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22. August 1998 Lieber Gerhard, vor vier Wochen hattest Du mich zum letzten Mal angerufen und mir von Deinen Schmerzen erzählt, die Dir den Unterleib abschnürten. Vielleicht wußtest Du an diesem Tag bereits, daß wir uns von Dir in Kürze verabschieden müssen, ohne daß wir uns noch einmal treffen können. Deine Schmerzen müssen unerträglich gewesen sein, denn Du hast in all den Jahren, seit ich Dir zum ersten Mal begegnen durfte, sehr selten darüber geklagt. Immer stand für Dich Deine kleine Tochter, die Du aus Grausamkeit der Behörden und Gerichte nicht mehr sehen und die Du nicht mehr in ihrer Entwicklung erleben durftest, im Vordergrund aller Bemühungen um eine bessere Gesellschaft, in der Kinder ihre Eltern als Vorbilder haben können. Dafür hast Du Dich in Deutschland eingesetzt - aber das hat Dich auch zu der unheimlichen, tödlichen Krankheit geführt, Dich an den Rollstuhl gefesselt, aus dem Deine ehemalige Lebenslust Dich dazu gebracht hat, sich für die gemeinsame Sache, Kindern ihre Väter zu erhalten, bis an Dein Lebensende, das mit unter 50 Jahren viel zu kurz war, mit allem, was Du noch konntest, einzusetzen. Ich erinnere mich: Etwa im Jahr 1995, als mich Peter Schmitt ansprach und sagte "Den Heilig Vadder aus Lautere müsse mer auch einlade, den dürfe mer net vergesse!" Seit dieser Zeit hatten auch wir Kontakt, hatten viele Pläne, von denen wir nur wenige umsetzen konnten - dafür war einfach die Entfernung zu weit. Das Unrecht der Familienrechtspraxis hat Dich krank gemacht, hat Deinen lebenslustigen Körper und Geist zerstört, hat Dich zum Krüppel gemacht. Aber gebeugt hast Du Dich nie, schon gar nicht vor den sogenannten "Großen" in der Politik - im Gegenteil: Ich erinnere mich, wie wir zusammen mit Hilmar im Haus von Ministerpräsident Kurt Beck waren und Du Deine Geschichte vorgetragen hast und dabei auf die Misere hingewiesen hast; an das Telefonat, das nach der Kindschaftsrechtsreform von Dir kam, nachdem Du mit dem Justizminister Cäsar gesprochen hattest. Ich erinnere mich, wie Du in Wiesbaden bei dem Treffen zur Vorbereitung des "Bündnis für Kinder und Menschenrechte" dabei warst und immer wertvolle Impulse, abseits der eingefahrenen Vereinsmeierei, gegeben hast, wo Du Dich angeboten hast, die politischen Kontakte zu "Lockenköpfchen" oder "Wasserfall" aufzunehmen, in dem Bewußtsein, der Schäuble der Väterbewegung zu sein. Neben Deiner Arbeit im Hintergrund durch die vielen Telefonate mit Politikern und durch die Beratungsarbeit für betroffene Väter - von den vielen Impulsen, die Du durch Deine charismatische Persönlichkeit geben konntest - warst Du vielleicht einer der Stilleren, aber damit auch einer, der in der Bundesrepublik dazu beigetragen hast, das Elend von Kindern, die ihre Väter verloren haben, zu lindern. Hierfür möchte ich Dir danken - ich denke, im Namen vieler. Aber Du bist nicht nur dieser "offizielle" Gerhard Heilig gewesen, der heilig Vadder aus Lautere, der als erster Mensch während seines Lebens heilig gesprochen wurde. Wie gern hast Du diese Geschichte Deines Namens erzählt. Wie viele Anekdoten hast Du erzählt, wie viele gibt es über Dich, ich kenne davon wohl nur einen kleinen Teil. Ich habe von Deiner großen Liebe zu Korsika erfahren dürfen, das Du über alles geliebt hast. Mit den Erinnerungen aus diesen Zeiten hast Du Deine Wände geschmückt. Du hast von den schönen Frauen erzählt, denen Du dort begegnet bist; Du hast davon erzählt, daß die Korsen Dich aufgenommen haben wie einen der ihren, obwohl Du ein Deutscher warst. Das ehrt Dich nicht nur, sondern es zeigt, daß Du Weltbürger warst, daß Du ein Mensch warst, dem andere Menschen und ihre Schicksale "heilig" waren. Ich erinnere mich an eine Rundfahrt durch die Pfalz, als Du mir die Schönheiten Deiner Heimat gezeigt hast, als ich von Dir auf einen Berg geschickt wurde, um von dort oben aus der Burgruine auf die umliegenden Wälder und Städte zu sehen, während Du in Deinem Rollstuhl unten am Fuß des Berges Deine früheren Erlebnisse noch einmal Revue passieren ließest und mir dann aus den schönen Tagen Deines Lebens erzähltest. Ich erinnere mich an die Abende und Nächte, in denen wir bei Rotwein in Deiner kleinen Wohnung über den Dächern Deiner Stadt saßen und Du aus Deinem reichhaltigen Leben erzähltest: von schönen Frauen, Feiern, Erlebnissen aus fernen Ländern und der morgens verschwundenen Pekingente, die von der Feier übrig geblieben war und Deinem daraufhin ebenfalls sehr zufriedenen Hund, der diese von Dir liebevoll zubereitete Pekingente über Nacht entsorgte, so daß Dir das Abwaschen der Schale, auf der diese Ente noch am Abend lag, abgenommen wurde. Ich erinnere mich an die Telefonate, in denen Du mir mitteiltest, daß Du bei Deinem Kaufmann Saumagen entdeckt hattest, wobei Du mich damit locktest, wieder einmal zu Dir zu kommen und über Gott und die Welt zu reden, wo Du mich mit Deinen Kochkünsten aus dem Rollstuhl verwöhnen konntest und mir dabei erzählt hast, wie Du einem väterlichen Freund zu einem Liebesabenteuer verholfen hast, als Dein Nachbar zu Dir in die Wohnung kam und ebenfalls von seinen Erlebnissen des vergangenen Wochenendes erzählte. Lieber Gerhard: Noch nicht einmal 50 Jahre erfülltes Leben sind nun für Dich vorbei. Wir haben mit Dir einen Menschen verloren, der nicht nur Vorbild war, sondern vor allem ein Mensch, der uns Lebensmut gegeben hat, in aller Traurigkeit, die ihn und uns umgab und noch umgibt, der Mut gemacht hat, einfach zu leben, Mut gemacht hat, zu kämpfen für eine bessere Welt, zusammen mit unseren Kindern. Begleite unseren Weg, auch wenn wir Dir jetzt nur noch in unseren Herzen einen Platz auf dieser Erde anbieten können. - Horst Schmeil, Berlin - Dr. Hilmar Rohde, Landau -
Anmerkung paPPa.com: Gerhard Heilig starb einsam im Krankenhaus. Sein größter Wunsch: Die Tochter sehen - blieb unerfüllt, alle "Illusionen" brachen nach den neuesten Mitteilungen zusammen, kein "Kampfgeist" mehr, nach all den Jahren. Hoffnungen zerplatzten wie Seifenblasen. Familienrichter und die Mutter seiner Tochter hatten kein Einsehen ... Er wurde am 13. August 1998 im engsten Familienkreis - ohne Tochter - beerdigt. Sein Schicksal teilen jedes Jahr ca. 6.000 Väter allein durch offensichtlichen Selbstmord - wieviel mehr sterben wie Gerhard an einer "natürlichen" Todesursache wie Herzinfarkt oder anderem? Auch ihnen gilt dieser Nachruf. |
Peter Schmitt
Für mich war er als Vorbild der Kämpfer für Elternrechte in der Bundesrepublik Deutschland, so wie es Martin Luther King für die Menschenrechtsbewegung der Schwarzen in den USA war. Auch Gerhard Heilig hätte sagen können "I have a dream - I have a big dream".
In ihm war der Geist eines Märtyrers. Aus ihm lebte die Liebe seines Kindes, das man ihm nahm.
Durch ihn habe ich Kraft und Glauben gefunden, mit ihm zusammen für das Lebenskraft aufzubringen, was wir lieben, und auch durch uns lebt, nämlich unsere Kinder. Als ich ihn Oktober 95 kennenlernte, sah ich einen Mann, der von Gesetzen zerbrochen schien. Doch als er sich mit mir unterhielt, sprach ein Vorbild zu mir. Und als er mir etwas schenkte, was mich auf meinen weiteren Weg begleiten sollte, merkte ich, das er mich als einer seinesgleichen sah.
Doch, verzeih mir Gerhard, das ich zu deinen Lebtagen Dir die Achtung wahrscheinlich nie vermitteln konnte - in den oft langen persönlichen und telefonischen Gesprächen. Vielleicht waren wir beide so in dieser Thematik - Umgang- und Sorgerecht - verstrickt, daß wir vergessen haben, auch mal über unsere Gefühle, Ängste und Traurigkeit zu reden. Aber auch über die ganz normalen Sachen.
Du hast damals voller Ehrlichkeit mir gezeigt, wie stolz du auf mich und meine anderen Mitstreiter warst, als wir am 17.11.96 Prof. Edward Schmitt-Jortzig als Bundesjustizminister betreffs Kindschaftsrechtsreform nach Mannheim geholt und ihm ein rustikales Streitauditorium geboten haben. Deinen Satz : "Endlich fühl´ ich mich nicht mehr allein!" habe ich nicht vergessen. Auch war für mich selbstverständlich, das ein Bundesverband ohne Dich nie ein Bundesverband hätte sein können, weil Du der geistige Lenker unserer menschlichen und staatlichen verursachten Probleme bist.
Du hast immer wieder Deine Lebenskraft aus schier unglaublichen Niederlagen und Enttäuschungen in unbändigen Mut und Elan umgewandelt. Gebündelte Sachkunde haben selbst eine Margot von Renesse als SPD-Bundestagsabgeordnete sowie auch den Ministerpräsidenten Kurt Beck von Rheinland-Pfalz Dich als gestandenen Demokraten für Menschenrechte erkennen lassen. Ein Menschenrechtsbürger ohne Scheinheiligkeit, ohne kapitalistische Interessen und absolut seiner Überzeugung ergeben. Ein Charakter, von dem sich die meisten Politiker vor schlechtem Gewissen verneigen müssen. Das Pro Deiner Tätigkeit war die Politik und die Politiker - doch diese Menschengruppe ist so billig bzw. schlecht und menschenrechtsverbrecherisch, daß ich sie in Gedanken an Dich hier nicht weiter behandeln möchte.
Gerhard, Du wirst auch in mir weiterleben - verbunden mit der Hoffnung, daß viele Millionen Eltern nur halb soviel von dem besitzen müßten, was du hattest: Die Liebe zu den Kindern zu verinnerlichen. Um sie zu übertragen auf unser Erwachsenendasein.
Servus Gerhard
Vorletzte Woche starb Gerhard Heilig, ein kaiserslauterer Vater, der seit Jahren sein Leben dem Ziel gewidmet hatte, seine Tochter noch einmal sehen zu dürfen.
Gesehen hat er sie nicht mehr, auch seinen letzten Gang, seine Beerdigung mußte er ohne sie antreten.
Seit Jahren an den Rollstuhl gefesselt, ließ er sich nie entmutigen, kämpfte mit einer unglaublichen Energie, mit vollem Einsatz. Manchem Nichtbehinderten wie mir trieb es die Schamröte angesichts unserer eigenen bescheidenen Einsätze ins Gesicht.
Immerhin zählten Personen wie Ministerpräsident Kurt Beck, die Familienpolitikerin Margot von Renesse und andere bekannte Politiker zu seinen Kontakten. Geholfen hat es ihm in seiner Sache nichts mehr.
Dennoch wäre unsere Gesellschaft eine andere ohne sein Werk.
Wir waren nicht immer einer Meinung, nicht jede seiner Strategien fand meine Begeisterung. Dennoch war er nie nachtragend, nahm Kritik niemals persönlich.
Nie ließ er sich von Gruppenzugehörigkeiten abhalten, über den Tellerrand zu schauen, mit Andersdenkenden nach Gemeinsamkeiten zu suchen, solidarisch zu wirken und das Ziel im Auge zu behalten.
Die Welt ist ärmer ohne ihn. Sein Durchhaltevermögen und seine Toleranz werden mir immer ein leuchtendes Vorbild sein. Wir wollen sein Andenken bewahren, indem wir nie den Mut verlieren, auch wenn das Ziel in weiter Ferne bleibt.
Günter Dantrimont, Kaiserslautern