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Schwäbische Zeitung 15.4.99
Gehören die Kinder zur Mutter?
Lindau (sz) - Der eine ist ganz
normal "rausgeflogen“ bei seiner Familie, der andere hat selbst die
Koffer gepackt. Und der dritte hatte von Haus aus schlechte Karten, als
die Beziehung zur Partnerin auseinanderging – er war mit der Mutter seines
Kindes nicht verheiratet. Verschiedenste Vater-Schicksale wollen in Lindau
künftig einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch aufbauen.
Wenn Willi xy... von den Anfängen des Kemptener Vereins "Väter-Aufbruch
für Kinder“ erzählt, von den Hürden, die er davor privat
wie auch gruppen-mäßig nehmen mußte, dann sind die Reaktionen
an diesem Abend unterschiedlich. Acht Lindauer Väter sind der Einladung
in den Familientreff in der Storchengasse gefolgt. Kein Schicksal gleicht
dem anderen, und doch eint sie ein Thema: Sie wollen "mehr Vater sein
fürs Kind“, wie es auf Hans‘ T-Shirt deutlich zu lesen steht. Und
werden daran gehindert – von Anwälten und Familienrichtern genauso
wie von rückschrittlichen Jugendamts-Mitarbeitern, vor allem aber
von ihren ehemaligen (Ehe-) Frauen.
Erfahrungsaustausch steht bei diesem ersten
Treffen an erster Stelle. Manch einer, wie zum Beispiel Hans (alle Namen
geändert) aus dem Isnyer Raum, schildert sein "Familienleben“
der vergangenen vier Jahre in aller Ausführlichkeit, einschließlich
der schmerzlichen Erfahrung, daß er vor wenigen Tagen bei der Erstkommunion
seines Ältesten "nur als Zaungast“ zugegen sein durfte, man ihm
sogar die Umarmung seines Sohnes verbat.
Andere nutzen den Raum, um ihren angestauten Frust Luft zu verschaffen
-– oder hüllen sich die gesamten drei Stunden lang in Schweigen, verziehen
nur ab und zu die Mundwinkel, mal zustimmend, mal mißachtend.
Das Thema "Umgangs-Schikanen“ wird genauso oft angeschnitten wie der
Teufelskreis "kein Kind – kein Geld“, in den sich nach xy. s Worten
trotz aller Enttäuschung aber kein Vater hineindrängen lassen
sollte. "Geduld“ raten diejenigen, die es "geschafft“ haben –
die heute das Sorgerecht schriftlich in der Tasche haben und mit ihrem
Nachwuchs unter einem Dach wohnen: "Die Zeit arbeitet für uns“,
sind diese Väter überzeugt. Und die Kinder würden, wenn
sie größer seien, den Einsatz ihrer Väter mit Vertrauen
und Liebe "zurückzahlen“.
Was aber tun, wenn die Ex-Frau samt Sohn bis nach Berlin gezogen ist? Wenn
zwar theoretisch alle zwei Wochen ein paar Stunden Besuchsrecht zugestanden
werden, aber 800 Kilometer Distanz zu überwinden sind? Was tun, wenn
der Sohnemann dem Wagen des Vaters nachrennt, nachdem ihn dieser am Sonntagabend
"termingerecht“ bei der Mutter "wie ein Stück Ware abgeliefert“
hat – weil es halt das gerichtlich geregelte Umgangsrecht so festlegt?
Schnell wird klar, daß Informationen das A und O sind für getrennt
lebende Väter. Die bekommen sie, wenn das Jugendamt gute Mitarbeiter
hat, vor Ort. Wobei Petra Wolfmaier, Uschi Roschlau und Martina Stock als
Vertreterinnen des Lindauer Jugendamtes an diesem Abend durchwegs gute
Zeugnisse für ihre "Behörde“ ausgestellt bekommen. Ansonsten
sei eine kompetente Anlaufstelle vonnöten – wie etwa die Initiative
"Väter-Aufbruch“. Mit gebündelter Kraft soll hier alten
Vorurteilen entgegengewirkt werden wie etwa jenem, "das Kind gehört
zur Mutter“, der immer noch in den Köpfen vieler Familienrichter herumspuke,
wie einige Väter bedauerten. "Ich mache meinen Haushalt, versorge
meine Kinder und habe auch mal Zeit für einen Kaffee am Seehafen“,
schmunzelt einer der Männer – so gut wie Mutter schmeiße er
seine Teilfamilie schon lange.