursachen der Widersprüchlichkeit vieler Thesen zum Thema Vaterschaft heute eingegangen.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich damit, welche Bedeutung Väter hinsichtlich der Sozialisation ihrer Kinder grundsätzlich haben können. Dies setzt voraus, daß die Väter die Möglichkeit besitzen, sich an der Betreuung und Erziehung ihrer Kinder aktiv zu beteiligen und dies auch tatsächlich tun. Damit soll aufgezeigt werden, welche Nachteile für die Kinder entstehen können, wenn dies nicht der Fall ist.

Die folgenden Kapitel beschäftigen sich mit drei verschiedenen Gruppen von Vätern: den "miterziehenden“ Vätern, den nichtsorgeberechtigten Vätern und den alleinerziehenden Vätern.

Unter den "miterziehenden“ Vätern verstehen wir die Mehrheit derjenigen Väter, die mit ihrer Frau sowie den gemeinsamen Kindern in einer Familie zusammenleben. In diesem Kapitel geht es um die Beziehung und Arbeitsteilung zwischen den Eltern, die Beteiligung des Vaters an der Betreuung und Erziehung der Kinder, die Vater-Kind-Beziehung sowie um die Einflußfaktoren väterlicher Partizipation. Die Ausführungen hierzu beruhen weitgehend auf der Auswertung empirischer Daten aus dem deutschen Raum. Aufgrund der Vernachlässigung des Vaters, der bisher fast nie im Mittelpunkt von empirischen Untersuchungen in den Forschungsgebieten Familienpädagogik, Familiensoziologie und Entwicklungspsychologie stand, mußten die hier interessierenden Daten aus einer Vielzahl von Untersuchungen, die andere Interessenschwerpunkte hatten, herausgefiltert werden. Trotz dieses zum Teil bruchstückhaften Charakters läßt sich aus der Summe der empirischen Daten ein Gesamtbild bzw. eine Entwicklungslinie deutlich erkennen.

Im Kapitel über die Situation nichtsorgeberechtigter Väter geht es um die Regelung der elterlichen Sorge nach einer Scheidung sowie die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Vater-Kind-Beziehung. Daneben wird auch auf die Situation nichtehelicher Väter und ihrer Kinder eingegangen. Anschließend werden die möglichen Folgen der Ausgrenzung von nichtsorgeberechtigten Vätern für die Entwicklung ihrer Kinder beschrieben. Am Ende des Kapitels wird die Diskussion um die Reform des Kindschaftsrechts skizziert.

Im Mittelpunkt des letzten Kapitels steht die Situation alleinerziehender Väter in Deutschland. Diese war bisher weitgehend unerforscht, da keine Untersuchung existierte, welche sich auf diese Gruppe von Alleinerziehenden konzentrierte. Wenn auch die alleinerziehenden Väter eine Minderheit innerhalb einer Minderheit sind, gibt es gute Gründe dafür, warum eine empirische Untersuchung dieser Gruppe sinnvoll ist. Die sogenannten „Vaterfamilien“ sind die schnellst wachsende Familienform. Gerade in den letzten Jahren ist die Anzahl alleinerziehender Väter stark gestiegen. So gab es im April 1998 nach amtlichen Angaben mittlerweile 308.000 alleinerziehende Väter minderjähriger Kinder. Deren tatsächliche Zahl ist niedriger und muß nach eigenen Berechnungen bei ca. 210.000 gelegen haben. Demnach wären es zu diesem Zeitpunkt trotzdem noch immerhin insgesamt ca. 480.000 Väter und minderjährige Kinder gewesen, die in einer solchen Familienform lebten.

In Anbetracht der weiter steigenden Zahl von Betroffenen ist es sinnvoll, die Informationsgrundlage über Lebenssituation und Lebensbedingungen von Vaterfamilien zu verbessern. Die Darstellung ihrer Situation könnte in Zukunft mehr Väter dazu bewegen, im Falle einer Scheidung ebenfalls diese Rolle übernehmen zu wollen. Die Ergebnisse der Untersuchung tragen vielleicht auch dazu bei, manchen „Scheidungsbegleitern“ wie Rechtsanwälten, Familienrichtern oder Jugendamtsmitarbeitern ihre eventuelle Voreingenommenheit zur Frage der Alleinerziehung von (Klein-)Kindern durch Väter zu nehmen.


Wie viel Vater braucht das Kind? Acht Millionen Männer leben mit ihren Kindern zusammen - oft, ohne Zeit für sie zu haben. Das hat Folgen ... Gleichzeitig Besprechung von diesen Neuererscheinungen:

  • Wassilios Fthenakis u. a.: Engagierte Vaterschaft. Die sanfte Revolution in der Familie
  • Michael Matzner: Vaterschaft heute. Klischees und soziale Wirklichkeit
  • Horst Petri: Das Drama der Vaterentbehrung. Chaos der Gefühle - Kräfte der Heilung
  • John Selby: Väter und ihre Rolle in unserem Leben

  • Süddeutsche Zeitung, 27.3.99

    Elisabet Bauschmidt

    Vater sein ...
    Klischee und Wirklichkeit – Eine Studie über Alleinerzieher

    Wie sind sie, die neuen Väter? Vielmehr: Wie könnten sie sein, wenn sie dürften, wie sie wollen? Wenn man sie ließe im Beruf und zu Hause? Wenn die Arbeitswelt so wäre, daß sie ihre Vaterpflichten nicht auf die materielle Versorgung und allenfalls das gemeinsame Fußballspiel, auf Schwimmengehen und Skifahren am Wochenenden reduzieren müßten. Und wenn frau ihrerseits nicht mehr beharrte auf ihrem Monopol der Fürsorge und Erziehung.

    Der Sozialwissenschaftler Michael Matzner, nicht frei von Vorurteilen, was die feministische Bewegung und deren Definitionsmacht über das Verhältnis der Geschlechter und den in neuer Form wiedergeborenen Mythos der Mütterlichkeit angeht, hat die Probe aufs Exempel gemacht. Er untersuchte Väter, die müssen, was sie sonst nicht dürfen: nämlich ganz für ihre Kinder dazusein. Alleinerziehende Väter also.

    Diese Gruppe ist, so amerikanische Forschungen, der am schnellsten wachsende Familientyp – und sehr erfolgreicher zudem. Doch beschäftigten sich die meisten Studien hauptsächlich mit gutsituierten Vätern, die, befreit von finanziellen Sorgen, sich leichter tun mit der Bewältigung von Alltagsproblemen einschließlich Hausaufgabenbetreuung und gemeinsamen Freizeitaktivitäten. Wer es sich leisten kann, die in der (und für die) Beziehung zwischen Eltern und Kindern so lästigen Nebentätigkeiten wie Putzen und Waschen von Dritten erledigen zu lassen, ist immer im Vorteil. Unter so günstigen Bedingungen hätten auch alleinerziehende Mütter eine Chance, als Muster der Lebensbewältigung zu gelten.

    Auch den Zahlen selbst ist zu mißtrauen. So war die Gruppe der ledigen unter den alleinerziehenden Vätern so klein, daß sie in den statistischen Jahrbüchern bis 1988 nicht einmal gesondert aufgeführt wurde; inzwischen ist sie so angewachsen, daß in der Bundesrepublik angeblich mehr als ein Drittel der alleinerziehenden Männer ledig ist. Matzner korrigiert diese Zahl. Er vermutet mit gutem Grund, daß es sich bei der Mehrheit gar nicht um ledige alleinerziehende Väter handelt. Die meisten leben nämlich mit der leiblichen Mutter des Kindes zusammen, in einer Familie, der, um als "normal" zu gelten, nur der Trauschein fehlt. Auf diese nun in der Tat stark wachsende Familienform, die wiederum in der Mehrheit der Fälle nach einigen Probejahren legalisiert wird, sind auch Bevölkerungsstatistiker nicht vorbereitet. Die für 1993

    angegebene Zahl von 65.000 alleinerziehenden ledigen Vätern korrigiert Matzner auf 10.000 bis 20.000. Von einer Wende am Wickeltisch kann also noch nicht die Rede sein. Matzner hat deshalb in seiner Untersuchung die ledigen Väter nicht berücksichtigt. Er befaßt sich mit dem großen Rest: den geschiedenen, getrennt lebenden und verwitweten.

    In der Bundesrepublik lebten 1996 in den 1,77 Millionen Einelternfamilien 2,5 Millionen Kinder, die Mehrheit bei der Mutter, 379 000 (15,1 Prozent) beim Vater. Er ist meist zwischen 30 und 40, ist in der Regel Vollzeit erwerbstätig (80,2 Prozent), während von alleinerziehenden Frauen nur 64,2 Prozent und meist Teilzeit arbeiten.

    Die Ursache für diese Differenz ist leicht erklärlich: Männer müssen sich nach ihrer Scheidung, nach dem Tod ihrer Frau im allgemeinen nicht erst einen Arbeitsplatz suchen. Ihre Erwerbstätigkeit wird ihnen auch deshalb erleichtert, weil sich ihre Kinder oft schon im Schulalter befinden. So läßt sich der Alltag leichter managen als dann, wenn Kleinkinder betreut werden müssen. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen ist deutlich höher als das der Mutterfamilien. Doch bei etwa 13,9 Prozent liegt das Familieneinkommen unterhalb der Sozialhilfeschwelle (bei alleinerziehenden Müttern bei gut einem Drittel).

    Die von Matzner befragten 66 alleinerziehenden Väter unterscheiden sich von der Gesamtheit der Vaterfamilien insofern, als sie einen höheren Schulabschluß haben, besser verdienen und auch häufig für Kinder unter drei beziehungsweise sechs Jahren sorgen – und daß sie in 84,4 Prozent der Fälle allein mit ihren Kindern leben.

    Der oft gehegte Verdacht, alleinerziehende Väter gäben ihre beim Scheidungsprozeß für sich (um nicht auch noch der treulosen Gattin Unterhalt zahlen zu müssen) eroberten Kinder ohnehin bei der neuen Freundin oder der Mutter zur Bewahrung ab, bestätigt sich hier also nicht. Freilich ist die Auswahl so klein ( zudem alles andere als repräsentativ), daß sich die Daten auch nicht zum Beweis des Gegenteils eignen.

    Dies ist aber Matzners Absicht, und in "Vaterschaft heute, Klischees und soziale Wirklichkeit" (erschienen bei Campus) verhüllt er sie auch nicht. Matzner will der Diffamierung und Entrechtung von Vätern, die via Frauenforschung und Jugendämtern auch bei Sorgerechtsentscheidungen Wirkung tun, begegnen. Väter, nicht nur alleinerziehende, so seine Botschaft, sind gute Väter.

    Selbstverständlich bedeutet ihnen der Übergang zum Alleinerzieher Schwierigkeiten, sowohl was das eigene Rollenbild als auch was die Reaktion der Umwelt betrifft. Es ist nun einmal vorherrschende Ansicht, daß Väter den Bedürfnissen von Kindern nicht so gerecht werden können wie Mütter; zudem sind Arbeitgeber Vätern mit zu versorgenden Kleinkindern gegenüber nicht eben aufgeschlossen. Väter haben ähnliche Probleme wie alleinerziehende Mütter. Und die heißen Sorge, ihre Erziehungsaufgabe nicht gut erfüllen zu können, das Gefühl der Vereinsamung – und: Geld beziehungsweise Zeit.

    Gerade wenn sich Alleinerzieher im Beruf engagieren, haben sie zwar von dem einen ausreichend – aber am anderen mangelt es. Immerhin kann man sich mit Geld zumindest die Zeit anderer kaufen. Wenn ein Vater die so gewonnenen Stunden für die wichtigen Aufgaben und für die Wünsche der Kinder verwendete – es wäre nicht das Schlechteste. Selbst auf die Gefahr hin, damit das Klischee vom Sonntagsvater zu bestätigen.

    SICH MEHR um ihre Kinder kümmern zu können, wünschen sich heute die meisten Väter, nicht nur die Alleinerzieher.


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    Eingestellt am 03.04.1999 - Ergänzt am 04.10.1999

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