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Kölner-Express vom 16.5.98:
exp Köln - Wenn Karin F. auf ihren ehemaligen Lebensgefährten Michael S. angesprochen wird, ballt sie oft eine Faust - so, als ob sie zuschlagen möchte. "Der hat mich und Tim alleine gelassen. Und jetzt drückt er sich auch noch vor den Unterhaltszahlungen", sagt die junge Frau aus Köln mit bitterem Unterton.
Mindestens 424 Mark an Unterhalt stehen der Verkäuferin nach der neuen "Düsseldorfer Tabelle" zu, die ab 1. Juli gilt und dem EXPRESS bereits vorliegt (siehe unten). Doch Karin F. erhält nur einen Bruchteil dieser Summe. Grund: Der gelernte Sozialarbeiter hat sich arbeitslos gemeldet. "Und dann hat er sich auch noch Atteste besorgt, die ihm Arbeitsunfähigkeit bescheinigen", erzählt die 34jährige.
Genau 1367,50 Mark Arbeitslosenhilfe bezieht Michael S. derzeit im Monat. Laut Gesetz darf er davon 1300 Mark behalten. "Ich bekomme also nur 67,50 Mark Unterhalt", schimpft seine ehemalige Lebensgefährtin. "Wie soll ich davon ein Kind ernähren?"
Was Tims Mutter auf die Palme bringt: S. führt ein Leben in Saus und Braus. "Er fährt einen Sportwagen, hat vor zwei Jahren das Haus der Mutter geerbt und ist Eigentümer einer Maklergesellschaft für Auslandsimmobilien", versichert Karin F. Nur: Nachweisen kann S. den Reichtum niemand. "Er hat wahrscheinlich alles auf Freunde überschreiben lassen", sagt sie.
Die Kölnerin müßte S. nun verklagen oder ein Detektiv-Büro auf ihn ansetzen, um den Schwindel zu beweisen. "Aber das kann ich mir nicht leisten", sagt sie. Mit den 67,50 Mark kommt sie jedenfalls nicht weit. "600 Mark im Monat bekommt der Babysitter. Dann muß ich Tim Klamotten, Schuhe, Schulhefte, Bücher und vieles andere mehr kaufen."
Unter dem Strich bleibt von den 2.200 Mark-Nettoverdienst nach Abzug von Miete und Nebenkosten nicht viel übrig. "Ich bin die Gekniffene", schimpft sie. Etwas leisten kann ich mir schon lange nicht mehr."
So wie ihr geht es vielen Müttern in Köln, Bonn und Düsseldorf. Oftmals tauchen die Väter einfach unter, um sich den Zahlungsverpflichtungen zu entziehen". 616 Männer verzogen 1996 aus Köln nach "unbekannt", 647 waren es vergangenes Jahr.
Die "Abgetauchten" stellen für die Städte eine enorme finanzielle Belastung dar. Die Kommunen müssen nämlich in Vorkasse treten - und zwar sechs Jahre lang. Voraussetzung: das Kind ist nicht älter als zwölf Jahre.
Allein die Stadt Bonn zahlte 1997 rund 5,5 Millionen Mark an Vorschuß in über 4000 Fällen, in denen Männer und Frauen ihren Unterhaltsverpflichtungen nicht nachkamen. Kommunen müssen auch überweisen, wenn Väter greifbar waren. Beispielsweise, wenn der betreffende Elternteil wegen Arbeitslosigkeit selbst nicht zahlen kann.
Auch die Stadt Köln wird so zur Ader gelassen. Die zahlte 1996 in 7200 Fällen über 23 Millionen Mark an Vorschüssen. Im vergangenen Jahr waren es 7800 Fälle und wieder über 20 Millionen Mark Kosten.
Ärgerlich für die Verwaltung: Bei den meisten Zahlungsunwilligen ist auch über längere Sicht nichts zu holen: Viele können wegen Arbeitslosigkeit nicht zahlen, andere machen Probleme, in dem sie ihr Vermögen verschleiern. Wie der 45jährige Michael S. Daher fließen auch nur zehn Prozent der ausbezahlten Gelder wieder in die öffentlichen Kassen zurück. Der Rest wird von der Allgemeinheit finanziert, den Steuerzahlern. Tendenz: weiter steigend.
Ein neues Gesetz, das am 1. Juli in Kraft tritt soll dem Abhilfe schaffen:
Demnach können Familiengerichte in Zukunft selbst bei Arbeitgebern, Krankenkassen, Versicherungen, Arbeits- und Finanzämtern Auskünfte einholen, um sich über Einkommens- und Vermögensverhältnisse von Unterhaltspflichtigen zu informieren. Und die Adressen der Flüchtigen sollen über die Flensburger Autosünderkartei ermittelt werden.
Anmerkung paPPa.com:
Das Thema hat einen ewig langen Bart ... Niemand fragt auch hier nach der Leistungsfähigkeit der Väter, niemand fragt - Leistungsfähigkeit vorausgesetzt - was die Hintergründe der Verweigerung sind. So lange das nicht passiert, drängt sich der Eindruck auf, daß es Politik und Verwaltung offensichtlich noch lange nicht weh genug tut. Es reicht eben nicht, nur die Verfolgungsmaßnahmen gegen Väter zu verbessern ...
Weitere Info unter: "Nolte jagt säumige Zahlväter"