paPPa.com informiert:
DER STANDARD (Österreich) 13./14.6.98:
An diesem Sonntag mögen die Kinder doch die Vatertagsfeiern kurzhalten. Schließlich soll kein Vater in die Verlegenheit kommen, an dem ihm gewidmeten Tag ein WM-Spiel versäumen zu müssen.
Das Bild des ergebenen Vaters, der zwischen Dienstschluß und Hauptabendprogramm einige Minuten mit dem Nachwuchs verbringt, ist leider in vielen Familien keine Karikatur. Seien es die Karriere, die Stammtischrunde, die Hobbys oder einfach das Desinteresse an dem, was zu Hause vorgeht - auch heute sehen sich noch viele Väter als Ersatzmänner, die in Notfällen einspringen, wenn weder Mutter noch Oma sich um die Kinder kümmern können, und sonst bloß erwarten, daß die Kinder am Wochenende geputzt und geschniegelt für ein kurzes Freizeitprogramm zur Verfügung stehen.
Selbst in modernen Familien bleibt Halbe-halbe meist eine Chimäre. Das Ungleichgewicht beginnt bei der Geburt (trotz väterlicher Anwesenheit Frauensache) und verstärkt sich in der Stillzeit, in der die Väter höchstens beim Bäuerchenmachen helfen. Bis das Kind der Mutterbrust entwöhnt ist, ist die Rollenverteilung meist einzementiert: Die Frauen kennen sich besser aus und haben eine engere Bindung zum Kind. Für die sich sonst überlegen fühlenden Männer höchst verunsichernd. Am besten überläßt man gleich alles der Frau.
Abhilfe kann die Väterkarenz schaffen, die zumindest einige Monate hauptberufliche Väter schafft. Hätten Österreichs Männer angebissen, wäre die im letzten Sparpaket verfügte obligatorische Aufteilung der Karenzzeit zwischen Müttern und Vätern vielleicht eine gute Idee gewesen. Da aber gerade einer von hundert Vätern den Sprung in die Karenz wagt, entpuppt sich dieser Schritt als jene Einsparungsmaßnahme, als die er auch gedacht war.
Väterkarenz ist teuer, keine Frage: Väter verdienen fast immer mehr als Mütter, und gerade junge Familien können sich den zusätzlichen Verdienstausfall kaum leisten. Aber die Vorteile sollten diese Kosten aufwiegen: Es profitiert die berufstätige Mutter, die nicht gar so lang aus dem Arbeitsprozeß herausfällt, es profitiert der Vater, der seine Beziehung zum Fratz vertiefen kann - und am meisten profitiert das Kind, das dann tatsächlich zwei Eltern hat.
Eine Aufweichung der strikten Karenzregeln und zusätzliche finanzielle Anreize könnten die triste Statistik vielleicht etwas aufbessern. Aber erst ein grundsätzliches Umdenken in der Gesellschaft und den Firmen würde in Österreich schwedische Verhältnisse schaffen, wo jeder fünfte Vater in Karenz geht.
Auch bei uns ändert sich das Bewußtsein - wenn auch langsam. Jahr für Jahr gibt es einige Väter mehr, die Windeln wechseln, ihre Babys baden und sich um Schulaufgaben kümmern. Dennoch verlieren die Väter dramatisch an Boden: Für jeden zusätzlichen "neuen Vater" kommen zwei dazu, die ihre Kinder nur am Wochenende sehen oder überhaupt den Kontakt verlieren, weil auch ihre Beziehung zerbrochen ist.
Für Männer bedeutet das Ende der Vaterrolle einen Verlust an Lebensfreude und Lebenssinn, den sie noch dazu selbst zu verantworten haben, und - wie die amerikanische Altfeministin Betty Friedan kürzlich in Wien behauptete - auch eine verringerte Lebenserwartung. Für Kinder aber ist die Scheidung mehr: die größte Tragödie ihres jungen Lebens, die ihre persönlichen und beruflichen Chancen auf Jahrzehnte hinaus verringert. Vaterlose Kinder haben mehr Schulprobleme und weniger Selbstbewußtsein, neigen eher zu Drogenkonsum und Kriminalität - und lassen sich später auch eher scheiden.
So unfair es auch den überarbeiteten Müttern erscheinen mag: Selbst ein Vater, der sich um die Kinder kaum kümmert, ist besser als einer, der überhaupt nicht mehr nach Hause kommt. Der größte Dienst, den Eltern daher ihren Kindern erweisen können, ist es, die eigene Beziehung zu erhalten und zu pflegen - und dafür manchmal die Kinder für ein paar Stunden abzuschieben, um Zeit füreinander zu haben. Sogar am Vatertag.
Ergänzung paPPa.com: Der Autor berücksichtigt unseres Erachtens zu wenig, daß Väter sich zunehmend mit ihren Kinder beschäftigen, siehe z.B. Junge Väter sind besser als ihr Ruf - Untersuchung des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg.
Wenn der Vater Quatsch macht - Alte Rollenbilder verblassen
Ost und West ist auf der Suche nach einer neuen "Mütterlichkeit"
und "Väterlichkeit"
So viele Lebensmodelle, so viele Väter. Man findet Feierabend-, Stief-, Urlaubs-, Lebensabschnitts-, Wechsel-, Spielgruppen-, Zweit- und Drittväter. Es gibt Zahlväter, schwule Väter und väterliche Freunde. Das Vaterbild in der Krise? Oder ein "kreatives Chaos", das hoffen läßt?
"Gerade in den vielen gescheiterten und ungeraden Beziehungen steckt eine große Chance für Veränderungen", sagt der Kölner Pädagoge Dieter Schnack. Zum ersten Mal hat jetzt eine Tagung die verschiedenen Welten zusammengebracht, die bisher nur separat behandelt wurden: "Väterlichkeit" und "Mütterlichkeit" in Ost und West. Ausgerichtet wurde sie von der Heinrich Böll Stiftung, gemeinsam mit der Publizistin Katrin Rohnstock, die sagt: "Die alten Rollenmodelle funktionieren nicht mehr. Wir befinden uns in einer Zeit der Unsicherheit, des Übergangs zu einem neuen Geschlechtervertrag."
Was "Mütterlichkeit" ist, hat wohl jeder erfahren. Was aber ist "Väterlichkeit"? Weder im Osten noch im Westen hat diese Frage je eine besondere Rolle gespielt. Der Ruf nach einem Ausbau der Väterrechte fand vor der Wende in der DDR kein Echo. Bereits die Verfassung von 1949 erklärte es zur staatlichen Aufgabe, dafür zu sorgen, daß die Frau Beruf und Mutterschaft vereinbaren konnte. Für die Männer war es klar, daß sie arbeiten gingen und nebenbei Väter waren. Das Babyjahr nehmen oder beim kranken Kind zu Hause bleiben konnten sie bis 1986 nicht, und danach auch nur, wenn es Gründe für den Ausfall der Mutter gab.
Im Westen wiederum herrschte lange der Typus des Ernährers vor. Die Adenauer-Republik förderte ein traditionelles Familienbild auf der Grundlage der "natürlichen Ordnung" der Geschlechter. Noch in den fünfziger Jahren war der Mann berechtigt, den Arbeitsplatz seiner Frau zu kündigen. Die sozialliberale Reformpolitik der siebziger Jahre sorgte für die gesetzliche Gleichstellung der Geschlechter, deren Umsetzung jedoch sofort wieder durch die sich verschärfende Situation auf dem Arbeitsmarkt in Frage gestellt war. Beides war kaum unter einen Hut zu bringen: volle Erwerbstätigkeit und Mutterschaft. Ein Teil der Frauenbewegung reagierte trotzig mit der Verweigerung der herkömmlichen Mutter- und Frauenrolle, forderte den Einzug in die Bereiche, die die Männer bis dato für sich in Anspruch nahmen Geschlechterkampf statt gleichberechtigter "Mütterlichkeit" und "Väterlichkeit".
Der Balanceakt zwischen Beruf und Familie ist heute eher noch schwieriger zu meistern, die Verhältnisse sind noch familienfeindlicher geworden. Zugleich wachsen die Lebensansprüche junger Frauen und Männer. Väter entdecken mehr und mehr, daß sie den Anschluß an die Familie verlieren. Frauen wollen den Beruf und die Familie."Ich definiere mich sehr stark über das, was ich tue", sagt eine junge Historikerin aus dem Westen. Sie würde nicht mehr wie ihre Mutter, eine Chemikerin wegen eines Kindes für immer aus dem Beruf aussteigen. Auch Männer schreckt das traditionelle Rollenbild eher ab. Eine Zuhörerin nannte es das "Modell Al Bundy" nach jenem amerikanischen TV-Serienvater, der den ganzen Tag Schuhe verkauft, abends frustriert nach Hause kommt, den Scheck rüberschieben darf und sonst nichts zu sagen hat.
Jüngere Studien zeigen, wie wichtig der Vater für die Familie ist, und zwar von Anfang an. Der Berliner Psychoanalytiker Horst Petri erklärte, daß sich das familiäre Machtgefüge sehr früh herstellt. Bereits Säuglinge und Kleinkinder erleben die Eltern als getrennte Personen. Der Vater hat dabei unter anderem die Aufgabe, eine lebenslange Fixierung des Kindes auf die Mutter zu verhindern, indem er Trennungsängste abpuffert und Autonomie fördert und sei es durch den "Quatsch", den er mit dem Kind macht. Eine Befragung zeigt, daß für die Orientierung von Kindern die Berufstätigkeit beider Eltern wichtig ist, besonders die der Mütter für die Töchter. Eine andere Untersuchung bestätigt die Vermutung, daß abwesende, verschlossene Väter auch ebensolche Söhne produzieren."Mein Vater war blind, er spürte nicht meine Not, meine Einsamkeit", sagt ein Germanist, der heute selbst nicht mit seinem Sohn umgehen kann."Männer müssen mit Männern ins Gespräch kommen", fordert der Pädagoge Dieter Schnack."Es gibt auf der Männerseite keine Kultur, das Private im Betrieb mit einzubringen."In der Kneipen- und Fußballwelt übrigens auch nicht. Vielen wird nie klar, was ihnen entgeht. Schnack erinnert sich an seinen Vater, 1923 geboren, Industriearbeiter im Westen, drei Schichten in einem heißen, lauten Betrieb. Er weiß noch, wie er roch, wie seine Arbeitstasche aussah, daß er im Laufe der Jahre immer schwerhöriger und seine Rolle in der Familie "immer weniger" wurde. Die Mutter war das Zentrum des Familienlebens. Sie entschied alles. Zu ihr kamen die Kinder mit ihren Problemen."Erst als er sehr alt war, habe ich gemerkt, mit wieviel Liebe er mein ungerades Leben verfolgt hat. Ich glaube, daß er zu den Männern gehört, die um die Früchte ihrer Liebe betrogen wurden", sagt Schnack.
Gründe, sich über Lebensvorstellungen auszutauschen, gibt es genug. Im Westen sind 38 Prozent und im Osten 33 Prozent der Männer auf der Suche nach einem neuen Rollenbild. Das ergab eine repräsentative kirchliche Studie von 1998, gefördert vom Bundesfamilienministerium, die der Bochumer Soziologe Rainer Volz vorstellte. Erstaunlich ist die große Übereinstimmung von Männern in Ost und West, zehn Jahre nach dem Fall der Mauer. Sie hat viel mit den vielfältigen Wandlungen der Gesellschaft zu tun.
Als "traditioneller" Mann, der die Familie ernährt, die großen Entscheidungen trifft und die Zukunft plant, sieht sich heute nicht einmal mehr jeder fünfte. Allerdings versteht sich auch nur jeder fünfte als "neuer" Mann, wobei der Anteil im Osten etwas höher ist. Dieser Typus, der im Alter von 20 bis 40 Jahren und eher in qualifizierten Berufen zu finden ist, bleibt auch einmal für seine Kinder zu Hause, sieht in der Frau keine Konkurrentin, kümmert sich regelmäßig um den Haushalt, kann seine Gefühle zeigen und lehnt Gewalt ab. Doch diese "neuen Väter", so hat man auch festgestellt, sind nicht das, was die Öffentlichkeit aus ihnen macht. Sie helfen zwar im Haushalt mit, spielen mit ihren Kindern, lassen Drachen steigen, gehen zum Schulfest. Aufgaben wie Waschen, Windeln und Krankenpflege werden jedoch weiterhin gern an die Frau delegiert."Ein knallharter Indikator ist: Wer macht das Klo sauber?" sagt die Berliner Soziologin Ursula Schröter. Etwa jeder vierte Mann sieht sich als "pragmatisch" (egozentrisch, aber auch solidarisch). Für Volz könnte das der "Typ der Zukunft" sein.
Und wie ist es bei den Frauen? Vor allem im Westen schwinden alte Rollenbilder, wie eine Allensbach-Repräsentativstudie 1996 ergab. Das traditionelle Mutter-"Vorbild" ist tot. Nur noch 17 Prozent der Frauen zwischen 25 und 45 Jahren in West-Großstädten definieren sich über die traditionelle Rolle. Im Osten sind es fünf Prozent. Spontane Reaktionen auf die Werbung ergaben, daß sich die meisten weder als "blöde Mutter-Kuh", "Super-Frau", noch als "Power-Girlie" oder "Karrierefrau" sehen. Sie wollen Beruf, Kind und Partnerschaft unter einen Hut bringen.
Vor allem bei den Frauen wird deutlich, wie nachhaltig die unterschiedliche Familienpolitik in Ost und West noch immer wirkt. Bereits die Mütter und die Großmütter der jungen Frauen im Osten waren voll berufstätig, nahmen am gesellschaftlichen Leben teil. Trotz der "Verschärfung des Arbeitsmarktes", der auch in vielen Ost-Familien die alten Rollenverhältnisse wieder herstellt, trotz der vielbeklagten "Doppelbelastung" und der Konflikte, die eine berufstätige Mutter mit sich auszutragen hat, sehen es noch immer 70 Prozent der Frauen als Ideal an, Mutterschaft und Vollbeschäftigung zu verbinden, im Westen dagegen nur 16 Prozent. Hier ist die Orientierung auf Mutter mit Teilzeitjob ausgeprägter (51 Prozent).
Auch wenn viele ostdeutsche Männer "Väterlichkeit" als neuen Wert erst entdecken müssen als Väter haben sie im Osten noch immer ganz selbstverständlich ihren Platz. 80 Prozent der geschiedenen Väter pflegen einen intensiven Kontakt zu ihren Kindern. Im Westen sind es nur 50 Prozent. Der Leipziger Sexualforscher Kurt Starke sagt: "Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß die ostdeutschen Väter anders bleiben weil sie Ostmütter hatten und Ostfrauen haben."
Noch optimistischer stimmt, daß im Osten und im Westen gleichermaßen für Jugendliche von 14 bis 17 Jahren noch immer die Werte "Partnerschaft und Familie, im Verein mit Ausbildung und Arbeit" ganz oben stehen. Bei 37 Prozent spielen Kinder für das künftige Lebensglück eine "sehr starke Rolle". Nur zwölf Prozent schließen sie völlig aus. 94 Prozent glauben an die große Liebe."Junge Liebende zeugen irrational Kinder, auch wenn rational alles dagegenspricht", sagt Starke.
Wie ist also der Ausblick? Die Rollenmodelle in Ost und West sind in Bewegung. Mit einer verbindlichen Teilung des Erziehungsurlaubs, Teilzeitmodellen, Arbeitszeitverkürzungen so wird gefordert soll die Gesellschaft den Vätern die Möglichkeit geben, in die Familie zurückzukehren. Eine neue Art Geschlechtervertrag, in dem beide Seiten von ihrer Macht (über die Arbeitswelt, über die Kinder) abgeben, ist notwendig. Die Familie wird nicht aussterben. Doch, und auch das wurde auf der Tagung deutlich: Die Kleinfamilie ist von diesem Balanceakt Kinder, Beruf, Partnerschaft, Freunde, Selbstverwirklichung überfordert. Vor allem im Westen finden sich daher mehr und mehr Formen wie Wahlfamilien, Wohngemeinschaften, gemeinsame Häuser oder Eltern-Kind-Gruppen. Im Osten funktioniert nach wie vor das "gute alte Modell Großeltern".
Berliner Morgenpost, 9.8.98
Wenn er an "dieses unglaubliche Glücksgefühl" kurz nach der Geburt seines ersten Kindes denkt, dann kommen Werner S. noch heute die Tränen. An einem klaren Januarmorgen, hielt der Feuerwehrmann zum ersten Mal seine Tochter in den Armen, ein nacktes Bündel Mensch mit Resten von Käseschmiere in den Haaren. So etwas "ist einfach unbeschreiblich". Heute, sechs Jahre und eine Geburt später, weiß der Mittdreißiger, "daß man sich als Mann und als Vater seinen Platz in der Familie erst suchen muß, sonst bleibt man außen vor". Er hat gelernt, daß "in öffentlichen Schwimmbädern die Wickeltische grundsätzlich neben den Damenduschen stehen", und er hat erfahren, "daß man als Mann gut beraten ist, auf dem Spielplatz alle Mütter zu kennen. Anderenfalls wird man sofort als Sittenstrolch verdächtigt."
Vatersein - ein Job mit Tücken, dem nicht jeder gewachsen ist. Knapp 800 000 Männer lassen sich pro Jahr auf das Abenteuer Vaterschaft ein, das ihnen Qualitäten abverlangt, mit denen ihre Väter und Großväter bis heute nichts im Sinn haben. Geduldig begleiten sie ihre Partnerinnen zu Geburtsvorbereitungskursen, massieren schmerzende Rücken und stehen nach der Geburt bereit, um die Nabelschnur des Neugeborenen zu durchschneiden. Wer nicht mitgeht in den Kreißsaal, wissen angehende Väter, ist unten durch bei Frauen. Und doch, klagen Familientherapeuten und ein Heer überlasteter Ehefrauen, tun sich die meisten Männer heute schwerer denn je mit ihrer Vaterrolle. Hin- und hergerissen zwischen dem Rollendenken ihrer eigenen Väter und den Ansprüchen einer Frauengeneration, die ihnen den Rückfall in alte Verhaltensmuster immer weniger verzeiht, suchen Männer nach ihrem Part im Familienorchester, ohne bislang fündig geworden zu sein.
Es gebe wenig Klarheit, wie ein Leben als Vater heute aussehen könne, konstatieren Dieter Schnack und Thomas Gesterkamp in ihrem Buch "Hauptsache Arbeit" (Rowohlt, 14,90 DM) und sprechen damit ihren Geschlechtsgenossen aus dem Herzen. Die Beziehung vieler Väter zu ihren Kindern, so das Autorenduo, sei derzeit von einer "schwer zu beschreibenden Unsicherheit geprägt". "Wenn man als Mann will, daß die Rollen gerecht verteilt sind, dann muß man hart dafür kämpfen, nach innen und nach außen", faßt Werner S. sechs Jahre Erfahrung als Vater zusammen. Für ihn und Ehefrau Maria war von Anfang an klar, daß er "in der Familie mehr als nur eine Ernährerfunktion haben sollte". Die Sonderpädagogin wollte nach der Geburt des zweiten Kindes mit reduzierter Stundenzahl wieder ins Berufsleben einsteigen, Werner S. träumte davon, "soviel Zeit wie möglich mit den Kindern zu verbringen". Doch das anvisierte Familienmodell hatte Startschwierigkeiten. An manchen Tagen, erinnert sich Werner S., habe er sich in seiner eigenen Wohnung wie ein Fremder gefühlt. "Die ersten Jahre waren die Kinder total auf die Mutter fixiert, ich habe bei denen gar keine Rolle gespielt." Warum das so war? Darüber hat er damals lange nachgegrübelt. "Die Kinder haben gesehen, daß die Mutter meistens da, also zuverlässig ist." Ihn, den Vater, hingegen erlebten sie als häufig abwesend, sprich: als unzuverlässig. Jahre habe es gedauert, "bis sie begriffen haben, daß der Papa am nächsten Morgen wieder da ist." Erst heute, sechs Jahre nach der Geburt des ersten Kindes, funktioniert das Zusammenleben ohne nennenswerten Frust. Mit Gelassenheit erträgt er inzwischen die hämischen Kommentare der Kollegen, wenn er es ablehnt, nach Dienstschluß noch mit in die Kneipe zu gehen. Daß man sich als Vater für seine Kinder interessiere, so seine Erfahrung, sei "nach wie vor weder selbstverständlich, noch wird es allgemein akzeptiert".
Nur langsam gewöhnt sich die Gesellschaft an Männer, die ihre Vaterrolle anders ausfüllen wollen als die Generationen vor ihnen. Für den Familienforscher Wassilios Fthenakis stellt sich die Identitätssuche der modernen Väter vor allem als "kulturelles Problem" dar. Männer seien zwar ebenso kompetent wie Frauen, sich um den Nachwuchs zu kümmern. Doch scheiterten sie häufig an "unangemessenen kulturellen Erwartungen, an nicht familiengerechter Organisation der Arbeit" und an anderen Dingen, "die es den Vätern nicht erleichtern, ihre Identität neu zu definieren". Wer etwa seine Arbeitszeit der Familie zuliebe freiwillig reduzieren wolle, so Dieter Schnack und Thomas Gesterkamp, der gelte schnell als "Verweigerer". Die wenigsten Männer lösen ihren Anspruch auf Erziehungsurlaub ein: Sie stellen nur 1,5 Prozent der Babyurlauber. Altes Rollendenken? Angst vor einem Karriereknick? Oder Druck einer Gesellschaft, die wenig Raum läßt für "unkonventionelle" Lebensformen? Vatersein heute - ein Zustand zwischen Hoffen und Bangen. "Wenn eine Frau sagt, sie will ein Kind von dir, dann klingt das sehr absolut", sagt Klaus M., Verwaltungsangestellter. "Als Mann hat man da keine Chance. Sie will, oder sie will nicht." Ehefrau Monika wollte. Und Klaus M. willigte nach langem Zögern ein. Fünf Jahre nach der Hochzeit mußte er "Farbe bekennen. Sonst hätte ich meine Frau verloren." Klaus M. will nicht mißverstanden werden. Er mag Kinder. Aber er fürchtete sie auch. "Ich dachte, wenn das Kind erst einmal da ist, dann bleibt für dich nichts mehr übrig. Die Frau hat immer das Kind auf dem Arm, und du kannst nur noch zugucken."
Überflüssig, ausgegrenzt und allein gelassen fühlen sich viele der "neuen Väter", wenn ihre Zweierkiste zum Familienmodell mutiert. Sie fürchten finanzielle Krisen, für deren Behebung sie allein verantwortlich sind, bangen um ihre Unabhängigkeit und haben Angst, die Liebe ihrer Partnerin zu verlieren. Eine Schwangerschaft gilt zwar einerseits als "Potenznachweis", schreibt die Psychologin Helgard Roeder ("Mit einem Kind habe ich nicht gerechnet", rororo, 14,90 DM), konfrontiere die Männer jedoch auch "mit dem Erlebnis der eigenen Ohnmacht". Ihre Befürchtungen und Ängste würden, im Gegensatz zu den Ängsten der Frauen, in der Regel nicht ernstgenommen, bemängelt Diplompsychologe Hermann Bullinger ("Wenn Männer Väter werden", rororo, 12,90 DM). Folglich könne der Mann "sich und sein eigenes Erleben selbst auch nur schwerlich ernst und wichtig nehmen".
Für eine Geburtsvorbereitung speziell für Männer plädiert Lutz Moretti-Oppermann, geschieden, Vater von zwei Töchtern. Seit Jahren engagiert sich der Arzt und Gesprächstherapeut in Männergruppen. In Köln gründete er mit einem Sportlehrer und einer Psychologin die "Europäische Väter Akademie", die "ein neues Rollenverständnis von Vätern fördern und stärken soll". Das Team bietet unter anderem Geburtsvorbereitungskurse für Männer an. Anders als eine Frau, sagt Moretti-Oppermann, erlebe ein Mann Schwangerschaft und Geburt rein mental. Und darüber müsse gesprochen werden. "Was habt ihr für Erwartungen, für Ängste", fragt er werdende Väter. "Die müssen sich sofort, wenn es losgeht mit der Schwangerschaft, darauf vorbereiten, eine Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen. Nicht erst, wenn es sprechen kann."
Klaus M. brauchte Wochen, ehe er den Mut fand, sich mit seinem ungeborenen Kind auseinanderzusetzen. Anfangs habe er sich "vor allem mit den Auswirkungen auf unser bisheriges Leben beschäftigt". Bis er sich dann irgendwann diesen Säugling vorgestellt hat. "Wie er mich anguckt und vielleicht mal grinst und mich wiedererkennt." Wenig später erfuhr Monika M., daß sie Zwillinge erwartete. Für Klaus M. war die Nachricht "eine Befreiung" - er weiß selber, wie paradox das klingt. "Jetzt war für mich auch ein Kind da, und ich brauchte nicht mehr zu teilen."
Siehe auch: Männer '98 - einsame Helden des Alltags