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NDR-Talk vor Mitternacht: Scheidungsrecht -
Die vaterlose Gesellschaft
- Teilnehmerbericht vom 5.1.1998, 23:00-24:00 Uhr-
Podiums- und Studiogäste: Armin Emrich, paPPa.com e.V., Sabine Karte, SPIEGEL special-Redakteurin; Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, MdB F.D.P., Jusitzministerin a.D., Hera Lind, Buchautorin, Medienfrau; Prof. Dr. Siegfried Willutzky, Präsident des Deutschen Familiengerichtstages
Heimspiel auswärts
Kleines Studio, volle Väterbesetzung. Wollte man Zwichenüberschriften zu den einzelnen Diskussionsinhalten und -beiträgen finden, so könnten sie lauten:
Trotz strittiger, emotional geführter Auseinandersetzung kristalisierte sich heraus: Väter sind unter den gegebenen gesellschaftlichen Voraussetzungen und der derzeitigen Rechtsordnung schlicht angeschissen. Aber, so rechtfertigten immer wieder Frau Leutheuser-Schnarrenberger und Prof. Dr. Willutzki die neue Kindschaftsrechtsreform, mit ihrem in Kraft treten am 1. 7.1998 wird sich dies alles ändern. "Heute reicht ein Kopfschüttlen der Frau aus und es gibt kein gemeinsames Sorgerecht, morgen ist die gemein same Sorge der Regelfall", so Willutzki. Nur verhaltene Zustimmung und Mißtrauen bei den Vätern, noch viel zu viele "Aber" im Falle von nichtehelichen Vätern. Abwarten.
Hera Lind, als feministische Autorin bekannt, gab sich sehr zurückhaltend, eher beeindruckt vom väterlichen Engagement. Sie als Mutter von drei Kinder lebt mit dem Vater ihrer Nachkommen seit Jahren schon in einer unehelichen Lebensgemeinschaft und würde den Kindern nie ihren Vater entziehen wollen.
Sabine Karte, Spiegelautorin ("Väter braucht das Land!") und Matusekkontrahentin, wollte sich gar nicht richtig wohl fühlen. Moderator Kühn versuchte, sie aus der Reserve zu locken. Schließlich war sie gewünschte Sparring-Partnerin für die Väter. Es bliebt ihr nur der Kommentar: "Hier sind ja gar keine Mütter anwesend." Klappe.
Aber was tat sich hinter den Kullissen? Zum Vorwurf, es ständen immer weniger öffentliche Mittel für Beratungsstellen bereit, erklärte Frau Leutheuser-Schnarrenberger: "Wir haben die Verpflichtung, Beratungstellen einzurichten, ins Gesetz geschrieben. Jetzt ist die Verwaltung dran, Beratungstellen unter freier und kommunaler Trägerschaft zu finanzieren. Die wartet immer erst bis zu dem Tag, wo das Gesetz in Kraft ist. Es ist ein Muß, ausreichend Beratungsstellen vorzuhalten."
"Warum wurde nicht überlegt freie Beratungsstellen wie Arztpraxen einrichten zu lassen? Wer Geld hat bezahlt, für andere springt der Staat ein", so meine Frage. Frau Leutheuser-Schnarrenberger: "Das ausgerechnet wollten die Länder nicht. Sie wollten, daß Beratung für alle kostenlos sein sollten und wollen, die Beratungsstellen zu 100% aus ihrem Haushalt in ausreichendem Umfang finanzieren." Da kann man nur gespannt sein, ob sich nach dem 1.7.1998 in dieser Richtung irgend etwas tun wird.
"Was wird nach dem 1.7.1998 gesetzlich vorgehalten an Sanktionsformen bei Umgangsvereitelung", frage ich Prof. Dr. Willutzki. Er: "In § 52a FGG ist ausdrücklich vorgesehen, das Sorgerecht geht an den jeweils anderen Elternteil". Meine Rückfrage, wie dies bei nichtehelichen Vätern gehandhabt werden will: Genau dies habe er bemängelt. Hier wird die Ungleichheit ehelicher und nichtehelicher Väter in aller Klarheit deutlich. Dazu habe er bereits etwas veröffentlicht.
Insgesamt war es mal wieder ein nettes Vätertreffen mit Experten und Kontrahenten. Um eines sollten wir uns jedenfalls kümmern. Überall und in jeder Kleinstadt: Ein, zwei, drei viele Beratungsstellen.
Ergänzung
Es bleibt ein tiefer Graben zwischen den Positionen. Und: Die Konfrontation Mutter / Vater ist für mich inzwischen eine olle Kamelle - leider für die Presse immer noch sehr attraktiv.
Der "Leidensvater" verkauft sich in einer auf Erfolg ausgerichteten Welt auf Dauer eher schlecht, wie jede Leidensgeschichte. Es wäre also zweierlei zu überlegen: den Zeitgeist nutzen und den Erfolgsvater, der sich gegen Vorurteile und gegen alle Widerstände für seine Kinder einsetzt, herauszubilden. Daß wir ein gesamtgesellschaftliches Problem der Vereinzelung haben, daß diese Streittendenz aktiv befördert, kommt hinzu. Das Väterproblem kann davon nicht isoliert betrachtet werden.
Desweiteren der Euro-Aspekt: Väter klagen vermehrt vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, demnächst hoffentlich auch vor den UN-Gremien. Willutzki und Leutheuser-Schnarrenberger werden auch über diese Schiene auf den Boden der Tatsachen geholt.
Noch mal zu Sabine Karte: Im Anschluß an die Sendung hatte ich ein kurzes Gespräch mit ihr - die Leserbrief-Resonanz und ein Beschwerdeschreiben vom "Väteraufbruch für Kinder" haben ihr SPIEGEL-intern die Tomaten verhagelt. Die Dame war recht aufgebracht ... Ich hatte sogar schon Mitleid mit ihr ... Für uns jedenfalls ein Erfolg!
Und noch etwas: Die NDR-Redaktion war aufgrund der sehr hohen Anrufer-Resonanz überwältigt. Andere Sendeanstalten werden diesen "Talk" übernehmen.
Vergleiche Erwähnung der Talkshow in: "Die SPIEGEL-Story" in EMMA März/April 1998 ("Väter-Mafia")