Mein Papa ist unschlagbar!

Man(n) möchte dem „Bündnis für Kinder gegen Gewalt“ keine böse Absicht unterstellen: Sein Ziel, Kinder vor Gewalt zu schützen, ist aller Ehren wert. Viele seiner Mitglieder sind prominente Persönlichkeiten. Seine Aktionen unterstützen die Gewaltprävention und sensibilisieren die Öffentlichkeit. Seine Finanzmittel bezieht es aus Spenden und dem Verkauf von T-Shirts mit der Aufschrift: „Mein Kind ist unschlagar“.

Auch die Plakat-Kampagne, die zur Zeit darüber aufklärt, dass jedes „5. Kind Opfer von Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung“ wird, ist im Prinzip gelungen. Das Konzept der Plakate ist raffiniert: In drei verschiedenen Versionen lenken Bilder von glücklichen Kindern kombiniert mit schockierenden Sprüchen thematisch auf häusliche Gewalt und lösen Beklemmung aus. Wer hier wie gewalttätig wird, was passiert und mit welchen Verletzungen für das Kind, bleibt dabei völlig offen. Die Gedanken des Betrachters sind frei. Ausnahme: Mit den Worten „Eins von Ihnen (den abgebildeten Kindern) mag mit Papa nicht alleine sein“ fokussiert ein Plakat auf die Väter als Täter.

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Auf den ersten Blick geht auch dieses Plakat für viele Menschen in Ordnung, weil Gewalt in der öffentlichen Wahrnehmung vorwiegend von den Männern ausgeht. Darüber ließe sich streiten. Aber selbst wenn alle Gewalt von den Vätern ausginge, dann bedeutet das Plakat im Umkehrschluß: Rund 4 von 5 Vätern üben keine Gewalt aus. Liefen nun 4 von 5 Vätern mit einer Art TÜV-Plakette „"Wir sind die Guten" durch die Gegend, dann wären gewaltvermeidende Väter klar von gewaltbereiten Vätern zu unterscheiden und das Plakat wäre o.k.

Da es diese Unterscheidbarkeit aber in Wirklichkeit nicht gibt, geraten alle Väter in den Verdacht, gewalttätig zu sein. Das Plakat ist deshalb in seiner Pauschalität diskriminierend und nährt eine latente väterfeindliche Grundstimmung, die den Machern der Kampagne entgangen sein dürfte. Diese Grundstimmung schlägt Männern spätestens dann entgegen, wenn sie nach dem Vaterwerden und Vatersein vor dem Familiengericht darum kämpfen müssen, aktive Väter bleiben zu dürfen. Hier ziehen mehr als 4 von 5 Vätern den Kürzeren.

Man stelle sich die analoge Kampagne eines Gewaltschutzbundes vor: Ein Bild mit fünf alten Damen und fünf Handtaschen. Bildunterschrift: „Eine von ihnen mag im Bus nicht neben Ausländern sitzen“. Kleine Bildunterschrift: „Jede 5. Dame wird Opfer von Taschendiebstahl, Handtaschenraub oder Trickbetrug“. Öffentliche Reaktion: „Ausländerfeindlich“! Der zivilisierte Teil der deutschen Öffentlichkeit würde durch die Decke gehen. Zu Recht. Das Plakat würde sofort wieder abgenommen werden.

„Ausländerfeindlich“! Das Wort steht im Duden und ist gesellschaftlich als Anti-Wert weitgehend akzeptiert. „Väterfeindlich“? Das Wort gibt es nicht im Duden und auch nicht im täglichen Sprachgebrauch. Warum fehlt in Bezug auf Väter das öffentliche Unrechtsbewusstsein?

Die drei abgebildeten Plakate der Stiftung „Bündnis für Kinder gegen Gewalt“, Winzererstr. 9, 80797 München, sind noch bis zum 20. Dezember 2004 in deutschen Großstädten zu sehen.

Darf sich das Bündnis im Namen des Gewaltschutzes von Kindern mit einer Schlag-Zeile an den Papas vergreifen? Kann es das wirklich wollen? Oder ist dem Gewaltschutzbündnis versehentlich die mediale Hand ausgerutscht und die Papas haben eine Ohrfeige bekommen? Das darf einem Gewaltschutzbündnis auf keinen Fall passieren, weil es seinem Selbstverständnis widerspräche. Danach sollte sich der Täter wenigstens beim Opfer für die Verletzung entschuldigen. Es wäre aller Ehren wert, wenn das „Bündnis für Kinder -gegen Gewalt“ hier mit gutem Beispiel voranginge. Zu überklebende Plakate gäbe es dafür jedenfalls genug.

R. Sonnenberger und C. Bade, Berlin

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